Immunschwäche

Es sind immer wieder die gleichen Fragen, auf die das Leben™ dich zurückwirft, immer wieder die gleichen Zweifel, immer wieder die gleichen Ängste und Befürchtungen. Wenn es dir gelingt, einen Schritt beiseite zu treten, erkennst du deutlich die Muster – das Auge sieht was passiert, der Verstand begreift es – und doch sind die Gefühle gleich einem Kunstwerk von Escher und es scheint schier unmöglich den Knoten aufzulösen, die Täuschung und Illusion zu entwirren.

Die 3-jährige stampft zornig mit dem Fuß auf, bettelt, fleht, wirft sich heulend auf den Boden und du weißt nicht, wie du sie trösten sollst. Du schaffst es nicht mehr, streng mit ihr zu sein und ihr alles zu verbieten, seit du ihre Not einmal erkannt hast. Aber du weißt auch nicht, wie du ihr die Welt erklären sollst, ihr das geben, was ihr so dringend fehlt. Und so wendet sie sich nach außen, sucht, findet, strauchelt, fällt, schürft sich die Knie auf und ihr ertrinkt beide in Tränen. Sie trotzig, selbst-ver-zweifelt. Und du voller Hass auf die Kleine, weil sie so ist wie sie ist und dir das Leben so schwer macht und du kommst erst langsam dahinter, dass du so niemals einen Ausweg finden kannst, wenn du nicht endlich anfängst, die Verantwortung für sie zu übernehmen und dich liebevoll und geduldig um sie zu kümmern.

Das kann niemand außer dir. Die Lücke in ihr kannst nur du füllen. Akzeptiere das endlich. Es geht nur so.

Katja

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Superduperbonustraurigkeit und anderes Gedankengeschwurbel

Es sind seit Wochen eigentlich wieder nur die kleinen Anzeichen. Ich merke, dass ich wieder ganz häufig und eigentlich grundlos losheulen muss. Ich merke, dass ich mich einigle, nicht rausgehe, wenn ich nicht sehr dringend muss, dass ich wenig kommuniziere. Ich merke, dass mir die täglichen Dinge des Lebens wieder viel mehr Kraft abverlangen, dass es mir manchmal unheimlich schwer fällt, mich aufzuraffen, überhaupt irgendetwas zu tun.  Dann reisse ich mich zusammen, mache 1, 2 Tage lang furchtbar viel, weil ich weiss ‚viel hilft viel‘, denke ‚jetzt geht’s aber wieder‘ und falle im nächsten Moment wieder in mich zusammen, wie ein Luftballon, aus dem die Luft entweicht.

Ich will das nicht mehr und nicht wieder und ich beisse die Zähne zusammen. Ich will weder mir noch sonst jemandem gegenüber eingestehen, dass es mir eigentlich wieder viel schlechter geht, die Depression sich wieder in mir breit macht und mir Kraft und Mut aussaugt. Mir fehlt wieder die Erklärung, warum das denn überhaupt so ist. Es ist ja doch eigentlich gar nichts passiert, was diesen neuen Schub wieder ausgelöst haben könnte. Es ist ja nicht mal die dunkle und graue Jahreszeit, in der ich es ja wenigstens durch mangelndes Licht erklären könnte. Es ist nichts. Du darfst nicht fallen. Das summt die ganze Zeit in meinem Kopf. Als ob es die Depression interessieren würde, ob es einen Grund oder eine Berechtigung für sie gibt. Genau das ist es ja gerade.

Und in mir rattert die ewige Frage nach dem Warum. Nicht nach dem Warum ich überhaupt Depressionen habe (das weiss ich ja längst), sondern nach dem Warum zur Hölle ich es nach so vielen Jahren einfach immer noch nicht gebacken bekomme, darüber hinwegzukommen. Alle anderen bekommen ihr Leben auf die Reihe, nur du bist zu klein, zu unfähig, zu schwach, zu feige. Es ist immer und immer wieder die selbe Stimme mit den selben Worten im Kopf. Warum kriegst du’s nicht auf die Reihe?

