Tabuzone

Achtung Triggerwarnung:

In diesem Text geht es um Suizidgedanken und den Umgang damit. Bitte lest den folgenden Text nicht, wenn es euch gerade schlecht geht, wenn ihr selber psychisch angeschlagen seid oder – aus welchen Gründen auch immer – nicht mit diesem Thema in Berührung kommen möchtet.

 

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Fettlogik überwunden!

Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich hier vor mittlerweile 8 Jahren zum ersten Mal offen über meine Depressionen gebloggt und sie beim Namen genannt habe und an das Zittern meiner Hände beim Schreiben des Artikels und noch mehr beim Veröffentlichen. Gerade sitze ich wieder mit ähnlichen Gefühlen vor der Tastatur, fange an zu schreiben und bin noch nicht sicher, ob ich mich am Ende trauen werde, den Text wirklich zu veröffentlichen, denn das persönliche Tabuthema, das ich heute anpacke ist für mich noch ein Stück größer und gewaltiger als die Psyche – ich will hier zum ersten Mal offen und öffentlich über meinen Körper schreiben.

Ich war als Kind schon das, was man – freundlich formuliert – moppelig nennt und noch immer brennt manchmal heißglühend die Erinnerung in meinen Wangen über Hänseleien, die ich in diesem Zusammenhang aushalten musste. Aber, wenn man meine Familie kennt, weiß man welches Schicksal mir blühte (zumindest dachte ich das bis vor gut einem Jahr), denn ausnahmslos alle waren und sind stark übergewichtig und adipös. Dass mir also bei den schlechten Genen, Ähnliches bevorstand war mir schon in meiner Jugend klar und so war es auch. Ich kann mich an keine genauen Gewichtsmarker erinnern, nur daran, dass es im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer mehr wurde. Daran änderten auch unzählige Diäten nichts. Also natürlich änderten sie etwas: in den 90ern zB, nahm ich mit Hilfe von Trennkost enorm ab, mehr als 20 kg waren es damals und ich dachte, dieses Mal hätte ich es tatsächlich geschafft. Bis ich dann irgendwann wieder anfing, ’normal‘ zu essen und dann geschah, was geschehen musste: ich nahm nicht nur die verlorenen 20 Kilo wieder zu, sondern noch ein paar zusätzliche obendrauf. Und so ging das weiter und fort. Diät 10 Kilo runter, 15 rauf, 25 runter 35 rauf etcpp. Irgendwann las ich vom Hungerstoffwechsel und dass der Körper nach Diäten – weil der Stoffwechsel ja auf ein Minimum runtergefahren ist – umso schneller die verlorenen Kilos wieder anhäuft und auf einmal ergab auch das einen Sinn. Ganz klar, bei meinen Genen und meinem, durch zahllose Diäten so dermaßen ruinierten Stoffwechsel, konnte ich ja gar nicht abnehmen!

Probiert habe ich es natürlich trotzdem. Mit üppigem Frühstück direkt nach dem Aufstehen, obwohl ich morgens gar keinen Hunger habe, um den Stoffwechsel für den Tag vorzubereiten und in Gang zu bringen. Mit Weglassen aller Nahrung nach 17 Uhr. Mit Ananas, wegen der Enzyme, durch die man abnehmen sollte, aber von der ich immer nur ein säureverätztes Zahnfleisch davon trug, wenn ich sie in größeren Mengen aß. Mit tagelang nur Obst. Mit täglich Steak. Mit komischen Shakes, die den Hunger bremsen sollten. Lediglich Weightwatchers habe ich mir nie angetan.

