Orrrr / 5 to go

Ganz super. Da entdeckst du nach so vielen Jahren auch diese neuen, anderen Gefühle, kommst zum ersten Mal an sowas wie Wut ran, lernst es zumindest gerade, nicht immer nur Traurigkeit und Angst und Verzweiflung, sondern echt Mal Wut an genau den richtigen Stellen, wo sie passt und auch angemessen ist und dann kommt auch dieser ganze Ronz so oft wieder in Form von Tränen raus und nachdem du jetzt eine Weile wirklich viel weniger geheult hast als all die vielen letzten Jahre, verfällst du jetzt schon wieder in deine alte Heulsusigkeit, vergießt bittere Zornestränen aus Wut, weil du gar nicht weisst, wie du sie sonst rauslassen könntest, weil sie dir Angst macht, so groß und manchmal so unbeherrscht in dir drin und was läge da näher als sie in altvertrauter Form für Gefühlsäusserungen zu verarbeiten. Also wieder mal Tränen. Wütende. Und in dir drin bist du genauso genervt von ihnen, wie du von all denen aus Traurigkeit vergossenen bist und warst. Das muss doch alles auch irgendwie anders gehen, irgendwie so, dass du mal aufhören kannst, dich für deine Gefühle und deren Art an die Oberfläche zu drängen, immer noch und schon wieder selbst zu hassen…

Aber das ist ja noch so ein vertrautes Muster, aus dem du so leicht nicht rauskommst.

Katja

Kryptisches Gedankengeschwurbel über Gefühlswirrwarr / 23 to go

Alles anders. Da ist auf einmal Wut, ganz viel davon. Nie gekannt. Nie geahnt. (Natur-)Gewaltig. Sie bahnt sich ihren Weg nach aussen, drängt, poltert, wird laut, weiß noch nicht, wie das mit dem geordneten Ausbruch geht oder ob es das überhaupt gibt, einen geordneten Ausbruch. Ein bisschen ist das ja als wollte man einem Vulkan vorschreiben, wann und wo lang er gefälligst ausbrechen soll. Da ist auf einmal ein Selbst, das sich behauptet, für sich fordert, gar nicht mehr zaghaft, mit zartem Stimmchen bittend.

Dann passiert das gänzlich Unerwartete. Keine Erklärung, dass sie natürlich alles richtig gemacht hat und ja gar keine andere Wahl hatte und das ja gar nicht wusste. Stattdessen eine Entschuldigung. Nicht verstehend, nicht einsehend, aber trotzdem von der Wut so beeindruckt, dass sie kommt. Und natürlich dann doch noch, dass sie ja keine andere Wahl hatte und das so machen musste. Aber immerhin. Ein kleiner Hauch von Genugtuung weht durch den Raum.

Später dann alles wie immer. Das Schuldgefühl klatscht mit dem schlechten Gewissen zum High Five ab. Der Selbsthass tanzt im Takt der Selbstvorwürfe. Das kleine Stimmchen wimmert, will doch nur lieb gehabt werden. Der Magen krampft.

Und dann irgendwo, fast als käme sie von außen noch eine Stimme. Die, die sagt, das war schon ok so. Du hast nichts falsch gemacht. Du hast nichts ruiniert. Sie musste das wissen. Sie hat es so herausgefordert. Damit, dass sie immer nur an ihre Belange denkt und alles auf einmal will, ohne auch nur das Risiko einzugehen, etwas nicht zu bekommen. Keine Rücksicht auf Verluste bei anderen. Es ist mehr als verdient, dass sie das endlich wenigstens einmal zu spüren bekommen hat. Und du, kleines Stimmchen, du weisst doch genau, dass sie diese Sehnsucht nie stillen wird, es gar nicht kann. Aber schau, ich passe jetzt ein bisschen auf dich auf. Ssshhht.

Alles anders. Gleich. Bald. Achwasweissichdenn.

