Kraftgrenze

Manchmal reicht eine wirkliche Kleinigkeit aus, um mir wieder mal deutlich vor Augen zu führen, wie wacklig das alles ist.

Ich war heute aus Gründen nicht in der Kleinen Stadt sondern in einem Nachbarort einkaufen. Im Grunde in den gleichen Läden, in die ich auch hier gehe und doch hab ich zwischendrin irgendwann gedacht, ich müsste dringend aus dem Laden flüchten und nach Hause fahren und mir schnellstmöglich die Decke über den Kopf ziehen.

Das, was mir hier mittlerweile seit vielen Jahren (zumindest meistens) wieder total ’normal‘ erscheint und worüber ich meist nicht viel nachdenken muss, hat mich heute alleine dadurch total geschafft, dass es nicht in der vertrauten Umgebung stattfand. Die Läden, auch wenn sie zu den gleichen Ketten gehören, sind anders eingeräumt, nichts da, wo es hingehört, kein vertrautes Gesicht beim Personal… Wieviel Sicherheit mir diese kleinen Dinge üblicherweise geben und wie sehr die mich vor der Angst schützen und bewahren, ist mir gar nicht mehr bewusst. Man bemerkt Ich bemerke sowas tatsächlich oft erst dann, wenn es fehlt, wenn es anders ist. Wenn ich Sachen suchen muss, statt sicher den Arm an der richtigen Stelle auszustrecken und nach den Dingen zu greifen. Suchen, den Blick schweifen lassen, diese unsicheren äusseren Gesten machen mich auch innen unsicher.

Ich bin nicht rausgelaufen und nicht nach Hause geflüchtet, um mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Ich bin sogar hinterher noch hier zum Lieblingsbäcker (juhu, ein vertrautes Gesicht!). Aber kaum, dass ich zu Hause war, fühlte ich mich wie ein Luftballon, dem gerade sämtliche Luft entwichen ist. Umfassend erledigt.

Und stattdass ich mich drüber freuen könnte, dass ich nicht mittendrin aufgegeben habe, ärgere ich mich darüber, dass mich das so fertig gemacht hat. Dass ich da längst nicht so stark und sicher bin, wie ich dachte, zumindest nicht, wenn irgendwelche vertrauten, Halt gebenden Parameter wegfallen. Und ich weiss, dass der Ärger total doof ist und ich lieber von der anderen Seite aus drauf gucken sollte und doch geht das gerade gar nicht und ich sehe nur das, was nicht geht, statt das, was geht.

Ätzend das!

Katja

Na und ob!

Das Ausmisten der Schränke, dem ich mich hier gerade endlich stelle, sorgt auch dafür, dass in meinem Inneren viel in Aufruhr versetzt wird. Wahrscheinlich geht das gar nicht anders, wenn man ein Mensch ist, der sehr an Dingen hängt, der Erinnerungsstücke nicht gut loslassen kann und irgendwie fürchtet, mit dem Loslassen der materiellen Dinge, auch die Erinnerungen zu verlieren. Natürlich weiss ich, dass letzteres Blödsinn ist und dass ich diese ganzen Sachen nicht brauche, um mich zu erinnern, und trotzdem ist da dieses seltsame Gefühl.

Es sind aber nicht nur diese Gedanken, die aufgewirbelt werden, auch ein paar Erkenntnisse über mich rasten wieder ein, wenn ich mich selber dauernd frage, weswegen es mir immer so schwer fällt, Anfänge zu finden, weswegen ich mir so oft selber im Weg stehe. Das auch alles, weil ich endlich wieder begonnen habe, mit jenem Buch zu arbeiten, über das ich hier ausgiebig schrieb, das bringt auch wieder viel in Bewegung.

Die Antwort ist wie (fast) immer: Angst. Hier konkreter: die Angst, Fehler zu machen.

Tief in mir ist irgendwo verankert, dass ich keine Fehler machen darf. Denn – Fehler haben direkte negative Konsequenzen. Missachtung. Missbilligung. Misshandlung.

