141144

Heute Nacht um kurz nach 12 fiel mir auf, dass schon heute und nicht mehr gestern ist und unvermittelt ballte sich der Knoten in meinem Magen zusammen, der sich mindestens an diesen beiden erinnerungsträchtigen Tagen im November immer dort ballt. Heute dein Geburtstag, in 10 Tagen dein Todestag und wenn ich daran denke, dass es dreissig Jahre her ist, dass wir deinen letzten Geburtstag zusammen gefeiert haben, kann ich mir das selber kaum glauben. So viel Erinnerung liegt verschüttet, aber an diesen Tag erinnere ich mich noch genau – und noch deutlicher an unsere letzte Begegnung am Tag bevor du gestorben bist, wo du kaum noch Kraft hattest, dich nicht mehr aufrichten konntest, aber mich dann trotzdem mit all deiner gewohnten Kraft, die ich so lange Zeit meines Lebens gefürchtet habe und die erst in den letzten beiden Jahren deines Lebens Schutz bot, umarmt und an dich gedrückt hast.

Ich erinnere mich genau, wie oft du mich in den letzten Monaten förmlich gezwungen hast, mit dir über’s Sterben zu reden, obwohl ich das nicht wollte, weil du noch da warst und mir helfen wolltest, deinen Tod zu begreifen, damit ich nicht hinterher alleine vor der Aufgabe stünde und ich weiß gar nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll, dass ich dich – trotzdem – nach 30 Jahren immer noch vermisse.

Ich bin so weit vorangekommen in den letzten beiden Jahren, hab mich endlich getraut hinzuschauen und die Erinnerungen an meine Kindheit zuzulassen. Hab versucht, an die Wut heranzukommen. Heute Nacht bin ich gefragt worden, wie man jemandem verzeiht, der einen so lange geschlagen hat und ich habe versucht zu erklären, wieso ich das konnte und im Gespräch fiel mir (erneut) auf, dass ich mir das nicht nur schön rede, sondern dass ich dir wirklich – schon damals – vergeben habe. Daran ändert auch die Therapie nichts, daran ändert auch die Tatsache, dass ich mittlerweile wütend auf dich sein kann, für das was du getan hast, nichts.

Aber ich merke auch, dass ich dir eine einzige Sache immer noch nicht verzeihen kann und das ist dein Tod und dass du mich direkt wieder alleine gelassen hast, kaum dass ich endlich einen Vater hatte. Und während ich das schreibe, merke ich, wie in mir wieder ein winziges Puzzlestück des ‚warum ticke ich so wie ich ticke‘ an seinem Platz einrastet und mir zum ersten Mal ein Zusammenhang aufgeht.

Happy Birthday, Dad! Du fehlst mir immer noch!

Katja

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Ich habe gerade so viel Text an dich geschrieben und schaffe es heute nicht, ihn abzusenden und habe ihn stattdessen wieder gelöscht. Zuviel hat heute meinen Kopf durchdrehen lassen als dass ich das sinnvoll sortieren und in Worte fassen könnte und ich werde immer ratloser. Unzählige Male hab ich heute dein Gesicht vor mir gesehen, wie du mich anschaust und mir mit der Hand durch’s Haar wuschelst und mich kleines Wawuschel nennst. Die Nagelhaut hab ich mir nervös weggeknibbelt und manchmal glaube ich, dass ich jetzt seit verfluchten 29 Jahren das Gleiche mit dem Schmerz und der Trauer um dich mache. Immer wieder aufknibbeln, gar nicht bewusst und doch immer wieder den Schorf an einer Ecke, die sich löst, anheben und langsam von der ganzen Wunde abziehen. Und ich kann’s und kann’s nicht lassen und ich frage mich so oft, was du mir sagen würdest, wenn du das wüsstest und wie verdammt traurig es dich machen würde, mich so zu sehen. Und manchmal frage ich mich, ob es irgendwie leichter gewesen wäre, diese Sache mit der Vergangenheit zu überstehen und loszulassen, wenn wir diese letzten beiden Jahre nicht gehabt hätten. Wenn du nicht noch mein richtiger Vater und Freund geworden wärst. Wenn ich dich, statt nach 29 Jahren immer noch um dich zu weinen, hätte hassen können oder wenigstens noch wütend auf dich sein. Ich weiß, wie müßig solche Fragen sind – hätte, hätte Fahrradkette – und doch wüsste ich gerne, ob es dann leichter wäre. Oder einfach nur anders kompliziert.

Happy Birthday, Dad! Still missing you.

Katja

141144

So viel ist (mit mir) geschehen in den 12 Monaten seit deinem letzten Geburtstag und ich habe endlich das Gefühl, ein Stück auf dem Weg voranzukommen. So viele Jahre hat es mir eine wahnsinnige Angst gemacht, hinzugucken und in die Kindheitsgefühle reinzuspüren, mich bewusst zu erinnern an all die vielen Male, an denen du mich so geschlagen hast, dass ich tagelang nicht sitzen konnte, weil ich Angst hatte, diese Erinnerungen könnten jene, an unsere letzten beiden gemeinsamen Jahre überlagern und ich könnte dadurch die kurze Zeit, in der du mein echter Vater warst und ich deine echte Tochter war, überschreiben und statt der dankbaren und friedlichen Erinnerungen an dich, jene an den gewalttätigen Menschen heraufbeschwören, vor dem ich fast meine gesamte Kindheit Furcht hatte wie vor nichts anderem. So lange hatte ich Angst, ich könnte durch’s Erinnern als das verlieren, was ich je an Vater hatte…

Ich hab das trotzdem gemacht, trotz der Angst habe ich angefangen hinzugucken, um vielleicht endlich diesen Knoten in mir lösen zu können, um endlich den Schmerz in mir loslassen zu können. Vielleicht war das mein mutigster und wichtigster Schritt überhaupt, dieses Risiko einzugehen, ein Stück von dir zu verlieren, aber dafür ein bisschen von meinem eigenen Leben zu gewinnen. Ich bin da noch längst nicht am Ende, aber was ich jetzt schon weiss ist, dass du mir bleibst, weil das Band, das wir in diesen beiden Jahren, die jetzt schon unglaubliche 30 Jahre zurückliegen, stärker ist als die Angst und auch viel stärker als die ganz neu entdeckte Wut. Und diese Erkenntnis macht auch, dass ich es endlich schaffe, ein Stück weit das Vermissen loszulassen – ohne dass ich dich dafür loslassen müsste.

Happy Birthday, Dad!

Katja