Am Meer

Ich war am Meer.
Ich war am mehr.
Ich war mehr.
Ich war Meer.
Ich war mehr am Meer.
Ich war am Meer mehr.
Ich war mehr Meer.
Ich war Meer Mehr.
Ich war mehr Meer-ich.
Ich war mehr-ich.
Am Meer.
Ich war am Meer mehr ich.

Katja

Advertisements

Sinn(e_)voll

Sehen…blaue Weite bis zum Horizont. Wellen, blau, türkis, weiß. Versprengte fast durchscheinende Wolken. Sandburg. Steine. Muscheln. Möwen. Sandburg. Strandkörbe. Wellen. Ein Segelboot am Horizont. Eine Möwe, die einen Krebs im Schnabel hat. Ein Schiff. Wellen. Blau. Holz. Die Seebrücke. Menschen. Steine. Licht und Schatten. Den eigenen Schatten. Meer. Mehr Meer.

Schmecken…Salz auf den Lippen.

Hören…das ferne Toktoktok eines schweren Dieselmotors. Auwwauww. Möwen. Kinderlachen. Wroommmwroommm, die Brandung und dann Zssschhh, wenn die ausrollende Welle zwischen den Steinchen am Strand auftrifft. Gesprächsfetzen. Mehr Möwen. Vogelzwitschern. Rrrnrrrn, ein Jetski. WroommmZssschh.

Riechen…Salz in der Luft. Pommes. Fisch. Bier. Sonnencreme. Schweiß. Zuckerwatte.

Fühlen…Sand, warm und weich. Steine, groß und flach. Spitz. Scharfkantig. Kühles Wasser am Knöchel. Sonne im Gesicht und auf den Beinen. Wind, der die feinen Haare am Arm zur Gänsehaut macht. Kühler, feuchter Sand. Pieksende Steine. Seetang glitschig. Holzbohlen. Rillen im Holz. Das kühle Metallgeländer unter den Fingern. Die plötzliche Kühle im Schatten. Wind im Gesicht. Sonne, heiß auf die Stirn und Nase brennend. Sand zwischen den Zehen. Tränen, die die Wangen runterlaufen.

Ich bin am Meer und ich bin bei mir.

Katja

Die Wahrheit ist ein Zitronenbaiser!

Da ist _eigentlich_ gerade dieses dringende Bedürfnis, Gedanken aufzuschreiben und festzuhalten, so lange ich auf’s Meer gucken und mit nackten Füßen durch den Sand laufen und _genau so_ denken und fühlen kann, wie ich es gerade tue, aber dann sitze ich vor dem blinkenden Cursor und weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Ich bin gerade so eins mit mir, wie ich es schon verdammt lange nicht mehr war und ich denke so Dinge wie „ich bin (mir) wert, jetzt besser darauf zu achten, Dinge, die mir nicht gut tun, nicht mehr ganz so dicht an mich heranzulassen“. Das hier, mit dem Sand zwischen den Zehen und dem Salz auf den Lippen bin ich, ist die Version von mir, der ich selber am nähesten bin. Das Gefühl, mir selber fremd zu sein und neben mir zu stehen, das mich die letzten Monate so geplagt hat, ist gerade dem Gefühl endlich wieder mal ich zu sein, gewichen.

Vor der Abreise bin ich auf der Suche nach einem leeren Notizbuch – um möglicherweise am Meer ein paar Gedanken reinzukritzeln (was ich aber gar nicht getan habe) – auf ein teilweise gefülltes Notizbuch gestoßen und beim Durchblättern dachte ich, dass ich das unbedingt mitnehmen sollte, weil ich ein paar der Gedanken, schon so lange wieder vergessen hatte und sie aber dringend wieder einmal lesen und darauf rumdenken sollte. Einen, vielleicht den Wichtigsten – neben jenem im Titel* – ist, habe ich, da bin ich nicht mehr ganz sicher entweder nach einem Telefonat mit dem besten Freund oder einer Therapiesitzung notiert und er lautet

„Illusionen können mich niemals glücklich machen, weil ich dann alles Sehen und Wahrnehmen verleugnen müsste.“

und als ich den wiederentdeckt habe, musste ich kräftig schlucken, denn genau das beschäftigt mich gerade so sehr. Was ist wahr? Was ist Illusion? Was Projektion?

