Glitzerdinger oder 300 vollgeheulte Taschentücher später

Es ist wieder mal und immer noch der gleiche Mist wie immer. Ich warte darauf, dass sich die Gedanken im Kopf sortieren und ich sie endlich zu fassen bekomme, sie in Worte fassen kann, denn wofür ich Worte finde, das verliert wenigstens einen Teil seines Schreckens, ist im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar und sicher werden fassen und (be-)greifen nicht zufällig auch für Worte und Gedanken verwendet. Was ich (in Worte) fassen kann, kann ich besser (be-)greifen. Nur funktioniert es wieder mal nicht so herum, dass die Gedanken sich automatisch und zuerst sortieren, also probiere ich’s wieder mal andersrum. Finger auf die Tastatur und gucken, was dabei herauskommt. Dass (Auf-)Schreiben hilft, weiß ich doch schon so lange und doch falle ich immer wieder aus der Übung raus, lasse es soweit kommen, dass es mir so fern und fremd wird, dass ich wieder nach Anfängen suchen muss, vorsichtig tastend mit kleinen Schritten, wie wenn man barfuß im Dunklen durch ein fremdes Zimmer geht und versucht, sich nirgends den Zeh anzustoßen und nirgendwo raufzutreten, wo es schmerzt.

Fremd ist mir auch einiges hier geworden, wo ich doch eigentlich zu Hause bin. Sieben ganze Wochen war ich weg, auf den Tag genau 50 Tage und so lange war ich noch nie von zu Hause weg und alleine war ich schonmal noch gar nicht weg. Nie zuvor. Und jetzt ist erst mal das Zuhause ein bisschen komisch und ungewohnt. Ich, die für alles einen festen Platz hat, habe von manchen Dingen vergessen, wo ich sie hinhabe und auch in welch chaotischem Zustand ich meinen Schreibtisch zurückgelassen hatte, hatte ich in der Zwischenzeit vergessen. Oder wollte das zumindest am liebsten.

So chaotisch wie der Schreibtisch im ‚außen‘ ist, sieht es auch gerade wieder_mal_immer_noch in mir drin aus. Ein bisschen fühlt es sich so an, als sei in den letzten 7 Wochen meine komplette Psyche einmal wie eine Schneekugel durchgeschüttelt worden und gerade warte ich darauf, dass sich der Sturm in mir drin wieder ein bisschen legt und die einzelnen Flöckchen aufhören so doll zu wirbeln und stattdessen langsam in den sanften Landeanflug übergehen.

Holy cheesecake war das eine unfassbar anstrengende Scheiße und ging’s mir in der Zeit in der Klinik schlecht. Und ich bin immer noch nicht sicher, ob es gut war hinzugehen oder eher eine Scheißidee. Hätte ich auch nur ansatzweise geahnt, was mich erwartet – ich hätte wohl niemals den Mut dazu aufgebracht. Und doch, es war nicht alles schlecht. Ich hab auch gute Dinge im dort vielzitierten Gepäck, das sind wohl die kleinen glänzenden Flöckchen, die hie und da in der Schneekugel glitzern während sie auf dem Weg zum Boden sind. Jetzt gilt es, die Glitzerdinger nicht wieder zu verlieren. Wenn das Bild mit der Schneekugel ja halbwegs stimmt, dann ist es ein geschlossenes System, aus dem nichts so schnell wieder entweicht und doch ist das gerade meine größte Befürchtung. Dass die Zeit und die 2 vollgeheulten Großpackungen Taschentücher am Ende irgendwie vergeblich war, weil ich es nicht auf die Reihe bekomme, die guten Dinge hinüberzuretten.

Ufff. Da liegt noch viel Arbeit vor mir, jetzt bloß nicht aufgeben und den Faden wieder verlieren.

Katja

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Black Chamber

Die Depression hat mich seit Ende letzten Jahres wieder fest im Griff. Angst ist wieder mein täglicher Begleiter und die Tage ohne Panikattacken sind seltener als jene mit. Kommunikation fällt mir schwer, Mails bleiben ewig unbeantwortet, die Blogkommentare bleiben unbeantwortet und selbst die Weihnachtskarten liegen noch ungeschrieben auf dem Schreibtisch. Mittlerweile unter einem dicken Stapel sonstiger Papiere begraben, denn die innere Unordnung spiegelt sich gerade auch nach außen. Rückzug, einigeln, die „bewährten“ Methoden, um es noch schlimmer zu machen und doch gelingt es mir gerade nicht, die Muster aufzubrechen, das zu tun, was mir gut tut, was hilft. Stattdessen schaue ich mir selber beim Fallen zu und immer, wenn ich denke, der Tiefpunkt sei erreicht und es geht wieder ein Stück aufwärts, kippt alles wieder kopfüber und ich lande noch ein bisschen weiter unten. Seit Wochen will ich bloggen. Schreiben hilft. Worte finden und Dinge benennen hilft. Aber auch da komme ich über die Absicht nicht hinaus, warte auf die „richtigen“ Worte und weiß doch eigentlich, dass die Worte sich fast immer erst im Schreiben finden.

