Nah am Wasser.

In mir ist derzeit viel in Bewegung und manchen Groschen kann ich förmlich beim Fallen zusehen. Bei einem davon geht es um Tränen und vielleicht ist das eine der unerwartetsten und erstaunlichsten Erkenntnisse – unter so vielen – der letzten Zeit.

Vor ein paar Tagen war ich mit einem Freund unterwegs in einer Kneipe und irgendwie kamen wir auf schwierige Themen und ich merkte, was so oft passiert: mir kommen die Tränen und ich kann sie nicht unterdrücken und zurückhalten. Mitten. In. Der. Kneipe. Ich hasse es, wenn das passiert und würde mich dann am liebsten in Luft auflösen oder im Boden versinken. Oft merke ich herannahende Tränen nicht mal, sondern erst, wenn sie mir schon die Wangen runterlaufen und ich kann sie absolut nicht verhindern. Und auch oft genug erst mal nicht wieder damit aufhören. Dann drehe ich mich, wenn es geht, verlegen, von den (fremden) Menschen, die mich umgeben weg und schniefe verstohlen ins Taschentuch.

Dass ich überhaupt so oft und viel weinen muss, ist eine meiner Eigenschaften, die mir immer wieder zusetzen, wofür ich mich immer wieder selber hasse. Ich will keine blöde Heulsuse sein und oft kann ich genau deswegen nicht wieder aufhören, weil ich mich in dem Moment, wo ich losheulen muss, dann auch noch frage, wieso zur Hölle ich so ’ne Memme bin und mich dafür selber fertig mache. Keine gute Voraussetzung dafür, dass Tränen wieder versiegen…

Vor dem Freund zu weinen war irgendwie nicht so schlimm, auch wenn mir selbst das unangenehm war, aber dass mir mitten in der Kneipe die Tränen über’s Gesicht liefen, war mir enorm peinlich. Als ich am nächsten Tag mit eben jenem Freund darüber redete und erzählte, wie unangenehm mir das war, fragte er ganz schlicht „Wieso?“ und während ich noch nach Worten und Formulierungen suchte, über eine Gesellschaft, in der Tränen nunmal etwas sehr Privates sind und außer Kindern doch irgendwie niemand in der Öffentlichkeit wein[t/en darf], fragt er noch hinterher „Was glaubst du, was die Leute denken, wenn sie dich weinen sehen?“ (DANKE! ❤ ) und in dem Moment trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag.

Selbst das, was ich bis zu diesem Moment angenommen hatte – dass Tränen von Kindern in der Öffentlichkeit ganz ok sind – galt ja für mich überhaupt nicht. Ich durfte schon als Kind nicht in der Öffentlichkeit weinen, denn „Was sollen denn die Leute denken?“ und zu Hause durfte ich auch nicht wirklich weinen (worüber ich hier schonmal geschützt gebloggt habe [bitte verzeiht, wenn alle anderen gerade ausgesperrt sind, im Zweifel schreibt mir wegen des Passworts]) und ich kam gar nicht mehr mit bei all den Gedanken, die in dem Moment gleichzeitig in meinem Kopf aufploppten. Was werden die Leute wohl tatsächlich denken? Was denke ich, wenn ich jemanden in der Öffentlichkeit weinen sehe? Meist ein ‚oh, die Frau/der Mann ist traurig‘ oder ich frage mich, was passiert ist oder ich bedaure, dass man Fremde nunmal nicht unbedingt anspricht und schon gar nicht bei etwas so Privatem, wie Tränen, denn mir ist es ja auch unangenehm, wenn ich dabei erwischt werde, das will ich auch niemandem anderen antun. Es ist ja so schon peinlich genug. Und dann wird mir klar, dass es eigentlich gar nicht so furchtbar peinlich ist und dass dieses „Was sollen denn die Leute denken?“, die vorwurfsvolle Frage, für die ich noch nie überhaupt eine Antwort gesucht habe, gar nicht meine Frage ist, sondern die meiner Mutter. Und ich hab im Sinn, was der beste Freund mir vor einer Weile über Introjekte erzählte und ich mir in Folge angelesen habe und der gefallene Groschen tanzt immer wilder und ich versuche, all meiner bisherigen Scham des Wassollendenndieleutedenkens ein Istwahrscheinlichgarnixschlimmesundfallsdochvölligegal entgegenzustellen und da ist gerade viel Ufff in mir und Puh und ein bisschen bin ich fast schon gespannt darauf, ob überhaupt und wie sich mein Empfinden in einer solchen Situation verändert haben wird.

