Dieser Moment

…, wenn du das fehlende Puzzleteil, das du wochenlang überall gesucht hast, dann endlich irgendwo in der hinteren Ecke unterm Schrank findest. Wenn du es an seinen Platz legst und auf einmal das Motiv klar erkennen kannst, weil es nicht nur einfach ein fehlendes Teil, sondern DAS fehlende Teil war. Das Muster, dieses altbekannte, dieses vertraute, von dem du so lange nicht wusstest, welches es ist, liegt auf einmal deutlich vor dir und du merkst, wie du aufatmen kannst, wie du die anderen Teile in die Hand nehmen kannst und in Ruhe betrachten, wo sie hinpassen. Wenn es Klick in dir macht und sich ein Knoten endlich (endlich!) auflösen lässt oder zumindest schonmal lockerer ziehen, weil er auf einmal nicht mehr wie eingebrannt fest sitzt. Und wenn du dann merkst, dass da auf einmal wieder Platz in dir drin ist und Luft und Licht. Beim Aufräumen und Sortieren kannst du Dinge an ihre Plätze verräumen und nicht einfach nur einmal oder zweimal oder dreimal im Kreis tragen ohne zu wissen, wohin damit.

Und dann, wenn dir klar wird, dass du vermutlich tatsächlich erst mal schmerzhaft auf den Knien landen und vor Schmerz ein bisschen unten  am Boden liegen bleiben musstest, damit dir das fehlende Teil da hinten unter dem Schrank überhaupt ins Auge fallen konnte, da mischt sich unter die Wut auch ganz deutlich ein Stückchen Dankbarkeit, weil du dieses Mal weißt oder zumindest zu wissen hoffst, wie du das mit dem Muster auf die Reihe bekommen kannst und dann hoffst du, dass der Autonomiegewinn durch die Erkenntnis dir erhalten bleibt und die nächste Zeit überdauern kann.

Time will tell. Aber gerade in zuversichtlich.

Katja

 

Von fallenden Altwährungsmünzen

Dieser Moment, wenn der Groschen* noch zwei-, dreimal auf der Kante wippt, sich dabei immer ein Stückchen weiter neigt und dann schließlich wie in Zeitlupe fällt…

Da ist auf einmal ein passendes „ACH DARUM“ und es muss so groß geschrieben sein, weil es so bedeutsam ist, weil die Frage, die dieses Darum beantwortet so groß und so alt und so beharrlich über Jahre und Jahrzehnte in einem gebohrt hat und gebrodelt und gegärt und manchmal mit einer solchen Heftigkeit, dass da kaum Raum für andere Gedanken und Fragen war. Ganz zu schweigen von dem Schmerz, den das Warum jedes einzelne Mal verursacht hat. WarumwarumWARUMwarumWaRuM?

Und dann, in der Therapiesitzung das Ringen und die Tränen und das um-Worte-Ringen und das Nachdenken und dann auf einmal dieser Groschen, der kreist und kreist und sich weiter neigt und dann in Zeitlupe fällt. Ach DARUM! Und das muss ein Ausrufezeichen haben und eigentlich noch einen Paukenschlag. Und es ist so verwunderlich, dass sich das eigentlich gar nicht angekündigt hat. Da war vorher nicht irgendwie so eine Musik, wie sie im Film ertönt, wenn es spannend wird, wenn gleich etwas passiert, wenn zB die Protagonistin ganz alleine über den dunklen Pfad geht und Schritte hinter sich hört und man weiß, jetzt muss gleich was passieren, das wird hier nicht einfach so aus- und weitergehen. Aber nichts. Eben noch die Tränen und das Ringen um Worte und dann auf einmal ist der Zusammenhang da und da sind gar nicht genügend Hände, um sie vor die Stirn zu patschen, weil es eigentlich so offensichtlich ist. Wenn man’s erst mal weiß, wenn man den Zusammenhang erst mal gefunden hat.

