Das Mädchen und die Frau.

Das kleine Mädchen auf Rollschuhen, lachend, strahlend, ungestüm rumrasend, stolpernd, weinend, aufstehend, lachend, strahlend, ungestüm rumrasend. Immer wieder ein ganzes Stück nach vorne auf der Promenade und zurück zu ihrem Vater. Der, ebenfalls lachend, strahlend, sie immer wieder und wieder anfeuernd, ihr Mut zusprechend.

Die Frau, die die Szene beobachtet, zuerst denkend „Ufff, das geht doch hier niemals gut, die tut sich gleich ernsthaft weh, wie leichtsinnig das alles ist“, dann auf einmal erkennend, woher diese Gedanken kommen. An ihre eigene Kindheit zurückdenkend „Komm da runter, du fällst. Mach das nicht, du tust dir weh. Nicht so schnell. Nicht so hoch. Nicht so weit. Nicht so, nicht, nicht, nicht. Du tust dir weh. Du kannst das nicht. Du fällst hin.“. Die Frau, die die Szene beobachtet, auf einmal wissend „So geht das. So er_mutigt_ man sein Kind, so bestärkt man es, gibt ihm Selbstvertrauen.“.

Die Frau auf der Promenade, Tränen in den Augen, zum ersten Mal nicht voller Selbsthass wegen ihrer Feigheit vor allem, vorm Leben, sondern voller Mitgefühl mit dem kleinen Mädchen, das sie vor so vielen Jahren war und das eine ganz andere Lektion zu lernen hatte als jenes auf den Rollschuhen, sich fragend, was für ein Leben sie hätte führen können, wenn jemand da gewesen wäre, der sie lachend und strahlend angefeuert, ihr Mut gemacht hätte.

Die Frau mit den Fingern auf der Tastatur, „besser spät als nie“ denkend, sich endlich mehr trauend, sich endlich Dinge zu_trauend_.

Katja

10 thoughts on “Das Mädchen und die Frau.

  1. Ich nenne diese bestimmte Art von Entmutigungs-Sätzen für mich „Wenn-Dann“-Sätze, weil sie so oft so eine Struktur hatten: „Wenn du da drauf kletterst, dann fällst du runter und tust dir weh.“ oder gegebenenfalls noch spezifischer „Wenn ihr nicht aufhört zu toben, dann rutscht noch einer aus und fällt hin und schlägt sich den Kopf auf.“ Das Perfide daran, wenn ich darüber nachdenke, ist, dass dem Wunsch, etwas zu tun – zu klettern, zu toben – etwas scheinbar Rationales, eine konsekutive Argumentierung entgegengesetzt wird: der Wunsch, das Gefühl, wird entkräftet, oder eigentlich sogar verneint: „Du willst klettern? Aber beim Klettern kannst Du runterfallen und dir wehtun, und das willst du doch nicht, also willst du doch gar nicht klettern.“ Das Verbot wird nicht direkt ausgesprochen: „Ich will nicht, dass du da drauf kletterst, weil…“, sondern es wird an den Verstand appeliert und versucht, das Verbot bzw. das GEbot der (Über-)Vorsichtigkeit direkt im Kind zu implementieren, was ja dann auch irgendwie klappt. Mir fielen diese „Wenn-dann“-Sätze auf, als ich sie selbst gegenüber meinen Aupair-Kindern verwendete und davon genervt war. Seitdem fallen sie mir hoffentlich meistens auf, auch wenn ich sie auf mich selbst anwende, aber manchmal fällt es mir sehr schwer, sie zu entkräften…

  2. @annesch: Von diesen „Wenn…dann“-Sätzen habe ich auch eine große Sammlung in der Erinnerung. Danke für deine Gedanken, das macht es gut greifbar, denn es ist tatsächlich so: durch die Darstellung als unausweichliche Konsequenz, ist die Indoktrination viel perfider und nachhaltiger.
    Bei der Glückskind-Episode musste ich auch schon schlucken. Überhaupt häufig bei der Vaterfigur, die Flix dort entwirft..

    @Markus: Es ist so gemein! Ich wünsch dir sehr, dass du dir das jetzt auch selber sein kannst oder zu sein lernst. *hug*

    @Paulina: Deine Werbe-URL habe ich aus dem Kommentar entfernt.

  3. Du liebe (((((Katja))))), jetzt habe auch ich Tränen in den Augen, aus Mitgefühl für das kleine Mädchen und die große, kluge Frau.
    Schön, dass ihr aus dem Urlaub heile zurück seid.
    :o****
    Julia (spanisch ausgesprochen ;o))

  4. @Jule: Ach du Liebe, ich dank dir für so viel Mitfühlen! :*
    Mir fiel gerade voller Schrecken ein, dass ich deine Mail noch gar nicht beantwortet habe (die ist im Urlaub so nach unten durchgerutscht.), kommt die nächsten Tage!

    @Linn-Kristin: Dankesehr!🙂

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