Immunschwäche

Es sind immer wieder die gleichen Fragen, auf die das Leben™ dich zurückwirft, immer wieder die gleichen Zweifel, immer wieder die gleichen Ängste und Befürchtungen. Wenn es dir gelingt, einen Schritt beiseite zu treten, erkennst du deutlich die Muster – das Auge sieht was passiert, der Verstand begreift es – und doch sind die Gefühle gleich einem Kunstwerk von Escher und es scheint schier unmöglich den Knoten aufzulösen, die Täuschung und Illusion zu entwirren.

Die 3-jährige stampft zornig mit dem Fuß auf, bettelt, fleht, wirft sich heulend auf den Boden und du weißt nicht, wie du sie trösten sollst. Du schaffst es nicht mehr, streng mit ihr zu sein und ihr alles zu verbieten, seit du ihre Not einmal erkannt hast. Aber du weißt auch nicht, wie du ihr die Welt erklären sollst, ihr das geben, was ihr so dringend fehlt. Und so wendet sie sich nach außen, sucht, findet, strauchelt, fällt, schürft sich die Knie auf und ihr ertrinkt beide in Tränen. Sie trotzig, selbst-ver-zweifelt. Und du voller Hass auf die Kleine, weil sie so ist wie sie ist und dir das Leben so schwer macht und du kommst erst langsam dahinter, dass du so niemals einen Ausweg finden kannst, wenn du nicht endlich anfängst, die Verantwortung für sie zu übernehmen und dich liebevoll und geduldig um sie zu kümmern.

Das kann niemand außer dir. Die Lücke in ihr kannst nur du füllen. Akzeptiere das endlich. Es geht nur so.

Katja

Das bin ich!

Drei Worte, nur 9 simple Buchstaben – und mir die immer wieder zu sagen, ist in den letzten Tagen eine meiner schwersten Übungen. Dabei stammen sie nicht mal von mir, sondern von einer Freundin, über deren Präsenz und Geduld ich bei den inneren Grabenkämpfen, die ich derzeit mit mir selber austrage, unendlich dankbar bin.

Viel zu viel – eigentlich fast die komplette bisherige – Zeit meines Lebens, habe ich damit verbracht, mich falsch zu fühlen, so wie ich bin. Immerzu immer zu. Zu irgendwas. (Hier lang.) Zu emotional. Zu offen. Zu kompliziert. Zu anhänglich. Zu verletzlich. Zu nah. Zu empfindlich. Zu anstrengend. Zu schwierig. Zu ehrlich.

Ich möchte so gerne die vielen ‚zu‘ aus meinem Leben oder zumindest meinem Denken verbannen. Ja, ich bin emotional, offen, kompliziert, anhänglich, verletzlich, nah, empfindlich, anstrengend, schwierig, ehrlich. „Dein Herz macht immer 100% mit. Bei allem und manchmal ist das schön, manchmal weniger. Aber auch das macht Dich aus & liebenswert!!!“ schreibt jene Freundin mir (und ich hoffe, sie nimmt mir nicht übel, dass ich sie hier zitiere) und bringt mich damit erst mal zum Heulen – mitten unter Menschen. Ja, ich bin emotional (q.e.d.) und wenn ein Mensch genau jene Seiten an mir, die ich immer und ewig als Schwäche und Fehler empfinde, die manchmal alles so furchtbar kompliziert machen, als meine Stärke ansieht, als das, was mich ausmacht, ist das ein ziemlich krasses Gefühl.

Und vielleicht ist genau das der Gedanke, der mir dabei helfen kann, besser mit mir auszukommen. Das bin ich! Und das ist oft anstrengend (für mich und in meinem Kopf vermutlich in noch größerem Ausmaß als für mein Umfeld), aber es ist eben nicht per se schlecht. Ich kann nicht halbherzig und oberflächlich – auch wenn ich es manchmal wirklich gerne können würde, weil vieles dann vermutlich einfacher wäre. Aber dafür gibt es im Gegenzug auch immer Ganzherzigkeit und Verlässlichkeit von mir. Wenn Menschen einen Platz in meinem Herzen haben, dann haben sie den in der Regel auf Dauer. Und wenn sie gehen, bleibt auch nach langer Zeit meist eine freie Stelle, mit einer Silhouette desjenigen.