Nichts half. Ich verbrachte mein Leben damit, mich selber (was die, die hier regelmäßig lesen, bereits wissen) und aber auch meinen Körper zu hassen. Irgendwann vor 4 oder 5 Jahren schwappte dann zum ersten Mal etwas über Fatacceptance in meine Wahrnehmung und je mehr ich darüber las und dass es unzähligen Menschen so ging wie mir, desto faszinierender fand ich die Idee, endlich Frieden mit meinem Körper zu schließen. Ich wollte nicht mehr weiterdiäten, ich wollte mich lieber so mögen und akzeptieren, wie es das Schicksal für meinen Körper vorgesehen hatte. Der Beschluss war einfach, die Umsetzung grandios schwer, denn _eigentlich_, wenn ich ehrlich zu mir selber war, wollte ich immer noch lieber – wenn vielleicht auch nicht wirklich schlank, dann doch wenigstens weniger übergewichtig, sein. Wenigstens in einem solchen Maß, dass ich mich nicht mehr so auffällig herausstechend fühlen müsste, denn Auffallen war das, was ich immer um jeden Preis vermeiden wollte.

Schnitt.

Im Frühjahr 2016 las eine Freundin ein Buch – „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Hermann (Link zu Amazon) (im Web meist besser bekannt als @erzaehlmirnix) und weil Svü, dem Himmel sei’s gedankt, viel offener mit dieser Art Themen, die für mich so schwierig anzufassen sind, umgehen kann, erzählte sie für die nächsten Wochen und Monate von ihrer Abnahme mit Hilfe des Buchs und sie tat das in einer solch faszinierenden Begeisterung, dass ich neugierig wurde.

Ungefähr zeitgleich zogen wir um und durch den vielen Stress, die viele zusätzliche Bewegung und das Kisten durch die Gegend wuchten, nahm ich – eher aus Versehen – die ersten 3 Kilo ab. Die wollte ich nicht direkt wieder drauf bekommen (und schon gar nicht mit weiteren zusätzlichen), also fing ich – immer noch zögerlich – an, selber das Fettlogik-Buch zu lesen. Zögerlich und skeptisch war ich vor allen Dingen, weil ich einige der Comics zum Fettlogikthema von erzählmirnix kannte und mich bis dato immer ziemlich angegriffen davon gefühlt hatte. Klar, die hatte ja leicht reden, jeder kann abnehmen, blabla, die hatte ja nicht meine ’schlechten‘ Gene, kannte meine Familie nicht, hatte ihren Stoffwechsel vielleicht nicht so durch zahllose Diäten ruiniert.

Das Lesen war in erster Linie eines: verdammt schmerzhaft.

Die Erkenntnis, dass ALLES, woran ich, wenn es um mein Gewicht ging, so krampfhaft geglaubt hatte, auf Fettlogiken basiert, die durch Studien widerlegt bzw. entkräftet sind und nicht meine Gene, sondern mein Essverhalten Schuld an meinem Übergewicht waren, traf mich hart. Hatte ich doch in meiner Wahrnehmung eigentlich nie so sehr viel gegessen. Und überhaupt kein Junkfood, kein Convenience, immer nur gesundes Zeug, frisch gekocht, viel Salat und Gemüse. Dass man auch mit frischer, selbstgekochter Nahrung jede Menge Kalorien zu sich nehmen kann, wenn man alles in leckerer Butter und Olivenöl schwenkt – so logisch das eigentlich ist, es war mir nicht in diesem Ausmaß bewusst. 100 fucking Kalorien für einen einzigen Esslöffel meines innig geliebten und doch so gesunden Olivenöls – da hätte ich häufig, statt Salat zu essen, auch einfach direkt Schlagsahne löffeln können.

Die zweite (zunächst bittere Vermutung, die mittlerweile eine feste) Erkenntnis (ist) : möglicherweise neige ich zu emotionalem Essen. Stress, Aufregung, Kummer – davon hatte ich in den letzten Jahren mehr als genug. Schokolade im Haus hatte ich auch immer mehr als genug. Dass ich sie meistens nicht bewusst, sondern in emotionalen Stresssituationen völlig unbewusst gegessen hatte – das fiel mir erst auf als ich irgendwann vor ein paar Monaten bemerkte, dass ich es nicht mehr tue und mittlerweile völlig frei bin von emotionalem Essen, weil ich es durch Bewegung in solchen Stresssituationen ersetzt habe. Statt Schokolade zu essen, bewege ich mich und laufe (zugegebenermaßen manchmal wie eine Gestörte, einfach nur im Kreis durch die Wohnung). Wie gesund das sein mag, sei mal dahingestellt, aber die Bewegung tut meinem Körper in jedem Fall besser als die Kalorien der Schokolade.

