Extrakäse

Und dann wird dir auf einmal bewusst, wie häufig du alle negativen Gefühle gegen dich selber richtest, wie du immer wieder in Selbstabwertung und Selbsthass versinkst und du willst es anders machen und versuchst, deine Gedanken bewusst umzuleiten bzw. umzuformulieren, dir deine Muster bewusst zu machen und dir zu sagen, dass du das doch so nicht mehr willst, endlich nicht mehr. Das geht einen Moment lang gut und dann reißt es dir wieder den Boden unter den Füßen weg und du hörst auf, dich gegen die negativen Gefühle zu wehren und dann wird dir auf einmal auch noch bewusst, wieso dir das immer wieder passiert, wieso du am Ende doch wieder unten landest und dass das viel mit Sicherheit zu tun hat, denn der Selbsthass, das ist das vertraute Gefühl. Es geht dir dann zwar schlecht, aber es ist ein Schlechtgehen, das du kennst, das dir den Boden lässt, nicht zum drauf stehen, aber zum in der Ecke kauern. Es erfüllt eine Funktion. Sicherheit in all dem Chaos, das gerade in dir herrscht.

Und dann, ganz bewusst, der Gedanke, dass das dann jetzt eben so ist. Es geht dir schlecht und du machst dich wenigstens nicht noch dafür fertig, dass es dir *wieder mal* schlecht geht. Wenigstens diese Extraschleife Extrahass sparst du dir heute. One step.

Katja

(gerade sehr mit Therapie beschäftigt, viel zu wenig bloggend, mal sehen, ob ich das nicht wieder regelmäßiger hinbekomme, meine Gedanken hier reinzukippen und zu sortieren)

Gedanken (wie ein neuer Pullover)

Dieser Schreck, den du im ersten Moment bekommst, wenn du dich dabei ertappst, dass du gerade etwas Positives über dich denkst. Dieses innere „Huch?!“, direkt nach dem „eigentlich ist es ganz schön cool, dass ich da so ticke und das gut kann“-Gedanken. Positiv über dich selber  zu denken, das fühlt sich noch ein bisschen an, wie ein neuer Pullover. Die Farbe gefällt dir, ohne Frage, aber du bist noch nicht sicher, ob du ihn behalten kannst, ob er nicht doch an dieser einen Stelle ein bisschen zu eng sitzt und kneift. Und haben die Ärmel wirklich die passende Länge? Dann lässt du, nach dem ersten Schreck, den guten Gedanken, den Stolz auf dich selber, nochmal auf dich wirken. Lässt, um beim Pulloverbild zu bleiben, den gedachten Handrücken, doch nochmal vorsichtig über das Material gleiten und freust dich über das seidig weiche Gefühl auf der Haut. SO fühlt sich das also an?

Katja

Ich habe jetzt ein sehr schönes Notizbüchlein oder ausführliches Gedankengeschwurbel über Umdenk- und -lernversuche

Ich musste gerade erst mal selber suchen – es ist schon 5 Monate her, dass ich hier darüber bloggte, dass ich versuchen will, in Zukunft umzudenken. Umzudenken in dem Sinne, dass ich aufhören möchte, mich selber abzuwerten und fertig zu machen, dass ich nicht mehr so streng und unnachgiebig mir gebenüber sein möchte, sondern freundlicher mit mir umgehen, um zu versuchen, ein positiveres Selbstbild zu bekommen. Mich irgendwie selber anzunehmen, mehr Selbstwert, mehr Selbstbewusstsein, statt Selbstablehnung und Selbsthass.

Seit jenem Artikel im April geht es zumindest dahingehend voran, dass ich häufig wahrnehme, wenn ich in dieser schädlichen Art mit mir umgehe. Dass ich merke, wenn da eine innere Stimme mir Dinge der Art „Nix kannst du! Du bist einfach zu blöd für alles, bekommst nichts auf die Reihe.“ vorhält. Immerhin ein Anfang.