Danach völlige Erschöpfung. Stille. Das muss erst mal sacken. Langsam. Erst mal abwarten und sehen, was der Kopf daraus macht.

Katja

[*die Älteren hier werden sich erinnern, so nannte man früher 10-Pfennig-Stücke, die Noch-Älteren werden sich erinnern, dass es schon im Mittelalter Groschen gab und der Begriff bis zu dieser D-Mark-Münzgeneration weitergereicht wurde]

Inception

Und dann erzählt sie zum hundertsten Mal, dass sie ihm das schon hundert Mal gesagt hat und du sagst zum hundertsten Mal deinen Text, den du immer an der Stelle sagst, nämlich, dass ja dann langsam auffällt, dass das nichts bringt und dass die Lösung also vielleicht irgendwie anders aussehen könnte und sie reagiert zum hundertsten Mal verschnupft und sagt zum hundertsten Mal, dass sie aber doch nichts anders machen kann und dass es ja vielleicht jetzt doch dieses Mal bei ihm angekommen ist und vielleicht ja doch dieses Mal alles ganz anders wird und dann noch ein bisschen später legt ihr auf und du fühlst dich – nicht erst zum hundertsten Mal nach einem solchen oder ähnlichen Gespräch – wie ein Luftballon, in dem nur noch ein letztes bisschen Luft zu finden ist, der ansonsten ganz schlapp und kraftlos im Wind vor sich hinbaumelt und es dauert eine ganze Weile und dann noch eine und dann wird dir zum ersten Mal die vollkommene Absurdität der Situation bewusst und dass das, was du ihr sagst, ja im Grunde auch für dich gilt, weil du mit deinen Worten genauso wenig zu ihr durchdringst wie sie mit ihren Worten zu ihm und dass das doch im Grunde genommen völlig egal und einzig ihr Bier ist, wenn sie es so und nicht anders haben will und dass du statt des ewig schalen Biers vielleicht doch lieber in Zukunft auf einen guten Schluck Rotwein umschwenkst und einfach gar nicht mehr reagierst, sondern sie einfach nur noch erzählen lässt, wenn sie das nächste Mal mit der ewig gleichen Schleife anfängt.

Katja (den Kreisel umschubsend)

Das Mädchen und die Frau.

Das kleine Mädchen auf Rollschuhen, lachend, strahlend, ungestüm rumrasend, stolpernd, weinend, aufstehend, lachend, strahlend, ungestüm rumrasend. Immer wieder ein ganzes Stück nach vorne auf der Promenade und zurück zu ihrem Vater. Der, ebenfalls lachend, strahlend, sie immer wieder und wieder anfeuernd, ihr Mut zusprechend.

Die Frau, die die Szene beobachtet, zuerst denkend „Ufff, das geht doch hier niemals gut, die tut sich gleich ernsthaft weh, wie leichtsinnig das alles ist“, dann auf einmal erkennend, woher diese Gedanken kommen. An ihre eigene Kindheit zurückdenkend „Komm da runter, du fällst. Mach das nicht, du tust dir weh. Nicht so schnell. Nicht so hoch. Nicht so weit. Nicht so, nicht, nicht, nicht. Du tust dir weh. Du kannst das nicht. Du fällst hin.“. Die Frau, die die Szene beobachtet, auf einmal wissend „So geht das. So er_mutigt_ man sein Kind, so bestärkt man es, gibt ihm Selbstvertrauen.“.

Die Frau auf der Promenade, Tränen in den Augen, zum ersten Mal nicht voller Selbsthass wegen ihrer Feigheit vor allem, vorm Leben, sondern voller Mitgefühl mit dem kleinen Mädchen, das sie vor so vielen Jahren war und das eine ganz andere Lektion zu lernen hatte als jenes auf den Rollschuhen, sich fragend, was für ein Leben sie hätte führen können, wenn jemand da gewesen wäre, der sie lachend und strahlend angefeuert, ihr Mut gemacht hätte.

