If you see kay

Seit Tagen immer wieder die Finger auf die Tastatur legen und dann doch keinen einzigen Satz, nicht mal ein Wort rausbringen.

„Vielleicht sollte ich den ganzen Mist einfach mal aufschreiben, ihr einen Brief zum Muttertag schreiben, das endlich alles rauslassen. Ich muss es ja nicht mal abschicken, aber vielleicht ist es an der Zeit, es wenigstens auszusprechen, aufzuschreiben.“, hatte ich so leichtfertig ausgesprochen, weil ich seit Tagen so viele Gedanken, so viele halbe Sätze, so viele Formulierungen im Kopf hatte. „Machen Sie das! Sie haben noch 4 Tage Zeit, damit es noch pünktlich ankommt. (Pause.) Zumindest bei Ihnen.“, sagt der beste Therapeut und noch vieles andere, für das hier aber kein guter Platz ist.

Und jetzt sitze ich seit Tagen immer wieder mit den Fingern auf der Tastatur, suche einen Anfang, suche Worte, suche Formulierungen und je dichter dieser verfluchte Tag heute gerückt ist, desto weniger ging. In mir. In meinem Kopf. In meinem Herzen. Im verkrampften Magen mit dem dicken Knoten darin. Vielleicht geht das jetzt, wenn dieser Termin vorbei ist, dass der Kopf wieder ein bisschen locker lassen kann, dass die Worte sich wieder (ein-)finden.

Was ich mir für den / bis zum nächsten Muttertag, den ich nicht zelebriere und der mich jedes Jahr für 4 Wochen in Schuldgefühlen versinken lässt, weil ich mich nicht bei ihr melde, wünsche, ist endlich eine Haltung zu finden, endlich herauszufinden, was ICH kann und will. Frei von Schuldgefühlen, die seit so vielen Jahren, nein eigentlich fast soweit ich zurückdenken kann, unser Verhältnis mehr prägen als alles andere.

Katja

 

Wenn man bei sich bleiben soll, aber gar nicht so recht weiß, wo man ist / 18 to go

Manchmal ist es wirklich zum Verzweifeln. Meine Freude darüber, Ruhe zu haben und dass das Telefon nicht klingelt, endet immer dann jäh, wenn du mich wieder mal durch Schweigen „abstrafst“, wochenlang nicht anrufst, weil ich wieder mal etwas für dich Unpassendes gesagt habe. Und ich verstehe es nicht, wieso ich dann nicht einfach froh sein kann. Kein abrupt beschissenes Gefühl, wenn dein Name auf dem Display leuchtet, kein innerer Widerstand, weil ich eigentlich gar nicht mit dir reden will, nur aus schlechtem Gewissen heraus, weil ich deine letzten 2, 3 Anrufe ignoriert habe, rangehe. Ich wünschte, ich könnte das einfach genießen. Stattdessen springt die Konditionierung an, die vermutlich beinahe so alt ist wie ich selber. Ich hab was falsch gemacht. Ich bin falsch, wie ich bin und deswegen nicht liebenswert, deswegen verdiene ich es, ignoriert zu werden. Oder damals schlimmeres.

Ich weiß nicht mal und frage mich das so oft, ob das bei dir wirklich bewusst abläuft, ob du das absichtlich so machst, damit ich’s auch ja merke und ein schlechtes Gewissen wegen meiner „Unartigkeit“ habe. Oder ob bei dir auch die Unsicherheit im Umgang miteinander dahintersteckt.

„Bleiben Sie bei sich.“ klingt es an diesen Stellen mittlerweile ganz automatisch in der Stimme des Therapeuten in meinem Kopf. Ich glaube, keinen Satz habe ich im letzten Jahr häufiger von ihm gehört. Nicht mal sein freundliches „Sorgen Sie gut für sich.“, das er mir oft zum Abschied mitgibt. Aber das schlechte Gewissen, das sich schon wieder seit Tagen regt, ist nicht wirklich das, was es bedeutet, bei mir zu bleiben.