Die dritte Erkenntnis: Ich bin durch mein Essverhalten dick geworden. Ich habe durch Diäten abgenommen. Ich habe danach wieder ’normal‘ gegessen – aber eben das Normal, das ich für normal hielt. Dass ich durch das gleiche Essverhalten, mit dem ich (nicht nur) einmal dick geworden war, immer wieder dick werden würde – das ist so bestechend logisch, dass ich Dussel ein Buch brauchte, um drauf zu kommen. (insert Facepalm here)

Was das Lesen in zweiter Linie mit mir machte: es gab mir zwar vollumfänglich die überaus schmerzhafte Verantwortung für meinen Körper, ABER (und das ist ein großes Aber): als diese Erkenntnis bis zum Grund gesickert war, reifte daraus auch jene, dass ich damit aber auch die Macht in der Hand habe, etwas daran zu ändern und endlich (ENDLICH!) nicht mehr Opfer meiner Gene und meines kaputten Stoffwechsels bin, sondern ich alleine entscheiden kann, welches Gewicht ich haben möchte.

Was mich aber letztendlich tatsächlich dazu brachte, nach dem Lesen, noch ein einziges Mal in meinem Leben, einen Diätversuch wagen zu wollen, war der ausführliche Teil über die gesundheitlichen Risiken des Übergewichts. Das kannte ich schon, von meiner langen Zeit als Raucherin, dass ich vor den Gefahren durch Rauchen, immer die Augen lieber geschlossen ließ und mich erst, nachdem ich aufgehört hatte, intensiv damit beschäftigen konnte, was ich meinem Körper da so lange an Schaden zugefügt hatte. Beim Fettlogik-Buch quälte ich mich sehenden Auges durch den Teil und am Ende stand für mich fest, dass ich bitte gerne mit 50 fitter sein möchte als ich es mit 25 war. Wenn das kein Ansporn ist!

Dazu kam, dass das Buch für mich zur genau richtigen Zeit kam – nämlich jener, wo ich in harter Arbeit in meiner Psychotherapie endlich lerne, gut für mich selber zu sorgen und mich selber nicht mehr zu hassen, sondern mich anzunehmen und lieb zu haben (es zumindest zu versuchen und daran zu arbeiten). Wie sehr mein Äußeres immer Spiegelbild meines inneren Selbsthasses gewesen ist – auch das ist mir erst in dieser Phase aufgegangen. Und so hielt mich in den letzten Monaten häufig der Gedanke vom Essen ab, dass ich mir durch’s Nichtessen zB von Schokolade gerade etwas Gutes tue, weil ich endlich gut für meinen Körper sorge. Eben genauso nur genau andersrum, wie ich früher dachte, ich würde mir selber etwas Gutes tun oder mich mit Nahrung belohnen oder trösten.

Und genauso nur genau andersrum funktioniert auch das mit der Wirkung: durch meiner Selbstliebe habe ich es endlich geschafft, mir einen für mich liebenswerten Körper „zuzugestehen“ und zu erarbeiten, durch den Körper, in dem ich mich endlich wohler fühle, geht es auch der Psyche besser und das Selbstbewusstsein profitiert davon.

Und um jetzt endlich den Bogen zu schlagen und auf den Punkt zu kommen, wieso ich ausgerechnet heute dieses, für mich seit meiner Kindheit so schambesetzte und schmerzhafte Tabuthema anpacke und hier darüber erzähle:

Ich bin heute Morgen zum ersten Mal in meinem kompletten Erwachsenenleben mit Normalgewicht aufgewacht. Hinter mir liegen 15 Monate, in denen ich meine Fettlogiken überwunden habe und ein Minus von 50 Kilogramm. Was jetzt noch folgt ist die Kür: weitere 8 Kilo würde ich gerne verlieren, dann bin ich bei mittlerem Normalgewicht, primär will ich aber – denn inzwischen habe ich vor einem halben Jahr auch zum ersten Mal in meinem Leben Spaß an Sport gefunden – fit werden und noch ein paar Prozent Körperfett gegen Muskelmasse austauschen. Und in meinem Körper wohlfühlen will ich mich – zum ersten Mal in meinem Leben. So nah wie jetzt war ich noch nie daran. Mein Körpergefühl ist ein völlig anderes und erst jetzt, wo ich zB am Donnerstag in Erfurt stolz die 70 Stufen der Domtreppe hochgestiegen bin, dabei reden konnte und oben angekommen kein bisschen aus der Puste war, ist mir bewusst, wie eingeschränkt ich vorher mein ganzes Leben lang war und wie großartig und wunderbar dieses neue Körpergefühl ist.

Danke, liebe Nadja. Ich könnte dich seit 15 Monaten fast täglich vor Dankbarkeit küssen! Du hast mir ein völlig anderes Leben geschenkt!

Katja

 

Svü sagt, da fehlt noch’n Foto und ich soll das mit dem Pulli nehmen und da ich sie heute ganz besonders lieb habe, gibt es hier tatsächlich eines. Da hab ich mal reingepasst.

Was mir am Herzen liegt – (m)eine Bitte an euch

(oder: immer wieder im November)

Meistens bin ich ein optimistischer Mensch und auf der Suche nach positiven Dingen, über die ich mich freuen kann. Ich liebe es zu fotografieren, zu reisen, in der Küche zu wurschteln oder im Garten, in einem Buch zu versinken. All das sind Dinge, die mir gut tun und von denen ich weiss, dass sie recht zuverlässig funktionieren.

„Man kann dir das gar nicht glauben, dass du Depressionen hast, wenn man dich so sieht und mit dir redet.“ sagte mir eine Bekannte vor ein paar Jahren und genau das ist ein großer Anteil der Heimtücke, die Depressionen an sich haben. Man sieht es den Betroffenen oft nicht an. Niemand hinkt oder hat eine laufende Nase. Es gibt keine Beulen, Blutergüsse oder eingegipste Körperteile. Manchmal/bei manchen gibt es Schnitt- oder Kratzwunden, aber die zeigt man natürlich niemandem. Und auch die Tränen versteckt man oft. Von aussen sieht man einem depressiven Menschen die Depression erst mal nicht an und oft merkt man sie der- oder demjenigen auch nicht an, denn das Gefühl der eigenen Unfähigkeit/Unzulänglichkeit bringt einen dazu, nach aussen hin eine Maske zu tragen, sich möglichst nichts anmerken zu lassen.

Es gibt kein gesellschaftlich anerkanntes Symptom, kein äusseres Merkmal, das der Krankheit nach aussen eine Art Rechtfertigung verleiht. Man hat „nur“ die Dinge, die in einem passieren und da ist die Bandbreite weit und verschieden. Mal zerreisst einen ein inneres Fegefeuer und alles in einem schreit vor Schmerz. Mal ist alles dumpf und taub und grau und man befindet sich in einem zombieartigen Zustand (zumindest stelle ich mir den so vor), völlig vom echten wachen Leben und den eigenen Gefühlen abgeschnitten. Und alles dazwischen und noch mehr und ohnehin bei jedem anders.

Was da mit einem passiert, kann man oft selber so wenig verstehen (zumindest anfangs), dass man es erst recht niemandem erklären kann und spätestens, wenn man zum zweiten Mal „jetzt reiss dich mal zusammen“ oder „stell dich nicht so an“ oder „du musst doch nur“ oder ähnliches gehört hat, neigt man dazu, noch besser zu verbergen, wie es einem geht. Denn man weiss das ja selber nicht so genau, zweifelt an sich selber, zweifelt, ob man sich tatsächlich „nur anstellt“ und sich „einfach nur zusammenreissen“ müsste, damit wieder alles gut ist. Aber wie geht denn dieses Zusammenreissen?

An manchen, schlimmen Tagen ist man ja schon froh, wenn man überhaupt noch weiss, wie aufstehen und zur Toilette gehen funktioniert. An Duschen oder Essen oder weitere so unfassbare Anstrengungen ist da nicht zu denken. Manchmal erscheint selbst Atmen als Überforderung.