Ich will endlich aufhören, mehr zu sehen als da ist, will genau(er) hingucken und ohne „aber vielleicht“ oder „aber eigentlich“ (be-)werten und sortieren. Sehen und Wahrnehmen – eigentlich ist es genau das, was ich ganz gut kann, uneigentlich ist es genau das, was jetzt schon eine ganze Weile so dramatisch versagt, weil irgendein Teil in mir so hartnäckig die Realität verweigert und stattdessen so sehr mit Wünschen beschäftigt ist. Vielleicht klappt ja jetzt (doch noch) die Versöhnung mit der Realität, dem Realismus, dem geliebten Gehassten, dem verhassten Geliebten. Realismus nicht als Spaß-Glücks-Bremse, sondern als (fester) Boden unter den Füßen. Jenen mit dem Sand zwischen den Zehen, jenen, die auch morgen und übermorgen und überübermorgen nochmal in den kühlen Atlantik tauchen, der so wunderbar warm wird, wenn man sich eine Weile Zeit nimmt, sich an die Wellen um die Füße zu gewöhnen.

Fest auftretend.

Katja

 

[der ein Zitat aus dem wunderbaren Kinderbuch „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum“ von Andy Stanton ist]

Das Meer ist ein guter Ort für Bestandsaufnahmen

Der Tisch ist ein bisschen in sich instabil und wackelt, wenn ich zu engagiert in die Tasten haue, aber ansonsten ist er überaus perfekt, denn ich sitze draußen im Schatten auf der Terrasse, das Meer 6 Etagen unter mir, aber direkt vor meiner Nase. Das Tosen der Wellen ist deutlich und fast so laut wie am Strand zu hören und mit den Windstößen – obwohl es heute im Vergleich zu den letzten Tagen deutlich windstiller ist – dringen leise die „Cerveza, Coca Cola y Agua“-Wortfetzen der mobilen Händler mit ihren großen eisgefüllten und auf Sackkarren festgezurrten Kühlboxen zu mir hinauf.

Vor 15 Minuten saß ich selber noch direkt 2 Meter von der feuchten Linie entfernt, die die Gischt der auslaufenden Wellen auf dem Sand hinterlässt, aber da ich meinem linken Arm dabei zusehen konnte, wie er trotz mehrfachen Eincremens mit Lichtschutzfaktor 30 immer roter wurde, bin ich lieber zurück auf die schattige Terrasse geflüchtet und der frische Kaffee, rechts vom Laptop auf dem Wackeltisch, macht mich gerade überaus zufrieden – auch wenn das Meer so ein paar Meter weiter entfernt ist.

Ich bin in meinem geliebten Spanien, im geliebten Cadiz, am geliebten Atlantik und das Meer macht das, was es so zuverlässig kann. Es brandet, es rauscht, es glitzert in der Sonne, es schäumt, es erhebt sich in massive Wellenberge, überschlägt sich, läuft auf den Strand und dann mit einem leisen Zischen, zieht es sich wieder zurück, um mit Anlauf und der nächsten Welle wieder auf den Strand zuzurennen. Und ich sitze da, gucke, starre, atme, kann nicht weggucken, will keine der Wellen verpassen, weil ich nichts von der Weisheit des Meeres verpassen will. Und langsam merke ich, wie das Tosen, das jetzt so lange und so laut in mir tobt, leiser wird und wie ich nicht nur außen, sondern seit sehr langem endlich auch wieder mal innen, ein bisschen ruhiger werde – und klarer.

Das Meer ist ein guter Ort für Bestandsaufnahmen, denn nach dem üblichen „Ich packe meinen Koffer und nehme mit…“ muss man irgendwann zwischendurch immer mal irgendwo ankommen und auspacken „Ich packe meinen Koffer aus und habe dabei…“. Das gelingt mir nirgendwo so gut wie am Meer und so sitze ich am Strand und statt im mitgeschleppten Buch zu lesen, gucke ich in eine nach der anderen Welle und packe aus. Und zwar das, was wirklich da ist, nicht das, von dem ich mir wünsche, dass es da wäre und das ist auf der einen Seite erschreckend viel und auf der anderen erschreckend wenig. Die wirkt nur häufig so groß, weil das Wünschen so viel Luft hineinpumpt, dass ich viel zu leicht und leider viel zu oft vergesse, dass es nur (m)eine Illusion ist, was ich da in dieser Größe vor mir sehe.