So langsam komme ich dahinter, dass es tatsächlich eine Superheldenfähigkeit ist, Menschen so nah an sich ranlassen zu können. Und das ist eine meiner Eigenschaften, die ich gegen nichts eintauschen möchte. Ich will Menschen nah sein, auch wenn das häufiger mal weh tut. Das gehört vermutlich irgendwie zu dieser Nähe dazu.

Wieder mal viel Auseinandersetzung mit mir selber gerade, same same but different, und vielleicht gerade ein Schritt vorwärts. Ein kleiner zumindest.*

Das bin ich!

Katja

[*Zumindest bis in 10 Minuten, wenn mein Kopf in die nächste Runde der ZU-irgendwas-Achterbahn einsteigt, den Selbsthasshaltebügel fest auf die Schultern gepresst…]

Jenga

Das neue Konstrukt aus (und du merkst, wie die Finger an dieser Stelle auf den Tasten zögern, denn was ist das überhaupt, wofür dir der passende Name und Begriff noch fehlt? also irgendetwas in Richtung) Selbstannahme / Selbst(wert)bewusstsein ist noch unfassbar wacklig, wie ein hoch aufgetürmtes Jenga, bei dem die unteren Klötzchen schon alle entfernt wurden (und hier hinkt der Vergleich, denn eigentlich waren sie nie da und genau das ist ja die Krux, dass diese stabile Basis fehlt) und bei dem jede weitere Berührung zum kompletten Zusammen- und Umfallen führt.

Manchmal reicht – und das kann in einem ganz anderen Zusammenhang sein – ein einzelner Satz und BADAUTZ und SCHEPPER, alles stürzt ein, während aus dem Hintergrundrauschen sofort wieder ein lärmender Chor aus Selbstzweifeln, Selbsthass und Minderwertigkeitsgefühlen aufbrandet. „Du kannst nix. Du bist nix. Nix wert, du Versagerin.“ und du merkst, dass all dieses Wertzeugs und die Gedanken darüber ohnehin immer in der Frage deiner LiebensWERTigkeit, deiner LiebensWÜRDIGkeit mündet. Gefühlt führen alle verdammten Fragen und Gedanken und Zweifel immer irgendwann an diesen einen Punkt. Und manchmal, wenn die Ver_zweif(e)l_ung groß wird, fragst du dich, ob sich dieser ganze verdammte Kampf überhaupt lohnt, ob es überhaupt (für dich) möglich ist, dieses Defizit in der Basis, diese Lücken, wo du in früher Kindheit ein Gefühl für deinen Wert – als Mensch, nicht für irgendeine deiner Leistungen – hättest bekommen müssen/sollen/können, ob sich diese Lücken noch jemals auffüllen lassen…

Katja

Shaka, als die Mauern fielen.

Dann, wenn der Groschen gefallen ist, irgendwann viel viel […] später, wenn der Zusammenhang zum ersten Mal vor dir offen liegt, die Frage der Fragen zum ersten Mal eine Antwort gefunden hat und wenn dir genauso unerwartet wie beim vorigen Mal und in der gleichen Situation wie beim vorigen Mal der nächste Zusammenhang, das, was da an dieser Antwort ja auch noch dran hängt, wie eine fehlgeleitete Silvesterrakete dicht an den Ohren vorbeisaust.

„Was passiert jetzt gerade mit Ihnen? Was löst diese Tränen aus?“ Und du willst, aber kannst vor lauter Schluchzen gar nicht sprechen, merkst, wie dein Kinn zittert, kein Laut über deine Lippen kommt, weinst, weinst, weinst, weinst… erst mal einfach weiter. Und er lässt dich, lässt dir die Zeit und du brauchst nicht hinzugucken, weißt auch so, dass dieser leicht besorgte, verständnisvolle, (ab-)wartende Blick auf dir ruht, den du in den letzten Monaten schon so häufig gesehen hast.

