Vs

Seltsamer Tag, noch seltsamerer Termin. Schon mittendrin war irgendwie klar, dass das wohl eine Bauch vs Kopf Entscheidung werden wird. Eigentlich neige ich dazu, auf meinen Bauch zu hören, aber damit hatte ich bei so wichtigen Fragen, in der Vergangenheit, oft kein gutes Händchen und vielleicht wäre deswegen der Kopf da gerade der bessere Ratgeber. Und so ganz gegen das Gefühl ist das ja nicht mal, weil der Verstand schon versucht, die diversen Ängste zu koordinieren.

Müde. Totale Überlastung seit ich aus dem Termin raus bin. Ich hoffe, Schlaf kommt und hilft.

Katja

(Bitte keine Ratschläge!)

Für nichts.

Ich weiß nicht, ob du noch darauf wartest, dass ich mich heute melde oder ob du die Hoffnung, dass deine widerspenstige Tochter gefälligst den Muttertag würdigen soll, inzwischen aufgegeben hast. Es sind jetzt wohl an die 20 Jahre, in denen ich mich an diesem Tag sehr bewusst nicht mehr bei dir melde. Und genauso lange bin ich an dem Tag von Schuldgefühlen zerfressen, weil ich genau weiß, dass dich trifft, dass ich den Tag ignoriere. So oft habe ich versucht, mit dir darüber zu reden, was damals passiert ist, habe gehofft, ein Zeichen von dir zu bekommen, dass du wahrnimmst, was du mir angetan hast, dass du deine Schuld anerkennst und es dir leid tut. Jeden verdammten Tag meiner Kindheit habe ich Prügel bezogen, weil du jeden verdammten Abend haarklein Bericht erstattet hast, was die Kinder den Tag über ‚verbrochen‘ haben. Du bist nie auf die Idee gekommen, ‚da war nichts, die waren lieb‘ zu sagen. Stattdessen hast du Kleinigkeiten aufgebauscht, damit es wirklich jeden Tag einen Grund für Sanktionen gab. Und jetzt bin ich diejenige von uns mit den Schuldgefühlen, weil ich immer noch das unartige Kind bin, dass sich am Muttertag nicht bei seiner Mutter meldet, obwohl die doch immer alles richtig gemacht hat und eine gute Mutter war. In ihrer Wahrnehmung.

„Ihre Mutter kann das gar nicht anerkennen. Die muss sich ihre eigene Wahrheit zurechtbiegen, das Märchen von ihr als guter Mutter, in der sie alles für ihre Kinder getan hat, weil sie – wenn sie der Wahrheit ins Gesicht sehen würde – unter der Schuld zusammenbrechen würde, die sie sich aufgeladen hat und damit nicht würde weiterleben können.“ sagt der beste Therapeut irgendwann zu mir und wortähnlich sinngleich die Vertretungstherapeutin in der Klinik. Und dann bin ich wieder diejenige, die bei sich sucht, sich fragt, ob sie dann nicht ebenso Schuld auf sich lädt, wenn sie ihre ‚arme‘ Mutter so abstraft, sich dem Kontakt so entzieht, sich nicht (mal) am Muttertag meldet. Die bei sich sucht und sich fragt, ob sie nicht diejenige sein müsste, die einlenken müsste, wenn ihre Mutter doch eigentlich gar keine Chance hat, sich der Vergangenheit zu stellen, weil das zu schmerzhaft wäre. Müsste ich dann nicht versöhnlicher sein und wer weiß, wieviel Zeit dafür überhaupt noch bleibt und ob ich nicht hinterher irgendwas bereue, nicht getan zu haben, wenn’s dann zu spät ist. Aber ich hab so lange die Verantwortung für alles übernommen, die ‚Schuld‘ bei mir gesucht, mich mit Selbsthass gequält, weil ich so verkehrt bin, dass nicht mal meine Mutter mich lieb hat.

„Es liegt nicht an dir, sondern an ihr.“ schrieb der gute Freund mir über Monate hinweg jeden einzelnen Morgen, damit die Botschaft sich bei mir einbrennt. Und doch, genau heute kommen wieder all die Zweifel hoch, ist die Sehnsucht nach einer Mutter, bei der man sich am Muttertag melden möchte, so groß und wird der Mangel in mir drin so deutlich und schmerzt so sehr.

Katja

Und was hat das eigentlich alles gebracht? Tagesklinik Nachklapp.