Katja

Ich bin dann mal weg

Die Koffer gepackt, die Akkus aufgeladen, jetzt für 3 Stunden hinlegen und versuchen, ein bisschen Schlaf zu finden. Dann aufstehen, duschen, Kaffee kochen, Reste packen, Müll rausbringen, Kaffeemaschine putzen, Spülmaschine anschalten und los.

Bis Samstag rund 2.500 km in Richtung Süd-West und dort dann 2 Wochen auf den Atlantik gucken und (mindestens) die Füße reinstrecken, Sand zwischen den Zehen, Sonne und Wind im Gesicht, Sherry und Vino Tinto im Glas, Tapas futtern, Spanisch hören und reden, durch die Altstadt schlendern und hoffentlich den eigenen Akku auch mal wieder voll aufladen.

Vielleicht hab ich Lust zu Bloggen von unterwegs und ihr bekommt hier live ein paar Eindrücke, vielleicht auch nicht. (Auf Twitter gibt’s sicher jede Menge kitschige Sonnenuntergangsfotos über’m Meer – ich kann’s doch eh nicht lassen. :D)
Geplant habe ich ansonsten nur, den Sommer noch ein bisschen zu verlängern und möglichst viel Zeit damit zu verbringen, auf’s Meer zu gucken und dabei hoffentlich Herz und Kopf ein bisschen leichter zu bekommen.

Ansonsten: Bis in 3 Wochen! Lasst’s euch gut gehen! ❤

 

Katja

Nebelmeer. (nT)

(Klick macht groß.)

(Alles Cuxhaven, Elbe und Nordsee, Anfang April 2017)

Katja

Serendipity

k_img_20161022_224939

„Ach es ist einfach nicht das Gleiche. Das Zeug ist zwar wirklich lecker, aber….“ *soifzt*
„Mhhm. Das liegt nicht am Zapfen oder so, Felipe macht das aus, dass es so gut ist.“
„Als wir aus dem Laden raus sind, hätte ich schwören können, es ist eines der leckersten Getränke, die ich je im Leben getrunken habe.“

2 Wochen vorher:

„Felipe, wir müssen leider gehen.“ sage ich auf Spanisch und dass wir am nächsten Morgen früh raus müssen, weil wir über 800 km bis zu unserem nächsten Hotel fahren müssen. Er guckt bedauernd, redet in Highspeedspanisch und wieder mal viel zu schnell auf mich ein, winkt mich zu der Stelle der Theke, die schmal genug für eine Umarmung über die Theke hinweg ist, drückt mich, un beso links, un beso rechts, drückt mir eine Tüte mit einer Flasche in die Hand. „Wenn ihr zurück in Deutschland seid, dann denkt mal an mich, wenn ihr das trinkt.“ und immerhin das verstehe ich perfekt und weiß in dem Moment schon, dass ich gar nicht anders könnte, wahrscheinlich im ganzen Leben nicht mehr anders können werde, wenn ich wieder Wermut trinke, als dann an diesen Abend in der winzigen Bar in der kleinen spanischen Stadt zurückzudenken.

Wir gehen aus der Bar, blicken von der Tür aus nochmal zurück auf diesen besonderen Menschen an diesem besonderen Ort, schlendern – zugegebenermaßen ziemlich angeschickert – durch Tomelloso, die paar Hundert Meter zurück zu unserem Hotel, können das, was passiert ist noch gar nicht so recht einsortieren. „Ist doch echt völlig egal, wie schmutzig das Hotelzimmer verflucht nochmal ist, wir fahren hier ab jetzt jedes Jahr wieder vorbei. Alleine für einen Abend im Lauticia, für Felipe lohnt sich das.“ da sind wir uns einig.