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, als du endlich wieder sprechen kannst, ohne dass dich das Schluchzen erneut erschüttert, erklärst du stockend. Wenn das alles gar nicht an dir gelegen hat, eigentlich gar nichts mit dir zu tun hatte und es doch DAS war, das dich, das dein Leben am allermeisten geprägt hat. All der Selbsthass, all die Lebenszeit, die du damit zugebracht hast, und dann auf einmal bricht die Ursache dafür weg. Es liegt nicht an dir, du bist vielleicht gar nicht, nicht liebenswert. Und du weißt nicht weiter, weißt nicht, wie du mit diesem neuen Gedanken klar kommen kannst und sollst, weißt gar nicht, was das jetzt mit dir macht. Die Grundlage auf einmal weg. Es hatte nie mit dir zu tun.

Auch Wochen später weißt du immer noch nicht, wie du damit umgehen sollst, was das jetzt eigentlich verändert. Wie sich die Dinge dadurch ändern können. Endlich. Ändern. Können.

Ratlos. Überfordert.

Und doch. Irgendwo in dir ist auch eine ganz neue Erleichterung. „Es liegt nicht an mir.“, sagst du dir immer wieder, schließt die Augen, spürst wie die Tränen wieder in dir aufsteigen, aber andere, trotzigere, mutigere.

Katja

 

Bitte nicht werfen!

Manchmal braucht es nicht viel, nur ein paar wenige Worte, einen Satz und dann merkst du, wie zerbrechlich all diese neuen Teile von dir noch sind, alles was irgendwie ein Selbst im Namen trägt und auf Sicherheit oder Vertrauen endet und ausnahmsweise mal nicht auf Hass, und dass sie zwar mittlerweile manchmal und manchmal gar nicht mehr so selten, Teile von dir sind, aber noch lange keine _Bestand_teile, die auch heftigerem Wind oder Kratzern standhalten und im Bestand bleiben. Stattdessen verflüchtigen sich die Sicherheit und das Vertrauen immer noch bei der kleinsten Erschütterung wie ein frischer leichter Sommerduft, dessen Kopfnote direkt verfliegt und zurück bleibt für eine Weile nur ein Hauch, eine Idee, ein vager Schimmer. Und Tränen.

Katja

Das Mädchen und die Frau.

Das kleine Mädchen auf Rollschuhen, lachend, strahlend, ungestüm rumrasend, stolpernd, weinend, aufstehend, lachend, strahlend, ungestüm rumrasend. Immer wieder ein ganzes Stück nach vorne auf der Promenade und zurück zu ihrem Vater. Der, ebenfalls lachend, strahlend, sie immer wieder und wieder anfeuernd, ihr Mut zusprechend.

Die Frau, die die Szene beobachtet, zuerst denkend „Ufff, das geht doch hier niemals gut, die tut sich gleich ernsthaft weh, wie leichtsinnig das alles ist“, dann auf einmal erkennend, woher diese Gedanken kommen. An ihre eigene Kindheit zurückdenkend „Komm da runter, du fällst. Mach das nicht, du tust dir weh. Nicht so schnell. Nicht so hoch. Nicht so weit. Nicht so, nicht, nicht, nicht. Du tust dir weh. Du kannst das nicht. Du fällst hin.“. Die Frau, die die Szene beobachtet, auf einmal wissend „So geht das. So er_mutigt_ man sein Kind, so bestärkt man es, gibt ihm Selbstvertrauen.“.

Die Frau auf der Promenade, Tränen in den Augen, zum ersten Mal nicht voller Selbsthass wegen ihrer Feigheit vor allem, vorm Leben, sondern voller Mitgefühl mit dem kleinen Mädchen, das sie vor so vielen Jahren war und das eine ganz andere Lektion zu lernen hatte als jenes auf den Rollschuhen, sich fragend, was für ein Leben sie hätte führen können, wenn jemand da gewesen wäre, der sie lachend und strahlend angefeuert, ihr Mut gemacht hätte.

