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Heute Nacht um kurz nach 12 fiel mir auf, dass schon heute und nicht mehr gestern ist und unvermittelt ballte sich der Knoten in meinem Magen zusammen, der sich mindestens an diesen beiden erinnerungsträchtigen Tagen im November immer dort ballt. Heute dein Geburtstag, in 10 Tagen dein Todestag und wenn ich daran denke, dass es dreissig Jahre her ist, dass wir deinen letzten Geburtstag zusammen gefeiert haben, kann ich mir das selber kaum glauben. So viel Erinnerung liegt verschüttet, aber an diesen Tag erinnere ich mich noch genau – und noch deutlicher an unsere letzte Begegnung am Tag bevor du gestorben bist, wo du kaum noch Kraft hattest, dich nicht mehr aufrichten konntest, aber mich dann trotzdem mit all deiner gewohnten Kraft, die ich so lange Zeit meines Lebens gefürchtet habe und die erst in den letzten beiden Jahren deines Lebens Schutz bot, umarmt und an dich gedrückt hast.

Ich erinnere mich genau, wie oft du mich in den letzten Monaten förmlich gezwungen hast, mit dir über’s Sterben zu reden, obwohl ich das nicht wollte, weil du noch da warst und mir helfen wolltest, deinen Tod zu begreifen, damit ich nicht hinterher alleine vor der Aufgabe stünde und ich weiß gar nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll, dass ich dich – trotzdem – nach 30 Jahren immer noch vermisse.

Ich bin so weit vorangekommen in den letzten beiden Jahren, hab mich endlich getraut hinzuschauen und die Erinnerungen an meine Kindheit zuzulassen. Hab versucht, an die Wut heranzukommen. Heute Nacht bin ich gefragt worden, wie man jemandem verzeiht, der einen so lange geschlagen hat und ich habe versucht zu erklären, wieso ich das konnte und im Gespräch fiel mir (erneut) auf, dass ich mir das nicht nur schön rede, sondern dass ich dir wirklich – schon damals – vergeben habe. Daran ändert auch die Therapie nichts, daran ändert auch die Tatsache, dass ich mittlerweile wütend auf dich sein kann, für das was du getan hast, nichts.

Aber ich merke auch, dass ich dir eine einzige Sache immer noch nicht verzeihen kann und das ist dein Tod und dass du mich direkt wieder alleine gelassen hast, kaum dass ich endlich einen Vater hatte. Und während ich das schreibe, merke ich, wie in mir wieder ein winziges Puzzlestück des ‚warum ticke ich so wie ich ticke‘ an seinem Platz einrastet und mir zum ersten Mal ein Zusammenhang aufgeht.

Happy Birthday, Dad! Du fehlst mir immer noch!

Katja

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