tied&bond

Vielleicht habe ich wirklich in den letzten 30 Jahren so sehr an der Trauer festgehalten, weil ich dachte, dass ich dich endgültig verlieren würde, wenn ich nicht mehr um dich trauere. Als wäre die Trauer das einzige Band, das die Verbindung zwischen uns noch aufrecht erhält. Als würde es bedeuten, dich nochmal und noch endgültiger zu verlieren, wenn ich nicht mehr in diesem Ausmaß um dich trauere. Die Trauer loslasse.

Gestern war dein 30. Todestag und in den letzten 30 Jahren ging es mir nicht einmal am 24. November so (annähernd) gut wie gestern. Ich habe viel an dich gedacht, aber es war ok und tat nicht weh. Erst abends kamen die Tränen und auch das nur für kurze Zeit.

Heute Morgen war einer meiner ersten Gedanken, dass ich die Trauer vielleicht gar nicht (mehr) brauche. Da war zum ersten Mal der ganz klare Gedanke, dass es doch gar nicht die Trauer ist, die die Verbindung zwischen uns aus- und starkgemacht hat, sondern die Liebe. In deinen letzten beiden Jahren dann doch noch. Dann endlich. Dann so stark, dass sie so verdammt vieles nicht unbedingt geheilt, aber doch gelindert hat.

Erstaunlich, welche Knoten sich gerade in mir lösen.

Katja

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Neulich™ beim Training

„Probier das demnächst mal mit geschlossenen Augen und guck, was sich da anders anfühlt.“, sagte S. letztens und dann sitze ich also da, den Rücken gerade, die Brust vorgestreckt, die Hände an den Griffen, schließe die Augen, ziehe auseinander und atme aus, bewege die Arme nach vorne und atme ein. Das geht langsamer als sonst, das merke ich sofort. Ich ziehe auseinander, atme aus, spüre genau die Stelle bis zu der es geht, ohne wehzutun, merke, dass ich die Schultern hochziehe, hebe das Kinn, zusammen und einatmen. Musik im Ohr, meine Musik, fast immer die gleiche, wenn ich hier bin, aber ansonsten bin ich gerade ganz alleine. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Drei. Die geschlossenen Augen blenden die Menschen, die außer mir noch da sind, aus. Ziehe auseinander, atme aus, spüre zum ersten Mal genau, welche Muskeln hier gerade beansprucht werden, zusammen, einatmen. Vier. Ich merke, dass – so oft ich auch schon da war und genau die gleichen Bewegungsabläufe durchgeführt habe – ich noch nie SO da war. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Fünf. Nie so wie jetzt. Ich weiß ohne hinzusehen, wo ich anhalten muss, wie weit die Kraft reicht. Auseinander, ausatmen, ok oder doch nicht, autsch zu weit, zusammen, einatmen. Sechs.

Und dann schweifen die Gedanken ab und doch nicht ab, sondern rein. Fokus, nicht nach außen, sondern endlich (endlich!) wieder einmal nach innen. Reinhören. Reinspüren. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Sieben. Was tut gut? Was tut weh? Wo sind die Grenzen?  Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Acht. Die Augen geschlossen, das Außen ausblenden.  Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Neun. Was will ich und was nicht? Zehn. Was kann ich und was nicht? Elf. Und die Erkenntnis (wieder einmal, listen and repeat in Dauerschleife, bis es irgendwann bei mir ankommt), dass ich die Antworten nur innen finden kann. Zwölf. Die Kleine wird leiser, endlich, hört (nochmal) endlich auf, so viel Kraft zu verschlingen mit ihrer Traurigkeit und Trauer, ihrer Wut und dem trotzigen Fußaufstampfen. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Dreizehn. Schultern zurück, Kinn hoch, Rücken gerade, Brust vor.  Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Vierzehn. Und jetzt das ganze innen: Schultern zurück, Kinn hoch, Rücken gerade, Brust vor. Auseinander, ausatmen, zusammen, einatmen. Fünfzehn.

Augen auf!

Katja

Momentbestandsaufnahme

Dann bist du krank und zwei Tage geht gar nichts und der Kopf ist wie mit Watte gefüllt und die Welt rundum dumpf und obwohl dich das ganze Kranksein – schon wieder Kranksein – nervt, bist du doch ganz froh über die Watte im Kopf und die Ruhe, die daraus entsteht, denn da wo viel Watte ist, ist kein Platz für allzu viele Gedanken. Da können sie überhaupt nicht ausholen und kreiselnkreiselnkreiseln und noch eine Schleife und sich verheddern und aufundab und dich dabei mitreißen. Zwei Tage Ruhe, zwei Nächte mit immerhin einigermaßen ausreichend Schlaf und dann ist diese ganze Krankseinfunktionsshice so ins System integriert, dass das Grübeln, einfach so, wieder nebenbei funktioniert und da ist zwar immer noch Watte im Kopf, aber die Zweifel drücken sie immer fester zusammen, nehmen immer mehr Raum ein, machen sich breit, kreiselnkreiseln und von vorne. Zu viele offene Baustellen auf einmal und du kommst nicht mehr hinterher beim Sortieren und Einordnen.

