first things first

IMG_20140319_154259

Die Glasglocke sitzt heute nicht ganz so dicht und ich versuche, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die gut tun. In den vergangenen Jahren war das immer mein Garten. Kopf ausleeren von schädlichen Gedankenkreiseln durch Gartenarbeit funktioniert eigentlich ziemlich zuverlässig. In diesem Jahr jedoch hat mir das Wissen darüber noch gar nichts gebracht, weil ich mich, seit das Wetter schöner ist und nach Zeit im Freien schreit, zu gar nichts, und erst recht nicht zu Gartenarbeit aufraffen kann. Die größte Hürde war dabei schon der Gedanke überhaupt rauszugehen, dabei evtl. noch  den Nachbarn über den Weg zu laufen und in Smalltalk verwickelt zu werden für den ich im Moment noch weniger Energie habe als üblicherweise.

Heute dann der ‚es-hilft-ja-alles-nix‘-Gedanke und einfach raus und wenn es nur für ein paar Minuten wäre…

Fast 1,5 Stunden waren es dann tatsächlich (was bei meinen momentanen  Energiereserven eigentlich ganz schön gut ist) und doch fehlt mir das übliche Gefühl der Zufriedenheit, das ich normalerweise nach und auch während der Gartenarbeit habe. Zu sehr hat der Kopf einfach weitergedreht und ich hatte die ganze Zeit nur das müsstemüsstemüsste vor Augen.Viel früher hätte ich mit dem Garten anfangen müssen, einen Teil der Arbeiten hätte ich eigentlich sogar schon im letzten Herbst erledigen müssen (und erledigt haben wollen, aber das ging da schon nicht) und es rächt sich jetzt durch Mehraufwand, dass ich so spät dran bin. Und dann schießt mir durch den Kopf, dass der doofe Vermieter sicher höchst verärgert ist und die Angst davor, er könnte wieder mal unangemeldet vor der Tür stehen, lässt mich am Rad drehen. Und ich denke daran, dass man die 1,5 Stunden fast gar nicht sieht und sehe nur, was noch vor mir liegt und wieviel zu tun ist und wie sehr mich das gerade überfordert und wie ich das nur alles schaffen soll und das ist natürlich höchst kontraproduktiv für den Zweck, um den es mir eigentlich ging, dass es mir nämlich besser gehen soll durch diese erdenden (im wahrsten Wortsinne, meine Hände sehen schlimm aus) Tätigkeiten, die mir eigentlich immer gut tun.

Und während ich Unkraut rupfe, merke ich, was der Kopf da immer noch für einen Blödsinn veranstaltet und ich beschließe, oder versuche zumindest, dieses Gedankenhamsterrad anzuhalten und mich nur auf das verfluchte Unkraut zu konzentrieren, das ich just in diesem Moment rausrupfe. Nur der Weg – scheiss (pardon!) doch auf’s Ziel. Wenigstens ein bisschen klappt das und wenn mein Garten eben in diesem Jahr noch unordentlicher aussehen wird, als er das üblicherweise tut, dann sei es eben so. Für heute zählt erst mal nur, dass ich die blühende Hyazinthe im Beet vor dem Küchenfenster von den vertrockneten Vorjahresblumenresten und dem Unkraut befreit habe, das sie verdeckt hat.

Jetzt, mit einem Kaffee bewaffnet, auf der Terrasse sitzend und über die Bluetooth-Tastatur, die ich für’s Tablet habe, fluchend, weil die Pfeil-hoch-Taste genau an der Stelle ist, an der intuitiv mein kleiner Finger für die rechte Shift-Taste landet, was zu einem schrägen Wirrwarr beim Schreiben geführt und mich dauernd aus meinen Gedankengängen rausgehauen hat, ist schon wieder der müsstemüssteschnellschnell-Berg in mir dominierend. Und gerade geht es auch nicht gut, Dinge zu tun, die mir gut tun, weil sie mir gut tun, weil da so viele im Weg liegen, die dringend gemacht werden müssen. Dabei wäre es eigentlich sogar logisch richtiger und besser, mich erst mal um mich zu kümmern und mein Befinden den brüllenden Pflichten überzuordnen, weil ich die ja auch viel besser hinbekomme, wenn es mir besser geht. Hm.