Etwa 5 Stunden vorher:

Irgendwie verkatert, nicht von Alkohol sondern vom Abreiseschmerz aus Cádiz, von unserer Ferienwohnung direkt am Meer und direkt vor der Stadt, kommen wir in Tomelloso, der kleinen spanischen Stadt in Kastilien – La Mancha an, wo wir unser erstes Hotel für die Rückreise gebucht haben. Beim Check in frage ich die freundliche Dame an der Rezeption, wann das hoteleigene Restaurant abends geöffnet hat und sie bedauert, dass es an dem Abend gar keine Möglichkeit gibt dort zu essen, weil eine größere Gesellschaft im Hotel weilt, die auch die gesamte Restaurantkapazität belegt. „Haben Sie eine Empfehlung für ein Restaurant in der Nähe für uns?“ frage ich in meinem besten Sonntagsspanisch, immer noch erfreut staunend darüber, wie gut die Verständigung in den letzten 2,5 Wochen funktioniert hat und wieviel besser mein Spanisch in den letzten beiden Jahren geworden ist. „Klar“ antwortet sie, zückt einen kleinen Stadtplan, in dem das Restaurant schon eingezeichnet ist und beschreibt mir den Weg dorthin.

Kurze Zeit später auf dem Zimmer schlägt der Mitdings erst mal im Internet nach. Ein italienisches Restaurant ist das, was sie uns da empfohlen hat. Hm, ja nee. Dafür reisen wir ja dann doch nicht nach Spanien. Wir beschließen uns auf eigene Faust was zu suchen. Der Mitdings befragt Tripadvisor, wir suchen uns 3 Alternativen aus, die alle auf einem Spazierrundweg vom Hotel aus liegen und beschließen uns die mal anzuschauen. Aber erst mal 10 Minuten durchschnaufen, den Abreise- und Fahrtstress wegduschen und dann ganz gemütlich.

2 Stunden später verlassen wir das Hotel, trippeln zur Plaza de España, bestaunen das beleuchtete Ayunamiento, den Brunnen, die Posada de los Portales, dann nur noch ein paar Hundert Meter weiter bis wir in einer eher unscheinbaren Seitenstraße vor einem eher unscheinbaren Laden stehen, den wir im ersten Moment fast übersehen hätten, wenn nicht 3 Stehtische vor der Tür gestanden hätten.

Wir gucken durch die offene Tür, sind ein bisschen unschlüssig, gehen dann aber doch erst mal rein. Die Bar ist winzig, die Theke geht über Eck und nimmt etwa Dreiviertel des Raumes ein, ansonsten gibt es keine Tische, nur ein schmales Board an der der Theke gegenüberliegenden Wand, vor dem auch noch 2 Hocker stehen. Beim Betreten der Bar scheinen wir ein Stück durch die Zeit gereist zu sein, die Einrichtung und Dekoration könnte direkt den 60er Jahren entstammen, vermutlich tut sie das sogar, aber nicht in diesem ungepflegt schmuddeligen Sinne, wie wir das in spanischen Bars auch schon häufiger mal erlebt haben, sondern das ist alles liebevoll platziert und der Laden ist blitzsauber.

Die Theke ist vollbesetzt, vor allem ältere Spanier sitzen dort, kein einziger Hocker im Lauticia ist frei. Hinter der Bar ein Mann im ordentlichen dunkelblauen Hemd. Kurz nachdem wir zur Tür rein kommen, begrüßt er uns über die Köpfe seiner Gäste hinweg wortreich und vor allem maschinenpistolenschnell. Es gibt nirgendwo eine sichtbare Karte, mir wird ein bisschen schummrig bei dem Gedanken, was mir da vielleicht gleich an gewaltiger Sprachanforderung begegnen wird. Mein erster Reflex im Kopf ist „Flucht“ und „das ist mir ’ne Nummer zu groß“, aber mittlerweile gucken uns alle im Laden an. Ich gehe einen Schritt auf die Theke zu „Por favor, mas despacio.“ „Bitte viel langsamer. Mein Spanisch ist noch nicht so gut.“ sage ich und merke, wie ich rot werde. „Ah!“ ruft der Mann hinter der Theke und winkt uns zu der Stelle der Theke, die deutlich schmaler ist und wo man sich einfacher verständigen kann. Woher wir kommen, will er als erstes wissen und sagt uns dann ganz stolz „Auf Wiedersehen!“ als er hört, dass wir Deutsche sind und dass das sein einziges Deutsch ist. Mein Spanisch muss also auf jeden Fall besser als sein Deutsch sein, das weiss er da schon. Dann redet er wieder viel zu schnell auf mich ein und ich lächle hilflos und schaue ihn groß an. Ich verstehe kaum was von den Worten, die er sagt, aber erstaunlicherweise verstehen wir die Bedeutung ziemlich gut. „Wollt ihr was essen, ja? Ist alles gut, ich mach euch einfach mal was und ihr probiert.“ Dann fragt er, was wir trinken wollen und der Mitdings will schon Rotwein bestellen, aber mir fällt ein, dass die ganzen spanischsprachigen Tripadvisornutzer ausnahmslos den Wermut empfehlen. Ich bestelle also lieber den und der im blauen Hemd strahlt auf einmal los. Ich versuche, ihm radebrechend zu erklären, dass wir bei Tripadvisor von seinem Laden gelesen hatten und auch über den Wermut.