Jetzt also hier der Versuch, endlich wieder welche zu finden und die Gedankenspiralen schreibend zu entwirren.

I am lost in the black chamber
There’s no way to turn back
It takes me down forevermore
And death would be so sweet
I’m possessed by the old creature
Who had planned all
To take my soul
Too late for me
In my hands
It liest I thought
But I failed
Now he’s in me
My soul is lost
In his black chamber
I’m gone
Katja

Inside

Und dann diese Tage, die von außen ganz ruhig wirken, aber von innen einer Achterbahn gleichen und daran merkst du vielleicht noch mehr, als an den gänzlich üblen Tagen, wie unsicher und wacklig du innendrin gerade bist, denn jede Kurve wirft dich herum, schleudert dich fast aus der Bahn und du musst dich zusammenreißen und festklammern, um nicht einfach durch die Fliehkräfte weggeschleudert zu werden. Hin- und hergerissen zwischen „ich bin doch wer!“ und „wer bin ich überhaupt?“ streitet es laut in dir drin und du hältst die Arme schützend vor die Brust, die eigenen Oberarme umklammert, als würdest du einfach auseinanderbrechen, wenn du dir nicht selber Halt gibst. Und dabei weißt du immer noch nicht so genau, wie das überhaupt geht, dich selber zu halten und zu (be-)schützen. Und – die noch wichtigere Frage – wie beschützt man sich eigentlich vor sich selber und vor den eigenen Gedanken? Wie, wenn der größte Feind im eigenen Kopf wohnt?

I wanna hide the truth
I wanna shelter you
But with the beast inside
There’s nowhere we can hide

No matter what we breed
We still are made of greed
This is my kingdom come
This is my kingdom come

When you feel my heat
Look into my eyes
It’s where my demons hide
It’s where my demons hide
Don’t get too close
It’s dark inside
It’s where my demons hide
It’s where my demons hide

(Imagine Dragons – Demons)

Katja

 

Bleikristall

Und dann sitzt du da, die bleierne Müdigkeit, die den ganzen Tag auf dir liegt, wird immer schwerer und drückt dir auf die Lider und auf’s Gemüt. Oder ist es das schwere Gemüt, das dich heute so müde macht? Gemütsmüde. Nach zu wenig Schlaf, nach zu viel Grübeln. Es sind immer wieder die gleichen Kreise, die die Gedanken im Kopf drehen und sie winden und wickeln sich spiralig zum Labyrinth und du weißt nicht, wie du da rauskommen sollst. Und ob du da rauskommen willst. Also aus den Gedanken schon, aber sonst so insgesamt? Schwarz oder weiß? Warum nur fällt es dir hier so schwer, die Schattierungen zu sehen? Warum fühlt sich das so oft nach entweder_oder an? Das Rauszufinden wäre ja vielleicht mal ein Anfang, aber du denkst dich beim Draufrumdenken immer daran fest, verkeilst dich und landest mit einem Ruck immer wieder am gleichen Ausgangspunkt. Gehe zurück auf Los. Ziehe keine 4000 DM ein. Und dann beginnt die Runde von vorne und dein Blick fällt auf einen Zettel, der schon seit langem auf deinem Schreibtisch liegt „Du kannst nur dich selber ändern“ und du soifzt leise und denkst „wenn das ja doch mal so einfach wäre und was würde das in diesem Fall überhaupt genau bedeuten und überhaupt und uff?“ und du hast Angst, dass in deinem Inneren etwas in 1000 kleine Scherben zerspringen könnte und dann hängst du in der nächsten Spiralwicklung, weil wegen und weil weil. Weil. Weile. Verweilen.