Und manchmal wünscht man sich, man könnte einfach aufhören zu atmen. Und zu leben.

Diese ganz schlimmen Phasen und Gedanken und der Wunsch, nicht mehr weiterleben zu müssen, sind bei mir zum Glück schon lange Geschichte. Ich habe, mittlerweile häufig genug erlebt, dass jede dieser unterschiedlich dunklen Phasen irgendwann wieder vorübergeht und ich habe, dadurch, dass ich mich genau beobachte, auch gelernt, wie ich mich selber aus dem bodenlosen Fallen wieder rausholen kann, gelernt, welche Methoden bei mir (zumindest oft) funktionieren.

Aber ich weiss auch, dass diese depressiven Phasen mich immer wieder erwischen, mir immer wieder die Beine unterm Hintern wegziehen – auch wenn ich noch so gut auf mich aufpasse und versuche, das zu vermeiden oder den Fall zumindest abzufedern.

Das ist bei mir – auch – von der Jahreszeit und der Helligkeit bzw. fehlenden Helligkeit abhängig, wie gut es mir gelingt. Speziell im November, wo zu der dauernden Dunkelheit für mich persönlich noch viele Tage mit schmerzhaften Erinnerungen dazukommen, bin ich mittlerweile besonders darauf bedacht, mir möglichst viele Aktivitäten zu suchen, die mich vom Grübeln ablenken. Und trotzdem merke ich – auch dieser Tage – wieder, wie ich mich zu kaum etwas aufraffen kann, wie alle Kleinigkeiten mir große Kraft abverlangen, was mir beides mittlerweile Warnzeichen geworden ist.

Aber gerade weil es mir mittlerweile (an Jahren gemessen) so viel besser geht, ist es mir – speziell zu dieser Jahreszeit, wo durch fehlendes Licht und durch die anstehende Weihnachtszeit, in der sich Einsamkeit für viele besonders gemein anfühlt – ein Anliegen, wieder einmal die „Werbetrommel“ zu rühren*, für mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für diese hundsgemeine Krankheit Depression und die an ihr erkrankten Menschen.

Bitte passt ein bisschen aufeinander auf. Fragt die Menschen in eurem Umfeld wieder einmal, wie es ihnen geht. Gerade jene, die sich vielleicht ein bisschen zurückgezogen haben. Und seid zugewandt und hakt nach, falls ihr ein ‚muss ja‘ oder dergleichen zu hören bekommt.

Bitte tut Depressionen nicht als „sich anstellen“ ab und sagt nicht über andere / zu anderen, sie sollten „sich zusammenreissen“. Depressionen sind eine ernste Erkrankung, deren Heilung nicht durch ausreichendes „Wollen“ zu bewältigen ist.

Bitte sprecht nicht abwertend über die Erkrankung und über die Erkrankten
(auch nicht, wenn sie nicht dabei sind)
(auch nicht, wenn ihr genervt seid, dass mehr Arbeit an euch hängen bleibt, weil die Kollegin „Burn out“ hat – ihr meckert (vermutlich) auch nicht über den blöden Meier, der sich jetzt ausgerechnet den Fuß gebrochen hat, wo Urlaubszeit ist und ihr unterbesetzt seid).

Bitte helft so mit euren Worten und eurem Verhalten dazu beizutragen, dass das Tabu, das dem Thema Depressionen anhaftet, in eurem Umfeld ein bisschen kleiner wird. Je „normaler“ der Umgang mit der Krankheit wird, desto einfacher wird es auch für Betroffene, sich zeitnah Hilfe zu holen.

Bitte passt vor allem auf euch selber gut auf!

Wenn ihr betroffen seid und in einer akuten Krise: Bitte holt euch Hilfe!

Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich bitte an Ihren behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten, die Ambulanz der nächstgelegenen Psychiatrischen Klinik oder die Telefonseelsorge (in Deutschland 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222; in Österreich 142; in der Schweiz 143). Wenn diese nicht erreichbar sind, rufen Sie den Notarzt (in Deutschland 112, in Österreich und der Schweiz 144).

