Sorry seems to be the hardest word

Ich würde so gerne verzeihen können. Nicht den alltäglichen Kleinkram, da gelingt mir das ganz gut, sondern die richtig fies großen Dinge, die schief gelaufen sind. Und, so egoistisch das vielleicht auch sein mag, ich würde das primär gerne meinetwegen können, damit die alten Geschichten endlich ihre Macht über mich verlieren, die alten Wunden nicht immer wieder auf’s neue aufreissen können, mir nicht immer wieder der gleiche Mist zusetzen kann.

Und ich weiss nicht, wie häufig ich schon an der Frage/dem Gedanken hing, um seiner selbst willen zu verzeihen, ganz für sich alleine, damit man loslassen kann. In vielen Dingen gelingt mir das auch, aber nicht in den großen, nicht in dieser Sache. Ich trage das im Kontakt auch gar nicht nach aussen, sprech’s nicht/selten aus, lass mir’s nicht anmerken, spiele das ‚alles cool and froody‘-Spiel mit, aber in mir drin brodeln diese Dinge immer wieder hoch und immer ist da die Frage nach dem ‚Warum‘.

Und ich merke immer wieder, wie ich an meiner persönlichen Grenze des Verzeihens festhänge, nämlich jener, dass es mir verflucht schwer fällt zu verzeihen, wenn beim Gegenpart nichts passiert, kein Verstehen da ist, was noch viel schlimmer ist als kein Bedauern. Bei ihr weiss ich doch, dass sie das nie verstehen wird, gar nicht verstehen will, ja nicht mal hingucken will, weil es ihr Lebenskonstrukt zum Einsturz bringen würde. Warum kann ich also nicht aufhören, darauf zu hoffen, dass sie irgendwann zuhören wird und hingucken und anfangen auszuhalten. Ich musste auch aushalten, jahrelang. Und das hat mein Leben so wesentlich geprägt und Weichen gestellt. Klar, ich hätte vermutlich nie gelernt, die eigenen Verhaltens- und Gedankenmuster so gründlich einzusortieren, aber der Preis…

Und dann schrecke ich hoch und denke ‚waah. Diese verbitterte Frau, das bin ich nicht. Das will ich nicht sein.‘ Aber ich kann es und kann es und kann es nicht abhaken und vergessen. Das nicht. Und das spielt ja auch für niemanden ausser mich selber eine Rolle, sie lebt in ihrer bunten Glitzerwelt und alle Versuche, nachhaltig diese Themen anzuschneiden scheitern. Nix hören, nix sehen, nix sagen. Was in der zurechtgebogengen Erinnerungswelt nicht vorkommt, hat nie stattgefunden. Kann ja auch gar nicht sein. Sowas doch nicht. Sie? Nein!

Hmpf. Ich merke, wie der Versuch, mich mit den Gedanken auseinanderzusetzen, mit einer Möglichkeit des Verzeihens auseinanderzusetzen nur immer wieder zu noch mehr Bitterkeit führt. Ich bin da nicht mit durch. Vielleicht ist es schlicht zu früh? Aber Herrje, wie lange soll das denn noch wie Kaugummi an meiner Sohle kleben? Ich will da irgendwann mit durch sein. Also weitersuchen, weitergrübeln, weiterforschen, was es dazu braucht. Hmpf.

Katja

 

Mich dunkel erinnernd, dass ich an diesem Thema schon häufiger rumgekaut habe, bin ich gerade wieder auf einen alten Artikel von fast auf den Tag genau vor einem Jahr gestoßen, wo ich schon in den fast gleichen Gedankenmustern hing und wo ihr mir schonmal ungeheuer wertvolle Kommentare hinterlassen habt, auf denen ich gerade wieder rumdenke.