Vor ein paar Wochen mailte mir jemand den Link zu einem Online-Training, in dem es darum geht, die Selbstachtung zu stärken. Das Training ist ganz simpel: Es werden ganz knapp 10 Situationen dargestellt zu denen es je 4 Antwortmöglichkeiten gibt, von denen 3 falsches, selbstschädliches Denken enthalten und eine, bei der man freundlich und zugewandt mit sich selber umgeht. Die jeweils „richtige“ Antwort ist offensichtlich und natürlich habe ich im ersten Anlauf alle Fragen richtig beantwortet. Nur mit der Wahrheit hatte das nichts zu tun. Denn ich weiss zwar rein theoretisch, wie ich mit mir / wie Mensch mit sich umgehen sollte, aber es gelingt mir einfach nicht, das auch emotional umzusetzen.

Ein Beispiel: Die erste Situation „Dir passiert ein Missgeschick.“ Natürlich ist die richtige Antwort „Dumm gelaufen. Schade, aber das kann jedem passieren.“ und während ich das anklicke sagt die Stimme in meinem Kopf „Haha! Du weisst aber schon, dass das nicht stimmt? Dass nur du so blöd bist? Mach nur, belüg dich nur selber. Aber du weisst doch genau, dass du eigentlich „Typisch. Ich habe wieder mal alles vermasselt.“ anklicken müsstest. Denn das machst du, du vermasselst immer alles.“

Nun sagt der Begleittext zum Training aber auch, man soll das für mindestens 30 Tage täglich machen. Auch, wenn man alle Antworten richtig hat. Wenn man falsche dabei hat, soll man das ausserdem so lange am Stück wiederholen bis alle Antworten richtig sind.

Eigentlich kommt mir das alles ziemlich albern vor und ich fühle mich ein bisschen ertappt, denn genau das steht auch schon im Text. Und, dass es sich irgendwann nicht mehr albern und falsch anfühlen wird, wenn man die richtigen Gedanken oft genug gelesen, gehört, sich selber gesagt hat.

Und obwohl ich solche Tests und Ratgeberbücher eigentlich so satt habe, weil die ja eh alle nicht helfen, mache ich weiter. Was sind schon 2 Minuten am Tag, die mich das Klicken aufhalten wird?

Und dann, nach 2 Wochen oder 2 1/2 merke ich, als mir in der Küche etwas runterfällt und die innere Stimme gerade mit einem ‚du bist so blöd‘ ansetzt, dass da auf einmal auch der Gedanke „Ey, das ist doch nur ein blödes Missgeschick. Das kann jedem passieren, das ist nicht schlimm.“ im Kopf ist. Ja huch!

Ich bin irritiert. Hilft es tatsächlich, wenn man diesen Mist, den man zwar (und ich wage es, jetzt ein vorsichtiges ’noch‘ hier einzusetzen) gar nicht glaubt, einfach nur oft genug anklickt und so tut als wäre er wahr?

Ich benutze oft das Bild von eingetretenen Pfaden, wenn es um meine in der Kindheit geprägten (falschen) Denk- oder Verhaltensmuster geht, um es mir selbst zu erklären und geduldig zu bleiben, wenn ich immer wieder vor die gleichen Wände laufe, an den gleichen Hürden scheitere. Wenn man in einer Spur feststeckt, die über so viele Jahre durch so häufiges Benutzen eingetreten wurde, dann sind die Ränder hoch und man kann nicht so einfach die Spur wechseln. Das weiss ich schon lange und doch scheitere ich immer daran, die Methode zu finden, wie man sich selber umprägen kann. Ich versuch’s ja auch mit Umdenken, damit mich bei falschem Denken zu ertappen und zu korrigieren. Und doch gibt es dafür keinen Automatismus, der mir hilft und besonders wenn es mir schlecht geht und ich besonders oft negative Gedanken habe, ist da auch gar nichts, was mich zu bewusstem Einschreiten bringt, denn ich bin dann ja schlecht und in diesen Phasen ist da nicht dieser Zweifel in mir (ob ich wirklich so schlecht bin), der sich sonst mittlerweile immer mal regt.