Zumindest viel weniger Tränen heute als frische Luft!

Katja

(Und endlich endlich getraut, dem besten Freund zu erzählen, dass es mir schlecht geht und alleine das darüber reden Können und das (wieder mal) Merken (was ich zu gerne vergesse), dass es mir schlecht gehen darf, ohne dass er sich abwendet, macht es irgendwie einfacher.)

Memo an mich

Erstaunlich, wie leicht mir die Dinge wieder abhanden kommen, die ich längst mal erkannt hatte und wie mich dann aber plötzlich die Erkenntnis trifft, dass sie immer noch funktionieren. Heute wieder mal so geschehen.

Dass es mir gut tut, Dinge mit den Händen zu machen, dass mich das erdet, das weiss ich eigentlich schon recht lange und darüber hatte ich auch schon mal ausführlicher gebloggt. Speziell auf’s Brot backen, auf’s Teig kneten, trifft das immer zu. Das ist etwas, was mich sehr runterholt, wenn ich wieder mal dem Kaninchen aus Alices Wunderland gleich, in ständiger (selbstgemachter) Hektik kopflos durch mein Leben stolpere.

Das habe ich ziemlich lange, ziemlich konsequent gemacht und dann habe ich dooferweise irgendwann damit aufgehört und nur noch sehr selten Brot selber gebacken. Im letzten Jahr bin ich durchschnittlich nicht mal auf eines pro Monat gekommen. Und das, obwohl eigentlich dieses Wissen in meinem Kopf ist, dass Hefeteige kneten etwas ist, was für mich gut funktioniert, was mir sehr gut tut.

Am Wochenende wollte ich zum ersten Mal, seit sehr langer Zeit, Flammkuchen machen. Und dann war ich gestern den ganzen Tag drömmelig und hing durch und hab’s auf heute verschoben und heute war ich aber immer noch total lustlos und hätte am liebsten wieder was anderes gemacht. Ich musste mich also selber mehr oder weniger zwingen, in die Küche zu trotten und die Hefe in eine Schüssel zu zerkrümeln. Und dann fing ich an zu kneten und alles war wieder anders und da. Ich merkte quasi direkt, wieviel von dieser seltsamen Stimmung, die mich heute gefangen hatte, durch das Kneten aus mir raus wanderte und stand in meiner Küche und dachte, dass ich ganz schön bescheuert bin, solche Dinge, die ich über mich weiss, immer wieder so zu verdrängen. Wie doof das ist, nicht besser auf mich aufzupassen und die Dinge häufiger zu tun, die mir gut tun.

Und damit ich’s nicht direkt wieder vergesse/verdränge/whatever, schreibe ich’s jetzt hier auf: Hefeteige kneten macht mich froh, Brot backen macht glücklich! Ich mache das jetzt wieder häufiger!

IMG_9001

Katja

Mit den Händen – Versuch einer Erklärung, was es mit der Erdung auf sich hat

Ich hatte schon vor längerer Zeit dem rebhuhn versprochen, irgendwann mal aufzuschreiben, wie ich das meine, wenn ich davon rede (schreibe), dass mich bestimmte Dinge erden. Das wollte ich eigentlich längst getan haben, aber mir ist immer, wenn ich darüber nachgedacht habe, aufgefallen, dass sich das ungeheuer schwer in Worte fassen und erklären lässt. Ich probier’s jetzt trotzdem mal – quasi ‚on the fly‘ während ich schreibe – mal sehen wie weit ich komme und wie unausgegoren es sich hinterher noch anfühlt.