Eigentlich ganz schön deprimierend, dass ich in dieser Sache in dem ganzen Jahr nicht wirklich voran gekommen bin und auch immer noch ziemlich ideenlos bin, wie ich damit umzugehen lernen kann.  *soifz* 😦

Gedankenverschwurbelungen, auch zum Verzeihen

Wieso versuche ich’s eigentlich überhaupt immer wieder? Verstehen tut’s sie’s doch eh nicht. Nur losheulen. Ist nicht die Welt grausam und gemein genug zu ihr? Hat sie nicht eh genügend durchgemacht? Und dann komme ich auch noch. Halte nicht die Fresse sondern piekse mit dem Finger, werfe ihr ihre Bequemlichkeit auf Kosten anderer vor. Und sie versteht’s nicht. Hängt so fest in ihrem „so bin ich nicht“ gefangen, dass sie nicht mal zuhört, einfach weiterhin ausblendet. Wieso bin ich eigentlich immer wieder so blöd, mich drauf einzulassen? Kann ich nicht einfach so tun als wäre das, was sie von sich gibt, normal? Freundlich benicken, was sie erzählt. Ich will nicht, dass sie heult. Ich will nur, dass sie wenigstens mal drüber nachdenkt, ihr vielleicht bewusst wird, wie sehr sie über Leichen geht. Und dass das wahrlich nicht neu ist.
Das schlechte Gewissen versetzt mir einen Schlag in die Magengrube. Kämpft gegen das aufmüpfige Ich, das behauptet, es würde endlich mal Zeit sich zu wehren, das endlich nicht mehr still ist. Das endlich nicht mehr zu allem nickt, nur weil ein Nicken erwartet wird.

Ich sehe die pummeligen Vögel, die in letzter Zeit fast immer da sind, vorm Fenster, auf der Terassenbalustrade hin- und herflitzen. Der braune jagt den schwarzen, dann umgekehrt. Und wieder in die andere Richtung. Jetzt habe ich die Tränen in den Augen, fühle mich ausgepowert, leer, begrabe meine Pläne für den restlichen Tag, will mir am liebsten nur noch die Decke über’n Kopf ziehen. Ich frage mich, ob Fresse halten weniger anstrengend war, wohl wissend (oder zumindest hoffend?), dass das eine Einbahnstraße war, dass ich gar nicht mehr würde umdrehen können. Dass der Aufschrei endlich automatisch kommt, sich reflexartig äussert. Eigentlich sollte sich das doch gesund anfühlen. Wieso kann ein Selbstschutzimpuls soviel mehr Kraft kosten als Stillzuhalten? Liegt es daran, dass ich eben nicht das skrupellose Biest bin als dass ich mich fühle, wenn ich ihr so Widerworte gebe? Dass es mir nicht egal ist, wie’s ihr geht? Und trotzdem kann ich nicht mehr still sein.

Bin ich vielleicht doch das skrupellose Biest? Ich will nicht, dass sie sich eine heile Welt zurechtlügt, in der sie die strahlend gütige aufopferungsvolle Hauptrolle spielt. Die Welt war nie heil. Sie war alles andere als das. Bin ich so kalt und unversöhnlich, dass ich das nicht einfach abtun kann? Dass ich ihr heile Welt Spiel nicht mitspielen kann?
Vielleicht muss ich lernen, dass Verzeihen nur etwas mit mir zu tun hat, nicht mit ihr? (Ist das so?) Sie wird nichts einsehen oder bedauern. Wie auch? Was auch? Sie verdrängt alles Dunkle und dreht sich stets ins Licht.

Ich weiss, dass das alles wieder mal sehr wirr ist. Das ist auch eigentlich wieder nur mal ein Kopfinhalt rauskippen und nur für mich gedacht. Falls aber ohnehin jemand bis hierhin mitgelesen hat, wage ich mal was Neues und frage auch direkt, weil ich gerade wirklich die letzte halbe Stunde an dem Gedankengang hänge, ob Verzeihen etwas ist, das der Gegenseitigkeit bedarf oder ob das etwas ist, was man ganz alleine für sich im stillen Kämmerchen ausmachen muss. Wie sehr ist Verzeihen auf der einen Seite von Bedauern / Reue / Entschuldigungen auf der anderen Seite abhängig?

Ich war nie rachsüchtig oder musste Dinge heimzahlen, aber bei genauerer Überlegung, fällt es mir auch wirklich schwer, Dinge zu verzeihen, die derjenige, der sie mir „angetan“ hat, nicht bereut. Ich kann aber gar nicht einschätzen, ob das ein normales übliches Muster ist oder ob nur ich mir damit aus diversen Gründen schwer tue.

Ich wäre sehr dankbar, ein paar Gedanken zu dem Thema zu lesen, die nicht aus meinem (eingeschränkten) Sichtfeld stammen.

Katja