Das ist alles gerade ziemlich spannend und gut, was passiert. Zumindest vieles davon. Und ich bin so dankbar über so viel wertvollen Input von diversen Seiten und über Menschen in meinem Leben, die mir im richtigen Moment die richtigen Fragen stellen.

Katja

 

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tied&bond

Vielleicht habe ich wirklich in den letzten 30 Jahren so sehr an der Trauer festgehalten, weil ich dachte, dass ich dich endgültig verlieren würde, wenn ich nicht mehr um dich trauere. Als wäre die Trauer das einzige Band, das die Verbindung zwischen uns noch aufrecht erhält. Als würde es bedeuten, dich nochmal und noch endgültiger zu verlieren, wenn ich nicht mehr in diesem Ausmaß um dich trauere. Die Trauer loslasse.

Gestern war dein 30. Todestag und in den letzten 30 Jahren ging es mir nicht einmal am 24. November so (annähernd) gut wie gestern. Ich habe viel an dich gedacht, aber es war ok und tat nicht weh. Erst abends kamen die Tränen und auch das nur für kurze Zeit.

Heute Morgen war einer meiner ersten Gedanken, dass ich die Trauer vielleicht gar nicht (mehr) brauche. Da war zum ersten Mal der ganz klare Gedanke, dass es doch gar nicht die Trauer ist, die die Verbindung zwischen uns aus- und starkgemacht hat, sondern die Liebe. In deinen letzten beiden Jahren dann doch noch. Dann endlich. Dann so stark, dass sie so verdammt vieles nicht unbedingt geheilt, aber doch gelindert hat.

Erstaunlich, welche Knoten sich gerade in mir lösen.

Katja

er-ken-nen (Verb; jemand erkennt jmd./etwas; klar sehen)

„Moment! Ist Ihnen bewusst, was Sie mir da gerade über sich gesagt haben? Wie Sie das formuliert haben?“ „Hm, nein. Was meinen Sie? Ich weiß gerade nicht so genau, worauf Sie hinaus wollen. Ich habe gesagt, ich würde mir wünschen, dass jemand merkt, dass ich ein liebenswerter Mensch bin.“ „Ja, genau. Dass jemand Ihren Liebenswert oder Ihre Liebenswürdigkeit erkennt. Aber was setzt das denn voraus? Wenn jemand den Wert erkennen kann – nicht Ihnen einen Wert zuweisen, sondern den vorhandenen erkennen – dann ist zumindest zumindest inzwischen unbewusst die Erkenntnis bei Ihnen vorhanden, dass Sie ein liebenswerter Mensch sind. Sie hätten das sonst gar nicht spontan so formulieren können, wenn diese eigene Erkenntnis nicht inzwischen bei Ihnen einesickert wäre. Ihr Kopf hat das verstanden, da ist die Information verfügbar und zeigt sich in der unbewussten Formulierung, Sie müssen noch die Verbindung schaffen, das auch zu fühlen.“

Und dann sitzt du da mit offenem Mund und denkst eine Weile darüber nach und auf einmal wird dir bewusst, dass es so sein muss. Dass dein Selbsthass langsam aufweicht und Platz für andere Gedanken macht. Und dann sagt er noch „Jetzt wissen Sie vielleicht, wofür das gerade doch alles gut ist und war. Sie kommen dadurch wieder einen Schritt weiter auf Ihrem Weg.“ und du soifzt und sagst leise „wenn’s doch nur nicht so weh tun würde.“ Und dann redet ihr über den Schmerz und was da genau so weh tut und dass im Grunde auch das ein sehr alter Schmerz ist und nur das Loslassen der Illusion, da hier und jetzt Heilung finden zu können, es so schwer aushaltbar macht, denn zurück bleibt immer noch und immer wieder diese alte Sehnsucht.