Bei mir bleiben. Das ist so schwierig, so ungewohnt. Ich bin darin so ungeübt. Immer verstehen wollen, alle anderen. Und manchmal frage ich mich in letzter Zeit, ob das nicht einfach nur eine lebenslange Ablenkungstaktik ist, um mich nicht mit den eigenen Gefühlen beschäftigen zu müssen, um die ausblenden zu können. Immer vergessend, ignorierend, dass es für mich und meine Gefühle gar keine Rolle spielen sollte, was andere zu bestimmten Worten oder Taten bewegt, denn was das in mir und mit mir macht, ist ja eigentlich davon unabhängig. Oder sollte es sein. „Aber wenn’s doch einen Grund hat? Wenn’s doch irgendwie *verdient* ist?“ bohrt die innere Stimme, die schon mein Leben lang dafür sorgt, dass ich mich dauernd mit den Gefühlen anderer beschäftige und alles *in mir* auf die Ratio runterbreche. „Wenn sie’s nicht absichtlich macht, dann kann und darf ich doch gar nicht so und so fühlen.“ Und weg mit dem Gefühl. Das ist eh ein schlechtes, das brauche ich nicht.

Jetzt hänge ich irgendwo zwischen diesem alten Selbst, das genau *so* tickt, abgeschnitten von seinen tatsächlichen Gefühlen (und dabei dachte ich immer, ein ach so emotionaler Gefühlsmenschenknubbel zu sein) und zwischen dem neuen Selbst, das mühevoll versucht, Prozesse zu lernen, die eigentlich automatisch ablaufen sollten.

Katja

Kryptisches Gedankengeschwurbel über Gefühlswirrwarr / 23 to go

Alles anders. Da ist auf einmal Wut, ganz viel davon. Nie gekannt. Nie geahnt. (Natur-)Gewaltig. Sie bahnt sich ihren Weg nach aussen, drängt, poltert, wird laut, weiß noch nicht, wie das mit dem geordneten Ausbruch geht oder ob es das überhaupt gibt, einen geordneten Ausbruch. Ein bisschen ist das ja als wollte man einem Vulkan vorschreiben, wann und wo lang er gefälligst ausbrechen soll. Da ist auf einmal ein Selbst, das sich behauptet, für sich fordert, gar nicht mehr zaghaft, mit zartem Stimmchen bittend.

Dann passiert das gänzlich Unerwartete. Keine Erklärung, dass sie natürlich alles richtig gemacht hat und ja gar keine andere Wahl hatte und das ja gar nicht wusste. Stattdessen eine Entschuldigung. Nicht verstehend, nicht einsehend, aber trotzdem von der Wut so beeindruckt, dass sie kommt. Und natürlich dann doch noch, dass sie ja keine andere Wahl hatte und das so machen musste. Aber immerhin. Ein kleiner Hauch von Genugtuung weht durch den Raum.

Später dann alles wie immer. Das Schuldgefühl klatscht mit dem schlechten Gewissen zum High Five ab. Der Selbsthass tanzt im Takt der Selbstvorwürfe. Das kleine Stimmchen wimmert, will doch nur lieb gehabt werden. Der Magen krampft.

Und dann irgendwo, fast als käme sie von außen noch eine Stimme. Die, die sagt, das war schon ok so. Du hast nichts falsch gemacht. Du hast nichts ruiniert. Sie musste das wissen. Sie hat es so herausgefordert. Damit, dass sie immer nur an ihre Belange denkt und alles auf einmal will, ohne auch nur das Risiko einzugehen, etwas nicht zu bekommen. Keine Rücksicht auf Verluste bei anderen. Es ist mehr als verdient, dass sie das endlich wenigstens einmal zu spüren bekommen hat. Und du, kleines Stimmchen, du weisst doch genau, dass sie diese Sehnsucht nie stillen wird, es gar nicht kann. Aber schau, ich passe jetzt ein bisschen auf dich auf. Ssshhht.

Alles anders. Gleich. Bald. Achwasweissichdenn.

