Doch nicht ganz aussichtslos

Ich versuche gerade die richtigen oder überhaupt Worte für das zu finden, was heute passiert ist und merke, das ist gar nicht so leicht, weil ich mal wieder gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. In meinem Kopf geht es immer noch drunter und drüber, aber ich möchte es auch gerne festhalten, so lange der Eindruck noch frisch genug ist, damit ich im wahrsten Wortsinne, was zum daran Festhalten habe.

Vielleicht fange ich mit dem an, was für mich so festhaltenswert ist: ich war heute Nachmittag ziemlich saumäßig stolz auf mich, ich stand nämlich irgendwann auf der höchsten begehbaren Stelle eines Turms an der nahegelegenen Bergstraße und das obwohl ich mich etwa 1,5 Stunden vorher wieder mal wie weltgrößte Versagerin gefühlt hatte.

Aber von vorne: ein Spaziergang sollte es werden, wobei das im Nachhinein schon eine eher euphemistische Bezeichnung ist, für den steilen, schmalen Weg über Stock und Stein, der sich durch den Wald den Berg hochwindet und so ging es mir auch schon nach wenigen hundert Metern ernsthaft an die Substanz. Ich gehe echt gerne spazieren, aber herrje, wir wohnen hier im totalen Flachland und die Wochen in der Klinik im Taunus, in denen ich relativ viel Bergstrecke zurückgelegt habe und dahingehend etwas trainierter war, liegen dann doch schon wieder ein paar Monate zurück und gerade schlaucht die Psyche den Körper ohnehin unglaublich und ich bin die meiste Zeit müde und völlig platt und energielos. Also saß ich schon nach ein paar hundert Metern steilen Bergwegs auf einer Bank, mit einer heftigen Panikattacke kämpfend, weil ich nicht schwindelfrei bin und der geröllige Weg sich alles andere als sicher angefühlt hat und der Verzweiflung nahe, weil ich da eigentlich am liebsten direkt wieder umgedreht und nach Hause gefahren wäre. Eigentlich wollte ich losziehen, um durch die Bewegung und das draußen Rumlaufen der Psyche was Gutes zu tun, aber das ging irgendwie voll nach hinten los und mir ging’s in dem Moment hundsmiserabel, weil es wieder mal so gut zu meinem depressiven Ich passte – der Vollversagerin, die nichts auf die Reihe bekommt. Nicht mal ’nen Sonntagmittagspaziergang zu ’nem ollen Schloss.

Irgendwoher hab ich dann immerhin soviel Trotz aufgebracht, dass ich dachte, ich probier’s jetzt wenigstens nochmal ein, zwei Serpentinen länger und irgendwie ging’s dann auf einmal mit ’nem großen Schluck Wasser, langem tiefen Durchatmen und vor allem erst mal nur noch vor die Füße gucken, um nicht zu stolpern und auch, um nicht zu sehen, wie schmal und steil der Weg wirklich war. Und dann, irgendwann so ’ne Stunde später, war der Weg hoch geschafft und ich den Berg endlich oben, aber da gab’s zwar viele dicke Mauern, aber keine echte Aussicht, also musste ich dringend auch noch den Turm hoch – auch noch das allerletzte Stück, wo die breite gut begehbare Betonwendeltreppe einer schmalen, engen, unebenen Steinwendeltreppe, die kaum noch den Namen Treppe verdient, weicht bis man endlich oben auf dem Turm steht.

Und dann musste ich, oben stehend, dran denken, wie ich das letzte Mal versucht habe, so einen engen Turmtreppenaufstieg zu bewältigen und wie ich damals mit einer grandiosen Panikattacke mitten auf der Treppe des Belfrieds von Brügge gescheitert bin. Und auf einmal war ich ganz schön gewaltig stolz auf mich, dass ich nicht nur den Berg doch noch bezwungen habe, sondern quasi ohne nachzudenken oder zu zögern den Turm auch noch hoch bin, weil ich jetzt nun mal eben auch Aussicht haben wollte, wo ich schonmal den Berg hoch war. Und zwar die beste Aussicht, die man haben kann – die von ganz oben.

Und davon hab ich euch auch ein bisschen was mitgebracht. Und auch von etwas weiter unten. (Klick macht groß.)

