Monster unterm Bett

Kaum geschlafen. Um halb 7 wach gewesen. Nochmal umgedreht. Um halb 8 aus dem Bett geflüchtet, weil eh nicht mehr an Schlaf zu denken war. Seitdem schlurfe ich unruhig durch die Wohnung, schaffe es nicht, mich auf irgendetwas sinnvoll zu konzentrieren, nicht mal auf mein angefangenes Buch.

Ich gehe in die Küche, räume zwei Teller aus der Spülmaschine, von da ins Wohnzimmer, setze mich auf’s Sofa, lese ein paar Seiten, stehe auf und schlurfe ins Arbeitszimmer, setze mich vor den Rechner, lese in meinem Feedreader, merke, dass ich gar nicht von dem, was ich lese, auch wirklich aufnehme, trippele wieder Richtung Küche und das alles in beliebig wechselnder Reihenfolge in Serie.

Scheisse, bin ich nervös. Heute Abend wird es ernst, ist die erste Stunde des Spanischkurses und mir geht der Allerwerteste auf Grundeis. Ein wenig fühlt es sich an, wie vor einem Zahnarztbesuch, bei dem ich noch nicht weiss, was auf mich zukommen wird und ich muss mir immer wieder selber einreden, dass ich da heute Abend hingehen werde, weil ich das so will, mir das ausgesucht habe, nicht weil mich irgendjemand mit sadistischer Veranlagung dazu zwingt.

Hundertmal stelle ich mir in Gedanken die gleichen Fragen, sie alle beginnen mit „Was wenn…?“ und enthalten Horrorszenarien, was alles passieren könnte, allesamt mehr vage als tatsächlich greifbar. Die Bandbreite geht von abwegig bis hin zu absurd und das ist mir voll bewusst und trotzdem bekomme ich diese Drecksangst gerade nicht in den Griff.

Absurd fühlt sich auch an, wie bewusst ich diese Angst gerade empfinde, wie bewusst mir die Irrationalität ist, wie klar mir eigentlich ist, dass vermutlich 99,9 Prozent meiner Befürchtungen völlig übertrieben und unnötig sind, wie klar ich in der Wirrung stecke. Alleine das verhindert das komplette Abdriften in die Angst. Früher fehlte mir dieser rationale Durchblick in diesen Momenten der Angst. Da war alles nur Sumpf und ich bis zum Hals und darüber hinaus mitten drin. Jetzt ist es lästig, nervig, stört mich, aber ich empfinde es nicht mehr als lebensbedrohlich. Ich kann, mitten drin steckend, darüber nachdenken, es auftüdeln, so irgendwie zumindest. Aus dem Sumpf ist eine tiefe, kalte, schlammige, unangenehme Pfütze geworden und ich weiss, dass es mir die Schuhe ruinieren wird, mehr aber auch nicht.

Während ich hier versuche, meine Gedanken dadurch, dass ich sie aufschreibe, ein wenig zu entschleunigen, das Rad, an dem ich seit früh morgens drehe, zum Anhalten oder wenigstens langsamer drehen zu bringen, reisst mich eine Mail aus eben diesen Gedanken:

*reinhüpf*

Ich wollt Dir nur kurz ganz viel Spaß, Kraft, Überwindung und eine große Portion
Selbstbewusstsein für die erste Spanischstunde heute wünschen!
Die Leute werden nett sein, Du wirst Dich wohl fühlen und ohne Unterlass brabbeln 😉

Viel Spaß!

*raushüpf*

Und seit ich das gelesen habe, kann ich gar nicht anders als zu lächeln, weil es genau das Gegengewicht zu der Angst ist, das ich just in diesem Moment gebraucht habe. Manchmal, wenn die Angst so unbegründet und trotzdem so vielfältig ist, ist ein „alles wird gut“ von aussen so ungeheuer wertvoll, weil es an dem Punkt ansetzt, den ich selber in dem Moment so schwer zu fassen bekomme.

Dankeschön an die Mailschreiberin für’s Monster unterm Bett verscheuchen!

Katja