Jetzt gucken Sie doch mal!

„Jetzt gucken Sie doch mal!“, sagt die kleine Frau und dann legt sie mir den Arm um die Schulter und dreht mich in die von ihr gewünschte Richtung, wo ich hingucken soll. „Ist das nicht wunderschön geworden?“, fragt sie während sie mit dem freien Arm, der nicht um meine Schulter liegt, in Richtung der Tomaten fuchtelt. „Gucken Sie! Ich hab da erst rechts die Tomaten eingeräumt und wollte schon die anderen direkt daneben packen, aber dann dachte ich „machste erst noch was Gelbes dazwischen, für den Kontrast“ und dann hab ich die gelben Zucchini entdeckt und dann wieder Tomaten und da noch ein grüner Streifen aus Frühlingszwiebeln und sehen Sie das, dass ich die sogar mit den Wurzeln abwechselnd sortiert habe?“ und während sich dieser Wortschwall in meine Richtung ergießt und ich zwar immer noch völlig irritiert bin, über die spontane und andauernde Berührung einer Fremden, merke ich doch, dass mich das Anfassen gar nicht so sehr stört, wie es eigentlich in einer solchen Lage der Fall wäre, denn diese kleine, ältere Frau ist ganz und gar entzückend in ihrer Freude und Begeisterung über ihr Werk – die farblich und auch ansonsten ansprechende Sortierung des Tomatenregals im Rewe. Und statt mich also unangenehm zu winden und aus ihrer Umarmung zu befreien, drehe ich mich zu ihr um, strahle sie ebenso breit an, wie sie mich und versichere ihr, dass das wirklich wunderschön aussieht und dass sie das wirklich gut gemacht hat.

Und dann gehe ich grinsend weiter – nicht ohne welche von den hübsch drappierten Tomaten und den Frühlingszwiebeln zu kaufen – aber auch ein bisschen betrübt, weil ich selber diese Fähigkeit nicht habe, mich so ausgelassen über etwas zu freuen oder stolz darauf zu sein, was ich selber gemacht habe und das auch laut herauszulassen. Aber Mitfreuen, das kann ich gut!

Katja

Doch nicht ganz aussichtslos

Ich versuche gerade die richtigen oder überhaupt Worte für das zu finden, was heute passiert ist und merke, das ist gar nicht so leicht, weil ich mal wieder gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. In meinem Kopf geht es immer noch drunter und drüber, aber ich möchte es auch gerne festhalten, so lange der Eindruck noch frisch genug ist, damit ich im wahrsten Wortsinne, was zum daran Festhalten habe.

Vielleicht fange ich mit dem an, was für mich so festhaltenswert ist: ich war heute Nachmittag ziemlich saumäßig stolz auf mich, ich stand nämlich irgendwann auf der höchsten begehbaren Stelle eines Turms an der nahegelegenen Bergstraße und das obwohl ich mich etwa 1,5 Stunden vorher wieder mal wie weltgrößte Versagerin gefühlt hatte.

Aber von vorne: ein Spaziergang sollte es werden, wobei das im Nachhinein schon eine eher euphemistische Bezeichnung ist, für den steilen, schmalen Weg über Stock und Stein, der sich durch den Wald den Berg hochwindet und so ging es mir auch schon nach wenigen hundert Metern ernsthaft an die Substanz. Ich gehe echt gerne spazieren, aber herrje, wir wohnen hier im totalen Flachland und die Wochen in der Klinik im Taunus, in denen ich relativ viel Bergstrecke zurückgelegt habe und dahingehend etwas trainierter war, liegen dann doch schon wieder ein paar Monate zurück und gerade schlaucht die Psyche den Körper ohnehin unglaublich und ich bin die meiste Zeit müde und völlig platt und energielos. Also saß ich schon nach ein paar hundert Metern steilen Bergwegs auf einer Bank, mit einer heftigen Panikattacke kämpfend, weil ich nicht schwindelfrei bin und der geröllige Weg sich alles andere als sicher angefühlt hat und der Verzweiflung nahe, weil ich da eigentlich am liebsten direkt wieder umgedreht und nach Hause gefahren wäre. Eigentlich wollte ich losziehen, um durch die Bewegung und das draußen Rumlaufen der Psyche was Gutes zu tun, aber das ging irgendwie voll nach hinten los und mir ging’s in dem Moment hundsmiserabel, weil es wieder mal so gut zu meinem depressiven Ich passte – der Vollversagerin, die nichts auf die Reihe bekommt. Nicht mal ’nen Sonntagmittagspaziergang zu ’nem ollen Schloss.