 

Jetzt ein paar Stunden später, ist von diesem Stolz nicht wirklich mehr was übrig und die Tränen kullern wieder. Aber gerade deswegen muss ich’s dringend aufschreiben, um nicht zu vergessen, dass es so Momente gerade auch zwischendrin doch gelegentlich gibt.

Katja

And up and down…

Und heute dann die erste Panikattacke seit so langer Zeit, dass ich mich gar nicht genau erinnern kann, wann die letzte vorher war…

Gut daran, wenn es überhaupt Gutes daran gibt, war, dass ich direkt wusste, was da und warum es, getriggert wurde und dass die ganze Kurve samt der Nachwehen, die mir jetzt noch ein bisschen instabile Knie machen, deutlich flacher verlaufen ist, als sie das früher tat. Es direkt einordnen zu können, hat das sicher auch deutlich abgeflacht.

Trotzdem nicht schön. Und doch: es haut mich nicht mehr so um und wo ich das hier aufschreibe fällt mir auf, dass auch das neu ist, dass ich mich so zeitnah auf die mini positiven Aspekte konzentrieren kann.

Uffff. Anstrengend.

Katja

Gegen die Panik anschreiben

Vor einer Woche haben wir DIE Wohnung entdeckt.

Nachdem wir jetzt seit Anfang des Jahres die Augen offen halten, waren wir uns bisher noch bei keinem Inserat so schnell einig. Dabei gab es nicht mal viele Fotos, von innen gar keines, nur je eines, das das Haus von vorne und eines, das das Haus von hinten zeigt. Dafür aber erfreulicherweise ein Grundriss und der hat es, man möge mir das schlechte Wortspiel verzeihen, tatsächlich gerissen! Hammer. Etwas größer als unsere aktuelle Wohnung und die zusätzlichen Quadratmeter sind genau so verteilt, dass es uns attraktiv erscheint. Die Küche ist 30% größer als meine aktuelle, es gibt eine Abstellkammer (die wir hier so schmerzlich vermissen, dass wir quasi seit wir hier vor 8 Jahren eingezogen sind, das Gästeklo umfunktioniert haben), wieder Erdgeschoss (yeah!), das Bad etwas größer als hier, die Terrasse genauso riesig wie hier (aber ohne Plexiglas-Überdachung, die zwar super ist, damit man an lauen Sommerabenden auch bei Regenwetter grillen kann, unter der sich die Hitze aber so dermaßen staut, dass dort an heissen Tagen das Thermometer bis zum Ende seiner Skala bei 50°C klettert, was sie tagsüber unbenutzbar macht), Garten, große (!) Garage… Irgendwie passt alles, vermutlich ist dann die Lage Mist.

Weil der Mitdings, der beste Mitdings ist, fing er an anhand der Fotos in der Satellitenbildansicht der Karte des Ortes zu suchen und es dauerte nicht lange, bis er das Haus gefunden hatte. Das musste es einfach sein und die Lage einfach perfekt. Ufff. Und wäre das nicht alles schon ’schlimm‘ genug, ist sie noch dazu spürbar unter unserem Limit und sogar günstiger als die aktuelle Wohnung.

Bis dahin hatten wir längst schon beim Inserenten Interesse bekundet und um einen Besichtigungstermin gebeten. Das ging nur via Kontaktmöglichkeit auf dem Immobilienportal, es war weder ein Name noch eine sonstige Kontaktmöglichkeit angegeben. Dann großes Warten. Und warten, warten und immer noch warten. Ich bin ja an sich gar nicht so ungeduldig oder neugierig, aber wenn es um etwas für mich so essentiell Wichtiges wie ein mögliches neues Zuhause geht, dann drehe ich gerne innerhalb kürzester Zeit hohl. Das ging bei dieser Wohnung so weit, dass ich längst Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe ausgelotet habe, den kürzesten Weg an den Rhein, die Sehenswürdigkeiten der Gemeinde, wo ich mein Auto ummelden kann, das mit den Hopfenstangen undund…und immer noch keine Antwort.

Nach vier Tagen des Wartens haben wir dann nochmal freundlich nachgefragt, weil es einfach zu ärgerlich gewesen wäre, wenn ausgerechnet diese Nachricht im Kommunikationssystem des Portals verloren gegangen wäre. Dann, noch einen Tag später endlich eine Antwort und die Einladung zur Besichtigung mit vorgegebenem Termin. Heute. 18 Uhr.