Eine meiner Mitpatientinnen, die ein paar Wochen vor mir entlassen wurde, und mit der ich in Kontakt stehe, erzählte mir, dass die Klinik ihr leider gar nichts gebracht hätte. Sie hängt nach wie vor in ihren Mustern und – in ihrer Wahrnehmung – ist das einzig Gute, was sie mitgenommen hat, das Malen. Man konnte das in der Klinikzeit schon ein bisschen ahnen, sie hat sich abgekämpft und abgekämpft und konnte sich nicht einlassen.
Vor ein paar Tagen als wir uns schrieben, fragte sie mich, nachdem ich erzählt hatte, dass mir die Zeit wahnsinnig viel gebracht hat, was genau sich für mich geändert hätte, was genau ich mitgenommen hätte und bat mich, meine Erfahrungen mit ihr zu teilen.

Ich schrieb ihr einen ziemlich langen Text und hab da auch wieder gemerkt, wie gut es für mich ist, mir das selber immer mal bewusst zu machen, was genau sich alles verändert hat.

Nachdem ich euch daran habe teilhaben lassen, was in der Klinik so passiert ist und wie das abläuft, ist es für euch vielleicht auch interessant zu lesen, wie das ganze denn nun eigentlich wirkt und was sich ändert. Ich paste euch mal meine Antwort an meine Mitpatientin hier rein und zensiere nur die Namen.

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Ein bisschen schwieriger ist die Frage, was da genau von der Klinik bei mir gewirkt hat und ich mitgenommen habe. Das für mich wichtigste war, glaube ich, das Modell mit den Bedürfnis-Schiebereglern von Herrn X. Eines meiner großen Probleme ist ja, dass ich viele Dinge intellektuell längst verstanden habe, sich aber trotzdem nichts an meinem Fühlen ändert. Ich hab das immer als große Schere zwischen Kopf und Gefühl empfunden. Da hilft es mir sehr, drauf zu gucken, welches Bedürfnis dahinter steckt, dass ich auf bestimmte Weise fühle. UND, dass ich dann gezielt etwas für den ‚bedürftigen‘ Anteil von mir tun kann. Ich fürchte, das klingt sehr verworren. Ein Beispiel, das es vielleicht deutlicher macht: wenn ein Freund mir eine Verabredung wieder absagt, dann weiß ich jetzt, dass ich deswegen traurig bin, weil mein Bindungsregler unten ist. Statt in der Traurigkeit hängen zu bleiben, versuche ich also den Regler auf anderem Weg wieder hochzubekommen, zB indem ich dann mit einem anderen Freund was unternehme. Oder ich mache zumindest etwas, was mich davon ablenkt und mir gut tut, damit es mir insgesamt besser geht. Malen gehört da eben inzwischen dazu – da weiß ich, das hilft.
Und auch dazu passend ist, dass ich in der Klinik nicht nur gelernt habe, meine Gefühle besser zu verstehen, sondern auch, meine Bedürfnisse besser zu spüren UND mir zuzugestehen, sie zu haben und sie mir zu erfüllen. Das ist witzigerweise ganz am Anfang in der KBT (Bewegungstherapie) in Gang gekommen als es mir mal bei einer Entspannungsübung total übel ging, ich aber nicht rausgehen wollte, weil ich euch nicht stören wollte. Und dann haben mir hinterher alle versichert, es hätte gar nicht gestört, wenn ich leise raus wäre und vor allem, das wäre doch wichtiger gewesen, da auf mich zu achten, statt das auszuhalten, wenn es doch so schlimm für mich war. Das war für mich echt ein Schlüsselmoment in den 12 Wochen, weil ich tatsächlich voller innerer Verbote bin, wenn es um mich selber geht und darum, mich ernst und wichtig zu nehmen. Inzwischen überlege ich in so Momenten oft, wie ich da mit einer Freundin umgehen würde und ob ich zu ihr ebenso streng wäre, wie ich es mit mir selber bin, das hilft mir dann sehr bei der Einschätzung des ‚das hier darf ich mir erlauben‘ oder ‚das hier muss ich nicht aushalten‘.
Ich glaube, das sind so die Kerndinge. Dann aber eben auch, dass ich tatsächlich gelernt habe, gezielt zu entspannen. Ich hab ja seit 15 Jahren schlimme Schlafstörungen und hab jetzt zum einen endlich eine Medikation, die da hilft (auch aus der Klinik, mit Dr. Y wochenlang in jeder SoMa (Somatische Visite) an der Dosierung geschraubt), aber noch besser als die Tabletten hilft, dass ich jeden Abend, mit Qi Gong oder autogenem Training runterkomme.