Und dann ist da so viel Traurigkeit in den letzten Tagen und Wochen und immerhin davon weißt du mittlerweile, was es mit ihr auf sich hat oder hast zumindest eine ziemlich starke Ahnung darüber, weißt, dass sie zwar im Jetzt getriggert und ausgelöst wird, aber eigentlich so weit in die Vergangenheit gehört, wie du überhaupt nur denken kannst. Du schaffst es zum ersten Mal, dir diese alte Sache überhaupt anzuschauen, nicht wegzuzucken, sie nicht wegzuschieben, sondern die Gefühle zuzulassen und den uralten Schmerz und das, wo er herkommt, zu betrachten, die Verzweiflung und Not zu spüren und das kostet Kraft und ist unendlich anstrengend, aber trotzdem ist da auch so etwas wie Hoffnung in dir, dass dir das Loslassen vielleicht doch irgendwann noch gelingen wird…

Katja

Ach und trotzdem.

Und dann merkst du irgendwann, du kannst das nicht, nicht so, merkst wie die Wunde jedes Mal wieder aufplatzt, wie es jedes Mal wieder weh tut und dass du dich nicht mehr darüber freuen kannst, sondern nur noch traurig bist.

So funktioniert das nicht. Du dachtest, es ginge ok so und dass du damit klar kommen könntest, aber diese Sache, da geht das nicht, da geht kein Ungleichgewicht, da geht nur Augenhöhe, sonst ist es irgendetwas anderes und ganz anders als das, wie es für dich (ge)passt (hat).

Aber dann merkst du, bei all den Tränen, immerhin, dass es hier um Selbstschutz geht, vielleicht zum ersten Mal überhaupt und dass der gerade wichtig für dich wird, du ihn dir zugestehen kannst und scheinbar doch endlich anfängst, auf dich achtzugeben.

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Katja

 

Wenn man unter der Dusche heult, kann niemand die Tränen sehen. Nicht mal man selber.

Wenn mich jemand, von dem ich eine Weile nichts gehört habe, fragt, wie es mir geht, sage ich fast immer ‚meistens ganz gut‘ und eigentlich stimmt das auch. Ich bin in den letzten Monaten und Jahren gut vorangekommen. Die meisten Dinge, die mich vor einigen Jahren vor Angst erstarren ließen, die Panikattacken auslösten, mache ich mittlerweile so nebenbei und bin mir dessen kaum noch bewusst. Ich habe viele Dinge (heraus-)gefunden, die mir gut tun, die mich erden. Primär Kram, den ich mit den Händen mache, als Ausgleich für all das Grübeln und nicht aufhören können zu denken. Und ich packe viele Dinge an, die sich früher wie unüberwindbare Berge vor mir auftürmten, mache viel mehr – noch mehr seit Anfang diesen Jahres, das ich mir für’s Machen ausgesucht habe – als vor einigen Jahren, wo häufig alleine aufzustehen und mir ein Brot zu schmieren sämtliche Kraft gekostet haben, die ich für einen Tag zur Verfügung hatte.

Und zwischen all dem Machen, oder wenn Machen gerade wieder mal nicht geht, wie vor einigen Tagen, wo ich stattdessen nur gelesen habe, was im Grunde aber auch nichts anderes als Machen ist, gibt es dann diese Momente, wo ich alleine unter der Dusche stehe, nur mit meinen eigenen Gedanken und die Tränen laufen mir über die Wangen und mischen sich mit den Strömen aus heissem Wasser, das mir über den Kopf rieselt.

Unter der Dusche habe ich seit Jahren immer wieder meine besten Ideen und genauso erwischt mich unter der Dusche immer wieder eine Traurigkeit, die ich im Alltag mit aller möglichen Geschäftigkeit überdecke. Dort geht das nicht. Erst kommen die Tränen und dann bahnen sich die Gedanken den Weg aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein.

