Für nichts.

Ich weiß nicht, ob du noch darauf wartest, dass ich mich heute melde oder ob du die Hoffnung, dass deine widerspenstige Tochter gefälligst den Muttertag würdigen soll, inzwischen aufgegeben hast. Es sind jetzt wohl an die 20 Jahre, in denen ich mich an diesem Tag sehr bewusst nicht mehr bei dir melde. Und genauso lange bin ich an dem Tag von Schuldgefühlen zerfressen, weil ich genau weiß, dass dich trifft, dass ich den Tag ignoriere. So oft habe ich versucht, mit dir darüber zu reden, was damals passiert ist, habe gehofft, ein Zeichen von dir zu bekommen, dass du wahrnimmst, was du mir angetan hast, dass du deine Schuld anerkennst und es dir leid tut. Jeden verdammten Tag meiner Kindheit habe ich Prügel bezogen, weil du jeden verdammten Abend haarklein Bericht erstattet hast, was die Kinder den Tag über ‚verbrochen‘ haben. Du bist nie auf die Idee gekommen, ‚da war nichts, die waren lieb‘ zu sagen. Stattdessen hast du Kleinigkeiten aufgebauscht, damit es wirklich jeden Tag einen Grund für Sanktionen gab. Und jetzt bin ich diejenige von uns mit den Schuldgefühlen, weil ich immer noch das unartige Kind bin, dass sich am Muttertag nicht bei seiner Mutter meldet, obwohl die doch immer alles richtig gemacht hat und eine gute Mutter war. In ihrer Wahrnehmung.

„Ihre Mutter kann das gar nicht anerkennen. Die muss sich ihre eigene Wahrheit zurechtbiegen, das Märchen von ihr als guter Mutter, in der sie alles für ihre Kinder getan hat, weil sie – wenn sie der Wahrheit ins Gesicht sehen würde – unter der Schuld zusammenbrechen würde, die sie sich aufgeladen hat und damit nicht würde weiterleben können.“ sagt der beste Therapeut irgendwann zu mir und wortähnlich sinngleich die Vertretungstherapeutin in der Klinik. Und dann bin ich wieder diejenige, die bei sich sucht, sich fragt, ob sie dann nicht ebenso Schuld auf sich lädt, wenn sie ihre ‚arme‘ Mutter so abstraft, sich dem Kontakt so entzieht, sich nicht (mal) am Muttertag meldet. Die bei sich sucht und sich fragt, ob sie nicht diejenige sein müsste, die einlenken müsste, wenn ihre Mutter doch eigentlich gar keine Chance hat, sich der Vergangenheit zu stellen, weil das zu schmerzhaft wäre. Müsste ich dann nicht versöhnlicher sein und wer weiß, wieviel Zeit dafür überhaupt noch bleibt und ob ich nicht hinterher irgendwas bereue, nicht getan zu haben, wenn’s dann zu spät ist. Aber ich hab so lange die Verantwortung für alles übernommen, die ‚Schuld‘ bei mir gesucht, mich mit Selbsthass gequält, weil ich so verkehrt bin, dass nicht mal meine Mutter mich lieb hat.

„Es liegt nicht an dir, sondern an ihr.“ schrieb der gute Freund mir über Monate hinweg jeden einzelnen Morgen, damit die Botschaft sich bei mir einbrennt. Und doch, genau heute kommen wieder all die Zweifel hoch, ist die Sehnsucht nach einer Mutter, bei der man sich am Muttertag melden möchte, so groß und wird der Mangel in mir drin so deutlich und schmerzt so sehr.

Katja

Gewalt

Dass sie wirklich nichts von unserem Gespräch vor einigen Wochen richtig verstanden hat und dass sie sich wieder ihre Wahrheit so zurechtgebogen hat und alles vergessen und verdrängt hat, fällt mir mehr noch durch die Beiläufigkeit, mit der sie erzählt auf, als an ihren Worten.

„Und dann hab ich ihr gesagt, sie soll ihm einfach auf den Hintern hauen, wenn sie was von ihm will, so lange sie keine Stimme hat.“ Ich schnaube empört, sage entschieden „Nein! Schlagen soll sie ja wohl auf keinen Fall!“, was sie scheinbar endlich bemerken lässt, was sie da gerade verzapft. Sie stammelt „Ja aber so ein Klaps ist doch nicht schlimm und tut nicht weh.“

Dass Schläge viel mehr ausmachen, als den zu Körper verletzen, scheint sie immer noch nicht verstanden zu haben.

Siedend heiss kocht wieder die Erinnerung hoch an ein Telefonat vor einigen Jahren, als mein Neffe noch sehr klein war und so eine unruhige Phase hatte, wo er viel weinte. Damals erzählte sie mir mit ordentlich Stolz in der Stimme, dass sie meiner Schwester geraten hätte, ihm rechts und links eine runterzuhauen, wenn er nicht aufhören würde zu weinen. „Du“ fährt sie fort „hattest als Kind auch so eine Phase, wo du jeden Nachmittag geweint hast. Und dabei warst du noch nicht mal hingefallen oder hattest dir weh getan. Ich wusste gar nicht weswegen du weinst, es gab gar keinen Grund. Aufgehört hast du damals immer erst, wenn du rechts und links eine gekriegt hast. Anders konnte man dich gar nicht beruhigen.“

Damals habe ich nur den Mund aufgesperrt und das Gespräch nach einer Weile beendet. Damals hätte ich es noch nicht fertig gebracht, ihr energisch entgegenzutreten, wenn sie so Dinge von sich gibt.
Jetzt reagiert sie jedes Mal irgendwo zwischen verhalten, ungehalten und verschämt, wenn ich widerspreche, ihre wertvollen Erziehungsratschläge nicht bejubele, sondern ihr in bestimmtem Ton zu verstehen gebe, dass Schläge unter gar keinen Umständen und nie die richtige Methode sind.

Danach fühle ich mich dann fast schuldig und elend, weil ich an ihrem schönen Weltbild, von ihr als Supermom, rumkratze. Ihre Illusion störe. Zumindest für einen kurzen Moment. Als ich das irgendwann meiner Schwester gegenüber erwähne, dieses Schuldgefühl, sagt sie nur, dass der Knacks, den unsere Mutter in diesen kurzen Momenten davonträgt wohl in keinem Verhältnis steht zu dem, den wir unserer Kindheit verdanken. Trotzdem bleibt das Schuldgefühl, der Zweifel, ob ich ihr das antun muss.

Nach solchen Gesprächen verfällt sie für einige Tage oder auch Wochen in Schweigsamkeit mir gegenüber, bis sie sich ihr Bild wieder zurechtgezimmert hat, die Illusion „aber ich war euch doch eine gute Mutter“ wieder aufgerichtet hat.

Ich war bis zu diesem Gespräch nicht sicher, ob vielleicht doch wenigstens ein wenig bei ihr angekommen ist, worüber sie zwar nicht mehr spricht, aber was sie zum Nachdenken bringt, endlich dazu bringt sich ihren persönlichen Dämonen mal zu stellen.

Das Selbstverständnis mit dem sie immer noch Schläge als Allheil-, -hilfs- und Erziehungsmittel proklamiert spricht allerdings eine ganz andere Sprache.

Auch wenn mir echt die Hoffnung sinkt, dass das je wieder in ihr Bewusstsein eintritt, werde ich trotzdem in so Situationen die Klappe nicht mehr halten. Nicht ihretwegen oder ihrer Einsicht wegen, sondern nur noch meinetwegen. Alles (runter)geschluckt habe ich lange genug…

Katja