Und dann wird es meta, denn es geht mir nicht nur schlecht, weil es mir eben gerade wieder schlechter geht, sondern auch noch, weil ich mich selber dafür fertig mache. Mir nicht zugestehen kann, dass es mir schlecht geht, wenn es keinen _objektiv anerkannten Grund_™, also known as Legitimation, dafür gibt, weil es dann nämlich wieder mal ein Zeichen persönlicher Schwäche und persönlichen Versagens ist. (Da ist schon wieder eine so große Diskrepanz in mir, denn es würde mich wahnsinnig ärgern, aufregen und auf die Palme bringen, wenn jemand sagte, Depressionen seien einfach nur ein Zeichen persönlichen Versagens und ich käme selber auch nie auf die Idee, das bei anderen so zu empfinden. Nur bei mir ist das so. – In Momenten, wo mir das auffällt, zweifle ich dann auch noch an meinem Verstand.)

Innerlich werde ich irre, im Kampf mit den eigenen Gedanken, als würden wirklich zwei Seelen oder Gehirne in mir streiten und das eine ist das klügere, das weiss, wieviel Schaden ich mir mit dieser Selbstabwertung immer selber zufüge und dass ich genau damit und mit der Unfähigkeit, mit mir selber liebevoll/verständnisvoll/tröstend umzugehen, vermutlich die Antwort auf die Frage, warum ich es nicht auf die Reihe bekomme(n kann), vor Augen habe. Aber dieser Teil von mir kommt nicht gegen den anderen an, denn der ist viel älter und stärker und führt sich auf wie ein brünftiger Platzhirsch.

Nach aussen merke ich, wie ich wieder in ein Vermeidungsverhalten rutsche. Nicht sagen/zeigen wie es mir geht, weil ich nicht weiss, wie ich es erklären könnte. Es ist so fucking schwierig zu sagen: ‚es geht mir schlecht. Nein, es gibt eigentlich keinen Grund dafür, also keinen akuten. Es geht mir aber trotzdem schlecht.‘
Ich weiss, wie hilflos ich mich demgegenüber bei anderen fühle, vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass es mir so schwer fällt, es auszusprechen, wenn es mir schlecht geht. Und immer noch haftet daran auch Scham. Kein Grund, keine Berechtigung, also Versagen. Schäm dich.
Und gleichzeitig steigt dann auch wieder diese Zusatzsuperduperbonustraurigkeit in mir auf, weil ich mich von allen abgeschnitten und isoliert fühle, weil niemand sieht und merkt, wer und wie ich bin. Und dann schäme ich mich wieder, denn wie könnte das jemand sehen und wahrnehmen, wenn ich so bemüht darum bin, die lächelnde Fassade nach aussen zu tragen und gar nicht sage und/oder zeige, wie es mir dahinter geht. Und wieder: Don’t blame it on sunshine, don’t blame it on moonlight, don’t blame it on good times, blame it on Katja.

Dann diese Momente, da fühle ich mich der Lösung (als ob es das tatsächlich so punktuell gäbe) so nahe. In den Augenblicken, in denen ich mitten im selbstabwertenden Gedanken merke, was ich da tue und innehalten kann. Aber das ist in der nächsten Minute schon wieder vorbei, weil dann die nächste Ebene schädlicher Gedanken einsetzt: Da schau her. Sie weiss sogar wie es geht und wie sie es aufhalten und lösen könnte und selbst dann kriegt sie’s nicht auf die Reihe.
Und dann lacht irgendetwas in mir, etwas anderes in mir höhnisch aus und ich sacke in mir zusammen.

You can run, but you can never hide
From the shadow that’s creepin‘ up beside you

Katja

diff/konf-us

Was ich gerade gut kann: von 0 auf heulendes Häufchen Elend in unter 10 Minuten. Meist bleibt nur vage, wird nicht greifbar, was das gerade auslöst. Oft ein diffuses Gefühl von Angst. Angst vor diesem, vor jenem, aber besonders vor diesem. Soviel Angst, dass ich mich nicht mal traue, genauer auf die Angst selber zu sehen, alles entgleitet mir, bricht zusammen wie die Sandburg im Regenguss. Und weil sie bei diesem so stark und dominant ist, wieder mal, merke ich, wie sie auch in die Bereiche reinschwappt, die ich eigentlich schon relativ sicher erobert hatte. Alles brüchig. Kein echtes, kein solides Fundament.