Katja

Pues claro prefiero aprender sin dolor

Und auf dem Weg begegnest du diesen wenigen Menschen im Leben, die irgendetwas in dir ansprechen, das dich denken lässt, du seist bei ihnen sicher. Die lässt du durch alle inneren Zäune und Mauern hindurch, ganz bis zu deinem Kern vordringen, legst ihnen Kopf und Herz zu Füßen, ziehst vor ihnen blank: Hier, das bin ich. Ohne Maske, ohne Schminke, ohne Fassade. Das hier ist die offenste, echteste und ehrlichste Version, die es von mir gibt und dir zeige ich sie. Bei dir will ich, dass du _mich_ siehst, so siehst, wie ich wirklich bin.

Es ist nur ein leises Klirren zu hören, tief in dir drin, nur ein feiner Sprung, den das Herz bekommt, wenn ausgerechnet einer dieser Menschen, dir zu verstehen gibt, dass du mit genau dieser Nähe bei ihm verkehrt bist, dass du lieber bequeme Lügen erzählen sollst.

Dann stehst du da mit Tränen in den Augen, die Arme in einer hilflosen Geste ausgestreckt und das erste ‚Aber…‘ bleibt dir fast im Hals stecken.

Bis du dich darauf besinnst, wer du bist, wie du bist und dass genau und ausgerechnet diese Offenheit und Echtheit und Ehrlichkeit, die Dinge an dir sind, die dich ausmachen, die dich zu dir machen. Mit dem zweiten ‚Aber…‘ bricht die Wut aus dir heraus und du fragst: was willst du denn überhaupt?! Wasch mich, aber mach mich nicht nass?! Und du merkst, inmitten des Strudels aus Ent*Täuschung, dass dieses vermaledeite 2015 doch ein gutes Jahr ist, weil diese Wut eine gute und neue Wut ist, die dich über die Hilflosigkeit und Kleinheit hinauswachsen lässt.

Und dann wird dir bewusst, dass das, was da gerade passiert, wohl bedeutet, dass du dir deiner selbst bewusst wirst. So fühlt sich das also an?

Katja

The good, the bad and the ugly

Gefühle ließen sich bei mir immer in diese drei Kategorien einteilen. Die ‚Guten‘, das sind all die positiven und ‚braven‘ Gefühle, die dafür sorgen, dass es mir gut geht. Bei den ‚Bösen‘ ist vor allem die Traurigkeit beherrschend. Und dann gibt es noch jene ganz bösen, hässlichen, die so böse und hässlich sind, dass ich sie nicht zugelassen habe, weggeschoben habe, durch andere ersetzt, überlagert habe.

Stolz war zum Beispiel so ein Gefühl. Stolz führt nämlich zu Eitelkeit. Eitelkeit zu Selbstüberschätzung. Selbstüberschätzung zu völlig überzogenem Ego und das ist so böse, dass ich nie so sein wollte. Also habe ich Stolz schon nicht zugelassen. Wenn mich jemand gelobt hat, war mir das unangenehm und ich habe das, was ich getan hatte, meine ‚Leistung‘ runtergespielt. Und wenn man das lange genug macht, dann ist alles, was man so macht, irgendwann ganz klein. Und dann ist man auch selber ganz klein, weil man ja nichts kann. Und alle, die das Gegenteil behaupten sind nicht klaren Verstandes. Oder einfach nur höflich statt ehrlich.

In der Königsklasse der ‚verbotenen‘ Gefühle rangierten Wut und Zorn ganz weit vorne. Wut habe ich immer als etwas aggressiv nach aussen gerichtetes empfunden. Und. So. Durfte. Ich. Nicht. Sein. Als Kind wäre es aus Gründen gefährlich gewesen, wütend zu werden, also wurde ich stattdessen traurig. Wo eine halbwegs normale Reaktion gewesen wäre, eine Tür zuzuknallen, mit Dingen rumzuwerfen oder rumzubrüllen, liefen mir nur Tränen über die Wangen. Das war immer so und das war für mich völlig normal. Ich ließ mir alles gefallen, wehrte mich nicht. Und wenn man in diesem Mechanismus ’schlechte Behandlung führt zu Traurigkeit‘ drin hängt, merkt man gar nicht mehr, wie man anfängt, sich die falschen Fragen zu stellen. Von ‚wieso macht der das? wieso behandelt der mich so schlecht? ich hab ihm doch gar nix getan.‘ schleichend hin zu ‚womit habe ich das verdient?‘. Und irgendwann denkt man dann, dass man’s sicher irgendwie verdient hat. Sonst würde es ja nicht passieren. Niemand würde ja grundlos einfach jemanden anderen mies behandeln.
Dieses verquere, naive Weltbild bin ich immer noch nicht so richtig losgeworden – auch wenn es schon viel besser geworden ist.