Irgendwoher hab ich dann immerhin soviel Trotz aufgebracht, dass ich dachte, ich probier’s jetzt wenigstens nochmal ein, zwei Serpentinen länger und irgendwie ging’s dann auf einmal mit ’nem großen Schluck Wasser, langem tiefen Durchatmen und vor allem erst mal nur noch vor die Füße gucken, um nicht zu stolpern und auch, um nicht zu sehen, wie schmal und steil der Weg wirklich war. Und dann, irgendwann so ’ne Stunde später, war der Weg hoch geschafft und ich den Berg endlich oben, aber da gab’s zwar viele dicke Mauern, aber keine echte Aussicht, also musste ich dringend auch noch den Turm hoch – auch noch das allerletzte Stück, wo die breite gut begehbare Betonwendeltreppe einer schmalen, engen, unebenen Steinwendeltreppe, die kaum noch den Namen Treppe verdient, weicht bis man endlich oben auf dem Turm steht.

Und dann musste ich, oben stehend, dran denken, wie ich das letzte Mal versucht habe, so einen engen Turmtreppenaufstieg zu bewältigen und wie ich damals mit einer grandiosen Panikattacke mitten auf der Treppe des Belfrieds von Brügge gescheitert bin. Und auf einmal war ich ganz schön gewaltig stolz auf mich, dass ich nicht nur den Berg doch noch bezwungen habe, sondern quasi ohne nachzudenken oder zu zögern den Turm auch noch hoch bin, weil ich jetzt nun mal eben auch Aussicht haben wollte, wo ich schonmal den Berg hoch war. Und zwar die beste Aussicht, die man haben kann – die von ganz oben.

Und davon hab ich euch auch ein bisschen was mitgebracht. Und auch von etwas weiter unten. (Klick macht groß.)

 

Jetzt ein paar Stunden später, ist von diesem Stolz nicht wirklich mehr was übrig und die Tränen kullern wieder. Aber gerade deswegen muss ich’s dringend aufschreiben, um nicht zu vergessen, dass es so Momente gerade auch zwischendrin doch gelegentlich gibt.

Katja

Gedanken (wie ein neuer Pullover)

Dieser Schreck, den du im ersten Moment bekommst, wenn du dich dabei ertappst, dass du gerade etwas Positives über dich denkst. Dieses innere „Huch?!“, direkt nach dem „eigentlich ist es ganz schön cool, dass ich da so ticke und das gut kann“-Gedanken. Positiv über dich selber  zu denken, das fühlt sich noch ein bisschen an, wie ein neuer Pullover. Die Farbe gefällt dir, ohne Frage, aber du bist noch nicht sicher, ob du ihn behalten kannst, ob er nicht doch an dieser einen Stelle ein bisschen zu eng sitzt und kneift. Und haben die Ärmel wirklich die passende Länge? Dann lässt du, nach dem ersten Schreck, den guten Gedanken, den Stolz auf dich selber, nochmal auf dich wirken. Lässt, um beim Pulloverbild zu bleiben, den gedachten Handrücken, doch nochmal vorsichtig über das Material gleiten und freust dich über das seidig weiche Gefühl auf der Haut. SO fühlt sich das also an?

Katja

Katja Legweak

Manchmal, da fühle ich mich ein bisschen wie Neil Armstrong.

„That’s one small step for man… one… giant leap for mankind.“

(Neil Armstrong)

Nur genau umgekehrt.

*

Heute Mittag klingelte die Nachbarin und fragte mich, ob ich sie ein wenig später heute, in einen Ort, der ein paar Orte von hier entfernt liegt, fahren könnte, wo ihr Auto in der Werkstatt steht. Alle ihre Leute hätten sie versetzt. Und weil ich die Nachbarin gut leiden kann, habe ich ihr zugesagt, ohne lange nachzudenken. Ging ja eh nicht, lange zu grübeln, denn wenn ich erst mal gesagt hätte, dass ich das erst überlegen muss, hätte sie sicher einen Rückzieher gemacht. Solche Dinge kann man nur spontan zusagen oder eben nicht.

