Seit Wochen…

…summt die innere Band fast jeden Tag irgendwann

 

Come, come alone
Come with fear, come with love
Come however you are
Just come, come alone
Come with friends, come with foes
Come however you are
Just come, come alone
Come with me, then let go
Come however you are
Just come, come alone
Come so carefully closed
Come however you are
Just come

(Damien Rice – Trusty and True)

(Schuld daran und überhaupt, dass ich den Song mittlerweile so liebe, ist der hier (wieder mal), aber der Fatzebock Kram lässt sich nicht hier einbinden, zumindest weiß ich nicht, ob und wie das geht, daher das Original von Damien Rice und nicht die spätabendliche Küchenversion von Nicholas, die sich hinter dem Link versteckt und unbedingt anhörenswert ist.)

Katja

2000 \o/ und die Sache mit der Angst / 7 to go

Irgendwann heute Nachmittag fiel mir ganz zufällig ins Auge, dass mein Blog aktuell 1.999 veröffentliche Beiträge zählt, dass also der nächste veröffentliche und das ist natürlich genau derjenige, den ich jetzt zu tippen begonnen habe, der zweitausendste Blogeintrag wird, was eine wirklich enorme Menge ist. Der nächste Gedanke war dann direkt die Frage, ob ich da nicht irgendwas Besonderes schreiben müsste, irgendwas Wichtiges, so x-tausendste Blogeinträge schreibt man ja nicht alle Nase lang und ich habe fast genau 8 Jahre für die 2k gebraucht. Aber das, was mich heute wirklich seit mittags beschäftigt ist nicht mal irgendwas Eigenes, sondern ein paar Mails und zwei Artikel, die ich las und dann fiel mir auf, dass das vielleicht genau der richtige Rahmen ist – so ein x-tausendster Eintrag, denn das ist ja nunmal genau das Thema, das mir am Herzen liegt, nämlich die Angst. Genauer gesagt die im großen Rahmen der Angststörung.

Nachdem ich schon seit einiger Zeit großartig finde, was Nicholas Müller – ehemals Frontmann von Jupiter Jones, jetzt Teil der wunderbaren Von Brücken Familie – alles tut, um das Tabu zu brechen, über Angst(-störungen) zu reden, erschien vor ein paar Tagen ein Artikel von Franziska Seyboldt in der taz, in dem sie ausführlich über ihre Angststörung und das Leben und den Umgang damit schreibt. Den Tab hatte ich, seit er mir bei Erscheinen in die Twitter-Timeline gespült wurde offen, aber zum Lesen des wirklich langen Artikels bin ich erst heute gekommen, nachdem ein Freund mir per eMail den Link nochmal schickte. Passenderweise hat sie im Rahmen des Artikelschreibens auch Nicholas getroffen und aus diesem Gespräch stammt das folgende Zitat:

Dass ich über meine Angst schreibe, findet Nicholas Müller super. „Eigentlich dürfte das nicht außergewöhnlicher sein als ein Schnupfen“, sagt er. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen Menschen kennen, der eine Angsterkrankung hat, liegt bei 100 Prozent. Oder man kennt einfach unfassbar wenige Menschen.“

Alleine das sollte ein Grund sein, den Artikel, der wirklich einen wertvollen Einblick hinter die Kulisse der Angststörung gibt, zu lesen – selbst, wenn man nicht betroffen ist. Man kennt vermutlich eine*n Betroffene*n und das muss einem nicht zwingend bekannt sein.

Mich hat beim Lesen ein echter Holzhammer erwischt. Verflucht. Was wenn das alles schon viel viel früher da war und ich es nur nicht einzuordnen wusste?
Die Erkenntnis, wo meine ganze Angst ihren Ursprung hat, ist für mich noch neu, war mir bis vor wenigen Wochen nicht in diesem Umfang bewusst, wie es das jetzt ist und die Wurzel liegt nicht bei meinem „Zusammenbruch“, meinem „Nix geht mehr“ vor ein paar Jahren, sondern weit zurück in meiner Kindheit.
Und dann heute der neue Zusammenhang: In meiner Kindheit und Jugend gab es einige Erlebnisse, bei denen mir – so dachte ich bisher – der Kreislauf schlapp machte und ich in Ohnmacht fiel. Dass es sich dabei ausnahmslos um Situationen handelt, in denen ich wahnsinnige Angst hatte, fiel mir heute beim Lesen des Artikels von Franziska Seyboldt wie Schuppen von den Augen und auf einmal ergibt so vieles einen ganz anderen Sinn, werden mir immer mehr Zusammenhänge klar. Das beschäftigt mich gerade sehr…