Aus-ge-rech-net! Der Mitdings hat einen Geschäftstermin in Köln, an dem nicht zu rütteln ist. Mit open end, ungewiss wie lange das dauern wird. Also direkt nochmal zurückgeschrieben, entschuldigt, erklärt, um einen Ersatztermin gebeten, direkt signalisiert, dass es ansonsten jederzeit möglich wäre. Antwort bekommen, dass sie (die Vermieterin der Wohnung) Donnerstag zwei Besichtigungstermine hätte und sich dann nochmal melden würde, falls sich daraus keine Vermietung ergäbe.

Orrrrr!

Nochmal hingeschrieben, wirklich großes Interesse, ich komme auch alleine. Das war Dienstag Abend, seitdem ist mir schlecht und ich merke, wie die Panik in mir immer größer wird. Ich kenne diese Angst, (er-)kenne die körperlichen Symptome, merke wie der Nacken immer steifer wird, das Schlucken weh tut, das Sichtfeld sich immer mehr zum Tunnel verengt.

Mich machen solche Termine, ach eigentlich ALLE Termine immer nervös. Ich bin ja selbst nach 5 Jahren noch fast jeden Dienstag nervös, wenn ich zum Spanischkurs aufbreche. Ich ertappe mich seit Dienstag andauernd dabei, wie ich mit den Zähnen knirsche oder an der Nagelhaut rumknibbele.

Ich versuche die ganze Zeit, mir selber gut zuzu- und einzureden, dass es überhaupt nichts zu verlieren, sondern höchstens zu gewinnen gibt. Aber ich fände es schon schwierig genug, dort zu zweit hinzufahren, zu gucken, zu fragen, loslassen zu können, dass ich mich schon seit Tagen in die Wohnung reingesteigert und gedanklich die Hälfte der Möbel im Grundriss rumgerückt habe und wirklich zu gucken. Auch und gerade auf die Haken zu achten. Ich weiss noch, dass diese Wohnung hier, in jenem Moment bei mir gewonnen hatte, als ich auf die Terrasse kam (und das war fast ganz am Anfang der Besichtigung). Riesige Terrasse mit gemauertem Grill und der Garten – wo wir zu der Zeit in einer Wohnung mit kleinem Balkon wohnten, mit Grillfreaks als Nachbarn in der Erdgeschosswohnung, die von März bis September quasi täglich grillten und uns mit dem Geruch folterten, ein Garten für Erdbeeren, die auch nach echten Erdbeeren schmecken – ich war im ersten Moment schon so verliebt, dass man mich vermutlich auch durch eine Tropfsteinhöhle hätte führen können und ich hätte einziehen wollen.
Weil der Mitdings und ich uns von recht unterschiedlichen Dingen so beeindrucken lassen, ergänzen wir uns da wunderbar und am Ende kommt meist ein Mix heraus, der für uns beide gut funktioniert.

Jetzt soll ich da (möglicherweise, es besteht immer noch die Hoffnung, dass er pünktlich zurück sein könnte) alleine hingehen, alleine herausfinden, ob DIE Wohnung dazu taugen könnte, unsere Wohnung zu werden und ich weiss nicht, wie gut ich mit meinem panischen Tunnelblick überhaupt in der Lage bin, besonders viel wahrzunehmen. Und nicht nur das. Ich muss auch alleine eine mögliche neue Vermieterin davon überzeugen, dass genau wir die idealen neuen Mieter sind und das ist der Punkt, vor dem mir noch viel mehr graut. Irgendwie ist der Gedanke, die Wohnung könnte doch nicht so toll wie erhofft sein – schließlich haben wir kein einziges Bild von innen gesehen – nicht so schlimm, wie der Gedanke, dass es genau DIE Wohnung ist, die wir wollen und sie dann nicht zu bekommen. Ich möchte noch gar nicht so farbenfroh über die Folgen nachdenken, die das für mein ohnehin fast nicht vorhandenes Selbstbewusstsein hat. Nicht mal ’ne Vermieterin kann sie für sich gewinnen… Und da schraubt sich die Panik zur nächsten Umdrehung hoch.

Jetzt hier der Versuch, mich – wie so oft – durch Aufschreiben zu sortieren. Heute zusätzlich auch noch einer, mich ein bisschen abzulenken. In 4 Stunden wird’s ernst. Uff. Uff. Ufffff.

