Piepmatz

Achtung, traurige Wendung.

Heute Morgen war ich total happy. Kurz nachdem ich mit dem ersten Kaffee vorm Rechner saß, hüpfte wieder mal ein Vögelchen in den verwelkten Sonnenblumen des letzten Jahres auf der Suche nach noch ein paar verbliebenen Sonnenblumenkernen herum. Die Sonnenblumen ziehe ich immer aus Samen und pflanze sie dann im Garten direkt neben die Terrasse, so dass ich sie vom Schreibtisch aus im Blick habe. Das ist zum einen schon schön, wenn sie im Sommer blühen und ich die leuchtenden gelben Blüten im Blick habe, zum anderen ist es dann im Herbst und Winter toll, weil es die Vögel genau in mein Sichtfeld lockt und ich nur mit der Kamera in der Hand, am Schreibtisch sitzend, hinter dem schmutzigen Arbeitszimmerfenster, ausharren muss und dafür gelegentlich einen der Piepmätze im Bild einfangen kann. Ohne die schützende Scheibe dazwischen sind die viel zu scheu und es ist mir noch nie gelungen einen im Garten zu knipsen während ich draussen war.

Seit Tagen besucht mich immer wieder eine Blaumeise, die ich schon etliche Male fotografiert habe. Selten kommt ein Rotkehlchen vorbei, das aber noch scheuer ist als die Blaumeise. Sobald ich mich hinter der Scheibe bewege und nur nach der Kamera, die fast immer auf dem Schreibtisch liegt, greife, flattert das schüchterne Rotkehlchen weg und ich habe überhaupt nur ganz wenige Aufnahmen von ihm.

Heute Morgen habe ich mich dann so sehr gefreut, weil der erste Distelfink des Jahres in den Sonnenblumen aufgetaucht ist, eifrig von Stengel zu Stengel flatternd, aber mir trotzdem genug Zeit lassend, ein paar Fotos zu machen. Ich wollte die heute Nachmittag gerade sortieren und eines davon für mein daily Foto aussuchen, konnte mich aber nicht direkt für eines entscheiden. Also verschob ich das erst mal, um ein bisschen in den Garten zu gehen.

*

Ein paar Stunden später habe ich dann heulend ein Loch ins Sonnenblumenbeet gegraben und ein kleines mit einer bunten Serviette gepolstertes Pappschächtelchen mit dem kleinen Piepmatz dort begraben. 😦

Ich weiss nicht, was genau passiert ist. Als ich auf die Terrasse kam, lag er reglos am Boden – vermutlich war er gegen die Tür geflogen. Ich hab ihn ganz sachte mit einem Finger berührt, um zu sehen, ob er noch am Leben ist und er hat ganz schwach reagiert, aber es war klar, dass er noch lebt. Es gab keine sichtbaren Verletzungen, er war nur ganz benommen. Dann habe ich erst mal gegoogelt und die Twitter-Timeline befragt und ihm einen flachen Blumenuntersetzer mit Wasser hingestellt und ein paar Sonnenblumenkerne hingelegt und ihn dann in Ruhe gelassen und durch die Scheibe beobachtet.

Er lag noch eine ganze Weile, aber man konnte deutlich sehen, dass er atmet und gelegentlich den Kopf ein bisschen drehte. Irgendwann dachte ich, er hätte es geschafft, da hat er den Kopf ganz deutlich gedreht und damit gewackelt und das Hinterteil samt Schwanzfedern erst zur einen, dann zur anderen Seite gedreht. Anschließend saß er wieder ein paar Minuten reglos. Dann machte er einen Hopser nach vorne, plusterte die Flügel und ich dachte, er würde gleich losflattern. Stattdessen kippte er kopfüber nach vorne weg und war tot.

Ich bin so traurig. Kurz vorher dachte ich wirklich, er hätte sich wieder erholt.

Das sind die Momente, in denen ich so gerne glauben möchte, dass es irgendetwas wie ‚ganz weit oben‘ gibt…

Hier die Fotos von heute Morgen als er durch die Sonnenblumen geflattert ist. Als er angeschlagen da lag hätte ich jede Gelegenheit der Welt gehabt, ihn ganz aus der Nähe zu fotografieren, aber ich konnte das nicht. Ich konnte jetzt auch nicht mehr einfach nur eines aussuchen und zeige euch stattdessen alle, die einigermaßen gelungen waren – auch wenn sie sich sehr ähneln.

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Flieg hoch, mein kleiner Piepmatz!