Kurze Zeit später schickte mir jener Freund noch einen Link zu einem Text, den ich bis dahin noch nicht entdeckt hatte und den empfinde ich als sehr gute und wichtige Ergänzung des eigentlichen Artikels. Es geht um die Sichtbarmachung der Krankheit, um ein Stück Normalität und Offenheit im Umgang damit.

Es bringt nichts, darauf zu warten, dass die Gesellschaft so weit ist, einen als „normal“ anzuerkennen. Eine Gesellschaft passt sich Tatsachen an. Tatsachen werden dadurch geschaffen, dass sich sehr viele Menschen so zeigen, wie sie sind. Und irgendwann guckt niemand mehr doof, wenn Schwule sich küssen, Frauen mit Kopftuch rumlaufen oder im Personalausweis ein drittes Geschlecht steht.

Wenn ich also einen Wunsch äussern dürfte, dann ist es jener, dass ihr euch die Zeit nehmt, den wirklich langen mit dem ersten Zitat verlinkten Artikel zu lesen und am liebsten den mit dem zweiten Zitat verlinkten auch noch hinterher. Wenn ihr auch nicht selber betroffen seid, dann für ein bisschen mehr Verständnis dafür, wie das so ist mit der Angst zu leben.

Dankesehr! ❤

Katja

Live alive

Eine der Sachen, die früher, im Sinne von vor der Angst, fest zu meinem Leben gehörten, waren Konzerte. Auf meinem ersten Konzert richtig großen Konzert war ich mit 14 und es war ein Udo Lindenberg-Konzert. Mit knapp 16 bin ich trotz Verbots meiner Mutter mit 2 Freunden spontan und ohne Karten ins fast 200 km entfernte Mannheim gefahren, um Genesis live zu sehen, ein paar Monate später war ich in Frankfurt bei Marillion – noch mit Fish. Dann mit Anfang 20 sind wir – in der hessischen Provinz beheimatet, wo es keine größeren Konzerte in unmittelbarer Nähe gab – nach Köln für Aerosmith gefahren, nach Köln und Frankfurt für Guns’n’Roses, nach Berlin für Meatloaf undsoweiterundsofort. Ich hab damals ein Heidengeld für Konzerttickets bezahlt, aber ich habe nie auch nur einen Pfennig – denn das war alles noch zu Zeiten der D-Mark – davon bereut, denn die Energie solcher Veranstaltungen hat mich auch hinterher noch tagelang durch den Alltag getragen. Das Pfeifen im Ohr übrigens auch, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Dann kam die Angst. Vorm Rausgehen. Vor Menschen. Vor allem vor größeren Ansammlungen von Menschen. Ich konnte einige Jahre die Wohnung nicht verlasen, nichts könnte da ferner sein, als der Gedanke auf Konzerte zu gehen. Als das Verlassen der Wohnung wieder ging, war trotzdem noch jeder Einkauf im Supermarkt schwierig und manchmal (zum Glück nur äusserst selten) ist es das heute noch und ich muss mir eine ruhige Ecke suchen und durchatmen bis die Panik sich wieder legt. Aber Konzerte, das ging eben gar nicht.

Irgendwann im Spätsommer / Frühherbst hatte ich einen Link zu einem Song von von Brücken (das gehört so, ein ‚von‘ gehört zum Bandnamen) in der Twitter-Timeline und der hat mich direkt beim ersten Anhören umgehauen.