Katja

Quicksand

Und dann reicht ein Satz aus, nein fast nur ein Wort und eine schlaflose Nacht und ein Gedanke, der dich nicht mehr loslässt. Und vielleicht war das der entscheidende Satz für den entscheidenden Gedanken, auf dem Weg herauszufinden, wo dir möglicherweise derzeit so viel von deinem ohnehin nicht besonders großen und recht neuen Selbstbewusstsein verloren geht. Like quicksand. I can’t stand. Ufff.

Jetzt erst mal rausfinden, wie rum die Katze da gerade im Kreis rennt, die sich selber in den Schwanz beißt und wie du da wieder rauskommst. Vielleicht ist das ähnlich wie beim Sport. Aufraffen. Ankämpfen. Machen.

Einatmen. Rücken gerade. Ausatmen. Brust raus. Und von vorne.

Was auch immer das noch ist,
was da leise durch den Kopf schwirrt,
hab den Mut und schmeiss es raus,
wenn es traurig in dein Herz irrt.

Wenn’s dich anschreit und nicht loslässt
und sich bitter in den Weg stellt
Mit dem Stolz von 1000 Seelen
gegen eine die ihr Wort hält

oooooh
Lass es los und lass es frei
ooooooh
Lass es gehn, dann gehts vorbei

(Jupiter Jones – Fulda Horasplatz)

Katja

Dieser Moment

…, wenn du das fehlende Puzzleteil, das du wochenlang überall gesucht hast, dann endlich irgendwo in der hinteren Ecke unterm Schrank findest. Wenn du es an seinen Platz legst und auf einmal das Motiv klar erkennen kannst, weil es nicht nur einfach ein fehlendes Teil, sondern DAS fehlende Teil war. Das Muster, dieses altbekannte, dieses vertraute, von dem du so lange nicht wusstest, welches es ist, liegt auf einmal deutlich vor dir und du merkst, wie du aufatmen kannst, wie du die anderen Teile in die Hand nehmen kannst und in Ruhe betrachten, wo sie hinpassen. Wenn es Klick in dir macht und sich ein Knoten endlich (endlich!) auflösen lässt oder zumindest schonmal lockerer ziehen, weil er auf einmal nicht mehr wie eingebrannt fest sitzt. Und wenn du dann merkst, dass da auf einmal wieder Platz in dir drin ist und Luft und Licht. Beim Aufräumen und Sortieren kannst du Dinge an ihre Plätze verräumen und nicht einfach nur einmal oder zweimal oder dreimal im Kreis tragen ohne zu wissen, wohin damit.

Und dann, wenn dir klar wird, dass du vermutlich tatsächlich erst mal schmerzhaft auf den Knien landen und vor Schmerz ein bisschen unten  am Boden liegen bleiben musstest, damit dir das fehlende Teil da hinten unter dem Schrank überhaupt ins Auge fallen konnte, da mischt sich unter die Wut auch ganz deutlich ein Stückchen Dankbarkeit, weil du dieses Mal weißt oder zumindest zu wissen hoffst, wie du das mit dem Muster auf die Reihe bekommen kannst und dann hoffst du, dass der Autonomiegewinn durch die Erkenntnis dir erhalten bleibt und die nächste Zeit überdauern kann.

Time will tell. Aber gerade in zuversichtlich.