Dieses Durchexerzieren der 10 schnöden Situationen mit den auf Anhieb erratbaren richtigen Antworten kommt mir auf einmal wie ein Hebel der Art vor, wie ich ihn schon lange gesucht habe. Ich klicke auf dieser Online-Trainingsseite ein bisschen weiter rum, lese ein paar Texte, fühle mich verflucht oft erkannt und verstanden und obwohl ich mittlerweile diese Ratgeberaversion habe gegen diese Bücher, die einem sagen, was man ja ‚einfach nur‘ machen muss, damit alles wieder cool & froody ist im Leben, bestelle ich mir direkt ein Buch des Autors der Webseite. Den Namen kenne ich, von dem habe ich schon eines, auch ein Ratgeber, den durchzuarbeiten ich 4, 5 Anläufe gemacht habe und immer an der gleichen Aufgabe gescheitert bin „notieren Sie 10 Dinge, die Sie an sich mögen“. Über diese Hürde bin ich nie gekommen, jedes Mal an dieser Stelle habe ich das Buch weggelegt, die Aufgabe auf morgen verschoben, dann nochmal und nochmal und dann irgendwann das Buch wieder zurück ins Regal mit den ungelesenen Büchern gelegt. Ganz nach hinten.

Jetzt also ein anderes Buch, wieder ein Ratgeber und um mal endlich Namen zu nennen. Das Buch ist von Rolf Merkle und heisst „So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen“ „Sich annehmen“ und „Freundschaft mit sich schließen, den inneren Kritiker zähmen“ steht noch mit vorne drauf.

Als das Buch vor einer Woche hier angekommen ist, bin ich schon bei Satz 1 der „Anleitung für das Lesen meines Selbsthilferatgebers“ raus:

Nimm dir für die nächsten drei Monate täglich mindestens 30 Minuten Zeit, um in diesem Buch zu lesen und zu arbeiten.

Hapuh! Eine halbe Stunde am Tag für so lange Zeit? Dabei hatte ich das Buch auch bestellt, weil es für einen Ratgeber so erfreulich kurz ist mit seinen unter 150 Seiten. Da kann man ja nicht so viel verkehrt machen, das kann man mal lesen, selbst wenn’s dann nichts hilft.

Und dann lese ich weiter:

Höre ich dich gerade stöhnen? Höre ich dich gerade sagen, das sei zu viel verlangt? Dann möchte ich dich etwas fragen: Wie viel Zeit bist du dir wert? Dies ist ein erster Test, der dir zeigt, wie ernst es dir ist, mit dir selbst Freundschaft zu schließen. Wenn du nicht bereit bist, diese Zeit für dich aufzubringen, dann schenke dieses Buch einem Freund.

Ich fühle mich ertappt, erkannt, muss losheulen. Was bin ich mir wert?

Ich sage seit Jahren, ich würde mich gerne annehmen können, mögen, gerne haben, mich gut behandeln, aber ich komme über dieses Wünschen nicht hinaus. Denn immer ist da diese Stimme, dieser Teil von mir, der sagt „Aber eigentlich hast du das doch gar nicht verdient. Du bist nicht liebenswert.“ Und ich stehe mir selber im Weg. Wie immer. Wie soll ich mich annehmen, wenn es ein Teil von mir selber ist, der mir immer und ewig suggeriert, dass ich wertlos bin?

Vielleicht ist es wirklich mein erstes echtes Auflehnen gegen diese Stimme, gegen den inneren Kritiker, wie Merkle ihn nennt, die mich zu der klaren Entscheidung bringen, dass ich das jetzt wenigstens versuchen will. Ich hab ja viel mehr zu gewinnen als zu verlieren! Und ich habe gerade erst gemerkt, was 2 1/2 Wochen dussliges Klicken auf Antworten, die ich nicht glaube, bewirkt haben. Vielleicht bin ich nach 3 Monaten nicht an dem Punkt, an dem ich gerne wäre, aber ich habe zum ersten Mal das Gefühl, mich tatsächlich für mich entschieden zu haben. Nicht nur so zu tun als ob, aber in Wahrheit weiss ich natürlich, dass diese niedermachende Stimme recht hat.