*

Seit ich bewusst denken konnte, habe ich nie damit aufgehört. Und das ganz buchstäblich. Mein Kopf stand nie still, ich war immer und jederzeit am Grübeln. Und das gar nicht mal über wichtige und weltbewegende Dinge, sondern häufig nur über banalen ‚Kleinscheiss‘  (vermutlich genau deswegen, damit die wichtigen Dinge, die die an die Substanz gehen  in den Hintergrund gedrängt wurden), der ohne Pause spiralförmig oder karussellmäßig oder wie auch immer man es nennen mag, in meinem Kopf rotierte. Abschalten und Entspannen? Fehlanzeige. Dooferweise auch abends nicht und dann war/ist Schlafen auch häufig Fehlanzeige. Leider nicht mal nur für ein, zwei Nächte sondern manchmal bekomme ich über Wochen kaum Schlaf. Bevor ich ins Bett gehe, bin ich müde, dass ich im Stehen einpennen könnte und kaum liege ich, dreht das Gedankenkarussell los und lässt sich nicht stoppen.

*

Als ich ein Kind war, war mein liebstes Spielen jenes im Garten. Meine Oma hatte eine große Plastikschüssel hinterm Haus stehen, die sie nur für Gartendinge benutzte, die schnappte ich mir und darin ‚kochte‘ ich dann regelmäßig. Erde, Wasser, Gänseblümchen, Gras – die Hauptsache war aber immer Erde mit viel Wasser. Das hab ich mit den Händen ‚durchgepampt‘ und das konnte ich stundenlang ohne dass es mir langweilig geworden wäre.

Später dann, nach der Schule, ziemlich am Anfang meiner Ausbildung, fing ich an zu basteln. Eine Freundin hatte Geburtstag und ich wollte ihr eine Flasche Wasauchimmer schenken und die nicht nur schnöde in Geschenkpapier wickeln, also kaufte ich mir Tonkarton, bunte Pfeifenreiniger, Wackelaugen und lauter so ’nen Kram und bastelte eine Clownsverpackung für die Flasche (Wir hatten beide kurz vorher ‚Es‘ von Stephen King gelesen. :mrgreen: ). Ich saß zwei komplette Abende nach der Arbeit daran, eine Flasche zu verpacken, aber mir ging’s dabei saugut und irgendwie habe ich von da an ganz viel Kram gebastelt. Makramee, Freundschaftsbändchen aus Perlgarn knoten, Tonkartonmobiles, Gipsmasken, Kerzengießen und -ziehen, Rußmalen, Pappmaché, Moosgummifiguren, Brettspiele selber machen, Plastikostereier in Marmeladengläsern marmorieren und und und…
Dass ich damals auch viel ehrenamtliche Kinder- und Jugendarbeit gemacht habe, passte nicht nur, weil das Dinge sind, die jemand machen sollte; und war mir nicht nur Befriedigung, weil ich gerne mit Kindern zu tun habe, sondern auch, weil ich da dahingehend viel Neues ausprobieren konnte, mit neuen Materialien in Berührung kam.

Ich war da eigentlich in nichts richtig gut und ich bin alles andere als künstlerisch begabt, aber diese Beschäftigung mit den Händen war etwas, worin ich versinken konnte, wobei ich abschalten konnte. Und das auch zu Zeiten als ich gar nicht richtig lesen konnte, weil selbst wenn ich ein Buch vor der Nase hatte, ich manchmal 2 Kapitel später merkte, dass ich vor lauter Grübeln gar nichts von dem, was ich las, mitbekommen hatte.

*

Irgendwann, ich glaube, schon vor Beginn des Studiums, als ich zwischen Abi und Studium eine Weile Leerlauf hatte, in der es mir schonmal ziemlich schlecht ging, habe ich dann nicht mehr gebastelt – und ich kann mich gar nicht erinnern, wieso ich damit aufhörte. Dann während des Studiums hatte ich für solche ‚Zeitfresser‘ ohnehin keine Zeit. Und auch als ich krank wurde und jede Menge Zeit gehabt hätte, kam mir gar nicht mehr in den Sinn, mich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Da gab es ja Zeiten, da war ich schon froh, wenn ich es schaffte, überhaupt aufzustehen.