(Quelle: http://www.deutsche-depressionshilfe.de/ – Dort gibt es auch viele Informationen.)

*Dieser Teil fällt mir am schwersten, denn ich kann nicht gut um Aufmerksamkeit bitten, wo sie mir nicht von selber geschenkt wird. In diesem Fall tue ich es trotzdem (wieder einmal), denn es geht mir nicht um Aufmerksamkeit für mich, sondern um jene für das Thema und ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht krumm, wenn ich euch dafür einmal im Jahr auf die Pelle rücke und euch nachdrücklich bitte, den Link bzw. den Artikel zu teilen und zu verbreiten.

Ich wünsche mir sehr, dass es irgendwann genauso normal sein kann, über Depressionen zu reden, wie über eine Grippe!

Danke für’s Lesen, für die Aufmerksamkeit. Danke für’s Weitersagen!

Katja

 

Euer Trending Topic ist unser Leben*

Gestern sind – für meine Verhältnisse – ziemlich viele Menschen auf meinem Blog gewesen und haben meinen letzten Blogeintrag gelesen, nachdem Grete, deren Artikel ich dort verlinkt hatte, auf Twitter hierher verwiesen hatte.

Wenn ich heute einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass jene Aufmerksamkeit, die es im Netz aktuell wieder einmal für das Thema Depressionen und Suizid gibt, nicht wieder umfassend verpuffen würde, wenn in drei Tagen die nächste Sau durch’s Dorf getrieben wird.

Ich würde mir wünschen, dass nicht immer etwas – traurigerweise ist dieses ‚Etwas‘ bei Depressionen oft ein Suizid – passieren muss, damit das Thema Beachtung findet, damit darüber geredet wird. Und ich weiss, dass der Wunsch natürlich groß ist, weil die Zeit schnell ist.
Und das ist ja auch sehr normal und auch ein gutes Zeichen, wenn die Gedanken an und über zB Angst und Depressionen so wenig zum eigenen Leben gehören, dass sie recht schnell wieder verblassen (können!), wenn sich die Themen in den Nachrichten oder im Netz ändern.

Leider gilt das nicht für jeden. Und wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, dass alle, die selber nicht betroffen sind und auch üblicherweise wenig von Betroffnen mitbekommen, die aber aktuell aufmerksam und der Ansicht sind, es müsse sollte/könnte sich etwas an der öffentlichen Wahrnehmung (und auch Be-Wertung) psychischer Erkrankungen ändern, von all jenen wünschte ich mir, sie würden sich einen Reminder machen. Für in zwei Wochen oder vieren oder in einem halben Jahr. Und dass sie dann noch einmal das Thema aufgreifen, völlig egal ob gedanklich, ob im Gespräch mit irgendjemandem, ob in ’nem Blogartikel,… Je ’normaler‘ der Umgang mit solchen Themen wird/ist, umso weniger kommet man sich zumindest ich mir ‚falsch‘ vor, mit meiner psychischen Erkrankung und umso leichter fällt es (mir), darüber zu reden.

Und das ist kein bisschen angreifend oder vorwurfsvoll oder verbittert gemeint, sondern ganz leise und bittend. Redet darüber.

(Und wieder mal ein großes Dankeschön an alle, die das hier (teilweise seit Jahren und auch immer wieder) mit mir tun. :))

Katja

*Der Titel ist sehr frei nach Sascha Lobo

Leseempfehlung

Ich finde den Artikel

Brief an einen Unbekannten bei madamelebt.wordpress.com

sehr lesenswert!

Die Kommentare dort sind leider – aber sehr nachvollziehbarerweise – geschlossen.

Der Artikel erinnerte mich wieder an den Suizid von Robert Enke und jene Gefühle von damals, die mich dazu brachten, zum ersten Mal in meinem Blog ‚das Kind beim Namen zu nennen‘ – ohne kryptische Umschreibung, ohne mich zu winden, meine Depressionen zu benennen und wie schwer mir dieser Schritt fiel, weil man ‚darüber‘ einfach nicht offen spricht. Nicht mal in diesem anonymen Internetdingens traute ich mich das, auch hier war das Schamgefühl noch viel zu groß.