Mein Wunsch- und Lieblingsausgang des Termins ist, dass sowohl die Wohnung super ist (und ich mich traue / mir zutraue, das alleine festzustellen und zu beurteilen), als auch, dass die Vermieterin eine sympathische Frau ist, die mich nicht so sehr einschüchert und die ich dann, noch dazu davon überzeugen kann, dass wir ebenso super sind wie die Wohnung und also genau dort rein passen.

Und am allerliebsten würde ich das zusammen mit dem Mitdings rausfinden und bewerkstelligen. Das Universum möge also bitte für ein zügiges Ende des Termins sorgen! Wenn er in den nächsten gut 2 Stunden in Köln in einen ICE steigt, klappt das noch! GoGoGo!

I can haz gedrückte Daumen, plz?

K thx bye!

Katja

(Wir sind übrigens heute auf den Tag genau vor 8 Jahren hier eingezogen. Das muss doch ein Zeichen sein!)

Wirre Träume

Ich stehe im Schlafzimmer vor meinem Kleiderschrank mit einem offenen Koffer. Der Mitdings und ich diskutieren, ob wir jetzt überhaupt noch fahren wollen, weil es schon so spät ist. Irgendein Besuch, der auch noch da ist und uns dauernd im Weg rumsteht, hat unsere Pläne durchkreuzt. Der Besuch bleibt ohne Gestalt, als wäre er ausserhalb der Kameraperspektive im Traum, aber ich weiss genau, dass da noch jemand ist und dass es der Besuch ist, über den wir in seiner Anwesenheit reden. Wir beschließen uns die Reise davon jetzt nicht verderben zu lassen und trotzdem noch loszufahren. Ich werfe wahllos Klamotten in den offenen Koffer und es ist wirklich ein gehetztes Werfen.

Nächste Szene: Wir sind angekommen. Eigentlich wollten wir an den Bodensee fahren, in das Haus meiner Oma, wo ich viele Kindheitsurlaube verbracht habe. Ich glaube, das sind wir auch. Als vage Erinnerung ist da ein Bild des Hauses von aussen. Dann sind wir aber drinnen und da sieht es ganz so aus wie mein Elternhaus, in dem ich viele Jahre eine Etage alleine bewohnt hatte. Das Haus steht leer und die denen es jetzt gehört dürfen auch nicht mitbekommen, dass wir dort sind. Wer die sind, weiss ich nicht genau. Ich habe aber irgendwie diffus Angst vor ihnen. Mein altes Wohnzimmer sieht anfangs noch genauso aus wie früher, nur ganz ohne Möbel. Dann merke ich, dass es halb renoviert ist und an der Wand kleben Streifen von grauem Teppichboden.

Ich gehe rüber in die Küche mit Esszimmer. Die in meiner Kindheit eingezogene dünne Trennwand fehlt, es sieht aber nicht aus, als wäre sie eingerissen worden sondern als wäre das immer so gewesen. Im Traum ist mir auch nicht bewusst, dass da eine Wand fehlt. Erst hinterher wach in der Erinnerung an den Traum merke ich das. Auf dem Fußboden, da wo früher der Esstisch stand, liegt eine nackte Männerleiche. Die restlichen Möbel sind hier allerdings genauso erhalten wie sie früher standen, nur der Tisch fehlt. Ein Teil der Küchenzeile steht mitten im Raum, weil die Trennwand ja weg ist. Ich gehe ein Stück dichter an die Leiche ran. Diese ist gefesselt oder vielleicht auch eher eingeschnürt und hat überall offene Wunden. Es erstaunt mich überhaupt nicht, dass die Leiche dort liegt und ich weiss auf einmal, dass wir kurz vorher schon einmal dort in Urlaub gewesen waren und dass sie da auch schon dort lag. Irgendwie gehört sie an diese Stelle auf dem Boden und ich schaue sie versunken an. Ich erkenne den toten Mann allerdings nicht. Er ist groß und hat kurze dunkle Locken.

