Wirre Träume

Ich werde wach, stehe auf, gehe durch die Wohnung. Die Wohnung ist nicht diese hier und auch keine, in der ich in der Vergangenheit gewohnt habe, aber das Gefühl ist, dass ich dort zu Hause bin. Dann fallen mir zuerst ganz kleine Veränderungen auf. Die Details, an denen ich es zuerst bemerkt habe, habe ich mittlerweile vergessen, aber es waren anders stehende Gegenstände. Die Möbel standen zunächst noch richtig. Ich weiss nicht, woher ich es weiss, aber mir ist direkt klar, dass die Nachbarn (und zwar jene, die in der Realität gerade über uns wohnen) nachts in der Wohnung gewesen sein müssen und hier Kram rumgeräumt haben. Auf meinem Schreibtisch finde ich einen Haufen Papiere und es ist klar, dass das jemand alles angesehen und gelesen hat. In mir ein großes Gefühl der Empörung. Das geht doch nicht, das kann doch nicht wahr sein. Irgendwas hier läuft doch total verkehrt… Die können doch nicht einfach…

Dann ist der Mitdings auf einmal auch da, bemerkt die Veränderungen auch, aber er regt sich gar nicht darüber auf. Stattdessen sagt er Dinge wie: ist doch toll, mein Schreibtisch ist viel ordentlicher so. Und ich versuche total hilflos, ihm klar zu machen, weswegen es trotzdem alles verkehrt ist, dringe aber nicht zu ihm durch. Empörung, ganz viel Hilflosigkeit, das Gefühl, das ganz alleine lösen zu müssen. Ich weiss, ich muss die Nachbarn damit konfrontieren, habe aber auch Angst davor. Gedankenfetzen, dass ich vielleicht die Komische bin, dass was sie gemacht haben, doch ganz normal, ganz natürlich ist und nur ich das als so extrem empfinde.

Mir fallen immer mehr Dinge auf, die sie verändert haben oder vielleicht ändert sich auch die Wohnung noch immer mehr im Verlauf des Traumes. Die Wände des Schlafzimmers sind auf einmal grün gestrichen. Der Nachbar muss das gemacht haben, während wir schliefen. Wieder ganz viel Angst, dass fremde Menschen nicht nur in die Wohnung eindringen, sondern sie sogar nach Gutdünken verändern und ich bin hilflos und kann nichts machen.

Dann, in einem Raum, von dem ich gar nicht weiss oder mich jetzt nicht erinnere, welchen Zweck er überhaupt hat, fehlt der halbe Fußboden und man kann ins darunterliegende Zimmer sehen. Die Nachbarn wohnen im Traum nicht über sondern unter uns und jetzt gibt es einen Durchbruch zu ihrer Wohnung und da lehnt eine Leiter und unten sitzt die Tochter im Schlafanzug und starrt apathisch auf einen Fernseher und reagiert nicht auf mein Rufen. Dann taucht der Kopf der Nachbarin auf und sie fragt in ihrem ganz normalen Tonfall als wäre nichts gewesen „was gibt’s denn?“. Ich atme tief ein, mache den Mund auf, um meiner Empörung Luft zu machen und es kommt kein Ton heraus, nur heisse Luft. Ich sehe mich von aussen wie ich den Mund auf- und zuklappe. Dann bin ich aufgewacht.

Katja

Unsichtbar

Ich habe heute drei Anläufe gebraucht, um das Haus zu verlassen um Einkaufen zu gehen. Es gibt insgesamt zwar nur drei Wohnungen im Haus, aber jedes Mal, wenn ich gerade gehen wollte, tummelten sich Nachbarn im Flur bzw. Treppenhaus. Hoch, runter, wieder hoch, wieder runter, sich unterhaltend. Ich gehe dann nicht raus. Ich gehe nie raus, wenn gerade jemand im Treppenhaus unterwegs ist. Nicht mal in den Keller zur Waschmaschine. Ich weiss, dass das idiotisch ist, aber ich bringe es einfach nicht fertig meinen Nachbarn absichtlich zu begegnen. Es ist schlimm genug, wenn ich zufällig jemandem beim Verlassen des Hauses oder beim Wäsche waschen begegne. Ich fühle mich unwohl. Statt freundlichem Smalltalk gelingt mir höchstens ein zaghaft lächelndes „Hallo“ mit kaum hörbarer Stimme. Ich weiss nicht, weswegen das so ist. Mit anderen Menschen, der Kassiererin im Supermarkt, der Frau von der Post, meiner Lieblingsapothekerin gelingt mir mittlerweile problem- und zwanglos eine Unterhaltung. Nur meine Nachbarn schüchtern mich so ein. Heute Nachmittag hat mich das extrem genervt. Der Vorsatz war da, einfach rauszugehen, gar nicht darauf zu achten, ob immer noch jemand im Treppenhaus rumgeistert. Dann stand ich an der Tür, die Hand auf der Türklinke, die Knie gaben nach und ich hab’s nicht fertig gebracht. Bin wieder zurück in die Wohnung, hab mich nochmal hingesetzt. Mist das. Ein bisschen fühlt sich das immer an, als dürfe ich nicht da sein, müsse heimlich agieren, mich verstecken, flüchten. Und ich kann dem Gefühl keinen sinnvoll passenden Gedanken zuordnen. Objektiv gibt es keinen Grund, mich so zu fühlen. Trotzdem ich das weiss und mir selber bewusst mache, bekomme ich das Gefühl nicht weg. Wenn meine Knie nicht so unkooperativ wären, hätte ich’s längst mit einer Augen-zu-und-durch-jetzt-erst-recht Desensibilisierung versucht, aber das ist eine der seltenen Gelegenheiten, wo sie mir noch jedes Mal wegknicken. Mist das.

Katja