Immer wenn sich nichts mehr tut, 
hab ich das Gefühl, es wird nie wieder gut.
Aber schon nach ein paar Schmerzen kommt der Mut zurück.
Und in den Venen fließt das Blut,
und ich hab das Gefühl es ist Feuer und Glut.
Und es strömt hin zum Herzen, und dann hat man wieder Glück.

(Lukas Meister – Weiter)

Katja

High voltage

Manchmal weiß ich gar nicht, ob ich darüber lachen oder eher weinen soll, dass mir schon einmal Gelerntes so leicht wieder abhanden kommt. Ich _weiß_, dass das beste Mittel gegen meine innere Unruhe und mein ewiges Gehetztsein ist, mir bewusst Zeit für jene Dinge zu nehmen, die mich runterholen und zur Ruhe kommen lassen. Ausgiebig Kochen und Bloggen gehören dazu, helfen fast instant und wieder einmal sind es genau diese beiden Dinge, die ich in meinem gerade so gehetzten Alltag, der vollgepackt mit Terminen ist, wie er es seit 15 Jahren nicht war, vernachlässige, für die ich keine Zeit habe.

Dabei könnte man mich nachts um 4 aus dem Schlaf reißen und ich könnte nicht nur die Binomischen Formeln aufsagen oder wüsste aus dem Effeff*, dass die Avogadro-Konstante gerundet 6 mal 10 hoch 23 ist, sondern könnte ebenso sicher meine Überzeugung ausdrücken, dass man ja nie für etwas _Zeit hat_, sondern sich höchstens für Dinge (oder auch Menschen) _Zeit nimmt_ oder eben nicht und dass es fast immer eine Frage von Prioritäten ist.

Irgendwann heute Nachmittag lag ich heulend auf dem Bett, weil ich momentan oft das Gefühl habe, dass mir mein Leben gerade über den Kopf wächst. Mein Mut stürmt voran, ich kann auf einmal so vieles, was so viele Jahre nicht ging und will irgendwie alles auf einmal und überfordere mich mit meinen vielen Terminen derzeit chronisch selbst, weil neben all den Dingen, die ich gerne machen möchte und die meist damit zu tun habe, dass ich irgendeinen von euch tollen Menschen aus dem Internet in der Welt da draußen treffe, auch noch jene Termine habe, die ich #ausGründen anpacken muss und das sind im Moment unter anderem ein paar Arzttermine, die mich nicht nur Zeit sondern auch viele Nerven wegen viel Angst kosten. Und zwischen all dem Unterwegssein und dem dauernd draußen sein, fehlt mir so viel Zeit für mich und die Dinge, die mir gut tun. Natürlich tut es mir auch wahnsinnig gut, so viel zu unternehmen, aber das ist – so sehr es mir gefällt – auch immer noch unheimlich kraftraubend, weil ich dafür meistens unter Menschen bin, oft unter vielen davon, was für mich nach so langer Isolation immer noch alles andere als normal ist.

Was ich also gerade dringend lernen muss: Fuß vom Gas, nicht ganz aber ein bisschen. Gelegentlich mal rechts ranfahren und durchatmen. Ab und zu mal hinsetzen, nicht dauernd in Bewegung sein. Manchmal nur mal aus dem Fenster oder vor mich hingucken oder noch besser wieder mal häufiger mit Geduld nach innen und mir vor allem klar machen, dass niemand mich hetzt außer ich mich selber. Ruhe. In Ruhe machen. Jetzt hier ein Anfang. Statt Wäsche zusammenzulegen, was ich gefühlt dringend machen müsste, aber was tatsächlich morgen noch genauso dringend oder auch unwichtig sein wird, sitze ich hier, endlich wieder mal durch die Fingerspitzen denkend, mir die Zeit nehmend, Gedanken hier festzuhalten. In der Vergangenheit hat es schon ein paar Mal gut geklappt, mich selber dazu zu zwingen bzw. mir vorzunehmen, für eine Weile täglich zu bloggen, um das wieder mit mehr Normalität in den Alltag zu integrieren und gerade überlegte ich, dass ich das eigentlich wieder mal tun sollte – und vielleicht, weil der direkt folgende Gedanke war „das schaffst du doch derzeit nie im Leben, das kriegst du nicht hin, du hast ja so schon für nichts Zeit“, was – as absurd as can be – ja jenes beweist, was ich hier in Worte zu fassen versuche, werde ich genau das jetzt tun. Es wenigstens versuchen. Es kann ja nur helfen, nichts verschlechtern.

Hallo, ich bin Katja. Ich blogge hier jetzt wieder mal für eine Weile täglich.