Und noch einen Schritt früher: Das kannst du nicht. Mach das nicht, das wird doch eh nichts. Lass das lieber bleiben. Lass das, du kannst das doch gar nicht. Jetzt glaub doch nicht, du könntest das. Mach das nicht, sonst passiert x. Wenn du das machst, passiert x.

Diese Stimme in meinem Kopf, die mir mein Leben lang einredet, dass ich zu unfähig und zu blöd, zu klein, zu dumm, zu schwach, zu ungeschickt, zu . zu . zu . bin, bekommt gerade beim Nachforschen und der Auseinandersetzung – warum zur Hölle ich mir so wenig zutraue / mich so wenig traue – eine andere Stimmlage, wird zu der Stimme, die mir all diese Sätze in meiner Kindheit ganz real eingeredet hat, anstatt mir irgendwann mal Mut zu machen oder mich aufzumuntern.

Zum ersten Mal merke ich den Ursprung und dass der vielleicht gar nicht unbedingt aus meiner Erfahrung mit mir rührt (ey so schlecht bin ich doch gar nicht, verflucht! – bei allen Dingen, die ich ernsthaft angepackt habe, eher das Gegenteil, Klassenbeste, dann bestes Ausbildungsergebnis, dann bestes Jahrgangsabi, dann Studienstiftungs-Stipendium, dann gleich 3 Profs, die mir Hiwistellen angeboten haben – zumindest diesen intellektuellen Shice habe ich doch immer einigermaßen hinbekommen), sondern dass das immer der Nachhall jener Sätze ist, die ich in meiner Kindheit so oft gehört habe.

Das kannst du nicht.

Und ich habe das immer ungeprüft geglaubt, nur auf das geguckt, was ich nicht auf Anhieb hinbekommen habe und mich damit voll bestätigt gefühlt.

Ich glaube, jene Phase in meinem Leben, in der ich mir ziemlich viel selber zugetraut habe war, nachdem ich das Rauchen aufgegeben hatte. Damit hatte ich etwas geschafft, von dem ich 20 Jahre lang annahm, es nicht zu können, das gab mir Zuversicht in mich selber wie nichts zuvor, an das ich mich erinnern könnte. Damals war mein ‚Mantra‘: Ey, du hast es geschafft, nicht mehr zu rauchen. Dann kannst du doch auch alles andere!

Da möchte ich gerne wieder hin. Zuversicht, ein bisschen mehr Zutrauen in mich und in meine Fähigkeiten.

Also. Ab jetzt der Versuch, jedem inneren „das kannst du doch eh nicht“ ein „keine Angst, das klappt schon“ entgegenzuhalten. Für jedes „das wird doch eh nichts“ ein „du kannst das“ und für jede Angst davor, einen Fehler zu machen, die Beruhigung, dass selbst wenn, die Welt nicht untergeht.

Ufff. Mal sehen, ob das klappt.

Katja

 

 

Vorsatz (einziger, wichtigster, bester)

Gerade tauchen wieder allerorten in den Blogs die Jahresrückblicke auf und wie in jedem Jahr fragt dann eine Stimme in meinem Kopf „Und was hast du eigentlich vorzuweisen? Was hast du gemacht und erreicht?“

Seit 3 Jahren (vielleicht auch länger, aber für diese drei Jahre ist es mir sehr bewusst) habe ich wieder einmal das Gefühl, selber kaum Einfluss auf mein Leben zu haben. Die Zeit rennt mit Warp 9 vorbei und ich komme kaum hinterher, fühle mich ausgepowert und wie es mir geht hängt mehr von dem ab, was von aussen auf mich einprasselt als dass ich das Gefühl hätte, selber irgendwie mitmachen zu können, daran beteiligt zu sein. Und von aussen prasselten in den letzten drei Jahren jeweils große ‚Baustellen‘ auf mich ein, die mir den Schlaf geraubt und mich mehr Nerven gekostet haben, als mir lieb ist. Ungefähr immer im September wird mir dann klar, dass das Jahr fast gelaufen ist und dass es wieder einfach an mir vorbeigezogen ist und ab dann ist quasi mein Mantra für den Rest des Jahres 201x wird alles besser! Und dann kommt 201x und der gleiche Murks geht von vorne los und nix ist besser, sondern es passiert noch absurderer Mist um mich rum, auf den zu reagieren mich so viel Kraft kostet, dass keine zum Agieren übrig bleibt.