Katja (schniefend)

 

Gesucht: Blogger*innen, die Michael Zoll kannten

Vielleicht kann sich der eine oder die andere, die hier schon länger lesen, erinnern, dass ich im letzten Herbst darüber gebloggt hatte, dass ich mir Sorgen um einen Blogger machte, der ganz plötzlich wie vom virtuellen Erdboden verschluckt war. Seitdem ich ihm damals zuletzt gemailt hatte und versucht hatte, herauszufinden, ob bei ihm alles in Ordnung ist, sind über 4 Monate vergangen und auch wenn ich immer nochmal an ihn gedacht habe, habe ich nicht mehr damit gerechnet, eine Antwort zu erhalten.

Bei dem Blogger, über den ich damals schrieb, handelte es sich um Michael Zoll und seit gestern weiss ich, dass schon meine eMail im September ins Leere ging, denn Michael ist Anfang Juli 2013 verstorben.

Ich weiss das von Michaels Tochter, die gestern Kontakt zu mir aufnahm und Sandra ist auch der Grund, weswegen ich diese Nachricht hier öffentlich mache. Sie wandte sich an mich, in der Hoffnung, jemanden zu finden, der ihren Vater gut kannte und ihr ein bisschen von ihm bzw. über ihn erzählen kann, weil die beiden in den letzten Jahren keinen Kontakt hatten. Sie hat selber auch erst gestern von Michaels Tod erfahren und ich würde ihr auf diesem Weg gerne bei ihrer Suche helfen.

Liebe Blogger*innen, ich kannte Michael nur flüchtig, durch gegenseitige Kommentare auf den jeweiligen Blogs, aber hauptsächlich durch seine Fotos und damit ein bisschen mit seinem Blick auf die Welt. Ich bin sicher, es gibt in Klein Bloggersdorf Menschen, die ihn deutlich besser kannten (vielleicht sogar Bescheid wissen über die Umstände seines Todes?) und die vielleicht bereit sind, ein paar ihrer Erinnerungen – und wenn es auch nur Schnipsel sind – mit Sandra zu teilen.

Ich bin traurig über Michaels Tod. Ich habe ihn als freundlichen, aufgeschlossenen und besonnenen Menschen mit vielfältigen Interessen kennengelernt.

Michael bloggte auf:

Spree-Athen
Photo-Blog Michael Zoll
Fotos zur Architektur
Gräber, Gruften, Gotteshäuser und Gedenkstätten
Schwarzweiss-Fotografie

Ich weiss nicht, ob er noch weitere Blogs hatte. Das sind jene, die ich in meinem Feedreader abonniert habe.

Falls ihr Michael kanntet und seiner Tochter etwas über ihn erzählen könnt und möchtet, bitte meldet euch in den Kommentaren oder bei mir per eMail [ajtak33(arroba)gmail(punto)com], damit ich für einen direkten Austausch Kontaktdaten vermitteln kann. Ihr könnt natürlich auch ohne weiteren und direkten Kontakt einfach eure Gedanken in die Kommentare schreiben.

Bitte verbreitet die Nachricht auch, falls ihr andere Blogger kennt, die Michael kannten.

Vielen Dank!

Katja

Loslassend. Zumindest es versuchend.

Am 24. November 1987 klingelte morgens um halb 7 das Telefon und schon bevor ich ranging, wusste ich genau, dass es meine Tante war, die anrief und dass sie anrief, um mir zu sagen, dass mein Vater in der Nacht gestorben war. In den letzten paar Tagen vorher zuckte ich bei jedem Telefonklingeln zusammen, immer in der Angst, dass das jetzt der Anruf mit dieser Nachricht sein könnte. Keine zwei Wochen vorher hatte mein Vater Geburtstag, seinen 43., es ging ihm soviel besser als die letzten Wochen und Monate vorher, von denen er die meiste Zeit im Krankenhaus verbracht hatte und er wollte alle seine Geschwister und natürlich meine Schwester und mich um sich haben. Es war dieses letzte Aufbäumen des Körpers. Wir wollten uns alle Hoffnung einreden, dass es jetzt aufwärts ginge, aber er wusste, dass er sich von den meisten der Anwesenden dort zum letzten Mal verabschiedete. Ich weiss nicht mehr, ob ich in den Tagen, die seinem Geburtstag folgten, noch mehrmals dort war. Damals noch zu jung zum Auto fahren, war ich darauf angewiesen, dass mich jemand hinfuhr und weder meine Mutter noch meine Großeltern waren besonders gut auf ihn zu sprechen, nachdem er ausgezogen war.

Ich telefonierte damals täglich mit meinem Vater, oder wenn er zu schwach war, mit meiner Tante, deren Familie klaglos ihr Wohnzimmer geräumt hatte und meinen Vater dort aufgenommen hatte für die letzten Monate seines Lebens, wenn er denn mal das Krankenhaus verlassen konnte. Am 21. November, das war ein Samstag, rief mein Vater an und konnte kaum noch sprechen. Er wünschte sich, dass meine Schwester und ich ihn am folgenden Tag besuchen würden.

