Verzögerte Erkenntnis

Am Donnerstag war hier ein Techniker von der Telekom, weil wir seit einer Weile Probleme mit der DSL-Leitung haben. Der war freundlich und hilfsbereit und kommunikativ und nachdem er das Problem zwar identifizieren, aber nicht komplett lösen konnte, saßen wir zusammen am Tisch, tranken einen Kaffee und quatschten noch ein bisschen. Alles ganz cool & froody.

Cut.

Es dauerte bis heute Morgen bis mir langsam dämmerte, was da überhaupt passiert war.

Ein wildfremder Mann klingelte unvermittelt hier an der Tür, obwohl ich damit gerechnet hatte, dass er sich vorher nochmal ankündigen würde und musste in die Wohnung – meinen geschützten Raum, bei dem es immer mindestens ein bisschen komisch ist, wenn ich Menschen (zum ersten Mal) reinlasse – obwohl mein vorheriger Kenntnisstand war, dass er, falls er überhaupt ins Haus müsse, nur in den Heizungskeller zum Hausanschluss, keinesfalls aber in die Wohnung müsse. Das alles kam für mich also _eigentlich_ eher überrumpelnd daher und hätte mich vermutlich _normalerweise_ erst mal in eine Art Schockstarre versetzt. Stattdessen plauderte ich die ganze Zeit mit dem fremden, in der Wohnzimmerecke knieenden Mann, während ich um ihn rumwuselte und die Spülmaschine ausräumte und dann ganz locker und ohne nachzudenken fragte, ob er auch einen Kaffee möchte, weil ich gerade im Begriff war, mir einen zu machen.

Und das alles fühlte sich noch dazu so dermaßen normal an, dass es fast 2 Tage braucht, bis bei mir die Erkenntnis einsetzt, wie _ungewöhnlich_ ich mich in der Lage tatsächlich gefühlt und verhalten habe.

Oh wow. Yay! Much Normalität. \o/

Katja

kurz zitiert #42

„Was ist denn überhaupt Realität?“

„Sie ist das, von dem die meisten glauben, daß sie so sein sollte. Nicht unbedingt besser, nicht logischer, doch den kollektiven Wünschen angepaßt. Sehen Sie, was ich da um den Hals trage?“

„Eine Krawatte.“

„Sehr gut. Ihre Antwort ist logisch, kohärent, die eines ganz normalen Menschen: eine Krawatte!
Ein Verrückter würde jedoch sagen, daß ich ein buntes, lächerliches, nutzloses, auf komplizierte Weise geschlungenes Stück Stoff um den Hals trage, das die Beweglichkeit des Kopfes einschränkt und uns zwingt, tiefer zu atmen, damit Luft in die Lungen gelangt. Wenn ich in der Nähe eines Ventilators bin und nicht aufpasse, kann dieses Stück Stoff mich erwürgen.
Wenn ein Verrückter mich fragt, wozu eine Krawatte gut ist, muß ich ihm antworten: zu überhaupt nichts. Nicht einmal zum Verschönern, weil sie heute zum Symbol der Versklavung, der Macht, der Distanz geworden ist. Die Nützlichkeit der Krawatte besteht darin, nach Hause zu kommen und sie abzunehmen und das Gefühl zu genießen, daß wir uns von etwas befreit haben, von dem wir nicht einmal wissen, was es ist.
Doch rechtfertigt dieses Gefühl der Erleichterung die Krawatte? Nein. Dennoch wird, wenn ich einen Verrückten und einen normalen Menschen frage, was das ist, derjenige als gesund erachtet werden, der mir antwortet: eine Krawatte. Gleichgültig, wer es richtig sieht oder wer recht hat.“

(Paulo Coelho, Veronika beschließt zu sterben, Diogenes, S.95f)

Alleine dafür liebe ich das Buch ja schon nach der Hälfte der Lektüre. Das ist so ein simples Beispiel und es zeigt so deutlich, wie verdreht Mensch manchmal ist – und am schlimmsten: oft ganz ohne es zu merken. Für mehr

Was ist denn überhaupt Realtität?
Was ist normal und was verrückt?
Und stimmt das wirklich so rum?

im Leben. Und in Büchern.

Katja