Die Frau mit den Fingern auf der Tastatur, „besser spät als nie“ denkend, sich endlich mehr trauend, sich endlich Dinge zu_trauend_.

Katja

Über Reisevorbereitungen und Kontrollzwang

Gestern habe ich den Einkaufszettel für den ersten Einkauf, quasi den Urlaubsstarteinkauf mitsamt Öl, Gewürzen und Pipapo, im spanischen Supermarkt geschrieben und seitdem beschäftigt mich das ein bisschen. Ich mache das jetzt schon zum 2. oder 3. Mal, dass ich diese Liste schon vor der Abreise schreibe, um ehrlich zu sein, habe ich das Grundgerüst dafür sogar in einer Excel-Datei, zusammen mit der Dauerpackliste für Urlaube, die ich schon noch ein paar Jahre länger habe, damit ich nicht vor jeder Reise erneut überlegen muss, was alles mitmuss und damit ich dann nicht tagelang mit dem dumpfen Gefühl rumlaufe, dass ich doch irgendetwas _tooootal_ Wichtiges vergessen habe.

Meine freundliche Interpretation für diese „Macke“ ist, dass ich eben total gut organisiert bin und zeiteffizient. Weil ich sowieso jedes Jahr wieder eine Liste schreiben würde (abhaken ist beim Packen für mich wichtig, damit ich _weiß_, dass ich nichts vergessen habe). Weil die vorher angefertigte Einkaufsliste mit dem Grundbedarf für die ersten Tage dafür sorgt, dass wir auch tatsächlich die dringenden Dinge besorgen und nicht in den ersten Tagen schon zwei-, dreimal einkaufen müssen, wie es uns in den ersten Jahren immer ging, wenn wir völlig gaga nach 2.500 km und 3 Tagen Fahrt, ohne Liste zum ersten Einkauf in einen Supermarkt stürmten und dann plan- und wahllos ein paar Dinge einsammelten, aber garantiert die Milch für den Kaffee oder ähnliches vergaßen. Meine ollen Listen sparen also wertvolle Urlaubszeit, Nerven, whatever.

Seit gestern treibt mich, forciert durch ein paar neue Erkenntnisse über mich in den letzten Monaten, der Gedanke um, dass die weniger freundliche Interpretation „Kontrollzwang“ heißen könnte. Nur nix dem Zufall oder Glück überlassen. Nur nicht hilflos überfordert im Laden rumstehen und nicht drauf kommen, was noch fehlt. Nur nicht die Packliste jedes Mal neu machen und riskieren, dass ich wirklich mal was vergesse.

Jetzt weiß ich auch nicht so genau. Naja, ein bisschen schon und ich einige mich vielleicht am besten mit mir selber auf eine Interpretation irgendwo in der Mitte: Warum sollte ich nicht auf solche Hilfsmittel zurückgreifen, wenn sie mir doch soviel Sicherheit verleihen? Was ist denn so schlecht und böse daran, wenn ich ein bisschen „trickse“, um der Komplett-Überforderungs-Panik-Attacke zu entgehen? Oder den „Oh Mann, nix kriegste hin und jetzt hast du auch noch das Shampoo vergessen!“-Selbstvorwürfen?

Warum kann ich mich nicht einfach darüber freuen, dass ich ganz gut darin bin, Strategien zu (er-)finden, die mir in Situationen, von denen ich weiss, dass sie mir Angst machen oder mich schnell überfordern (was blöderweise immer noch oft in Panik-Attacken mündet), Sicherheit verleihen? _Eigentlich_ ist das doch etwas Gutes und Positives. Aber ich muss so für diese Sichtweise gegen die innere Stimme ankämpfen (immerhin kann ich das mittlerweile überhaupt), muss mir diese Kompromiss-Interpretation hart gegen mich selbst erstreiten, weil ich immer noch so streng mit mir bin, mein Fokus nur darauf liegt, was alle anderen mit Leichtigkeit können und ich nicht…

Ist doch Mist!

Hallo, ich bin Katja und ich bin, wenn ich reise, überaus gut organisiert! Ommm. (Nimm das innere Stimme!)

Katja