Katja

Es liegt nicht an mir

Diese Momente, wo mich Erkenntnisse über mich wie ein Blitzschlag treffen, bringen mich manchmal gewaltig aus der Spur. Besonders, wenn das in völlig banalen Situationen geschieht. Wie zum Beispiel vorhin als ich 25 Minuten damit verbracht habe, einen Teil der Arbeitsplatte meiner Küche zu schrubben, die hinterher immer noch so aussieht:

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Ich hatte dort gestern die Erdbeertörtchen, die auf einem Abkühlgitter standen, mit Tortenguss überzogen und nicht daran gedacht, etwas unterzulegen. Der Guss tropfte an den Seiten runter und hinterließ dort diese Spuren. Und ich seufzte, weil das bei meiner Küche immer so ist. Ich wohne jetzt seit fast haargenau 6 Jahren hier und die Küche ist fast haargenau ebenso alt. Direkt in dieser Zeit stellte ich fest, dass nichts Abfärbendes mit der Küche für länger als 30 Sekunden in Berührung kommen sollte, weil es sonst ein paar Tage bis Wochen dauert, bis die Spuren auf der Arbeitsplatte wieder verschwinden. Folglich achtete ich in den 6 Jahren ziemlich penibel darauf, keine Weinflasche ohne Küchenpapier drunter abzustellen, keinen Heidelbeermarmeladenlöffel liegen zu lassen, keinen Cayennepfeffer zu verschütten, keinen Rührlöffel, mit dem ich Rotkraut oder Bolognesesoße gerührt hatte, abzulegen. Und das war für mich völlig normal und wenn es mir doch mal wieder passierte, dass ich unachtsam gewesen war und einen Flecken auf der Fläche hatte, ärgerte ich mich sehr über mich selber, weil ich zu doof gewesen war.

Bis vorhin. Da ging mir zum ersten Mal auf, wie völlig beknackt es ist, eine Arbeitsplatte für eine Küche mit einer solch porösen Oberfläche herzustellen. Es liegt in der Natur von Küchen und Arbeitsplatten, dass darin gekleckert wird, dass man Löffel ablegen muss, dass eine Rotweinflasche mal tropft und dass sich dadurch ein Rand unter dem Flaschenboden bildet. Das ließt sich vermutlich völlig beknackt und auch banal, aber ich habe mir jetzt jahrelang Vorwürfe gemacht, wenn ich nicht in der Lage war, mich so zu verhalten, dass der Küche nichts passiert, anstatt auch nur einmal daran zu denken, dass das so vielleicht einfach eine Fehlkonstruktion ist und dass das Kleckern in Küchen das Normale ist, aber nicht, dass jedes Kleckern solche lange sichtbaren Spuren hinterlässt.

Und das für mich krasse daran ist, dass mir während des Schrubbens klar geworden ist, wie typisch das für mich ist. Wie sehr ich so ticke, dass ich bei mir suche, bei mir das ‚Fehlverhalten‘ oder die Verantwortung suche und sehe und dass ich gar nicht auf die Idee komme, es könnte an etwas oder jemand anderem liegen.

Und so rein praktisch ändert sich für mich – zumindest in Bezug auf die Küche – gar nichts oder nicht so viel. Ich werde auch in Zukunft aufpassen (müssen), wie und womit ich rumkleckere, aber und das muss ich eigentlich groß schreiben, weil es für mich so ein großes ABER ist, dass mich hier gerade anspringt, ABER ich kann sehr wohl meine Haltung ändern und in Zukunft, wenn ich mal wieder für ein paar Tage oder Wochen Flecken auf der Fläche habe, nicht über mich fluchen, weil ich zu doof war, sondern über die Küche fluchen, weil die eine doofe Oberfläche hat. Klar, kann die nichts dafür, ich hab sie ja auch so gekauft, aber ich bin froh solche Dinge zu erkennen, wo ich eine so schräge Selbstwahrnehmung habe. Und wenn ich das bei der Küche ein bisschen gerader gerückt bekomme, dann ja vielleicht auch in anderen Bereichen, wenn ich mal wieder dazu neige, mir jeden Schuld-Verantwortungs-Dingens-Schuh anzuziehen.

Katja