Kurz drauf, bekam ich mit, wieso da jemand, der Songtexte schreibt, das mit der Angst zum einen thematisiert und zum anderen so gut versteht. Nicholas Müller, der Sänger und Texter von von Brücken kennt sich aus, der weiss Bescheid. Bevor er zusammen mit Tobi Schmidt von Brücken gründete, musste er seinen alten ‚Job‘ – den als Sänger von Jupiter Jones – aufgeben, weil er selber an einer Angststörung erkrankt ist. Ich schreibe hier bewusst im Präsens, denn wer die Angst selber kennt, weiss, dass es oft keinen kompletten Ausstieg mehr gibt, wenn sie einen einmal am Kragen hatte, es kann nur deutlich besser werden.

Bei Nicholas ist es das zum großen Glück, vor allem für ihn, aber nicht nur, denn dieser Mensch gehört aber sowas von auf die Bühne!

Jetzt fragt sich die eine oder der andere vielleicht, wieso ich glaube, das beurteilen zu können, wo ich doch nur vorm Rechner die youtube-Videos gucke. Aber das ist so:

Als das zweite Lied der beiden von Brückens rauskam – Gold gegen Blei – und ich das fast noch besser fand als die Lady Angst und als ich immer mehr Interviews mit Nicholas las – der übrigens allen ‚Angstgestörten‘ einen großen Dienst in Richtung Enttabuisierung leistet, dadurch, dass er so offen mit seiner Erkrankung umgeht – wurde der Wunsch in mir immer größer, die beiden live zu sehen. Denn verflucht, da steht einer auf der Bühne, singt Songs, deren Texte mir so nahe gehen wie verdammt lange keine Musik mehr, und dann kennt er sich auch noch mit Angst aus.

Ich glaube, es hätte für mich Hasenfuß keine bessere Gelegenheit und keinen größeren Anreiz geben können, meiner eigenen Angst vor den Menschenmassen auf Konzerten ins Auge zu blicken, als ausgerechnet bei von Brücken.

Dann, als die Tourdaten rauskamen und der Vorverkauf anfing und das Album rauskam, hab ich nach dem erst-mal-Augen-zu-und-durch-Prinzip Karten bestellt. Es waren ja noch fast 4 Monate Zeit bis zum Termin in Wiesbaden. Also auch jede Menge, um die Tickets möglicherweise zu verschenken, weiterzuverkaufen, wasauchimmer.

Aber je häufiger ich die Platte seitdem gehört habe (und das war verdammt oft), desto dringender wollte ich hin. Wollte diese Musik live hören.

Hab ich! War ich! War großartig! (Klick macht die Bilder groß, die Qualität ist leider händicämlausig.)

Nicholas ist so ungefähr die sympathischste Rampensau, die ich je live gesehen habe. Die Band spielt großartig zusammen und man hat das Gefühl, da steht eine zusammengewachsene Familie auf der Bühne. Weil’s erst ein Album gibt, gab’s auch wirklich alle Songs zu hören – und ich bedaure jetzt schon, dass es bei der nächsten Tour wahrscheinlich nicht mehr so sein wird, denn mir gefällt wirklich das komplette Album und ich hätte keinen der Songs missen wollen.

Ein Hoch auf den Mitdings, der mich Ende Oktober fragte, ob ich mich trauen würde, wenn er mitkäme (und er macht sich wirklich überhaupt nichts aus Livemusik) und der dann am Donnerstag tatsächlich trotz schrecklicher Erkältung, 3 eingepackten Paketen Taschentüchern und Kopfweh mit mir in Wiesbaden im Schlachthof war!

Und weil’s so schön ist, ist die Geschichte hier noch nichtmal ganz zu Ende. Als ich am Tag nach dem Konzert die Videos vom Händi auf den Rechner übertragen hatte, habe ich festgestellt, dass bis auf eines, alle anderen tonmäßig nicht zu gebrauchen sind. Und das eine, ist … äh… eher von einem ungewöhnlichen Konzertteil. Und jetzt kommt’s: kurz nachdem ich mich auf Twitter darüber amüsiert hatte, hatte ich eine DM im Postfach und jetzt ist mein Videoschnipsel Teil des Tourtagebuchs, was diesem für mich ohnehin schon sehr besonderen Ereignis noch ein kleines Krönchen* aufgesetzt hat.

Hierso. (ab 1:50 min. Aber ihr sollt das natürlich von vorne und komplett gucken!)

Katja (Kamerakind)

[*Untertreibung der Woche]