Dann hatte ich eine Stunde Zeit bis ich los musste und mir ging es von Minute zu Minute elender. Unter anderem, weil mir erst nach der Zusage auffiel, dass das ja auch bedeutet, dass ich mit einer fremden Beifahrerin Auto fahren muss, was mich ganz furchtbar nervös macht. Also Beifahrer ganz generell, seit ich so lange zwischendrin gar nicht gefahren war, und fremde noch stärker. Je länger ich darüber nachdachte, desto schlimmer stellten sich auch die körperlichen Angstsymptome ein. Tunnelblick, Schwindel, zitternde Knie…

Aber irgendwo war da auch diese Stimme, die meinte, das müsste doch irgendwie gehen. Auto fahren, da war doch irgendwo mal ein Automatikprogramm, mit dem ich das konnte. So viele Kilometer, wie ich in meinem Leben schließlich schon gefahren bin. Und ich wollte der Nachbarin auch auf keinen Fall wieder absagen. Die war vorher schon enttäuscht genug, weil alle sie versetzt hatten. Dass sie versetzt worden war, finde ich besonders schade, weil sie umgekehrt eine ist, die dauernd was für irgendwen dieser Leute übernimmt oder macht.

Also Augen zu und durch.

Oder eigentlich lieber Augen auf und durch – so fährt es sich besser.

Es war anstrengend und ich merke, dass mich das schon an Grenzen bringt, wenn ich gleichzeitig fahren und Konversation betreiben (naja, bei ihr genügt eigentlich zuhören und gelegentlich ein Kommentar) muss – aber auch, dass es geht. So irgendwie.

Das Essengehen mit den Leuten vom Spanischkurs nachher, das ich eigentlich für die Herausforderung des heutigen Tages gehalten hatte (weil mir sowas immer noch schwer fällt, obwohl wir ja in einer gewissen Regelmäßigkeit in dieser Runde alle halbe Jahre in ein Restaurant gehen), kann jetzt eigentlich auch nicht mehr schlimmer oder schwieriger werden.

*

Wenn ich solche Kleinigkeiten, mit denen ich mir (immer noch oft) so schwer tue mit Abstand betrachte, dann denke ich immer, wie furchtbar lächerlich das doch eigentlich ist, dass mir ein simpler kleiner Gefallen, um den mich eine Nachbarin bittet, einen solchen Kraftakt abringt und wie lächerlich doch eigentlich ist, dass ich überhaupt stolz darauf bin, wenn ich solche Kleinigkeiten schaffe.

Aber zum Glück gibt es mittlerweile (manchmal) auch jene Stimme in mir, die das gar nicht lächerlich findet, weil es für mich eben keine Kleinigkeiten sind (immer noch nicht).

That’s one small step for mankind, one giant leap for a woman.

(Katja Legweak)

Katja

Jippijajey Schweinebacke!

Katja hat am 20. Dezember 2008 um 17:00 Uhr aufgehört zu rauchen,
ist damit schon 1.461 Tage   6 Sekunden rauchfrei,
hat in dieser Zeit 17.532 Zigaretten nicht geraucht, 2.103,84 Euro gespart
16 Gramm Nikotin und 193 Gramm Teer den Lungen erspart und insgesamt
60 Tage 21 Stunden RauchFrei-Zeit gewonnen.

(Mehr SWR3 RauchFrei unter http://www.SWR3.de/rauchfrei)

Manchmal, besonders, wenn ich viel Stress oder Kummer habe, piekst es noch und ich würde mir am liebsten eine anzünden, die Augen schließen, tief inhalieren und diesen ganzen Mist wegrauchen. In diesem Jahr, das für mich unter keinem besonders guten Stern stand, indem viel zu viel Ärger auf mich eingeströmt ist und in dem ich das Gefühl hatte, sehr auf der Stelle zu treten und eher rückwärts unterwegs zu sein als voran zu kommen, hat es häufiger gepiekst als in den beiden Jahren davor und die Verlockung war größer.

ABER

nach diesen kurzen Momenten setzt sofort ein Mechanismus ein, der mir das ins Bewusstsein holt, was ich mit Gewissheit weiss: Keines dieser Probleme und Kummerdinge würde sich durch so ’ne verfluchte Kippe in Luft auflösen! Kein Ärger würde auch nur einen Milimeter kleiner! Keine Angst würde ihr Köfferchen packen und weichen, nur weil die Luft schlechter wäre! Stattdessen würde nur die Luft schlechter und zu dem Problem, vor dem ich am liebsten via Zigarette davonlaufen würde, käme nur noch der Frust darüber, rückfällig geworden zu sein.

Ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass eine einzige Zigarette für mich nicht funktionieren würde. Zu fixiert ist mein Unterbewusstsein immer noch auf die Sucht und den Selbstbetrug, dass ‚erst mal eine rauchen‘ helfen würde. Und ich kenne mich auch gut genug, um zu wissen, dass ich diese ersten elenden Monate nachdem ich aufgehört hatte, diese Tage, wo ich fast wahnsinnig werdend, vor dem Gedanken unbedingt eine rauchen zu müssen, in der Wohnung im Kreis weggelaufen bin und die Tapete von den Wänden hätte kratzen können, weil mich die Sucht so fertig gemacht hat, weil das Belohnungszentrum in meinem Gehirn so nach Nikotin gejammert hat, weil vorher zu jeder Lebenslage Zigaretten gehörten. 22 Jahre lang.

Und dann, wenn diese Gewissheiten wieder im Bewusstsein angelangt sind, fällt mir wieder ein und auf, wie sehr sich mein Leben und wie sehr ich mich verändert habe, seit ich nicht mehr rauche. Wie dieses Gefühl, DAS geschafft zu haben, in mir euphorische ‚wenn ich das geschafft habe, von dem ich über 20 Jahre lang annahm, ich könne es nie, dann kann ich noch viel mehr‘-Gedanken anzustoßen und wieviel mutiger ich dadurch / danach geworden bin.

Und dann bin ich scheissfroh, dass ich heute vor 4 Jahren so erbärmlich erkältet war, dass mir der Sinn tagelang nicht nach Zigaretten stand.

Jene Freundin, mit der ich fast jetzt genau vor vier Jahren die letzte Zigarette auf meiner Terasse geraucht habe, war übrigens vor etwa 3 Wochen so krank, dass sie für ein paar Tage ins Krankenhaus musste und ich drücke ihr sowas von megafeste die Daumen, dass aus ihren etwas über 3 rauchfreien Wochen auch 1, 2, 3, 4, ganz viele Jahre werden!

Stationen eines Raucherlebens
1 Jahr

2 Jahre
3 Jahre

Katja

Heute vor zwei Jahren…

machte ich etwas anders: statt nämlich lange weiter zu grübeln, fing ich einfach an und knipste drauflos.

Und weil’s nach 2 Jahren immer noch jede Menge Spaß macht und weil ich ausserdem irre stolz darauf bin, diese eine Sache, dieses eine Foto pro Tag auch an den allerdunkelsten Tagen in diesen zwei Jahren hinbekommen zu haben, mache ich einfach auch jetzt noch weiter damit. So lange das eben so bleibt und so lange ich weiterhin Spaß daran habe.

Vielleicht erwische ich ja auch in irgendeinem Jahr nochmal die eingeschaltete Weihnachtsbeleuchtung über jenem Tor, das ich vor 2 Jahren zum ersten Mal knipste und hinter dem sich, wie ich seit letztem Wochenende endlich weiss, weil ich drinnen war, das hiesige Feuerwehrmuseum befindet.

P1290288-001

16.12.2010

16.12.2011

16.12.2012

Katja

(a picture a day)

 

 

Wie gewonnen, so zerronnen

Üblicherweise kommt mir mein Kopf wie ein großes Sieb vor – was ich nicht notiere, vergesse ich binnen Sekundenbruchteilen. An manchen Tagen wäre es sogar besser, mir ‚Kaffee holen‘ in die Handfläche zu schreiben, weil ich in der Küche angekommen, plötzlich nicht mehr weiss, was ich überhaupt dort wollte.

Gerade hätte ich eigentlich Grund mächtig stolz auf dieses große Sieb zu sein. Jetzt nicht unbedingt, weil ich meinen Einkaufszettel zuhause auf dem Schreibtisch vergessen hatte, sondern weil ich vorhin als ich zurück gekommen bin, natürlich verglichen habe, was drauf stand und was ich eingekauft habe. Unglaublicherweise habe ich exakt die 28 (in Worten: achtundzwanzig) Dinge besorgt, die auf dem Zettel standen. Keins mehr, keins weniger. Yehaaaw!

Eigentlich müsste ich jetzt also stolz sein, weil mein Hirn in Wahrheit skandalös begabt ist!1elf 😀

Aber dann stieß ich mir beim Aussteigen aus dem Auto den Kopf ganz furchtbar an und habe kurz darauf fast 2 Minuten gebraucht, bis mir auffiel, dass der Schlüssel deswegen nicht ins Haustürschloss passt, weil es sich um den Autoschlüssel handelt.

Also alles wieder im Lot! :mrgreen:

Katja