Und mir wird gerade bewusst, wieviel sich für mich dadurch geändert hat, dass ich das offen benannt habe. Wieviele Blogeinträge ich seitdem geschrieben habe, die sich mit der Depression beschäftigen und auch mit der Angststörung und wie wertvoll es für mich ist, diesen (virtuellen) Ort zu haben, wo ich ungefiltert darüber reden kann und wie mich das vorangebracht hat.

Und auf der anderen Seite muss ich daran denken, wie feige ich ausserhalb des Internets dahingehend immer noch bin. zB wenn ich dieser Frau begegne, die ich an sich wirklich sehr mag, die sich aber bei fast jedem Treffen über irgendwelche Arbeitskollegen aufregt, die wegen Depressionen oder Burn out krankgeschrieben sind. Und es ist jedes Mal eine Mischung aus Empörung und Belustigung über die Betroffenen und über diese „‚Modekrankheit‘, die sie sich vielleicht auch einfach mal zulegen sollte, damit sie nicht die einzige wäre, die so blöd wäre, einfach ihre Arbeit zu machen“. Und das finde ich schrecklich den Kollegen gegenüber und auch mir gegenüber, denn eigentlich weiss sie, wie es mir geht. Aber ich glaube, ihr ist das nicht mal bewusst, dass sie damit auch mich trifft, wenn sie den Kollegen unterstellt, Depressionen seien ja nur überempfindliches Anstellen und mangelndes Zähnezusammenbeissen und da könnte ja jeder kommen.

Aber anstatt auch nur einmal wütend zu werden oder auch nur meine Kränkung zu zeigen, gehe ich ins Bad, um meine Tränen in den Griff zu bekommen, weil ich mich dann klein und minderwertig fühle und nicht mal wüsste, wie ich ihr erklären könnte, wie – ich scheue mich, es dumm zu nennen, aber mir fällt auch keine andere treffende Bezeichnung ein – ich finde, was sie da sagt. Und ich kann auch nicht mit ihr über mich sprechen, zumindest nicht über die Depressionen, weil ich ja überdeutlich weiss, wie sie über die Krankheit denkt. Und damit auch über mich. Aber das sagt sie natürlich nicht direkt. Und vielleicht ist ihr das noch nicht mal bewusst und sie denkt, sie würde mich mögen. Aber das kann sie ja gar nicht. Das bin ich nämlich gar nicht.

Herrje, eigentlich wollte ich nur die Leseempfehlung und den Link hier bloggen und jetzt sitze ich wieder mal heulend vor der Tastatur und ich weiss nicht mal so genau, weswegen.
Um also lieber noch mal einen sinnvollen Bogen zu schlagen, zu dem ‚darüber reden‘: Heute Abend treffe ich mich kurz vor knapp (nächsten Dienstag startet der nächste Kurs) mit ein paar Leuten aus meinem Spanischkurs in der Tapasbar und nachdem ich denen beim letzten Treffen schon in großer Runde todesmutig erzählt habe, dass ich Angst vorm Telefonieren habe, ist der feste Vorsatz, dieses Mal nicht allen Fragen über mich möglichst auszuweichen, sondern einfach offen zu antworten – auch, wenn ich dabei die Depressionen erwähnen muss.

Vive la revolu Enttabuisierung!

Katja

Nichts fragen und bloß nichts sagen

Vor ein paar Tagen ist mir plötzlich ein Licht aufgegangen, weswegen sich jede Begegnung mit dem Lieblingsschwager so anfühlt als wären da nie diese mehr als 20 Jahre zwischen der Scheidung der Lieblingsschwester und ihrem erneuten Verlieben in den Exmann gewesen, wieso sich dieser Mensch – obwohl ich fast noch ein Kind war als ich ihn zuletzt gesehen hatte – so vertraut und so sehr wie Familie anfühlt.

Ich glaube, das liegt daran, wie offen er mit mir umgeht und das ist gar keine alte Vertrautheit sondern da ist einfach sehr schnell eine neue entstanden.

