Doch nicht ganz aussichtslos

Ich versuche gerade die richtigen oder überhaupt Worte für das zu finden, was heute passiert ist und merke, das ist gar nicht so leicht, weil ich mal wieder gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. In meinem Kopf geht es immer noch drunter und drüber, aber ich möchte es auch gerne festhalten, so lange der Eindruck noch frisch genug ist, damit ich im wahrsten Wortsinne, was zum daran Festhalten habe.

Vielleicht fange ich mit dem an, was für mich so festhaltenswert ist: ich war heute Nachmittag ziemlich saumäßig stolz auf mich, ich stand nämlich irgendwann auf der höchsten begehbaren Stelle eines Turms an der nahegelegenen Bergstraße und das obwohl ich mich etwa 1,5 Stunden vorher wieder mal wie weltgrößte Versagerin gefühlt hatte.

Aber von vorne: ein Spaziergang sollte es werden, wobei das im Nachhinein schon eine eher euphemistische Bezeichnung ist, für den steilen, schmalen Weg über Stock und Stein, der sich durch den Wald den Berg hochwindet und so ging es mir auch schon nach wenigen hundert Metern ernsthaft an die Substanz. Ich gehe echt gerne spazieren, aber herrje, wir wohnen hier im totalen Flachland und die Wochen in der Klinik im Taunus, in denen ich relativ viel Bergstrecke zurückgelegt habe und dahingehend etwas trainierter war, liegen dann doch schon wieder ein paar Monate zurück und gerade schlaucht die Psyche den Körper ohnehin unglaublich und ich bin die meiste Zeit müde und völlig platt und energielos. Also saß ich schon nach ein paar hundert Metern steilen Bergwegs auf einer Bank, mit einer heftigen Panikattacke kämpfend, weil ich nicht schwindelfrei bin und der geröllige Weg sich alles andere als sicher angefühlt hat und der Verzweiflung nahe, weil ich da eigentlich am liebsten direkt wieder umgedreht und nach Hause gefahren wäre. Eigentlich wollte ich losziehen, um durch die Bewegung und das draußen Rumlaufen der Psyche was Gutes zu tun, aber das ging irgendwie voll nach hinten los und mir ging’s in dem Moment hundsmiserabel, weil es wieder mal so gut zu meinem depressiven Ich passte – der Vollversagerin, die nichts auf die Reihe bekommt. Nicht mal ’nen Sonntagmittagspaziergang zu ’nem ollen Schloss.

Irgendwoher hab ich dann immerhin soviel Trotz aufgebracht, dass ich dachte, ich probier’s jetzt wenigstens nochmal ein, zwei Serpentinen länger und irgendwie ging’s dann auf einmal mit ’nem großen Schluck Wasser, langem tiefen Durchatmen und vor allem erst mal nur noch vor die Füße gucken, um nicht zu stolpern und auch, um nicht zu sehen, wie schmal und steil der Weg wirklich war. Und dann, irgendwann so ’ne Stunde später, war der Weg hoch geschafft und ich den Berg endlich oben, aber da gab’s zwar viele dicke Mauern, aber keine echte Aussicht, also musste ich dringend auch noch den Turm hoch – auch noch das allerletzte Stück, wo die breite gut begehbare Betonwendeltreppe einer schmalen, engen, unebenen Steinwendeltreppe, die kaum noch den Namen Treppe verdient, weicht bis man endlich oben auf dem Turm steht.

Und dann musste ich, oben stehend, dran denken, wie ich das letzte Mal versucht habe, so einen engen Turmtreppenaufstieg zu bewältigen und wie ich damals mit einer grandiosen Panikattacke mitten auf der Treppe des Belfrieds von Brügge gescheitert bin. Und auf einmal war ich ganz schön gewaltig stolz auf mich, dass ich nicht nur den Berg doch noch bezwungen habe, sondern quasi ohne nachzudenken oder zu zögern den Turm auch noch hoch bin, weil ich jetzt nun mal eben auch Aussicht haben wollte, wo ich schonmal den Berg hoch war. Und zwar die beste Aussicht, die man haben kann – die von ganz oben.

Und davon hab ich euch auch ein bisschen was mitgebracht. Und auch von etwas weiter unten. (Klick macht groß.)

 

Jetzt ein paar Stunden später, ist von diesem Stolz nicht wirklich mehr was übrig und die Tränen kullern wieder. Aber gerade deswegen muss ich’s dringend aufschreiben, um nicht zu vergessen, dass es so Momente gerade auch zwischendrin doch gelegentlich gibt.