Ich hab am Ende der 12 Wochen für die drei von der Pflege, die Kreativtherapeuten und meine Therapeutin Postkarten mit Aquarellfarben bemalt und mir tatsächlich gezielt bei jedem überlegt, was ich von demjenigen gelernt habe und mit nach Hause nehme und das je auf die Karte geschrieben. Das war für mich irgendwie total gut, da genau hinzuspüren, was sich denn wirklich alles für mich geändert hat und was mich vorangebracht hat. Tatsächlich ist es ein Puzzle aus vielen kleinen Teilen, die ich da für mich rausgezogen und mitgenommen habe.

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Katja

 

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So viel passiert in den letzten 12 Monaten. So viel Schmerz hochgeholt, den ich über all die Jahre verdrängt habe. So viele Erinnerungen, an die ich mich in all den Jahren nicht erinnern wollte und bei denen es mir auch immer noch schwer fällt, hinzgucken, aus lauter Angst, die Bande zu dir ganz zu zerschneiden. Harte Monate hinter mir, harte Monate vor mir und ich weiß nicht, was da noch alles hochgespült werden wird.

Und dann denke ich an dich und unsere letzten paar Monate zusammen und wie du mich quasi gezwungen hast, mich schon mit deinem Sterben und deinem Tod auseinanderzusetzen so lange du noch da warst und mir dabei helfen konntest, zu verstehen, was da passiert und muss daran denken, wie unglücklich es dich machen würde, wenn du wüsstest, wie unglücklich ich oft bin und dass dir vermutlich lieber wäre, ich würde alle gute Erinnerung opfern, wenn es mir helfen würde, die schlimmen Erfahrungen irgendwann mal zu verarbeiten.

Ach Dad… du fehlst mir immer noch. Nach all den Jahren.

Happy Birthday!

Deine Katja, dein Wawuschel – denn, ich glaube, ich hab das noch nie erzählt – da kommt der Name für mein Blog her.

Vuizvuigfui

Diese Tage, an denen einem schon morgens beim Aufstehen, die eigene Haut nicht richtig passt, an manchen Stellen schlabbert, wie ein ausgeleiertes altes Shirt, an anderen kneift, wie die frisch gewaschene Jeans. Diese Tage, an denen man sich wünscht, jemand anderer zu sein, irgendwer nur nicht man selber. An denen sich alles verkehrt anfühlt, was man ist, wie man ist und vor allem, was und wie man fühlt. An denen sich das Fühlen verkehrt anfühlt, alles nicht richtig, alles zu viel, viel zu viel. An denen man sich dauernd fragt, warum man so ist, wie man ist, warum man nicht ein bisschen weniger so sein kann, wie man ist, ein bisschen weniger fühlen kann. An denen man sich fragt, warum das alles immer direkt so tief reingehen muss, warum man’s nicht lernen kann, ein bisschen nach außen dicht zu machen. So ein Gürteltierpanzer wäre schön. Oder einer von ’ner Schildkröte. Ein Schneckenhaus. Igelstacheln. Ein Gürteltierpanzer mit Igelstacheln. Irgendetwas, das Schutz bietet, vielleicht auch abschreckt. Einem Gefahr vom Leib hält, obwohl es gar nicht um den Leib geht, sondern um die Gefühle, um das Innen, nicht das Außen. Diese Tage, an denen man sich fragt, warum einem Nähe zu anderen Menschen so wichtig ist und warum man aus all dem Schmerz und der Erfahrung nichts lernt, nicht irgendwann begreift, dass Dichtmachen das ist, was einen schützt, einen schützen könnte, wenn man denn dichtmachen könnte. Diese Tage, an denen man sich so verkehrt fühlt, so nicht in diese Welt passend. Zu viel denkt. Zu viel fühlt. Zu viel von allem ist. Vor allem von sich selbst. Und an denen man das, was man ist, die, die man ist, so überhaupt nicht leiden kann, weil sie einem selber viel zu viel ist und man sie mit ihren vielen Emotionen kaum mehr aushalten kann.
Diese Tage, von denen man immerhin (wieder) weiß, dass sie irgendwann vorbeigehen und an denen man hofft, dass der nächste dann doch wieder besser wird. Immerhin das. Immerhin wieder hoffen, dass das irgendwann mal wieder besser werden wird.

Muss ja.

Katja

Liebe E.