Meine Schwester hatte ihm vorm ersten Aufeinandertreffen von meinen Depressionen erzählt und auch Teile darüber, wie lange Zeit ich nur in der Wohnung verbracht habe und er hat direkt bei unserer ersten Wiederbegegnung damals daran angeknüpft und sich interessiert nach mir, meinem Leben, nach den Depressionen und der Angst, nach den Auslösern und allem möglichen erkundigt.

Damals ist mir das gar nicht aufgefallen, wie ungewöhnlich das tatsächlich ist. Dafür fühlte es sich einfach zu normal an. Zwei Menschen, die sich schon sehr lange kannten und die sich an einem Tisch gegenübersaßen und sich gegenseitig auf den neuesten Stand brachten, was in den letzten mehr als 20 Jahren so passiert war.

So richtig greifbar geworden, wie ungewohnt das eigentlich ist, ist das erst nach dem letzten Wochenende wieder mal für mich. Da bin ich auf eine gute Handvoll Menschen getroffen, die auch wissen „was mit mir los ist“. Sie wissen das nicht von mir direkt, sondern vermutlich über drei Ecken und ich vermute, sie wissen auch nicht allzuviel. Am Wochenende hatte ich mehrfach ein merkwürdiges Gefühl, aber das habe ich ja fast immer, wenn ich unter Menschen bin, die ich nicht besonders gut kenne. Erst hinterher ging mir auf, wieso sich das – vielleicht – immer so merkwürdig anfühlt.

Niemand stellte mir in den Gesprächen Fragen. Also zumindest keine, die nicht komplett unverfänglich bleiben können. Und ich glaube (hoffe) nicht, dass das komplettes Desinteresse mir gegenüber ist. Entweder ist das die Angst, mir zu nahe zu treten oder aber es sind die generellen Berührungsängste, die dieses Thema betreffen. Vielleicht ist es auch ein Mix daraus, vielleicht auch etwas ganz anderes, das Ergebnis ist zumindest, dass Gespräche sich merkwürdig anfühlen.

Und ich erzähle von mir aus ja auch nicht so arg viel und eben schon gar nicht über die Depressionen und die Angst, die nunmal vieles davon bedingen, wie ich lebe und wer ich jetzt bin. Irgendwie ist da immer noch das Schamgefühl. Wer kann’s schon vestehen, wer nicht selber solche Phasen kennt? Ich habe immer noch Angst, nicht ernst genommen zu werden. Also nicht ernst im Sinne von wichtig, sondern im empathischen Sinne. Aber es ist ja gar nicht so, dass ich darauf brennen würde, unbedingt über dieses Thema zu reden, nur aus dieser doofen Vermeidungsstrategie heraus, fragen einige Menschen mich eben überhaupt gar nichts. Und so bleiben die Gespräche irgendwie einseitig und ein Stück weit inhaltsleer und der Kontakt bleibt distanziert, zumindest habe ich immer das Gefühl ihnen fremd und unverständlich zu bleiben.

Nichts fragen und bloß nichts sagen.

Katja

Raus ins Licht

Ich war als Kind schon häufig traurig, hatte als Jugendliche immer wieder Phasen von Schwermut und Melancholie. Vor 9 Jahren stürmten eine Menge Dinge gleichzeitig auf mich ein und ich bin „zusammengeklappt“. Mitten im Studium stehend, ging von heute auf morgen gar nichts mehr. Ich hatte Heulkrämpfe, hatte an vielen Tagen nicht mal genügend Energie, um überhaupt das Bett zu verlassen.

Dass ich krank war, dass das, was mich so umgehauen hatte, ein Depressionsschub war, wusste ich damals nicht. Was ich fühlte war Versagen. Gestern noch „funktionierte“ ich problemlos, bewältigte meine Aufgaben und heute *schnipp* war ich völlig davon überfordert, mir ein Brot zu schmieren. Ich konnte mir nicht erklären, was mit mir los war. Ich wusste nur, dass ich keine Kraft und keinen Antrieb mehr hatte. Und dafür schämte ich mich.

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