Katja

And up and down…

Und heute dann die erste Panikattacke seit so langer Zeit, dass ich mich gar nicht genau erinnern kann, wann die letzte vorher war…

Gut daran, wenn es überhaupt Gutes daran gibt, war, dass ich direkt wusste, was da und warum es, getriggert wurde und dass die ganze Kurve samt der Nachwehen, die mir jetzt noch ein bisschen instabile Knie machen, deutlich flacher verlaufen ist, als sie das früher tat. Es direkt einordnen zu können, hat das sicher auch deutlich abgeflacht.

Trotzdem nicht schön. Und doch: es haut mich nicht mehr so um und wo ich das hier aufschreibe fällt mir auf, dass auch das neu ist, dass ich mich so zeitnah auf die mini positiven Aspekte konzentrieren kann.

Uffff. Anstrengend.

Katja

Über Reisevorbereitungen und Kontrollzwang

Gestern habe ich den Einkaufszettel für den ersten Einkauf, quasi den Urlaubsstarteinkauf mitsamt Öl, Gewürzen und Pipapo, im spanischen Supermarkt geschrieben und seitdem beschäftigt mich das ein bisschen. Ich mache das jetzt schon zum 2. oder 3. Mal, dass ich diese Liste schon vor der Abreise schreibe, um ehrlich zu sein, habe ich das Grundgerüst dafür sogar in einer Excel-Datei, zusammen mit der Dauerpackliste für Urlaube, die ich schon noch ein paar Jahre länger habe, damit ich nicht vor jeder Reise erneut überlegen muss, was alles mitmuss und damit ich dann nicht tagelang mit dem dumpfen Gefühl rumlaufe, dass ich doch irgendetwas _tooootal_ Wichtiges vergessen habe.

Meine freundliche Interpretation für diese „Macke“ ist, dass ich eben total gut organisiert bin und zeiteffizient. Weil ich sowieso jedes Jahr wieder eine Liste schreiben würde (abhaken ist beim Packen für mich wichtig, damit ich _weiß_, dass ich nichts vergessen habe). Weil die vorher angefertigte Einkaufsliste mit dem Grundbedarf für die ersten Tage dafür sorgt, dass wir auch tatsächlich die dringenden Dinge besorgen und nicht in den ersten Tagen schon zwei-, dreimal einkaufen müssen, wie es uns in den ersten Jahren immer ging, wenn wir völlig gaga nach 2.500 km und 3 Tagen Fahrt, ohne Liste zum ersten Einkauf in einen Supermarkt stürmten und dann plan- und wahllos ein paar Dinge einsammelten, aber garantiert die Milch für den Kaffee oder ähnliches vergaßen. Meine ollen Listen sparen also wertvolle Urlaubszeit, Nerven, whatever.

Seit gestern treibt mich, forciert durch ein paar neue Erkenntnisse über mich in den letzten Monaten, der Gedanke um, dass die weniger freundliche Interpretation „Kontrollzwang“ heißen könnte. Nur nix dem Zufall oder Glück überlassen. Nur nicht hilflos überfordert im Laden rumstehen und nicht drauf kommen, was noch fehlt. Nur nicht die Packliste jedes Mal neu machen und riskieren, dass ich wirklich mal was vergesse.

Jetzt weiß ich auch nicht so genau. Naja, ein bisschen schon und ich einige mich vielleicht am besten mit mir selber auf eine Interpretation irgendwo in der Mitte: Warum sollte ich nicht auf solche Hilfsmittel zurückgreifen, wenn sie mir doch soviel Sicherheit verleihen? Was ist denn so schlecht und böse daran, wenn ich ein bisschen „trickse“, um der Komplett-Überforderungs-Panik-Attacke zu entgehen? Oder den „Oh Mann, nix kriegste hin und jetzt hast du auch noch das Shampoo vergessen!“-Selbstvorwürfen?

Warum kann ich mich nicht einfach darüber freuen, dass ich ganz gut darin bin, Strategien zu (er-)finden, die mir in Situationen, von denen ich weiss, dass sie mir Angst machen oder mich schnell überfordern (was blöderweise immer noch oft in Panik-Attacken mündet), Sicherheit verleihen? _Eigentlich_ ist das doch etwas Gutes und Positives. Aber ich muss so für diese Sichtweise gegen die innere Stimme ankämpfen (immerhin kann ich das mittlerweile überhaupt), muss mir diese Kompromiss-Interpretation hart gegen mich selbst erstreiten, weil ich immer noch so streng mit mir bin, mein Fokus nur darauf liegt, was alle anderen mit Leichtigkeit können und ich nicht…

Ist doch Mist!

Hallo, ich bin Katja und ich bin, wenn ich reise, überaus gut organisiert! Ommm. (Nimm das innere Stimme!)

Katja

Please, keep your fingers crossed for me!