Den ersten Lesedurchgang habe ich hinter mir, mich dabei oft erkannt gefühlt und viel geweint. Das alles kostet mich gerade noch viel Kraft und ich habe keine Ahnung, zu was es führen wird. Ich glaube aber, egal wie weit und egal wie lange ich durchhalte, es bringt mich in die richtige Richtung voran.

Den ersten Tag „geschwänzt“ habe ich auch schon. Und ich habe mich nicht dafür fertig gemacht, sondern bin mir selber mit Nachsicht und Verständnis begegnet. Richtige Richtung, my ass!

Das eigentliche Training, die Übungen, die man machen soll, sind hart. Die meisten davon kommen mir momentan noch unbewältigbar vor. Scheiterte ich bei dem anderen Buch an einer Liste von 10 Dingen an mir, die ich mag, lässt mich der Gedanke daran, dass ich 30 Tage lang je 5 Dinge, die ich an mir mag oder mögen könnte, wenn ich nicht so streng mit mir wäre, bisher nur die Augen aufreissen und nach Luft schnappen und ich finde es ungerecht, dass ich nur eine Liste mit 10 Dingen anlegen soll, die ich für meine schlimmsten Eigenschaften und Verhaltensweisen halte und dass ich mir die obendrein noch vergeben soll.

Aber ich habe auch beschlossen, dass ich mich dieses Mal nicht von solchen Aufgaben davon abhalten lassen will, überhaupt weiterzuarbeiten, an mir, mit mir. Vor allem aber will ich mich nicht wieder selber verurteilen, wenn ich einige oder auch die meisten der Aufgaben erst mal nach hinten schiebe. Und ich merke, während ich das hier aufschreibe, dass auch das schon Folge der Auseinandersetzung mit dieser Art des Denkens ist. Natürlich ist da gerade auch immer noch die Stimme, die sagt „Ey, du Lusche. Klar, dass du nur die weichgespülte Version hinbekommst und dir die Aufgaben zu schwer sind. Du kannst eben nix. Und wie peinlich, dass du das hier gerade auch noch erzählst. Erzähl ruhig allen, wie unfähig du bist.“, aber hey, ich erkenne sie und ich weiss jetzt auch, was sie da macht. Und vielleicht, ganz vielleicht, wird sie irgendwann ja kleinlauter werden.

Und dann habe ich direkt vor ein paar Tagen nochmal eine ‚das bin ich mir wert‘-Entscheidung getroffen und habe mir dieses wunderschöne, handgemachte Notizbuch gekauft für die Arbeit mit dem Buch. Eines, wie ich es eigentlich nie für mich selber kaufen würde und erst recht nicht, um auch tatsächlich reinzuschreiben. Gestern habe ich direkt die erste Seite vollgeschrieben, um erst gar nicht auf die Idee zu kommen, dass es ja doch eigentlich viel zu schade dafür ist.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Mal sehen, wo das jetzt alles hingeht und ob diese Art des Denkens über mich selber und dieser Umgang mit mir sich irgendwann vielleicht nicht mehr so falsch anfühlt. Auf jeden Fall habe ich jetzt ein sehr schönes Notizbüchlein. 🙂

Katja

(Das Online-Training für mehr Selbstachtung gibt es übrigens hier.)

Übungstitel: Ich bin OK. Und ich darf das sein.

Seit Tagen schon gärt es in meinem Kopf und ich finde keine Stelle, wo ich die Gedanken fassen kann, um sie so aufzudröseln, dass sie einen Sinn und Zusammenhang bekommen. Ich fange also mal wieder einfach an, ins Unreine vor mich hin zu tippen und hoffe, dass die Notwendigkeit, Sätze darüber zu formulieren, auch wieder im Kopf für Entwirrung sorgt.