Ich traue mich nichts, dieser Tage, traue mir nichts zu. Wobei das ja kein Phänomen der aktuellen Zeit ist, das ist ja immer so. Kein Vertrauen in mich, in meine Fähigkeiten. Viele Dinge traue ich mich gar nicht anzufangen, weil ich Angst habe, sie nicht hinzubekommen. Angst vorm Scheitern, dem unverzeihlichen. Lieber erst gar nicht versuchen als zu scheitern.

Und ja, natürlich ist mir rational bewusst, was für ein Riesenblödsinn das ist. Aber das hilft dem ängstlichen Häufchen Elend nicht, denn es kommt überhaupt nicht bis zu dem Punkt, an dem ’na und?‘ die passende Reaktion auf die Angst wäre. Es sitzt da, gelähmt, mit offenem Mund und bewundert jene, die einfach machen können. Jene, die entweder das nötige Vertrauen in sich und die eigenen Fähigkeiten haben und jene, die gar nicht erst übergrübeln müssen, sondern einfach anfangen. Beide gleichermaßen bewundernswert, beweglich. Dagegen das starre, erstarrte Häufchen Elend und Angst.

Wie schwer es dann noch fällt, das Häufchen nicht noch zusätzlich fertig zu machen. Nix kannst du! Zu klein, zu dumm, zu doof, zu unfähig, zu…

Stattdessen angebracht wäre ein liebevolles ‚guck, du bist gar nicht unfähig. Du kannst das alles, du musst dich nur trauen. Und du kannst auch nichts dafür, dass du dich so oft nicht traust. Wie hättest du das lernen können, wo hättest du das hernehmen sollen? Aber jetzt bin ich bei dir und alles wird gut. Sssshhhhh.‘, auch das ist mir mittlerweile klar, aber wo soll ich das nur hernehmen in den Momenten, wo es am dringendsten ist?
OK, immerhin erkenne ich das mittlerweile überhaupt. Das ist ja auch schon was, wenn ich den Selbsthass wenigstens rational als falsch erkenne.

Die bitterste Lektion, die die Krankheit mich seit Jahren lehrt ist, dass Wissen und Erkennen schön und gut ist und auch beim bewussten Umdenken (das sich immer noch oft unnatürlich gezwungen und nicht wahr anfühlt) hilft, aber noch lange nicht beim Umfühlen.

*

Immerhin ein Erfolg heute: ich habe sämtliches Pflichtgefühl ignoriert und bin nicht ans klingelnde Telefon gegangen, sogar 2 mal, weil ich wusste, dass es mir hinterher schlechter gehen würde. (Wobei schon die mahnende Anruferanzeige dafür gesorgt hat, dass es mir schlechter ging. Vielleicht sollte ich die Anzeige vorübergehend in ’nänänä nänänä‘ oder irgendetwas anderes ändern, das mich in der Entscheidung bestärkt, das gerade häufiger zu ignorieren.)

Jetzt: Angst und Tränen runterschlucken, wenigstens den Einkauf erledigen, damit die innere Stimme mir wenigstens kein ’nicht mal das schaffst du‘ an den Kopf knallt.

Katja

mit tastenden Zehen

Und dann schlägt manchmal die Verzweiflung wie eine Welle über deinen Kopf und während du dich in der Pipeline befindest, das Unvermeidliche ahnend, heranspürend, atmest du noch einmal tief die von Tränen salzigfeuchte Luft ein, bevor es dich von den Füßen haut und dein Kopf und Körper vollständig unter Wasser geraten. Dann hältst du ganz still. Du lässt dich von der Woge unter Wasser ziehen, spürst die Strudel, die Kräfte, die deinen Körper umgeben, treibst nach unten, wissend, dass jedes dagegen Ankämpfen, jedes Strampeln bewirken würde, dass deine Kräfte aufgebraucht sind, so lange du unter Wasser bist, dass dir bald schon japsend das eiskalte Wasser in die Lungen strömen würde. Also hältst du ganz still. Hoffend, dass deine Luft ausreicht, bis du mit den vorsichtig tastenden Zehen den Boden spüren kannst, denn du weisst, dass er irgendwann kommen muss, um dich dann abzustoßen und mit der Strömung wieder aufzutauchen.

Katja