Hmpfngrmbl. (Heute nicht.)

Und dann, unter der Dusche, wenn das Gesicht eh schon mal nass ist, dann hat sich das wenigstens gelohnt, bricht das ganze Elend wieder aus dir heraus, rinnt dir der Schmerz in heißen Tränen über die Wangen und du verstehst wieder mal nicht, was der Auslöser ist, ging doch jetzt tagelang alles gut und es dir mit steigenden Sonnenstunden pro Tag und zunehmender Farbe und Blütenpracht in der Natur auch endlich besser, aber dann kommt dieser eine Gedanke und alles verschwimmt.

Und dann zählst du stumm bis 10. Atmest ein. Atmest aus. Und nochmal von vorn. Drehst das Wasser ab. Trocknest dir das Gesicht ab. Nimmst die Schultern zurück. Und machst weiter.

Again and again and again. Bitte gehen Sie weiter. Es gibt hier nichts zu sehen.

Katja

Nah am Wasser.

In mir ist derzeit viel in Bewegung und manchen Groschen kann ich förmlich beim Fallen zusehen. Bei einem davon geht es um Tränen und vielleicht ist das eine der unerwartetsten und erstaunlichsten Erkenntnisse – unter so vielen – der letzten Zeit.

Vor ein paar Tagen war ich mit einem Freund unterwegs in einer Kneipe und irgendwie kamen wir auf schwierige Themen und ich merkte, was so oft passiert: mir kommen die Tränen und ich kann sie nicht unterdrücken und zurückhalten. Mitten. In. Der. Kneipe. Ich hasse es, wenn das passiert und würde mich dann am liebsten in Luft auflösen oder im Boden versinken. Oft merke ich herannahende Tränen nicht mal, sondern erst, wenn sie mir schon die Wangen runterlaufen und ich kann sie absolut nicht verhindern. Und auch oft genug erst mal nicht wieder damit aufhören. Dann drehe ich mich, wenn es geht, verlegen, von den (fremden) Menschen, die mich umgeben weg und schniefe verstohlen ins Taschentuch.

Dass ich überhaupt so oft und viel weinen muss, ist eine meiner Eigenschaften, die mir immer wieder zusetzen, wofür ich mich immer wieder selber hasse. Ich will keine blöde Heulsuse sein und oft kann ich genau deswegen nicht wieder aufhören, weil ich mich in dem Moment, wo ich losheulen muss, dann auch noch frage, wieso zur Hölle ich so ’ne Memme bin und mich dafür selber fertig mache. Keine gute Voraussetzung dafür, dass Tränen wieder versiegen…

Vor dem Freund zu weinen war irgendwie nicht so schlimm, auch wenn mir selbst das unangenehm war, aber dass mir mitten in der Kneipe die Tränen über’s Gesicht liefen, war mir enorm peinlich. Als ich am nächsten Tag mit eben jenem Freund darüber redete und erzählte, wie unangenehm mir das war, fragte er ganz schlicht „Wieso?“ und während ich noch nach Worten und Formulierungen suchte, über eine Gesellschaft, in der Tränen nunmal etwas sehr Privates sind und außer Kindern doch irgendwie niemand in der Öffentlichkeit wein[t/en darf], fragt er noch hinterher „Was glaubst du, was die Leute denken, wenn sie dich weinen sehen?“ (DANKE! ❤ ) und in dem Moment trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag.

Selbst das, was ich bis zu diesem Moment angenommen hatte – dass Tränen von Kindern in der Öffentlichkeit ganz ok sind – galt ja für mich überhaupt nicht. Ich durfte schon als Kind nicht in der Öffentlichkeit weinen, denn „Was sollen denn die Leute denken?“ und zu Hause durfte ich auch nicht wirklich weinen (worüber ich hier schonmal geschützt gebloggt habe [bitte verzeiht, wenn alle anderen gerade ausgesperrt sind, im Zweifel schreibt mir wegen des Passworts]) und ich kam gar nicht mehr mit bei all den Gedanken, die in dem Moment gleichzeitig in meinem Kopf aufploppten. Was werden die Leute wohl tatsächlich denken? Was denke ich, wenn ich jemanden in der Öffentlichkeit weinen sehe? Meist ein ‚oh, die Frau/der Mann ist traurig‘ oder ich frage mich, was passiert ist oder ich bedaure, dass man Fremde nunmal nicht unbedingt anspricht und schon gar nicht bei etwas so Privatem, wie Tränen, denn mir ist es ja auch unangenehm, wenn ich dabei erwischt werde, das will ich auch niemandem anderen antun. Es ist ja so schon peinlich genug. Und dann wird mir klar, dass es eigentlich gar nicht so furchtbar peinlich ist und dass dieses „Was sollen denn die Leute denken?“, die vorwurfsvolle Frage, für die ich noch nie überhaupt eine Antwort gesucht habe, gar nicht meine Frage ist, sondern die meiner Mutter. Und ich hab im Sinn, was der beste Freund mir vor einer Weile über Introjekte erzählte und ich mir in Folge angelesen habe und der gefallene Groschen tanzt immer wilder und ich versuche, all meiner bisherigen Scham des Wassollendenndieleutedenkens ein Istwahrscheinlichgarnixschlimmesundfallsdochvölligegal entgegenzustellen und da ist gerade viel Ufff in mir und Puh und ein bisschen bin ich fast schon gespannt darauf, ob überhaupt und wie sich mein Empfinden in einer solchen Situation verändert haben wird.