Sometimes the fastest way to get there is to go slow. (Tina Dico, Count to ten)

Katja

 

(*sehr interessant übrigens der Wikipedia-Artikel mit diversen Herkunftstheorien)

Neulich™ beim Training

„Probier das demnächst mal mit geschlossenen Augen und guck, was sich da anders anfühlt.“, sagte S. letztens und dann sitze ich also da, den Rücken gerade, die Brust vorgestreckt, die Hände an den Griffen, schließe die Augen, ziehe auseinander und atme aus, bewege die Arme nach vorne und atme ein. Das geht langsamer als sonst, das merke ich sofort. Ich ziehe auseinander, atme aus, spüre genau die Stelle bis zu der es geht, ohne wehzutun, merke, dass ich die Schultern hochziehe, hebe das Kinn, zusammen und einatmen. Musik im Ohr, meine Musik, fast immer die gleiche, wenn ich hier bin, aber ansonsten bin ich gerade ganz alleine. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Drei. Die geschlossenen Augen blenden die Menschen, die außer mir noch da sind, aus. Ziehe auseinander, atme aus, spüre zum ersten Mal genau, welche Muskeln hier gerade beansprucht werden, zusammen, einatmen. Vier. Ich merke, dass – so oft ich auch schon da war und genau die gleichen Bewegungsabläufe durchgeführt habe – ich noch nie SO da war. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Fünf. Nie so wie jetzt. Ich weiß ohne hinzusehen, wo ich anhalten muss, wie weit die Kraft reicht. Auseinander, ausatmen, ok oder doch nicht, autsch zu weit, zusammen, einatmen. Sechs.

Und dann schweifen die Gedanken ab und doch nicht ab, sondern rein. Fokus, nicht nach außen, sondern endlich (endlich!) wieder einmal nach innen. Reinhören. Reinspüren. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Sieben. Was tut gut? Was tut weh? Wo sind die Grenzen?  Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Acht. Die Augen geschlossen, das Außen ausblenden.  Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Neun. Was will ich und was nicht? Zehn. Was kann ich und was nicht? Elf. Und die Erkenntnis (wieder einmal, listen and repeat in Dauerschleife, bis es irgendwann bei mir ankommt), dass ich die Antworten nur innen finden kann. Zwölf. Die Kleine wird leiser, endlich, hört (nochmal) endlich auf, so viel Kraft zu verschlingen mit ihrer Traurigkeit und Trauer, ihrer Wut und dem trotzigen Fußaufstampfen. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Dreizehn. Schultern zurück, Kinn hoch, Rücken gerade, Brust vor.  Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Vierzehn. Und jetzt das ganze innen: Schultern zurück, Kinn hoch, Rücken gerade, Brust vor. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Fünfzehn.

Augen auf!

Katja

Immunschwäche

Es sind immer wieder die gleichen Fragen, auf die das Leben™ dich zurückwirft, immer wieder die gleichen Zweifel, immer wieder die gleichen Ängste und Befürchtungen. Wenn es dir gelingt, einen Schritt beiseite zu treten, erkennst du deutlich die Muster – das Auge sieht was passiert, der Verstand begreift es – und doch sind die Gefühle gleich einem Kunstwerk von Escher und es scheint schier unmöglich den Knoten aufzulösen, die Täuschung und Illusion zu entwirren.

Die 3-jährige stampft zornig mit dem Fuß auf, bettelt, fleht, wirft sich heulend auf den Boden und du weißt nicht, wie du sie trösten sollst. Du schaffst es nicht mehr, streng mit ihr zu sein und ihr alles zu verbieten, seit du ihre Not einmal erkannt hast. Aber du weißt auch nicht, wie du ihr die Welt erklären sollst, ihr das geben, was ihr so dringend fehlt. Und so wendet sie sich nach außen, sucht, findet, strauchelt, fällt, schürft sich die Knie auf und ihr ertrinkt beide in Tränen. Sie trotzig, selbst-ver-zweifelt. Und du voller Hass auf die Kleine, weil sie so ist wie sie ist und dir das Leben so schwer macht und du kommst erst langsam dahinter, dass du so niemals einen Ausweg finden kannst, wenn du nicht endlich anfängst, die Verantwortung für sie zu übernehmen und dich liebevoll und geduldig um sie zu kümmern.

Das kann niemand außer dir. Die Lücke in ihr kannst nur du füllen. Akzeptiere das endlich. Es geht nur so.

Katja