Plötzlich blinzelt die Leiche. Ich erschrecke und stoße einen Schrei aus. Ich brülle den Mitdings an, ob er das auch gesehen hat und dass das doch gar nicht sein kann, dass ein Toter blinzelt. Der Tote blinzelt nochmal. Mir klopft das Herz bis zum Hals, ich will am liebsten wegrennen, weiss aber nicht wie das geht. Es ist eindeutig klar, dass der Mann nicht mehr lebt, das steht ausser Frage. Ich werde immer hysterischer. Ich frage den Mitdings, wie das denn sein kann, dass ein Toter blinzelt, bin völlig in Aufruhr.

Dann dreht der tote Mann seinen Kopf in meine Richtung und öffnet den Mund um mir zu antworten.

In dem Moment werde ich wach. Mir ist bewusst, dass das ein Traum war, aber sowohl die Bilder sind noch da als auch die Angst. Die bleibt auch noch ewig und ich habe Angst davor, wieder einzuschlafen.

Katja

 

Katja Legweak

Manchmal, da fühle ich mich ein bisschen wie Neil Armstrong.

„That’s one small step for man… one… giant leap for mankind.“

(Neil Armstrong)

Nur genau umgekehrt.

*

Heute Mittag klingelte die Nachbarin und fragte mich, ob ich sie ein wenig später heute, in einen Ort, der ein paar Orte von hier entfernt liegt, fahren könnte, wo ihr Auto in der Werkstatt steht. Alle ihre Leute hätten sie versetzt. Und weil ich die Nachbarin gut leiden kann, habe ich ihr zugesagt, ohne lange nachzudenken. Ging ja eh nicht, lange zu grübeln, denn wenn ich erst mal gesagt hätte, dass ich das erst überlegen muss, hätte sie sicher einen Rückzieher gemacht. Solche Dinge kann man nur spontan zusagen oder eben nicht.

Dann hatte ich eine Stunde Zeit bis ich los musste und mir ging es von Minute zu Minute elender. Unter anderem, weil mir erst nach der Zusage auffiel, dass das ja auch bedeutet, dass ich mit einer fremden Beifahrerin Auto fahren muss, was mich ganz furchtbar nervös macht. Also Beifahrer ganz generell, seit ich so lange zwischendrin gar nicht gefahren war, und fremde noch stärker. Je länger ich darüber nachdachte, desto schlimmer stellten sich auch die körperlichen Angstsymptome ein. Tunnelblick, Schwindel, zitternde Knie…

Aber irgendwo war da auch diese Stimme, die meinte, das müsste doch irgendwie gehen. Auto fahren, da war doch irgendwo mal ein Automatikprogramm, mit dem ich das konnte. So viele Kilometer, wie ich in meinem Leben schließlich schon gefahren bin. Und ich wollte der Nachbarin auch auf keinen Fall wieder absagen. Die war vorher schon enttäuscht genug, weil alle sie versetzt hatten. Dass sie versetzt worden war, finde ich besonders schade, weil sie umgekehrt eine ist, die dauernd was für irgendwen dieser Leute übernimmt oder macht.

Also Augen zu und durch.

Oder eigentlich lieber Augen auf und durch – so fährt es sich besser.

Es war anstrengend und ich merke, dass mich das schon an Grenzen bringt, wenn ich gleichzeitig fahren und Konversation betreiben (naja, bei ihr genügt eigentlich zuhören und gelegentlich ein Kommentar) muss – aber auch, dass es geht. So irgendwie.

Das Essengehen mit den Leuten vom Spanischkurs nachher, das ich eigentlich für die Herausforderung des heutigen Tages gehalten hatte (weil mir sowas immer noch schwer fällt, obwohl wir ja in einer gewissen Regelmäßigkeit in dieser Runde alle halbe Jahre in ein Restaurant gehen), kann jetzt eigentlich auch nicht mehr schlimmer oder schwieriger werden.

*

Wenn ich solche Kleinigkeiten, mit denen ich mir (immer noch oft) so schwer tue mit Abstand betrachte, dann denke ich immer, wie furchtbar lächerlich das doch eigentlich ist, dass mir ein simpler kleiner Gefallen, um den mich eine Nachbarin bittet, einen solchen Kraftakt abringt und wie lächerlich doch eigentlich ist, dass ich überhaupt stolz darauf bin, wenn ich solche Kleinigkeiten schaffe.

Aber zum Glück gibt es mittlerweile (manchmal) auch jene Stimme in mir, die das gar nicht lächerlich findet, weil es für mich eben keine Kleinigkeiten sind (immer noch nicht).