Es wird vermutlich keinen 17. September in meinem Leben geben, in dem mein erster Gedanke nicht dir gilt. Es ist jetzt so viele Jahre her, dass wir zuletzt voneinander gehört haben und doch ist dein Geburtstag tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Vor ein paar Tagen habe ich tatsächlich auf Facebook geguckt, ob ich dich finde. Deine eine Tochter habe ich gefunden, zwei deiner Brüder, deine Ma, deine Cousine, deinen Cousin. Dich nicht und wahrscheinlich ist es ganz gut so, denn sonst wäre ich vollends ratlos gewesen, ob ich nicht doch noch einmal versuchen soll, Kontakt zu dir aufzunehmen. Dass du mal nicht mehr ein selbstverständlicher Teil meines Lebens sein würdest, hätte ich nie für möglich gehalten. Du warst mir Familie, als meine eigene es nicht war und ich hätte nie damit gerechnet, dass es mal anders sein könnte und dass unsere Leben mal so unterschiedlich und solche Dimensionen voneinander entfernt verlaufen würden.

Aber egal wo du bist, was du so machst: ich hoffe von Herzen, dass es dir gut geht und dass du glücklich bist, liebe Schwester E. Happy Birthday – auch dieses Jahr erreichen dich meine Glückwünsche nicht  und ich schreib sie nur in mein Blog – ich wünsche dir alles erdenklich Gute und vielleicht kommt wenigstens dieser Gedanke bei dir an. Den Platz in meinem Herzen hast du für immer!

Deine Katja

Lost in time and lost in space and meaning

Es ist fast als würde ich mich mit jedem Kilometer, den ich mich vom Meer entferne, auch wieder von mir selber entfernen, als würde die gigantische Schere zwischen Herz und Kopf immer weiter auseinanderklaffen und mich mit- und in zwei Teile reißen. Denken und Fühlen, das waren bei mir noch nie so dermaßen verschiedene Dinge wie sie es jetzt sind und in mir finden tägliche Grabenkämpfe über die Vorherrschaft statt. Innere Aufruhr, ein ewiges Zerren meiner Selbst an meinen Ressourcen und ewiges Krisen- und Kriegsgebiet. Der Kopf hat immer wieder seine klaren Momente, in denen er die Oberhand hat und in denen ich mir selber ziemlich genau erklären kann, was da überhaupt gerade in und mit mir passiert und dann im nächsten Moment kommt eine Welle aus Emotionen und schlägt mir über dem Kopf zusammen und reißt mich von den Füßen und dabei bin ich doch gerade schon wieder so weit vom Meer entfernt, aber es ist der Sturm in mir drin, der das macht. Ich sehne mich nach Ruhe und Frieden und doch ist da auch immer wieder ein kleiner Teil von mir, der das selber sabotiert, der dem Drang nach- und die Kontrolle abgibt und dann ist da noch mehr Wasser und es tropft aus den Augen bis sich um die Füße eine Pfütze bildet und ich mir wünsche, darin zu versinken. Bis zum Grund zu sinken, in der Hoffnung, dass sie so tief ist, dass kein Geräusch mehr bis zu mir durchdringt. Aber dann wird mir wieder bewusst, dass der Lärm nicht außen, sondern in mir drin ist und dass es keine Flucht gibt sondern nur ein Mittendurch. Mitten durch, durch den ganzen Selbsthass, der jede Schwäche erkennt und nutzt und sofort wieder grinsend ums Eck kommt, sobald ich mit mir selber hadere, weil es mir schon wieder und immer noch so schlecht geht und ich diesen Schalter im Kopf oder Herzen oder im Woauchimmer nicht finde, der alles mal wieder zurecht rücken und die Dinge in ihre wahre Bedeutung sortieren kann und aufhört, alles immer größer zu denken, außer mich selber, mich immer nur kleiner. Dabei wäre Gelassenheit das, was sehr viel besser helfen könnte. Auch das weiß ich, die Erkenntnis ist keine neue und doch verhakt es sich gerade an allen Stellen, des schon einmal Gelernten und wenn da auf der anderen Seite nicht so enorm viele Fortschritte wären, die ich gerade mache und zum Glück auch sehe und wahrnehme, nämlich in allen anderen Bereichen, dann würde ich vermutlich noch mehr verzweifeln als ich es gerade ohnehin schon tue.

Also back to the basics. Einatmen. Ausatmen. Repeat. Und dann merken, dass da immerhin langsam wieder ein Funken Zuversicht auftaucht, dass es doch verdammt nochmal irgendwann langsam mal besser werden *muss*, weil noch schlechter und noch länger so schlecht nicht mehr geht.

Katja