*

Vor einigen Tagen bloggte Svü darüber, dass sie es satt hat, wenn andere Menschen, die Ursache für ein bestimmtes Empfinden bei ihr sofort mit der psychischen Erkrankung assoziieren, weil sie die Dinge ganz genauso sehen oder empfinden würde, wenn sie gesund wäre. Bis auf ihr Fazit, dass sie die Dinge genauso sehen würde, wenn sie nicht krank wäre  (was man, so glaube ich zumindest, einfach nicht wissen und einschätzen kann – man weiss ja nie, wie man fühlen würde, wenn ein Faktor anders wäre als er ist), war mein erster Gedanke „Jawoll! Ich will nicht immer auf die Erkrankung reduziert werden! Ich bin doch so viel mehr als nur Depression und Angst, warum merkt das denn niemand?“ Und während ich etwas ähnliches ins Kommentarfeld tippen wollte, fiel mir auf, dass ich es eigentlicht oft selber bin, die sich reduziert. Ich bin immer diejenige, die zögert, ob sie etwas wirklich kann oder schafft. Ich bin diejenige, die sich Dinge nicht (zu-)traut. Und ich bin auch diejenige, die, wenn sie dann etwas schafft, das Gefühl hat, das ‚trotzdem‘ geschafft zu haben, nicht einfach es geschafft zu haben. Das ist immer da, immer präsent – da läuft immer der interne Gegencheck.

Ich bin die, die mich dauernd mit der Krankheit verbindet. Klein. Unfähig. Nicht liebenswert. Gescheitert.

Und manchmal weiss ich, dass diese negativen Gedanken, die mich schon so lange genauso klein halten, wie ich mich fühle, schädlich sind, nicht gut sind. Und noch seltener weiss ich, dass sie auch gar nicht unbedingt stimmen.

*

Dann las ich bei Sherry über ihr Selbstexperiment, bei dem sie, über Wochen hinweg, gegen negative und selbstabwertende Gedanken mit den positiven Gegenstücken der Gedanken interveniert hat und dass sie damit tatsächlich Erfolg hatte und ihre automatische – negative – Denkweise hin zu einem positiveren Selbstbild ändern konnte. Und Sherrys Artikel hat mich zum Lachen gebracht und zum Weinen und mir war beim Lesen heiss und kalt, weil sie dort unter anderem über ihre aus der Erschöpfung resultierende Wut schrieb, die sie dazu brachte, diese negative Denkweise über sich selber zu hinterfragen. Und an dieser Stelle ist beim Lesen etwas bei mir eingerastet.

Ich weiss, dass ich, eigentlich schon seit ich denken kann, nur wenig Selbstwertgefühl habe und ich weiss auch, zumindest überwiegend, wo die Ursachen dafür liegen, warum mir dieses Urvertrauen in mich selber und den eigenen Wert und die eigene Liebenswertigkeit und -würdigkeit so fehlt. Und seit Jahren renne ich gedanklich immer wieder vor die gleichen Wände, dass ich das zwar theoretisch und intellektuell alles begreifen kann, dass ich aber einfach aus dem entsprechenden Fühlen nicht rauskomme und auch nicht weiss, wie ich diese negativen Gedanken über mich selber abstellen soll, weil die immer und automatisch auftauchen.

Neu ist für mich durch die Denkanstöße, die Sherrys Text mir gibt – der Zweifel an bzw. die Frage nach der Berechtigung. Das Wissen, wo diese Denk- und Fühlmuster ihren Ursprung haben, hat mir nicht geholfen, die irgendwie abzustellen, in den Griff zu bekommen. Ich weiss seit Jahren, dass ich mich so oft wertlos fühle, weil ich als Kind das Gefühl vermittelt bekam, wertlos zu sein. Und ich habe das mein Leben lang so akzeptiert. Und wenn ich mir selber auch gesagt habe, dass ich ja weiss, wo das Denken herkommt, so habe ich trotzdem immer weiter akzeptiert, dass ich so denke und so fühle.

Aber ich bin nie auf die Hinterbeine gegangen und habe mich, meine Mutter oder sonst wen in der Welt gefragt, wieso zur Hölle, ich eigentlich kleiner, doofer, unfähiger, wertloser sein soll als alle anderen. Warum? Warum nehme ich immer hin, dass ich das bin, denke immer, dass ich das bin und frage nie, warum das so sein soll? Was, verflucht nochmal, mache ich denn konkret, was mich soviel schlechter macht als andere. Oder überhaupt schlecht?