Die Frau mit den Fingern auf der Tastatur, „besser spät als nie“ denkend, sich endlich mehr trauend, sich endlich Dinge zu_trauend_.

Katja

Und es hat „Klack“ gemacht…

Heute Morgen irgendwann, konnte ich das innere „Klack“ fast hören, als ein paar meiner neueren Erkenntnisse und Errungenschaften und Fortschritte, was mich und mein Denken und Fühlen angeht, die bisher eher getrennt voneinander und nebeneinander standen, auf einmal irgendwie im Kopf einrasteten und sich zu einem neuen Bild zusammenfügten.

Das ist gerade sehr großartig für mich, weil es mich hoffen lässt, dass es mir in Zukunft helfen und das Leben ein Stück weit erleichtern wird, es ist aber zugleich großartig², weil es mir gerade retrospektiv endlich eine Erklärung liefert, wieso ich in einer ganz bestimmten Sache auf eine ganz bestimmte Weise ticke, was ich mich tatsächlich schon seit Jahren frage, ohne dass ich bisher eine Erklärung dafür fand.

Ich bin noch nicht ganz sicher, ob ich das hier weiter aufdröseln möchte, aber vermutlich kommt das doch noch; alleine schon, damit mir das neue Wissen nicht wieder entgleitet. Aber dafür müssen sich die Sätze erst finden und formen.

Katja

Und wichtig ist der Weg dahin

Und wenn die Frage jemals fällt
Was ist es, was am Ende zählt?
Dann wird die Antwort immer sein
Dass man nicht solche Fragen stellt

Doch wenn ich ehrlich zu mir bin
Dann macht nur die Erkenntnis Sinn
Das Ende ist nur’n Meilenstein
Und wichtig ist der Weg dahin

(von Brücken, Die Parade)

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Den Song (also eigentlich die ganze Platte) habe ich heute, nachdem ich aus der Therapie raus bin und spazieren war, gehört und musste unterwegs gnadenlos losheulen und ich weiss nicht mal genau, was es war, was das – zusammen mit der Sitzung heute – in mir angestoßen hat, was mich so tieftraurig gemacht hat. Dann später hat es schon gereicht, dass ich das Lied immer noch im Kopf/Ohr hatte, ich musste es nicht mal anhören und direkt wieder losweinen.

Es war anstrengend, heute nach 3 Wochen die erste Therapiesitzung zu haben. Es war inhaltlich anstrengend. Es war anstrengend, was da wieder mal an Erkenntnissen über mich selber in mir hoch- und bei mir ankam. Wenn ich nur daran denke, wird der Atem flach und ich ziehe die Schultern voller Angst hoch… So viel Weg. So viel.

Katja

 

(Leider gibt’s (noch) keine Version des Songs, die ich hier einbinden könnte. Bei Deezer kann man’s aber anhören.)

out of the blur

Und dann nach dem Duschen stehst du vorm beschlagenen Spiegel im Bad und siehst nur einen schemenhaften Umriss, den du durch den Dunst nur deswegen als dich selber erkennst, weil du weisst, dass du es bist, die da steht und niemand anderes. Nur ein Wissen, kein Erkennen. Nicht mal, wenn du näher rangehst, die Nase fast ins Kondenswasser auf der kalten Scheibe drückst…

Doch dann. Der Griff zum Föhn. Und bevor du ihn auf die Haare richtest, zielst du auf den Umriss im Spiegel, zielst auf den Dunst, den Nebel, der den Schemen umgibt und ganz langsam löst sich die Unschärfe auf, du siehst deinen Hals, dein Kinn, deinen Mund, deine Nase, zuletzt deine Augen. Der Nebel lichtet sich und bei dem Gedanken musst du lachen, weil dir den Satz gestern erst einer gesagt hat und auf einmal ist da wieder diese ganz andere Assoziation von sich lichtendem Dunst und Nebel. Und du musst noch mehr lachen als dir auffällt, dass in beiden Fällen sogar das gleiche wieder darunter zum Vorschein kommt: Du selber.

Katja