That’s one small step for mankind, one giant leap for a woman.

(Katja Legweak)

Katja

Please, keep your fingers crossed for me!

Es ist anders als früher, als mich die Panikattacken noch eiskalt erwischten. Als ich noch nicht wusste, was da überhaupt mit mir passiert, vornehmlich die körperlichen Auswirkungen der Panik spürend und das nicht einsortieren könnend. Tunnelblick. Weiche Knie. Zitternde Hände. Das Gefühl neben mir zu stehen. Herzrasen. Atemlosigkeit. Schwindel. Nackenschmerzen von hochgezogenen Schultern. Kalte Schweissausbrüche. Damals hatte ich irgendwann solche Angst vor der Angst, dass ich noch tiefer in ein Vermeidungsverhalten rutschte, Situationen mied, die zu solchen Attacken führten.

Irgendwann lernte ich, dass ich mich nicht vor der Angst verstecken kann, ihr nicht entkommen kann, sondern dass ich mich ihr stellen muss. Das fühlte sich damals fast wie ein Kennenlernen an. Hallo Angst, ich bin die Katja. Jetzt zeig mal, wer du so bist und was du mit mir machst. Und die Angst kam und strich mir um die Beine, nahm für eine Weile Besitz von mir. Und ich hielt das aus, ließ sie gewähren, spürte und hörte in mich, was mit mir passierte in diesem Moment. Und dann ging sie wieder. Ebbte ab. Zurück blieb stets eine wahnsinnige Erschöpfung. Aber irgendwann auch das Gefühl, dass ich das aushalten kann. Dass sie vorbeigeht, ihre große Macht über mich verliert, wenn ich nicht versuche, mich vor ihr zu verstecken. Und als ich die große Angst vor der Angst verlor, waren auch diese Situationen, die diese Attacken auslösten nicht mehr so bedrohlich und ich konnte mich immer mehr davon stellen.

Gerade bin ich zum ersten Mal seit Jahren in einer Phase, in der mich immer wieder diese akuten Panikattacken heimsuchen, die ich zuletzt in solchem Ausmaß vor Jahren erlebt habe und selbst dann meist an eine konkrete Situation gebunden, die sich relativ einfach auflösen ließ.

Das jetzt ist anders. Es erwischt mich nicht plötzlich. Ich weiss, was mir solche Angst macht und ich weiss, was mit mir passiert. Spüre die Symptome, weiss dass das blanke Panik ist. Mein Kopf verarbeitet das ganz rational, sortiert das Befinden in die Panikschublade, jene, auf deren Etikett ‚musst du keine Angst vor haben‘ steht und trotzdem funktioniert es nicht, dass die Angst von selber abflaut und vorbeigeht. Also sitze ich hier, tippe mit zitternden Händen und versuche, mich mit Baldrian in größeren Mengen ruhigzustellen. Das ergibt einen schrägen Gefühlsmix, einerseits immer noch das Herzrasen und der Tunnelblick, andererseits legt sich ein müder Schleier darüber und macht die Glieder schwer. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.

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Ohne das näher spezifizieren zu wollen, wäre ich morgen über eine geballte Ladung gedrückter Daumen überaus froh und dankbar!

Katja

Don’t panik

Erstaunlich, wie entspannt ich mittlerweile damit umgehen kann, wenn mein Rechner klump ist. Vor ein paar Jahren hätte mich das in eine tiefe Krise gestürzt und ich wäre panisch geworden. Jetzt nervt es mich immer noch, aber es ist nicht mehr das Gefühl von der (ganzen) Welt abgeschnitten zu sein, das mich nervt, sondern eher die Tatsache, dass es, wenn die neuen Teile dann mal da und eingebaut sein werden, überaus  nervig wird bis ich den wieder halbwegs so eingerichtet habe, dass er sich gemütlich anfühlt.

Dass ich trotz Rechnercrash heutzutage dank Phone und Tablet nicht ganz offline bin, spielt sicher eine Rolle beim Ausbleiben der Panik – noch mehr aber vermutlich das Wissen, dass meine wichtigen Daten und speziell meine sämtlichen Fotos dank regelmäßiger Datensicherung wohlbehütet auf dem Server liegen.

Ich bin dann übrigens mal offline – so überwiegend zumindest.

Katja