Ich weiss, wo dieses negative Selbstbild seinen Ursprung hat, aber ich bin nie den Schritt gegangen, die Berechtigung davon wirklich in Frage zu stellen, sondern habe das immer einfach hingenommen. Und ich hakele gerade selber an der Stelle, dass ich ja eigentlich schon lange wusste, dass diese negativen Denkmuster schädlich sind und dass ich ja auch wusste, dass das Muster sind. Trotzdem habe ich – zumindest unbewusst – die Richtigkeit nie hinterfragt.

*

Heute Morgen wollte ich nach dem Aufstehen, noch ziemlich im Tran und mit nur einem Kaffee intus, Kuchen backen. Dafür wollte ich etwas aus einer der Schubladen aus dem Küchenschrank holen und war dabei so tief über die Schublade gebeugt, dass ich nicht merkte, dass ich mit der Front beim Rausziehen, die Klappbox vom Hocker vor der Schublade schob. Erst als es polterte und dooferweise auch klirrte.

Danach setzte wieder mein üblicher Selbstzerfleischungsalgorithmus ein – klein, unfähig, kann nicht mal ’nen Kuchen backen, zu doof zum Leben.

Aber zum ersten Mal kam mir – wenn auch deutlich zeitverzögert – die Frage in den Sinn, weswegen ich eigentlich so streng mit mir bin. Klar, das war doof gelaufen und ungeschickt. Aber ich war ja auch noch müde und nicht so fit. Und letztendlich ist doch gar nichts so furchtbar Schlimmes passiert. Auf jeden Fall nichts, das rechtfertigt, dass ich mich selber so fertig mache. Jedem anderen hätte ich in einer ähnlichen Situation gesagt: „Ach komm! Shit happens! Das kann jedem passieren und ist doch nicht so schlimm!“

Nur mir selber sage ich in so Situationen Dinge wie: „Du kannst nix! Du bist zu doof! Du bist so unfähig! Wieso versuchst du nur immer wieder überhaupt sowas zu machen? Lass es doch alles am besten gleich bleiben, dann wäre allen geholfen. Du kriegst doch eh nichts hin! Du bist soooooo doooooof! Doooof! Doooof!“

Das kann doch jedem passieren! Warum lasse ich mich selber, in der Bewertung solcher Dinge, dabei aussen vor? Es ist doch nicht so, dass ich mich für besser hielte und deswegen an mich andere (höhere) Maßstäbe anlegen müsste, sondern genau das Gegenteil. Ich halte mich für kleiner und unfähiger. Und trotzdem habe ich mit allen, die ich für besser und größer als mich halte, mehr Nachsehen und Geduld als mit mir selber? Alleine da stimmt doch was nicht…

*

Und jetzt?

Ich hoffe, dass alleine das Aufschreiben hilft, dass ein paar der Gedanken tiefer bei mir hängen bleiben. Ich will mich – zumindest wenn es mir überhaupt auffällt (oft merke ich das ja nicht mal) – in Zukunft bei Missgeschicken lieber selber trösten als mich selbst zu zerfleischen.

Ich zögere davor, mir vorzunehmen, mir selber 3 Mal täglich zu sagen, dass ich irgendetwas kann oder gut mache oder einfach ok oder liebenswert bin – aber vermutlich sollte ich genau das tun.

Ich zögere deswegen, weil es mir so schwer fällt, dort Schattierungen und Abstufungen zu erkennen, weil es sich für mich so anfühlt, als wäre das ein Kippschalter, von der Nichtigkeit hin zum Größenwahn. Ich habe immer Angst, dass ich, wenn ich nicht mehr zurückhaltend bin in der Meinung über mich, direkt arrogant sein könnte.

Aber ich weiss auch (zumindest intellektuell, auch wenn ich das emotional noch nicht begreife), dass irgendwo dazwischen vielleicht die Realtität liegt. Und dass Selbstabwertung nicht gleich Bescheidenheit ist.

Das ist alles noch sehr verworren und durcheinander im Kopf und die erste oder wichtigste Frage, die ich mir vermutlich selber beantworten muss, klaue ich bei Sherry: Warum verwehre ich mir seit Ewigkeiten das Recht, mich selber OK zu finden? Warum eigentlich?

Katja