Katja

 

Von fallenden Altwährungsmünzen

Dieser Moment, wenn der Groschen* noch zwei-, dreimal auf der Kante wippt, sich dabei immer ein Stückchen weiter neigt und dann schließlich wie in Zeitlupe fällt…

Da ist auf einmal ein passendes „ACH DARUM“ und es muss so groß geschrieben sein, weil es so bedeutsam ist, weil die Frage, die dieses Darum beantwortet so groß und so alt und so beharrlich über Jahre und Jahrzehnte in einem gebohrt hat und gebrodelt und gegärt und manchmal mit einer solchen Heftigkeit, dass da kaum Raum für andere Gedanken und Fragen war. Ganz zu schweigen von dem Schmerz, den das Warum jedes einzelne Mal verursacht hat. WarumwarumWARUMwarumWaRuM?

Und dann, in der Therapiesitzung das Ringen und die Tränen und das um-Worte-Ringen und das Nachdenken und dann auf einmal dieser Groschen, der kreist und kreist und sich weiter neigt und dann in Zeitlupe fällt. Ach DARUM! Und das muss ein Ausrufezeichen haben und eigentlich noch einen Paukenschlag. Und es ist so verwunderlich, dass sich das eigentlich gar nicht angekündigt hat. Da war vorher nicht irgendwie so eine Musik, wie sie im Film ertönt, wenn es spannend wird, wenn gleich etwas passiert, wenn zB die Protagonistin ganz alleine über den dunklen Pfad geht und Schritte hinter sich hört und man weiß, jetzt muss gleich was passieren, das wird hier nicht einfach so aus- und weitergehen. Aber nichts. Eben noch die Tränen und das Ringen um Worte und dann auf einmal ist der Zusammenhang da und da sind gar nicht genügend Hände, um sie vor die Stirn zu patschen, weil es eigentlich so offensichtlich ist. Wenn man’s erst mal weiß, wenn man den Zusammenhang erst mal gefunden hat.

Danach völlige Erschöpfung. Stille. Das muss erst mal sacken. Langsam. Erst mal abwarten und sehen, was der Kopf daraus macht.

Katja

[*die Älteren hier werden sich erinnern, so nannte man früher 10-Pfennig-Stücke, die Noch-Älteren werden sich erinnern, dass es schon im Mittelalter Groschen gab und der Begriff bis zu dieser D-Mark-Münzgeneration weitergereicht wurde]

Inception

Und dann erzählt sie zum hundertsten Mal, dass sie ihm das schon hundert Mal gesagt hat und du sagst zum hundertsten Mal deinen Text, den du immer an der Stelle sagst, nämlich, dass ja dann langsam auffällt, dass das nichts bringt und dass die Lösung also vielleicht irgendwie anders aussehen könnte und sie reagiert zum hundertsten Mal verschnupft und sagt zum hundertsten Mal, dass sie aber doch nichts anders machen kann und dass es ja vielleicht jetzt doch dieses Mal bei ihm angekommen ist und vielleicht ja doch dieses Mal alles ganz anders wird und dann noch ein bisschen später legt ihr auf und du fühlst dich – nicht erst zum hundertsten Mal nach einem solchen oder ähnlichen Gespräch – wie ein Luftballon, in dem nur noch ein letztes bisschen Luft zu finden ist, der ansonsten ganz schlapp und kraftlos im Wind vor sich hinbaumelt und es dauert eine ganze Weile und dann noch eine und dann wird dir zum ersten Mal die vollkommene Absurdität der Situation bewusst und dass das, was du ihr sagst, ja im Grunde auch für dich gilt, weil du mit deinen Worten genauso wenig zu ihr durchdringst wie sie mit ihren Worten zu ihm und dass das doch im Grunde genommen völlig egal und einzig ihr Bier ist, wenn sie es so und nicht anders haben will und dass du statt des ewig schalen Biers vielleicht doch lieber in Zukunft auf einen guten Schluck Rotwein umschwenkst und einfach gar nicht mehr reagierst, sondern sie einfach nur noch erzählen lässt, wenn sie das nächste Mal mit der ewig gleichen Schleife anfängt.

Katja (den Kreisel umschubsend)