Vom Springen

Und dann unter der Dusche das altbekannte Gefühl. Du merkst, wie der Blick zum Tunnel wird, wie die Beine sich nicht mehr anfühlen als würden sie zu dir gehören, die Knie machen, was sie wollen. Du lehnst dich an, hältst dich fest, hast Angst auszurutschen, hinzufallen. Atmen. Langsam. Aus und ein. Und nochmal. Du wusstest ja vorher, dass du Angst bekommen würdest, dass das in der Situation total normal ist, dass es nicht mal an dir liegt, wahrscheinlich den meisten Angst machen würde. Atmen. Irgendwo in deinem Kopf erklingen die ersten Zeilen von Lady Angst „Ich mache heute meinen Frieden, vollgedacht und leer geschrieben. Ich nehm‘ meine Dämonen bei der Hand und kämme ihnen ihre Mähnen, putz‘ die blutverschmierten Zähne, sollen sie gut aussehen, wenn wir heute auf die Bühne gehen und allen präsentieren. Wir sind bloß die Gefolgschaft, Vorhang auf für die Königin. Lady Angst bittet zum Tanz.“ Atmen. Was kann schon passieren? Du wendest den alten Trick an. Erst mal im Kopf katastrophisieren, überlegen, was tatsächlich passieren kann. Fällt dir überhaupt was ein? Gibt es da was konkretes? Oder ist es wieder mal einfach nur diese diffuse Angst, die deswegen so fies ist, weil du sie nicht konkret zu greifen bekommst? Also was kann passieren? Und wie wahrscheinlich ist das? Und außerdem: was kannst du überhaupt ausrichten, wenn du jetzt Angst hast? Wird dadurch irgendwas leichter? Eine der Katastrophen unwahrscheinlicher? Dein Verstand zückt die Vernunft wie ein Schwert! Bei der Vorstellung musst du lachen, Lachen ist gut, Lachen löst Angst. Singen auch fällt dir ein und die Band schwenkt von von Brücken zu Sarah „Dipdapdudadingding dipdapdudadingding…“ Dipdap uffff. Atmen.

Und dann hast du auf einmal das Bild vor Augen. Vor dir, unter dir das kühle nasse Blau. Du schaust. Atmest. Dann schließt du die Augen und du atmest tief durch. Ein. Aus. Luft anhalten.

Und springst.

Katja

Schmerzstellen.

Vielleicht muss man wirklich manchmal an die Stellen, die man lange gemieden hat, weil sie zu sehr schmerzen, zurückkehren, um herauszufinden, ob der Schmerz immer noch da ist und immer noch der gleiche ist oder ob es mehr die Angst vor dem (möglicherweise) wiedererwachenden Schmerz ist, die einen fern hält.*

Ich hab das heute mit einem Ort gemacht, vor dem ich mich jetzt lange gefürchtet habe, also nicht vor dem Ort, sondern dem, was an Erinnerung und Verlust daranhängt und es war gut, dorthin zu gehen, auch wenn es noch nicht diese Junimond-Sache ist, dass es jetzt nicht mehr wehtut, aber der Schmerz hat sich in den letzten 15 Jahren, denn so lange habe ich den Mut zurückzukehren, nicht aufgebracht, verändert.

Das Gefühl dort ist jetzt ein anderes und ich kann es noch gar nicht richtig greifen und einsortieren und konnte mich damit dann auch gar nicht direkt befassen, weil dann gleich so viel Action und Ablenkung kam, aber dass es anders ist, als damals, als ich dort zum letzten Mal war, das habe ich direkt gemerkt. Nur einmal bin ich in all der Zeit in die Nähe zurückgekommen und da konnte ich gar nicht so richtig gucken und reinspüren, war zu nervös, zu verwirrt, zu wasweißich. Das war heute anders. Ich war neugierig. Darauf, was noch gleich ist, darauf, was anders ist, darauf, was es mit mir macht. Ich musste vorgehen, nachschauen, es wissen.

Das ist alles noch unausgegoren, das muss noch in mir arbeiten, noch richtig ankommen. Aber es ist gut, dass ich mich dieser alten Angst endlich gestellt habe, dass ich dort war.

Katja

[*Beim nochmaligen Drüberlesen und -nachdenken glaube ich, das gilt sowohl für äußere Orte als auch für innere, an denen man bestimmte Erinnerungen und Gefühle vergraben hat. Und dass das der eigentliche Trick ist, nachdem ich jetzt äußerlich an den Ort zurückgekehrt bin, auch innerlich nochmal an diese Stelle im Leben zurückzukehren, die genau mit jener zusammenfällt, in der es mein Leben so aus der Bahn gehauen hat.]