Dann erwischen mich alle Zweifel und alle Hoffnungslosigkeit. Dann sehe ich nicht mehr, wie ich voran gekommen bin, kann nicht mein eigenes Selbst vor einigen Jahren als Messlatte wahrnehmen sondern der Blick klärt sich und ich sehe diese traurige, einsame Frau, die sich mit Gartenarbeit, mit Büchern, mit Fotografieren, mit Kochen, mit Spanisch lernen, mit Bloggen, mit all diesen Dingen, von denen sie üblicherweise sagt, dass sie ihr gut tun (und die das auch tun), davon ablenkt, dass sie eigentlich gar nicht weiss, wo sie im Leben steht.

Ich habe früher immer Pläne und Ziele vor Augen gehabt. Sei es, dass ich als Kind unbedingt alt genug werden wollte, um endlich von meinen Eltern wegziehen zu können. Sei es, dass ich als Jugendliche ganz genau wusste, dass ich mit 18 den Führerschein machen wollte (musste, wenn ich aus dem engen Heimatdorf weg wollte) und ein Auto kaufen und darauf sparte. Sei es, dass ich immer wusste, dass ich unbedingt irgendwann noch mein Abi nachholen wollte.

Immer war da ein Ziel, ein Plan, etwas, das ich anfangen wollte. Und jetzt? Ich hangele mich durch die Jahre, ab Herbst den Frühling herbeisehnend, weil dann die Dunkelheit wieder weicht und weil ich ja ‚weiss‘, dass es mir, wenn es heller ist, automatisch wieder besser gehen wird/muss. Ich tue und mache, hab meist das Gefühl, in Hektik zu sein, obwohl ich so gut wie keine Termine habe, mache mir selber oft genug Druck und Stress ohne eigentliche Notwendigkeit, vermutlich als unbewusstes Mittel gegen die Leere.

Und wenn ich dann darüber nachdenke, wie das wäre, wieder zu arbeiten. Oder nur daran, was ich überhaupt würde machen wollen, dann rauscht das Blut durch die Ohren und ich gerate in völlige Panik, weil ich gar nicht mehr / immer noch nicht wieder, irgendwie belastbar wäre. Weil mich alleine dieser eine feste Termin jede Woche, die 1,5 Stunden Spanischkurs am Dienstag Abend so furchtbar stresst, dass ich den ganzen Montag und Dienstag völlig unter Strom stehe. Wie sollte ich denn dann irgendwo eine ‚echte‘ Verpflichtung eingehen können, wenn mich dieser mehr oder weniger freiwillige Termin schon so unter Druck setzt?

Und was würde ich überhaupt mit mir anfangen wollen? Ich weiss so vieles, was ich nicht (mehr) kann oder will, aber ich habe keine Ahnung, was ich überhaupt will. Und noch weniger, wie ich das überhaupt herausfinden soll. Weil jeder Gedanke daran, der nur halbwegs in diese Richtung geht, diese Panik hervorruft, dazu führt, dass ich nicht weiterdenken kann, sondern tief durchatmen und den Gedanken möglichst weit beiseite schieben muss, um nicht völlig einzubrechen.

Und dann frage ich mich, wie ich das überhaupt schaffen und machen sollte. Meine Zeit fühlt sich ja so schon dauernd zu knapp an. Ich bin dauernd in Hektik. Nur mit den wenigen Dingen, die ich gerade mache. Und eigentlich machen die mich ja auch alle froh. Eigentlich gehören die ja alle zu mir, helfen mir, bei mir selber zu sein. Und eigentlich genügen die mir doch auch gerade.

Aber trotzdem ist da diese Leere. Dieses in ruhigen Momenten immer mal wieder Hochblitzende. Die Tränen unter der Dusche.

Aber so genau weiss ich gar nicht, ob es nicht eigentlich viel eher Menschen sind, die mir fehlen. Ob das nicht viel eher die Einsamkeit ist, die diese Gedanken hochbringt. Und natürlich würde eine Beschäftigung auch in irgendeiner Weise bedeuten, dass ich mehr Kontakt zu Menschen hätte. Und danach sehne ich mich. Und gleichermaßen macht mir genau das entsetzliche Angst.

Ziele, Pläne, Träume. Ich weiss nicht, wo ich die hernehmen soll, wenn da von selber nichts mehr ist. Alles, was ich an Träumen hatte, ist entweder geplatzt oder macht mir furchtbare Angst, sodass ich mich nicht traue, es überhaupt zu betrachten oder scheint so unerreichbar weit weg, dass ich mich nicht traue, genauer hinzugucken, aus Angst, dass das den Frust noch größer machen könnte.

Und dann ist die Dusche längst ausgeschaltet und die Tränen laufen weiter. Bis ich mich wieder selber am Kragen hochziehe, mir verbiete rumzujammern, sondern lieber hinzugucken, was sich verändert hat und was ich mittlerweile alles mache(n kann) und hinbekomme und wieviele Dinge es gibt, die mir gut tun. Und dann verschwinden diese Gedanken und Gefühle wieder hinter dem ‚mir geht’s meistens ganz gut‘ und eigentlich stimmt das ja auch.