Das ist alles gerade ziemlich spannend und gut, was passiert. Zumindest vieles davon. Und ich bin so dankbar über so viel wertvollen Input von diversen Seiten und über Menschen in meinem Leben, die mir im richtigen Moment die richtigen Fragen stellen.

Katja

 

Salzige Lippen

Heute ist kein guter Tag und ich merke, wie ich versucht bin, direkt schon zu schwänzen und meinen Vorsatz, täglich zu bloggen, nicht umzusetzen, aber ach, es ist ja genau das, was ich will – endlich Schreiben wieder als Normalzustand, auch und gerade, um Gedanken und Gefühle rauszulassen. Also jetzt erst recht. Wenistens 2, 3 Sätze, wenigstens das.

Rausgelassen habe ich heute viele Gefühle in flüssiger Form durch die Augen und ich kann mich nicht erinnern, wann der letzte so dermaßen tränenreiche Tag war. Zu allem Überfluss kamen dann noch ein paar echt blöde Dinge obendrauf, die mich traurig bis wütend bis ratlos in einer Weise zurückgelassen haben, dass ich nicht mal weiß, wie und wo ich anfangen könnte, den Knoten aufzudröseln. Heute nicht mehr, ich versuch’s nicht mal, mir fehlt die Kraft. Und so mache ich stattdessen einfach mit dem weiter, was heute als einziges richtig gut funktioniert und gehe mich gleich in den Schlaf heulen.

I hear them saying
Tomorrow’s just another day
I hear them saying
And it gets better every day
(Madness – Tomorrow is just another day)

 

Katja

 

It’s not easy being green.

Heute: erst ’ne Stunde beim Therapeuten geheult, dann ’ne Stunde durch den Regen gestapft, der just dann einsetzte, als ich beim Spaziergang auf der Rheininsel möglichst weit vom Parkplatz samt abgestellten Auto entfernt war. Immerhin habe ich den Flüssigkeitsverlust durch Tränen so sicherlich direkt wieder ausgeglichen.

Ja nu November. So haben wir nicht gewettet, das geht jetzt keine weiteren 28 Tage lang so weiter! Da kannste dich warm anziehen! Gleiches mache ich besser auch, kalt ist mir nämlich gerade auch dauernd.

Ein bisschen „Beute“ vom Spaziergang, aus Regengründen weniger als gedacht, ich hatte nur das Händi dabei, nicht die wasserdichte Kamera.

Ach ja: und einen neuen Header gibt’s auch für den November. Der stammt allerdings nicht von heute sondern aus dem letzten Herbst. Ist aber lustigerweise auch fast vor der Haustür meines Therapeuten entstanden als ich seinerzeit nach einer harten Stunde erst mal mit Musik in den Ohren losgestapft bin statt nach Hause zu fahren. Überhaupt habe ich das im letzten Jahr und auch nach Anfang dieses Jahres (bis der Umzug so viel Stress gebracht hat) viel häufiger getan und sollte es mir vielleicht wieder angewöhnen.

Katja

 

Orrrr / 5 to go

Ganz super. Da entdeckst du nach so vielen Jahren auch diese neuen, anderen Gefühle, kommst zum ersten Mal an sowas wie Wut ran, lernst es zumindest gerade, nicht immer nur Traurigkeit und Angst und Verzweiflung, sondern echt Mal Wut an genau den richtigen Stellen, wo sie passt und auch angemessen ist und dann kommt auch dieser ganze Ronz so oft wieder in Form von Tränen raus und nachdem du jetzt eine Weile wirklich viel weniger geheult hast als all die vielen letzten Jahre, verfällst du jetzt schon wieder in deine alte Heulsusigkeit, vergießt bittere Zornestränen aus Wut, weil du gar nicht weisst, wie du sie sonst rauslassen könntest, weil sie dir Angst macht, so groß und manchmal so unbeherrscht in dir drin und was läge da näher als sie in altvertrauter Form für Gefühlsäusserungen zu verarbeiten. Also wieder mal Tränen. Wütende. Und in dir drin bist du genauso genervt von ihnen, wie du von all denen aus Traurigkeit vergossenen bist und warst. Das muss doch alles auch irgendwie anders gehen, irgendwie so, dass du mal aufhören kannst, dich für deine Gefühle und deren Art an die Oberfläche zu drängen, immer noch und schon wieder selbst zu hassen…

Aber das ist ja noch so ein vertrautes Muster, aus dem du so leicht nicht rauskommst.

