…mit offenen Fenstern und Haaren im Gesicht

Und dann wird dir bewusst, wie sehr dein inneres Wohl und Wehe gerade wieder mal vom Außen abhängig ist und wie wacklig und fragil und verletzlich solche Konstruktionen sind, wenn sie in einer solchen Dringlichkeit die innere Kontrolle übernehmen. Du merkst, wie hoch du den Lautstärkenregler des Außen gedreht hast und in welchem Ausmaß du damit deine innere Stille übertönst, nur nach außen hörst, nicht nach innen. Dringend auf Input angewiesen, um die Leere zu füllen, obwohl du doch eigentlich längst weißt, dass das nicht funktionieren kann. Sobald etwas von außen die Barriere nach innen durchdringt, beginnt der unaufhaltbare radioaktive Zerfall mit flüchtiger Halbwertszeit. Das eigene Innen wird immer kleiner, weil es sich in freudiger Erwartungshaltung schon mal in die Ecke gekauert hatte, um genügend Platz zu machen und beobachtet wie das Vakuum um es herum immer größer wird, sich ausdehnt und nicht mal die hilflosen Schreie können durch den luftleeren Raum nach außen gelangen.

Bis irgendwann – hoffentlich – der kleine Schritt zur Seite gelingt, der die Perspektive um eine Nuance verändert, den Blick auf das freigibt, was da gerade wieder einmal mit dir passiert. Und du weißt, du hast schon fantastilliarden Mal den Blick ins Lösungsbuch an der entsprechenden Stelle geworfen. So oft, dass der Buchrücken an dieser Stelle einen Knick hat und du musst auch gar nicht mehr nachschauen, weil du längst auswendig weißt, was dort steht. Nur du selber kannst das auflösen, kannst den Raum füllen. Das funktioniert nur von innen.

Komm, dreh die Lautstärke ein bisschen runter. Du musst ja nicht ganz ausschalten, nur ein kleines bisschen leiser, damit du dich selber noch hören kannst. Deine Stille wieder hören kannst. Wieder auf sie hören kannst.

Und dann wird dir auch noch diese Sache mit der Geschwindigkeit bewusst und du denkst, dass es doch eigentlich gar kein Wunder ist, wenn du dich dauernd gehetzt fühlst, weil du gerade ständig und alles und nur im Vollgas zu Stande bringst und du fragst dich, ob es daran liegt, dass du so viel Zeit deines Lebens mit Überleben beschäftigt warst, dass du jetzt wie in einem Geschwindigkeitstrausch das Leben nachholen willst oder ob auch das nicht eigentlich eine Flucht vor dir selber ist. Nicht innehalten, nicht hingucken, nicht reingucken.

Wenn du also gerade schon dabei bist, wieder mal ein paar Striche an den Reglern zu drehen, dann nimm doch auch den Fuß ein bisschen vom Gas. Nur ein bisschen. Auch wenn Sommer ist und du mit offenen Fenstern und Haaren im Gesicht losrasen möchtest.

Sometimes the fastest way to get there is to go slow.
And sometimes if you wanna hold on you got to let go.

Katja

still

Es ist nicht diese dumpfe und schwere Stille, wie jene, wenn man den Kopf unter Wasser hat, sondern eine ganz leichte und luftige Stille, die diesen Ort erfüllt. So still, dass der eine einzige Vogel auffällt, dessen Ruf irgendwann aus der Ferne erschallt. Und er ruft nur ein einziges Mal. So still, dass man die Richtungsänderung der Schwäne hören kann. Ein ganz leises und kurzes Plätschern nur, das ihr ansonsten perfekt lautloses Gleiten über das Wasser unterbricht. So still, dass ich mich irgendwann umdrehe, als es hinter mir raschelt, weil ich nachsehen will, wer dort ist. Doch es ist nur ein Blatt, das sanft zu Boden segelt und das mit einem leisen Seufzen auf seinen bunten Kollegen, die schon am Boden liegen, landet.

Katja

Stille

Und dann gehst du raus, um kurz einen Moment durchzuatmen, um den Kopf für einen Augenblick ruhig zu bekommen und du atmest tief aus und ein und schließt die Augen und plötzlich ist auch die Welt um dich rum für einen Augenblick ganz still. Kein Vogel zwitschert mehr, kein Auto saust auf der nahen Straße vorbei, kein LKW piept im Rückwärtsgang um irgendein Eck und sogar der Baustellenlärm von gegenüber verstummt für einen kleinen Moment. Und du öffnest die Augen, weil das so unwirklich scheint, weil du denkst, die Stille sei nur in deinem Kopf, aber dann merkst du, dass sie echt ist und musst unweigerlich lächeln, weil es sich für diesen kurzen Moment anfühlt, als wäre die Stille nur für dich alleine.
Dann ist auch schon wieder alles vorbei, ein Vogel zwitschert los, ein Auto fährt vorbei, der Baustellenlärm setzt ein. Aber dieser eine Moment, diese paar Sekunden waren deine.

Katja