Dann, kurze Zeit später stellt er uns ein kleines Schälchen mit frittierten Gambas im Ausbackteig vor die Nase und die sind unfassbar großartig. Am Abend vorher waren wir in Cádiz nochmal essen gewesen, extra in einer Freiduria, einem speziellen Fischrestaurant, wo es hauptsächlich diverse frittierte Fischsorten gibt und waren echt enttäuscht, aber das hier war großartig.

„Es bueno?“ „Si, riquísima!“ Die Verständigung wird immer leichter.

Einige Minuten nachdem wir die Gambas gegessen haben, stellt er das nächste Schälchen mit Tapas vor uns auf der Theke ab. Kleine würzige Fleischstückchen – Lomo de cerco, wie ich später erfahre – auf Baguettewürfelchen gespießt. Riquísima tambien! Nach dem ersten Wermut bestelle ich eine zweite Runde, will aber zu meinem Wasser dazu. „Nein, kein Wasser“ sagt mir der Mann hinter der Theke. „wenn du was ohne Alkohol willst, hier probier das!“ und stellt mir ein Glas mit einem Trauben-Apfel-Saft vor die Nase.

Wir essen, unterhalten uns, trinken den unfassbar fantastischen Wermut vom Fass und beobachten ein bisschen Felipe, von dem ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht weiß, dass er so heißt, so weit sind wir an der Stelle noch nicht, das frage ich erst 2 oder 3 Wermut später, weil ich unbedingt wissen muss, wie dieser Mensch heißt. „Weisst du, was total komisch ist?“ frage ich den Mitdings. „Ich finde das nicht schlimm, sondern ganz im Gegenteil total stimmig, dass Felipe mich direkt angefasst hat als wir kaum im Laden drin waren und er nach unserer Sprache fragte.“ Da hatte er mir nämlich in der Tat direkt die Hand auf den Arm gelegt und das machte er auch im späteren Verlauf des Abends jedes Mal, wenn er in meine Nähe kam und mit mir redete. Immer die Hand auf den Arm oder bei der Hand gefasst und obwohl sich das für mich bei wildfremden Menschen normalerweise seltsam anfühlt, ist das bei Felipe anders. Es fühlt sich echt an und herzlich und direkt. Überhaupt ist es eine Wonne, Felipe bei der Arbeit zuzusehen. Mit lässiger Eleganz zapft er Wermut, den die meisten Gäste in der Bar trinken, sammelt Gläser und Schälchen ein, bückt sich zur Drehtür in Richtung Küche, aus denen er die köstlichen Tapas holt und gibt die nächste Bestellung durch. Er vergisst nichts, notiert sich fast nichts, scheint völlig den Überblick zu haben, wer was bestellt hat und wer was bezahlen muss. Immer wieder, wenn neue Gäste die Bar betreten, gehen sie zuerst zu der hinteren Ecke der Theke, an die Felipe auch uns zuerst gewunken hat, umarmen ihn, für jeden findet er freundliche Worte und Gesten, alle scheinen sich unheimlich wohl zu fühlen und auch uns geht es so. „Weisst du, der hat keine Kunden, der hat Gäste.“ sag ich irgendwann zum Mitdings und ich glaube, das trifft die Atmosphäre im Lauticia recht gut.