Katja

Verlernt

Nachdem so lange Zeit so viele meiner Gedanken durch die Finger in die Tastatur gepurzelt sind, fühlt es sich komisch (merkwürdig komisch, nicht lustig komisch) an, dass mir das gerade gar nicht gelingen mag. Ich fange an, stocke, kann auf einmal nicht mehr ausblenden, dass – obwohl ich eigentlich ja (fast) nur schreibe, um meinen Kopf zu sortieren – es Menschen gibt, die das lesen, was ich schreibe und auf einmal verunsichert mich das vollkommen. Ich hinterfrage jeden doofen Gedanken auf Gültigkeit, Richtigkeit, ob ich mich damit blamieren könnte, ob ich mich damit angreifbar mache. Ich denke auf einmal darüber nach, was irgendwer – wen ich noch nicht mal kenne – über mich denken könnte und inwiefern das für mich relevant werden könnte. Die Leichtigkeit will einfach nicht zurückkommen, egal ob ich testweise einfach nur in die Entwürfe tippe oder ob ich direkt ’nen Bogen um den Rechner mache, um auf andere Gedanken zu kommen.

Ich weiss nicht, ob das gut ist oder schlecht. Dass das Blog mir so wichtig ist, war, whatever, ist nicht gut, weil es mich so verletzlich und empfindlich macht. Wenn es mir nicht so wichtig ist, wäre, whatever, dient es aber genau dem Zweck – ungefiltert Gedanken aus dem Kopf zu entlassen und während des Schreibens darüber nachzudenken – nicht mehr. Ich fühle mich gehemmt, gefangen, ärgere mich über mich selber, weil mir das so dämlich zusetzt, überlege schon wieder, ob ich das überhaupt veröffentlichen kann, dass es mir so zusetzt oder ob das total übertrieben und doof wirken könnte. Ich kann nicht aufhören, an mir selber zu zweifeln und das frisst mich von innen her auf. Genau wie die ganzen Gedanken, die sich unüberwindbar auftürmen, die sich spiralig wickeln. Mir wird jeden verfluchten Tag wieder auf’s neue bewusst, wie gut mir das Schreiben getan hat und trotzdem sind es verdammt seltene Momente geworden, wo ich mich traue, die Gedanken einfach wieder sprudeln zu lassen – und wenn es nur für mich ist.

Alles fühlt sich anders an, falsch, komisch, verzerrt, wie durch Milchglas. Ich habe viel Vertrauen in mich und meine Wahrnehmung, vor allem die Selbst- eingebüßt und ich bin völlig ratlos, wie ich das wieder loswerden und / oder hinbekommen soll. Und ebenso ratlos, ob ich das überhaupt wieder loswerden und / oder hinbekommen sollte, vergessen, verdrängen, einfach so tun als wäre es nicht gewesen und mich wieder so sehr auf das Schreiben einlassen. Auf die Gefahr hin, dass ich weiterhin solche Schwierigkeiten habe, in der Spur zu bleiben, mich von eigentlichen Kleinigkeiten so umhauen zu lassen.

Es ist echt lange her, dass ich mich in einer Sache innerlich so zerrissen gefühlt habe und es fühlt sich so schleppend an und ich bin so ratlos, wie ich mich damit richtig auseinandersetzen kann, wenn nicht schreibend.

Katja

You can run

…but you can never hide
from the shadow
that’s creepin‘ up beside you

Die Verzweiflung ist eine andere als früher – nicht mehr äusserlich, mich nebelgleich verschluckend und nicht wieder ausspuckend, meinen Fäusten durch die Nebelform keine Angriffsfläche bietend, sodass ich nur abwarten konnte, zur Passivität verdammt. Sie ist greifbar, betrachtbar, ein Teil von mir, aber da bleibt ein unbesetzter Teil des Kopfes übrig, bleibt klar genug zu wissen, dass sie wieder gehen wird, wenn ich ihr nur nicht gestatte, das Ruder zu übernehmen. Das kostet Kraft, soviel Kraft, aber ich will nicht nachgeben, auch wenn das gerade so verlockend erscheint, sich in den Nebel fallen zu lassen.

Ich lasse mich nicht passiv ins Uferlose fallen, aber ich gestatte der Traurigkeit heute an meiner Seite zu bleiben. Irgendwann werden keine Tränen mehr da sein. Morgen wird alles besser! (ohne hoffentlich, weil das nur dem Zweifel Raum ließe!)

Katja