*

Meine erste Begegnung mit Wut liegt noch keine 10 Jahre zurück und ich kann mich noch genau daran erinnern. Ich saß am PC und chattete und mein ‚Gegenüber‘, ein Mensch, an dem mir damals viel lag, sagte etwas – ich weiss nicht mal mehr was – und ich merkte auf einmal meinen Herzschlag an der Kehle und einen stechenden Schmerz im Bauch. Total plötzlich, von jetzt auf gleich. Ich wusste nicht, was da gerade passierte und hatte einen ordentlichen Schrecken bekommen, weil ich dachte, das sei irgendwas Körperliches. Wir redeten weiter, das Gegenüber entschuldigte sich einige Sätze später und irgendwann nach einer Weile flauten die Schmerzen ab und verschwanden fast komplett. Irgendwann später ging mir auf, dass das Wut war, die ich in meinem Bauch gespürt hatte – dass man die nicht grundlos, diesem Teil des Körpers zuschreibt.

Danach wurde ich gelegentlich wütend und ich, die sich früher immer nur heulend in ’ne Ecke verkrochen hatte, wenn jemand ungerecht zu mir war, wurde zum ersten Mal laut, brüllte zum ersten Mal jemanden an.

Heutzutage, speziell in den letzten Monaten, merke ich immer häufiger, wie ich wütend werde, merke meinen Herzschlag im Hals, das Stechen oder auch gelegentlich ein flaues Gefühl im Bauch. Ich merke, wie meine Gesichtszüge einfrieren, meine Wangen glühen. Ich merke das so sehr, dass es mir gelegentlich Angst macht.

Es fühlt sich immer noch ‚falsch‘ an, Wut rauszulassen. Das ist böse, gefährlich, das darf ich nicht. Ich kann mittlerweile sagen ‚Das macht mich wütend.‘, das gestehe ich mir zu. Ich gestehe mir nicht zu, mit Türen zu knallen, Dinge zu werfen, rumzubrüllen. Wenn ich mal lauter werde, schäme ich mich dafür. Das Gefühl ist immer noch böse, hässlich, darf nicht sein.

Manchmal habe ich Angst, das irgendwann nicht unter Kontrolle halten zu können. Habe Angst vor Konsequenzen, die daraus folgen könnten, die Wut rauszulassen, statt sie zu unterdrücken. Immerhin erwartet das niemand von mir, so kennt mich ja niemand. Wieso sollte irgendwer dem mit Geduld und Verständnis begegnen, wenn ich’s selber nicht kann?

Und manchmal ist dieses körperliche Gefühl, dieses Pochen und Stechen so gewaltig. So viel mehr als die aktuelle Situation bedingen könnte, sollte, dürfte. Fast als hätte sich die Wut eines ganzen Lebens in mir angesammelt und wenn auch nur kleine Tröpfchen dazu kommen, brodelt der ganze Scheiss jedesmal rum.

Und ich denke, ich müsste das eigentlich rauslassen. Dosiert. Angemessen. Mir das nicht mehr verbieten. Aber ich hab sie so lange nicht gespürt, nie gelernt, damit umzugehen. Einigermaßen sinnvoll umzugehen. Also schreibe ich stattdessen lieber darüber, mit pochender Halsschlagader, starren Gesichtszügen und Stechen im Bauch.

Katja