Zwischendurch kommt Felipe immer wieder zu uns, legt mir die Hand auf den Arm „Qué tal?“ fragt er mich jedes Mal, was gleichermaßen „wie geht’s?“ und „wie war’s?“ bedeutet. „Muy bien.“ sage ich jedes Mal, denn das passt irgendwie auf beide Fragen, sämtliche Tapas, die er uns nach und nach in kleinen Schälchen hinstellt sind großartig, der Wermut ist großartig, es geht uns großartig. Immer zwischendurch, wenn einen Moment lang alle Gäste gut versorgt sind, kommt Felipe und unterhält sich mit mir. So erfahre ich im Laufe des Abends, dass er die Bar in der 4. Generation seiner Familie betreibt, dass Tomellosos Hauptwirtschaftszweig die Alkoholproduktion darstellt und das viele Menschen in die Region lockt und dass Tomelloso total stolz ist auf einen Rekord, den sie innehaben. 5 Jahre in Folge hat ein spanischer Pizzabäcker die Weltmeisterschaft gewonnen und die Italiener sind total verärgert deswegen. „Haha. Wie heißt denn der Laden, der da gewonnen hat?“ frage ich und erzähle, dass uns die Dame an der Hotelrezeption dort zum Essen hinschicken wollte und mir jetzt klar sei, weswegen. Dass wir aber in Spanien nunmal viel lieber Tapas essen wollten und dass ich froh darüber bin. Porque todo esta muy bien.

Wir wollen’s jetzt doch wissen, wie das mit dem lokalen Wein ist und bestellen einen Tinto. Felipe hält mir die Flasche hin. „Ist das der beste der Gegend?“ will ich wissen. Er lacht. „Es ist der beste in meinem Laden.“ und mir dämmert, dass es auch der einzige im Laden ist. Die trinken dort einfach keinen Wein. Die trinken Bier oder Wermut vom Fass. Wir bekommen ein Glas Wein, probieren. Felipe guckt fragend. „Ist ok“ sage ich, „aber der Wermut ist viel besser!“ Prompt bekomme ich ein Glas Wermut „Hier, trink den dazu.“

Dann holt er eine Flasche Weißwein aus der Kühlung, gießt ein Glas randvoll damit, gießt den Rest aus der Flasche weg, spült die Flasche ein paar Mal mit Wasser aus und zapft sie mit Wermut voll. Dann beugt er sich zu mir rüber und erklärt mir irgendwas mit 15 und Sifón und ich steige sprachlich erst mal wieder aus und lächle ein bisschen hilflos.

Tja und dann, als wir die _un_glaub_lich_ niedrige Rechnung – so niedrig, dass wir ohne mit der Wimper zu zucken das Doppelte gezahlt hätten und immer noch das Gefühl gehabt hätten, einen günstigen Abend verbracht zu haben – mit einem breit grinsenden „Esta barata, he?“ „Ist billig, he?“ bezahlt haben und uns verabschieden, drückt Felipe mir just diese Flasche in die Hand, damit wir an so Abenden wie heute in der Küche sitzend, einen Wermut trinken (übrigens bei 15°C und mit ein bisschen Mineralwasser vermischt – ich habe die Sifón-Botschaft doch noch enträtselt) und an ihn denken.

Welch Glück, dass das Hotelrestaurant nicht geöffnet war. Welch Glück, dass wir keine Lust auf Pizza hatten und das das einzige Restaurant war, das uns die Dame vom Hotel empfohlen hatte. Und welch Glück, dass ich nicht meinem ersten Fluchtimpuls nachgegeben habe.

Es sind diese Momente im Leben, in denen man schon in dem Moment weiß, dass man gerade zur genau richtigen Zeit am genau richtigen Ort der Welt ist. Jener Abend im Lauticia gehört für mich dazu, denn Felipe ist ein ganz besonderer Mensch, der auf mich – nur aus diesen Momentaufnahmen an diesem einen Abend – genau diesen Eindruck gemacht hat, dass er in seiner großartigen winzigen Bar immer genau richtig ist und dass sich dieses Gefühl auf seine Gäste überträgt.

k_img_20161022_223847

Gracias por todo!

Katja