Ich weiss noch, dass wir uns lange stumm im Arm hielten und dass mein Vater mich tröstete, weil ich gar nicht aufhören konnte zu weinen und dann weinte er auch und das war das zweite oder dritte Mal im Leben, dass ich überhaupt Tränen bei ihm sah. Und er hielt mich fest und tröstete mich und er wollte, dass ich ihm verspreche, dass ich nicht allzu traurig sein sollte, ein bisschen wäre ja in Ordnung, aber nicht zu sehr. Er wollte lieber, dass ich fröhlich sein und an ihn denken sollte.

Und das ist eines der wenigen Versprechen in meinem Leben, die ich nicht halten konnte.

Ich weiss nicht, warum ich immer noch so traurig bin, wenn ich an meinen Vater denke, warum ich immer noch diesen Verlust so stark empfinde. Wir hatten keine besonders lange Zeit, in der wir ein gutes Verhältnis zueinander hatten und ich bin dieser verdammten Krankheit gegenüber, die ihn mir weggenommen hat, so ambivalent eingestellt. Wäre er nicht krank geworden und würde heute noch leben, hätten wir vermutlich seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Erst diese todbringende Krankheit hat diesen Menschen total gewandelt und zu dem Vater gemacht, der mir so sehr fehlt. Vielleicht ist das der Grund, dass er mir erst durch die Nähe des Todes so nah gekommen ist, dass ich deswegen auch so viel an diese letzte Zeit mit ihm denken muss. Dass die Krankheit und sein Tod meine Erinnerungen an ihn so dominieren. Da sind ansonsten nicht viele glückliche Momente vorher gewesen, an die ich mich erinnern könnte und die mich froh und dankbar machen könnten. Und ich will auch gar nicht an den Menschen denken, der er vorher – vor seiner Krankheit – war. Der mich mit Gürteln, Kleiderbügeln oder was er sonst gerade in den Fingern hatte, grün und blau prügelte.

Aber der Preis, den ich dafür zahle, dass ich in seinen letzten beiden Lebensjahren einen ‚echten‘ Vater hatte, ist hoch und daran bin ich wohl selber schuld, weil ich nicht loslassen kann. Ich war jung genug, ihm zu verzeihen, aber seitdem zahle ich den hohen Preis der Sehnsucht und des Vermissens, seitdem zahle ich mit Verlust und mit einem diffusen Schuldgefühl, weil ich seine eigene Wertung, dass diese Krankheit und das, was sie mit ihm gemacht hat, das beste war, was uns passieren konnte, übernommen habe.

Seit 25 Jahren vermisse ich. Und besonders schlimm ist das im November, weil da sowohl sein Geburtstag als auch sein Todestag liegen. Heute vor 25 Jahren war ich auf der Beerdigung meines Vaters, angekotzt von dem heuchlerischen Getue der Ex-Nachbarn, die kein gutes Wort für ihn hatten und hintenrum kein gutes Haar an ihm ließen, seit er ausgezogen war, aber an diesem Tag mit traurigem Gesicht auf dem Friedhof standen. Abends dann als die Tortur mit dem gemeinsamen Kaffeetrinken rum war, saßen wir zu Hause im Wohnzimmer. Es war ausserdem der Geburtstag meines Opas und mein damaliger Exfreund, der von weit zur Beerdigung gekommen war, hatte eine Torte für meinen Opa mitgebracht, die sein Vater, der Konditor war, für ihn gebacken hatte. Und das war eine Erdbeertorte.

Und auch seit 25 Jahren sind mir diese paar Einzelheiten dieser rund 2 Wochen so tief ins Gedächtnis gebrannt und so gestört sich das auch anfühlt, ich krame das auch jedes Jahr an diesen Tagen wieder hoch. Zu groß ist meine Angst vor dem Vergessen. Ich habe so viele Phasen meines Lebens, an die ich mich gar nicht oder nur äusserst fragmentarisch erinnere, ich habe Angst davor, auch nur das kleinste Fitzelchen von meinem Vater zu verlieren. Ihn zu vergessen. Mir irgendwann nicht mehr vor Augen rufen zu können, wie er ausgesehen hat, wie seine Stimme klang. Deswegen klammere ich mich mit aller Gewalt fest. Nicht an den ganz alten Kindheitsdingen, aber dafür an allem, was zu meinem Vater – jenem späteren, den ich geliebt habe – gehört. Auch an die schlimmen Erinnerungen an jene Tage rund um seinen Tod.

Letzteres will ich nicht mehr. Ich möchte gerne diesen selbstzerstörerischen und mich immer wieder runterziehenden Teil aus dem Fokus meiner Erinnerung rausnehmen. Ich möchte endlich mein Versprechen einlösen und nicht mehr so sehr traurig darüber sein. Es wird Zeit, das zu tun.