Vor einigen Wochen hatte ich den Gedanken, dass ich mein Leben vielleicht wieder mehr in Projekte – oder eher umgekehrt: im nächsten neuen Jahr vielleicht wieder mehr Projekte in meinem Leben anpacken sollte, um das Gefühl zu haben, auch zu machen und nicht immer nur zu reagieren. Im Kopf schreibe ich seitdem an einer langen Liste von Dingen, die ich anpacken und machen könnte und wollte und ich überlege eigentlich nur an der Form, in die ich sie packen könnte, weil alles gleichzeitig geht auf keinen Fall, das endet wieder sofort in gnadenloser Überforderung, die zwangsläufig zum Scheitern führt und dann passiert genau das Gegenteil des Beabsichtigten – ich fühle mich noch mehr als Versagerin, statt das Gefühl zu haben, etwas zu können / zu schaffen.

Dann vorhin unter der Dusche (geht euch das auch so, dass euch solche Gedanken (und die Tränen) immer unter der Dusche einholen?) überlegte ich weiter darauf herum, ob ich mir diese Dinge, die ich gerne machen würde, diese Projekte, tatsächlich als eine Art Vorsätze für’s nächste neue Jahr formulieren und aufschreiben sollte und dann schweiften die Gedanken und ich musste wieder daran denken, dass ich wieder mal nicht in der Lage bin, 2014 auf irgendeine Art und Weise, die über „war ein doofes Jahr“ hinausgeht, zusammenzufassen und ich überlegte, ob ich mir mit all den Vorsätzen/Plänen nicht eigentlich viel zu viel vornehme und ob ich nicht statt zu planen und aufzuschreiben, nicht lieber wieder mal einfach machen sollte und gucken, wie weit ich komme. Und dann überlegte ich noch weiter, wieso ich das eigentlich alles machen will und wenigstens diese Antwort ist leicht: um mich besser zu fühlen, um glücklich(er) zu sein und da kamen dann auch die Tränen…

Eigentlich ist das alles nämlich Augenwischerei und Ablenkung, von dem, was ich mir tatsächlich als Vorsatz, als Projekt, als Plan und als großes und großartiges Ziel für 2015 vornehmen sollte. Für das, was eigentlich dafür verantwortlich ist, ob und wie glücklich ich bin und ob und wie sehr ich das Gefühl habe, mein Leben irgendwie in der Hand oder sogar im Griff zu haben.

Hier also mein einziger, wichtigster, bester Vorsatz für’s nächste neue Jahr, für 2015:

In 2015 will ich lernen, mich selber zu lieben.

Ich will lernen, mich zu mögen, zu akzeptieren, stolz auf mich sein zu können, mir zu verzeihen und mit mir Geduld zu haben. Mir macht das große Angst, weil ich (noch) nicht weiss, wie ich da hin- und ankommen soll. Aber es ist verdammt nochmal an der Zeit, diesen Weg endlich (wirklich) einzuschlagen.

Euch allen von Herzen alles Gute für ’s nächste neue Jahr, für eure Pläne, Wünsche und Ziele in 2015!