Es ist anders als früher, als mich die Panikattacken noch eiskalt erwischten. Als ich noch nicht wusste, was da überhaupt mit mir passiert, vornehmlich die körperlichen Auswirkungen der Panik spürend und das nicht einsortieren könnend. Tunnelblick. Weiche Knie. Zitternde Hände. Das Gefühl neben mir zu stehen. Herzrasen. Atemlosigkeit. Schwindel. Nackenschmerzen von hochgezogenen Schultern. Kalte Schweissausbrüche. Damals hatte ich irgendwann solche Angst vor der Angst, dass ich noch tiefer in ein Vermeidungsverhalten rutschte, Situationen mied, die zu solchen Attacken führten.

Irgendwann lernte ich, dass ich mich nicht vor der Angst verstecken kann, ihr nicht entkommen kann, sondern dass ich mich ihr stellen muss. Das fühlte sich damals fast wie ein Kennenlernen an. Hallo Angst, ich bin die Katja. Jetzt zeig mal, wer du so bist und was du mit mir machst. Und die Angst kam und strich mir um die Beine, nahm für eine Weile Besitz von mir. Und ich hielt das aus, ließ sie gewähren, spürte und hörte in mich, was mit mir passierte in diesem Moment. Und dann ging sie wieder. Ebbte ab. Zurück blieb stets eine wahnsinnige Erschöpfung. Aber irgendwann auch das Gefühl, dass ich das aushalten kann. Dass sie vorbeigeht, ihre große Macht über mich verliert, wenn ich nicht versuche, mich vor ihr zu verstecken. Und als ich die große Angst vor der Angst verlor, waren auch diese Situationen, die diese Attacken auslösten nicht mehr so bedrohlich und ich konnte mich immer mehr davon stellen.

Gerade bin ich zum ersten Mal seit Jahren in einer Phase, in der mich immer wieder diese akuten Panikattacken heimsuchen, die ich zuletzt in solchem Ausmaß vor Jahren erlebt habe und selbst dann meist an eine konkrete Situation gebunden, die sich relativ einfach auflösen ließ.

Das jetzt ist anders. Es erwischt mich nicht plötzlich. Ich weiss, was mir solche Angst macht und ich weiss, was mit mir passiert. Spüre die Symptome, weiss dass das blanke Panik ist. Mein Kopf verarbeitet das ganz rational, sortiert das Befinden in die Panikschublade, jene, auf deren Etikett ‚musst du keine Angst vor haben‘ steht und trotzdem funktioniert es nicht, dass die Angst von selber abflaut und vorbeigeht. Also sitze ich hier, tippe mit zitternden Händen und versuche, mich mit Baldrian in größeren Mengen ruhigzustellen. Das ergibt einen schrägen Gefühlsmix, einerseits immer noch das Herzrasen und der Tunnelblick, andererseits legt sich ein müder Schleier darüber und macht die Glieder schwer. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.

.

Ohne das näher spezifizieren zu wollen, wäre ich morgen über eine geballte Ladung gedrückter Daumen überaus froh und dankbar!

Katja

Rewind

Seit Tagen, nein eigentlich seit Wochen, übe ich mich jetzt in wunderbarster Vermeidungsstrategie, mich endlich damit auseinanderzusetzen, was auf diesem dussligen Turm mit mir passiert ist. Ich weiss nicht, wie häufig ich mir in diesen Wochen vorgenommen habe ‚So, jetzt gehste an den Rechner und schreibst es einfach auf‘ – aufschreiben, um endlich mal zu versuchen, Struktur reinzubekommen. Hinsetzen und Schreiben, weil ich dann nicht rumhüpfen und einfach was völlig anderes machen kann, sondern die Gedanken wirklich zulassen muss. Sie kochen ja ohnehin täglich hoch, lassen sich nicht wirklich verdrängen. Und bis ich dann am Rechner saß, musste ich erst mal gucken, was im Feedreader, bei Twitter, google+ und wer weiss wo noch passiert ist und hier lesen und dort gucken und dann war’s ‚Huch!‘ ja schon so spät und ich musste mich dringend um Kochen, Tomaten gießen, Wäsche aufhängen und wer weiss was noch kümmern – nur um eben das nicht zu tun, von dem ich mir eigentlich erhoffe, dass es mir gut tut. Wie beknackt kann man eigentlich sein?

Jetzt habe ich einen frischen Kaffee vor der Nase und mir vorgenommen, erst dann wieder vom Rechner aufzustehen oder auch nur den Browsertab zu wechseln, wenn ich fertig geschrieben habe. Ich weiss natürlich jetzt schon, dass das spätestens sobald ’ne Mail ankommt, nicht mehr funktionieren wird, aber wenigstens sitze ich hier und habe schon ‚dussliger Turm‘ geschrieben. Super.

Weiterlesen