Gewalt

Dass sie wirklich nichts von unserem Gespräch vor einigen Wochen richtig verstanden hat und dass sie sich wieder ihre Wahrheit so zurechtgebogen hat und alles vergessen und verdrängt hat, fällt mir mehr noch durch die Beiläufigkeit, mit der sie erzählt auf, als an ihren Worten.

„Und dann hab ich ihr gesagt, sie soll ihm einfach auf den Hintern hauen, wenn sie was von ihm will, so lange sie keine Stimme hat.“ Ich schnaube empört, sage entschieden „Nein! Schlagen soll sie ja wohl auf keinen Fall!“, was sie scheinbar endlich bemerken lässt, was sie da gerade verzapft. Sie stammelt „Ja aber so ein Klaps ist doch nicht schlimm und tut nicht weh.“

Dass Schläge viel mehr ausmachen, als den zu Körper verletzen, scheint sie immer noch nicht verstanden zu haben.

Siedend heiss kocht wieder die Erinnerung hoch an ein Telefonat vor einigen Jahren, als mein Neffe noch sehr klein war und so eine unruhige Phase hatte, wo er viel weinte. Damals erzählte sie mir mit ordentlich Stolz in der Stimme, dass sie meiner Schwester geraten hätte, ihm rechts und links eine runterzuhauen, wenn er nicht aufhören würde zu weinen. „Du“ fährt sie fort „hattest als Kind auch so eine Phase, wo du jeden Nachmittag geweint hast. Und dabei warst du noch nicht mal hingefallen oder hattest dir weh getan. Ich wusste gar nicht weswegen du weinst, es gab gar keinen Grund. Aufgehört hast du damals immer erst, wenn du rechts und links eine gekriegt hast. Anders konnte man dich gar nicht beruhigen.“

Damals habe ich nur den Mund aufgesperrt und das Gespräch nach einer Weile beendet. Damals hätte ich es noch nicht fertig gebracht, ihr energisch entgegenzutreten, wenn sie so Dinge von sich gibt.
Jetzt reagiert sie jedes Mal irgendwo zwischen verhalten, ungehalten und verschämt, wenn ich widerspreche, ihre wertvollen Erziehungsratschläge nicht bejubele, sondern ihr in bestimmtem Ton zu verstehen gebe, dass Schläge unter gar keinen Umständen und nie die richtige Methode sind.

Danach fühle ich mich dann fast schuldig und elend, weil ich an ihrem schönen Weltbild, von ihr als Supermom, rumkratze. Ihre Illusion störe. Zumindest für einen kurzen Moment. Als ich das irgendwann meiner Schwester gegenüber erwähne, dieses Schuldgefühl, sagt sie nur, dass der Knacks, den unsere Mutter in diesen kurzen Momenten davonträgt wohl in keinem Verhältnis steht zu dem, den wir unserer Kindheit verdanken. Trotzdem bleibt das Schuldgefühl, der Zweifel, ob ich ihr das antun muss.

Nach solchen Gesprächen verfällt sie für einige Tage oder auch Wochen in Schweigsamkeit mir gegenüber, bis sie sich ihr Bild wieder zurechtgezimmert hat, die Illusion „aber ich war euch doch eine gute Mutter“ wieder aufgerichtet hat.

Ich war bis zu diesem Gespräch nicht sicher, ob vielleicht doch wenigstens ein wenig bei ihr angekommen ist, worüber sie zwar nicht mehr spricht, aber was sie zum Nachdenken bringt, endlich dazu bringt sich ihren persönlichen Dämonen mal zu stellen.

Das Selbstverständnis mit dem sie immer noch Schläge als Allheil-, -hilfs- und Erziehungsmittel proklamiert spricht allerdings eine ganz andere Sprache.

Auch wenn mir echt die Hoffnung sinkt, dass das je wieder in ihr Bewusstsein eintritt, werde ich trotzdem in so Situationen die Klappe nicht mehr halten. Nicht ihretwegen oder ihrer Einsicht wegen, sondern nur noch meinetwegen. Alles (runter)geschluckt habe ich lange genug…

Katja