Katja

Nerv getroffen

Das mit dem Nerv ist gestern in Spanisch passiert. Ich war völlig durch den ganzen Tag, weil ich nächtelang gar nicht oder nur sehr wenig geschlafen hatte und viel unterwegs war über Pfingsten. Gestern Mittag hatte ich dann auch keine Konzentration, um mich an die Hausaufgaben zu setzen und war abends also ohne erledigte Aufgabe im Kurs. Die Grundaufgabe ist immer die gleiche: um das Verfassen von Texten zu üben, schreiben wir auf und lesen dann im Kurs vor, was wir am vergangenen Wochenende gemacht haben. Damit haben wir angefangen als wir vor über einem Jahr die erste Vergangenheitsform gelernt haben und ich mag die Übung eigentlich sehr, weil es nicht nur dafür sorgt, dass wir was durchnehmen, was das doofe Buch nicht vorgibt, sondern weil man dadurch auch die Leute im Kurs sehr viel besser kennengelernt hat – immerhin erzählen wir uns seit über einem Jahr, was wir an den Wochenenden unternehmen. Jetzt hatten wir dooferweise in der letzten Woche eine neue Zeit gelernt – das Indefinido, das noch dazu die richtige Zeit für diesen Zeitraum in der Vergangenheit ist und den Text direkt in der neuen Zeit zu verfassen wäre mir gestern zu viel Herausforderung gewesen.

Und dann komme ich in den Kurs und als ich mich auf Spanisch stammelnd entschuldige, weil ich die Aufgabe nicht gemacht habe, weil ich so alle bin, sagt die Spanischlehrerin mir, ich könne das doch immer so gut, wenn ich’s aufschreibe, ich solle das jetzt einfach frei runterquasseln.

„Jetzt enttäusch mich nicht.“

Und wäre ich nicht mit meinem Matschhirn eh schon völlig überfordert gewesen, hätte sie das spätestens mit diesem Satz geschafft. Enttäusch mich nicht. Meine Wangen brannten heiss und ich stammelte mich durch 3 halbe Sätze, bei denen mir selbst die einfachsten Vokabeln nicht einfallen wollten und der Kloß in meinem Hals wurde immer größer und ich konnte kaum gegen die Tränen ankämpfen und habe dann möglichst schnell die Frage an den Banknachbarn weitergegeben.

Ich ärgere mich so wahnsinnig, dass ich an dieser Stelle nicht einfach ‚Stopp‘ sagen und die Aufgabe verweigern konnte, ich konnte ja vorher ahnen, dass das gestern nicht klappen konnte. Und irgendwie war das ganz schön demotivierend, angesichts der Tatsache, dass ich bis 10 Minuten bevor ich losmusste, mit mir gerungen habe, ob ich nicht lieber schwänzen sollte, weil ich so fertig bin. Aber dann habe ich mich aufgerafft und das sogar noch ein zweites Mal, weil ich als ich gerade losgefahren war gemerkt habe, dass ich komplett ohne Tasche und Spanischsachen ins Auto gestiegen war, was ja nochmal ein deutliches Zeichen dafür war, wie sehr ich durch den Wind war und das geht dann so aus.

Dieser Satz war wie ein Katapult in die Vergangenheit. Und ich weiss nicht, ob ich mir das hinterher nur eingebildet habe, dass sie den ganzen restlichen Abend mit mir geschmollt und mich grantig angeguckt hat, weil ich bei der Aufgabe so kläglich versagt habe (manchmal habe ich den Eindruck, dass es ganz unabhängig von meiner dahingehenden Prägung bei ihr einen ähnlichen Effekt gibt, dass sie unseren Ehrgeiz und unsere Bemühungen als Sympathiebekundungen für sich verbucht und das Ausbleiben dessen, sich dann eben für sie auch doof anfühlt). Aber ich habe hinterher auf der Heimfahrt, als ich über die Situation nochmal nachgedacht habe, gemerkt, wie tief das immer noch in mir verwurzelt ist. Wie sehr mein Selbstwert von meiner Leistung abhängig ist, weil es sich für mich immer noch so anfühlt als sei die Wertschätzung, die ich von aussen erfahre direkt an meine Leistung und mein Funktionieren gekoppelt. Und wer versagt ist nichts wert. *soifz*

Katja