Mein erster Schritt ist, das hier alles aufzuschreiben. Das, was ich hier notiere, geht mir nicht verloren. Das ist wie eine Art externer Datensicherung. Dann muss ich diese Dinge nicht so dringend, in meinem Bewusstsein festhalten, damit sie mir nicht im Unbewussten entgleiten.

Der nächste Schritt ist, dass ich jetzt den Todestag meines Vaters aus meinem Kalender löschen werde. Seit 25 Jahren steht er da drin und seit ich nur noch einen elektronischen Kalender nutze, ist das um so schlimmer, weil der Termin schon drei Tage vorher anfängt rumzuhupen. Diese Fokussierung will ich nicht mehr. Vergessen werde ich das Datum ohnehin nie, aber ich muss wenigstens ausprobieren, ob sich dadurch vielleicht etwas ändern kann. Ob ich vielleicht in ein paar Jahren einfach irgendwann im Laufe dieses 24. Novembers beim Blick auf den Kalender in einem normalen Ausmaß an jenen Tag vor 25 Jahren denken kann.

Loslassend. Zumindest es versuchend.
Katja

So richtig kennen wir sie eigentlich nie

Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn in Büchern Figuren sterben. Schon gar nicht, in Kriminalromanen, da gehört es ja dazu. Eine Grenze erreicht das bei mir allerdings immer, wenn in einer Serie, irgendwann eine der Figuren um’s Leben kommt, die einem über mehrere Bände lang vertraut geworden ist. Da kann ich nicht einfach drüber weglesen und an solchen Stellen tauche ich auch meist recht rasant aus der Geschichte wieder auf und frage mich, ob das wirklich sein musste. Was bewegt einen Schriftsteller dazu, über mehrere Bücher hinweg eine Figur aufzubauen und sie dann im Sinne der Geschichte zu opfern? Und vor allem: Wie fühlt sich das an? Zweifelt man da als Autor an seiner Entscheidung? Wägt man das ab? Oder kann man da im Tagesgeschäft einfach drüber weggehen? Plant man den Mord/Tod womöglich schon Bände und/oder Jahre im voraus?
Wenn ich als Leser schon so eine Beziehung zu Romanfiguren aufbaue und leide, wenn da jemand ums Leben kommt – wie muss sich das erst anfühlen, wenn man die Figur erschaffen hat und sie dann „totschreibt“?

An so Stellen stolpere ich wirklich immer wieder und mir wird das Herz schwer.

Als ich am Ende des Romans angekommen bin, den ich gerade zu Ende gelesen habe  und in dem eine Figur, die man über 10 Romane hinweg kennengelernt hat, ermordet wurde, hat es mich irgendwie angerührt, was Donna Leon ihren Hauptcharakteren an Dialog in den Mund legt:

Endlich fragte Paola, um ihre Gedanken wieder dem Leben zuzuwenden: „Wird Elettra darüber hinwegkommen?“ „Das weiss ich nicht“, räumte Brunetti ein und überraschte sich dann selbst mit dem Zusatz: „So gut kenne ich sie ja eigentlich nicht.“
Darüber dachte Paola erst einmal ausgiebig nach, und schließlich meinte sie: „So richtig kennen wir sie eigentlich nie.“
„Wen?“
„Die echten Menschen.“
„Was verstehst du unter ‚echten‘ Menschen?“
„Im Gegensatz zu Romanfiguren“, erklärte Paola. „Das sind die einzigen, die wir jemals gut kennen, richtig kennen.“ Wieder ließ sie ihm einen Augenblick zum Nachdenken und sagte dann: „Vielleicht liegt das daran, daß sie die einzigen sind, über die wir zuverlässige Informationen bekommen.“ Sie sah ihn an und fuhr dann fort, ganz als stünde sie vor ihren Studenten und wollte sehen, ob sie ihr noch folgten: „Erzähler lügen nie.“

(aus: Donna Leon – Das Gesetz der Lagune, Commissario Brunettis zehnter Fall, Seite 321, alle Rechte beim Diogenes Verlag, Zürich)

Es ist so genial wahr, dass einem die Charaktere aus Büchern so nahestehen, weil man eben im Gegensatz zu jenen der ‚echten‘ Menschen, auch ihre Gedanken und Gefühle kennt. Und obwohl ich seit ich zu Lesen gelernt habe – also fast mein ganzes Leben lang – immer viel gelesen habe, war mir das nie in so einer schlichten Klarheit bewusst.

nachdenklich
Katja

[Falls es nicht in Ordnung ist, ein so langes Zitat hier zu veröffentlicht, möge der Rechteinhaber sich bitte bei mir melden. Meine eMail-Adresse findet sich hier. Ich werde das Zitat dann entfernen.]