Katja

Und wichtig ist der Weg dahin

Und wenn die Frage jemals fällt
Was ist es, was am Ende zählt?
Dann wird die Antwort immer sein
Dass man nicht solche Fragen stellt

Doch wenn ich ehrlich zu mir bin
Dann macht nur die Erkenntnis Sinn
Das Ende ist nur’n Meilenstein
Und wichtig ist der Weg dahin

(von Brücken, Die Parade)

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Den Song (also eigentlich die ganze Platte) habe ich heute, nachdem ich aus der Therapie raus bin und spazieren war, gehört und musste unterwegs gnadenlos losheulen und ich weiss nicht mal genau, was es war, was das – zusammen mit der Sitzung heute – in mir angestoßen hat, was mich so tieftraurig gemacht hat. Dann später hat es schon gereicht, dass ich das Lied immer noch im Kopf/Ohr hatte, ich musste es nicht mal anhören und direkt wieder losweinen.

Es war anstrengend, heute nach 3 Wochen die erste Therapiesitzung zu haben. Es war inhaltlich anstrengend. Es war anstrengend, was da wieder mal an Erkenntnissen über mich selber in mir hoch- und bei mir ankam. Wenn ich nur daran denke, wird der Atem flach und ich ziehe die Schultern voller Angst hoch… So viel Weg. So viel.

Katja

 

(Leider gibt’s (noch) keine Version des Songs, die ich hier einbinden könnte. Bei Deezer kann man’s aber anhören.)

Dünne Pappe

Dann fällt dir auf einmal der Zusammenhang auf, dass es immer passiert, wenn du müde/erschöpft bist. Immer dann, wenn Kopf/Körper nach Ruhe verlangen, merkst du, wie dünn die Fassade des ‚es geht mir gut‘ gerade ist. Da ist kein festes Fundament, kein Gebäude im Rücken, das die Fassade trägt. Nur dünne Pappe, die Vorderseite schön bemalt, aber es kostet dich immer einen Teil der Kraft, die Pappe festzuhalten, damit sie nicht zusammensackt. Immer schön von hinten dagegenlehnen, damit nichts beult. Immer schön festhalten und hochhalten, damit man nicht drüber schauen kann. Und dann, immer wenn die Kraft schwindet und die Arme vom ewigen Hochhalten schwer werden, braucht es nur einen unaufmerksamen Moment. Dann knittert hier was und dort bildet sich eine Falte und wenn das erst mal passiert ist, kommst du nicht mehr hinterher, das alles wieder glatt zu zupfen und in Ordnung zu bringen und dann gibt es den ersten Riss und dann kommen die Tränen und es ist sowieso schon egal und auch zu spät. Zuerst verläuft nur ein bisschen der bunten Farbe auf der Vorderseite, aber dann weicht es bis nach hinten durch.

Und du merkst, wie groß die Angst vorm Fallen wieder mal ist. Verbietest dir jeden einzelnen dieser Gedanken, die das auslösen können. Versuchst es zumindest. Nur nicht näher darüber nachdenken. Nur nicht zu nah an dich ranlassen. Denk an was anderes. Was Gutes. Guck da nicht hin. Halt dir die Augen zu. Nicht das. Was Schönes. Das ist hier alles gerade zu instabil, zu wacklig, zu eingerissen, zu durchgeweicht. Halt das trotzdem fest, lass nicht ganz los! Sonst wird es noch schwerer werden, das soweit neu aufzubauen.

Aber du bist müde und es wird mit jedem Mal ein bisschen schwieriger, das abzufedern, die Gedanken umzulenken. Du willst dich so gerne einfach in die Dunkelheit und Traurigkeit fallen lassen. Wenn da nicht. Wenn da nicht. Wenn da nicht dieser fucking Kontrollfreak in dir wäre, der genau weiss und dir einredet, dass das nicht gut für dich wäre. Dass das nur den Moment einfacher machen würde, aber nicht das Leben. Und du kommst dir vor wie ein Flummi, der einfach nicht auf dem Boden liegen bleiben darf, der jedes Mal wieder hochschnellen muss. Nur, dass er die Kraft für das Hochschnellen ganz alleine aufbringen muss. Sich mühevoll vom Boden abstoßen. Volle Konzentration. Volle Kraft.

Und jetzt?

Wieder mal zurück auf Anfang.

Atmen. Durchhalten. Weitermachen.

Katja