Über’s Zeitnehmen und Prioritäten

Ich muss heute Brot backen.

Nachdem ich heute aber nur über Schluffiantrieb zu verfügen scheine und meine Todo-Liste noch viel mehr Punkte enthält als mir lieb ist, überlege ich, dass ich ebensogut auf dem Weg zwischen Altglascontainer und Erdbärbude (formally known as Spargelbude – die Zeit ist rum 😦 ) beim Bäcker reinspringen könnte und ein fertiges Brot kaufen.

Die Katja, die ich vor hmmm schätzungsweise 1,5 Jahren noch war, hätte vermutlich an genau der Stelle aufgehört zu überlegen und das genau so gemacht. Die Katja heute, ist eine andere.

Obwohl ich (objektiv im Vergleich zu vielen anderen Menschen) gerade sehr frei über meine Zeit verfügen kann, hatte ich ganz häufig das Gefühl für etwas keine Zeit zu haben. Lesen? Oh Gott, wann denn? Ich komme ja so schon zu nix. Um nur mal ein Beispiel zu nennen, für etwas, wofür ich häufig dachte, keine Zeit zu haben.

Irgendwann – und ich glaube, dass auch daran meine Entscheidung, nicht mehr zu rauchen, die ja ohnehin mein Leben ordentlich durchgeschüttelt hat, nicht unwesentlichen Anteil hat – ist mir aufgegangen, dass das so gar nicht stimmt. Und dass das Gefühl keine Zeit zu haben, ein hausgemachtes Ding ist.

Seitdem springt bei mir an bestimmten Stellen – wenn ich wieder einmal denke, keine Zeit zu haben – eine Art Sicherung an, die mich sanft darauf stupst oder wahlweise auch feste tritt, dass ich mir die Zeit ja nur nehmen muss. Ganz simpel.

Und da kommt dann die Frage nach der Priorität ins Spiel. Welchen Dingen räume ich in meinem Leben eine solche Priorität ein, dass ich mir die Zeit dafür nehme? Und mit Verlaub, es wäre sehr idiotisch, sie nicht genau jenen Dingen einzuräumen, die mir gut tun, die mich erden. Und genau dazu gehören zB Lesen und Brotbacken. (Memo an mich: Endlich mal die Zeit nehmen (!) für’s rebhuhn aufzuschreiben, was das mit dem Erden für mich ist. Ich hab’s nicht vergessen, hühnschn. 🙂 )

Dieses Umdenken, diese anspringende Sicherung (oder vielleicht ist es ein Prioritäten- oder Gutgeh-Detektor? Keine Ahnung, welcher Name dafür der richtige ist.) tut mir ungeheuer gut, rückt so viele Dinge für mich gerade, weil er ganz oft dafür sorgt, dass ich innehalte und überlege, was mir wichtig ist.

Aus „ich habe keine Zeit zum Lesen“ wird durch diese Prioritätenüberprüfung ganz häufig ein „ich nehme mir heute Zeit zum Lesen, weil ich Zeit für mich und in Ruhe brauche“ und manchmal mache ich das auch einen ganzen Tag lang oder zwei, wenn es ein sehr spannendes Buch ist und ansonsten finden alle Tätigkeiten nur auf Sparflamme statt in dieser Zeit. Insgesamt geht es mir dadurch aber soviel besser, dass ich so viel produktiver und motivierter bin, dass ich hammervielmehr schaffe als vor diesen 1,5 Jahren noch. Auch, weil ich weiss, dass es mir gut tut, aktiv zu sein.

Der erste Satz muss also eigentlich lauten: Ich will heute Brot backen (selbst wenn die Zeit knapp ist), weil das gut und richtig für mich ist.

Und während ich hier tippe, wofür ich eigentlich gar keine Zeit habe, sie mir aber nehme, weil es Gedanken gibt, die mir so wichtig sind, dass ich sie hier festhalten möchte, so lange sie mir im Kopf rumschwirren, geht in der Küche mein Brotteig, den ich mit einem breiten Lächeln im Gesicht geknetet habe. Und wenn ich ihn gleich auf’s Blech und in den Ofen verfrachtet habe, fahre ich zum Altglascontainer und der Erdbärbude und mit einem noch breiteren Grinsen am Bäcker vorbei.

Katja