Bleikristall

Und dann sitzt du da, die bleierne Müdigkeit, die den ganzen Tag auf dir liegt, wird immer schwerer und drückt dir auf die Lider und auf’s Gemüt. Oder ist es das schwere Gemüt, das dich heute so müde macht? Gemütsmüde. Nach zu wenig Schlaf, nach zu viel Grübeln. Es sind immer wieder die gleichen Kreise, die die Gedanken im Kopf drehen und sie winden und wickeln sich spiralig zum Labyrinth und du weißt nicht, wie du da rauskommen sollst. Und ob du da rauskommen willst. Also aus den Gedanken schon, aber sonst so insgesamt? Schwarz oder weiß? Warum nur fällt es dir hier so schwer, die Schattierungen zu sehen? Warum fühlt sich das so oft nach entweder_oder an? Das Rauszufinden wäre ja vielleicht mal ein Anfang, aber du denkst dich beim Draufrumdenken immer daran fest, verkeilst dich und landest mit einem Ruck immer wieder am gleichen Ausgangspunkt. Gehe zurück auf Los. Ziehe keine 4000 DM ein. Und dann beginnt die Runde von vorne und dein Blick fällt auf einen Zettel, der schon seit langem auf deinem Schreibtisch liegt „Du kannst nur dich selber ändern“ und du soifzt leise und denkst „wenn das ja doch mal so einfach wäre und was würde das in diesem Fall überhaupt genau bedeuten und überhaupt und uff?“ und du hast Angst, dass in deinem Inneren etwas in 1000 kleine Scherben zerspringen könnte und dann hängst du in der nächsten Spiralwicklung, weil wegen und weil weil. Weil. Weile. Verweilen.

Immer wenn sich nichts mehr tut, 
hab ich das Gefühl, es wird nie wieder gut.
Aber schon nach ein paar Schmerzen kommt der Mut zurück.
Und in den Venen fließt das Blut,
und ich hab das Gefühl es ist Feuer und Glut.
Und es strömt hin zum Herzen, und dann hat man wieder Glück.

(Lukas Meister – Weiter)

Katja

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Mit Anlauf.

Du merkst genau die Stelle mit dem Bruch, an der es leise in dir Pling macht und an der die Gedanken Anlauf nehmen, um wieder auf ihre gewohnten eingetretenen Kreisbahnen zu galoppieren. Du merkst die Stelle und du kommst nicht dagegen an. Du weißt genau, was da in dir passiert, weil es schon dutzende, hunderte, tausende Male passiert ist und kannst dich nicht wehren. Kannst nur versuchen, wenigstens einen Teil von dir, soweit aus dem Gedankenzirkus raus zu halten, dass du dir das ganze von außen betrachten kannst. Endlich mal zu- und draufgucken, versuchen zu verstehen, was dein Kopf da mit dir veranstaltet, in dir anrichtet.

Es geht seit Wochen und Monaten immer um die gleichen Themen. Selbstzweifel vs Selbstvertrauen. Und dafür, dass es um Selbstdinge geht, bist du viel zu wenig bei dir. Auch das weißt du und auch dagegen kommst du nicht an. Fühlst dich, obwohl doch verdammt nochmal eigentlich endlich der Frühling kommen sollte, die meiste Zeit wie ein Herbstblatt, das im Wind hin- und hertaumelt und du weißt nicht mal, ob ein Sturz nicht einfach besser wäre. Mit dem Gesicht nach unten zu Boden und einfach liegen bleiben. Einfach so bleiben. Manchmal erscheint dir alles besser, als dieses hilflose und nicht besonders selbstbestimmte Rumtaumeln. Aber vermutlich lägst du dann einfach nur auf dem Boden rum und das Denken und Grübeln und Zergrübeln würde doch nicht aufhören. Immerhin etwas, das du wirklich verdammt gut kannst.

Und dann ärgerst du dich wieder über dich selber. Fragst dich zum dutzendsten, hundertsten, tausendsten Mal, wieso du so bist, wie du bist. Wieso du so wenig aus deiner Haut kannst. Aus deinem Kopf kannst. Wieso du alles immer so verdammt kompliziert machen musst. Kompliziert denken. So lange denken, bis alles kompliziert ist. Und du galoppierst weiter in die nächste Spirale und der Selbsthass ist dir auf den Fersen. Und dann gleich noch ein bisschen mehr davon, weil er ins Quadrat springt über der Frage, warum du dich nicht einfach mögen kannst. Selbsthass als Auslöser von Selbsthass und du hasst deinen metaschwurbelnden Kopf noch ein bisschen mehr. Und wenn schon nicht mögen, warum nicht wenigstens akzeptieren, dass du du bist. Klar, natürlich sind da Dinge an dir die du ändern kannst. Aber vermutlich nicht dieses Grundsätzliche. Dieses immer und immer und viel zu viel denken. Und du kannst nur hoffen, dass es irgendwann vielleicht nicht mehr so viele Selbstzweifel sind, die dir durch den Kopf jagen. Dass da irgendwann vielleicht mehr Antworten als Fragen sind.

Katja