*

Vor hmm schätzungsweise 2 Jahren habe ich angefangen, wieder Brot selber zu backen. Das hatte ich sehr viel früher schon gelegentlich gemacht, aber nie mit Regelmäßigkeit (oder großem Erfolg). Vor etwa 1,5 Jahren habe ich angefangen, hier endlich im Garten rumzuwurschteln. Das hatte ich im Jahr vorher schon vor und nie wirklich einen Anfang bekommen. Irgendwann habe ich ausserdem wieder angefangen zu stricken, eigentlich ja nur, damit ich nicht vorm Fernseher einpenne, Anfang des Jahres habe ich mir eine Nähmaschine gekauft.

Dass das alles wieder Dinge sind, die ich mit den Händen mache und dass das Dinge sind, die mir gut tun, ist mir erst wirklich bewusst geworden als ich ‚Das heimatlose Ich‚ gelesen habe. Unbewusst hatte ich das schon eine Weile lang getan, aber bewusst funktioniert das natürlich noch besser. ‚Schau, welche Dinge gut für dich sind und konzentriere dich darauf. Lass die Finger von den Dingen, die dir nicht gut tun.‘ Das ist eine der für mich großen Erkenntnisse aus diesem Buch gewesen. Das klingt vermutlich furchtbar banal und eigentlich ja nach offensichtlichen Dingen, aber manchmal brauche ich etwas länger, muss solche Dinge wirklich schwarz auf weiss vor Augen haben, damit es ‚Klick‘ macht.

Seit dem Moment, wo mir klar wurde, dass es dieses ‚mit den Händen machen‘ ist, was mir hilft, den Kopf zu beruhigen, kann ich das ganz gezielt einsetzen. Kann mir bewusst Zeit nehmen, mich in die Küche zu stellen und Brotteig zu kneten und das am besten in genau den Momenten, wo ich eigentlich das Gefühl habe, furchtbar unter Druck zu stehen und überhaupt keine Zeit zu haben. Witzigerweise führt dieses ‚Zeit verschwenden‘ (Brot kaufen ginge ja viel schneller) dazu, dass ich hinterher weniger gehetzt bin als ich mich vorher gefühlt habe.

*

Aber was ist das denn jetzt überhaupt – dieses Erdungsding?

Für mich heisst Erdung in erster Linie, dass ich den Kopf leer bekomme, nicht unproduktiv über Dinge nachgrübeln muss – nicht zu verwechseln mit der produktiven Auseinandersetzung mit Kram, die ist ja gewünscht und genau für die schaffe ich auch Platz im Kopf, wenn ich diese sinnfreien Karussellfahrten abschalte.

Für mich ist Erdung ein Moment der Ruhe, der mir hilft, äussere (manchmal auch nur gefühlte) Hektik abzulegen, zur Ruhe zu kommen. Ich beschäftige mich eine Weile intensiv mit etwas, forme und gestalte mit den Händen, im Idealfall ‚(er)schaffe‘ ich dabei etwas. Obwohl ich jetzt schon so lange selber Brot backe, ist es jedes Mal wieder ein Glücksgefühl, wenn ich nach der Backzeit den Ofen öffne, wenn mir der Geruch nach frischgebackenem Brot entgegenströmt. Oder wenn ich im Garten zusehen kann, wie Blümchen, die ich mit meinen Händen eingepflanzt oder ausgesäht habe, nur durch Licht und Wasser anfangen zu wachsen und zu blühen und zu duften.

Für mich heisst Erdung auch sortieren, genauer hingucken, was tatsächlich wichtig ist und was nur oberflächlich wichtig erscheint. Loslassen und Abstreifen von dem Mist, der nur Energie frisst, Besinnen auf das, was wichtig ist und gut tut.

*

Und wie wirkt das jetzt überhaupt bei mir? Also wieso ausgerechnet ‚mit den Händen‘?

Primär glaube ich, dass es dieses Körperliche ist, was mir gut tut. Dieses Spüren – im Gegensatz zum ewig denken müssen. Auf die Sinne verlassen und dem Kopf demonstrieren, dass Dinge auch (und/oder gerade) gut werden können, wenn er nicht den Ton angibt, sondern im Hintergrund Signale deutet und steuert.

Das lässt sich vermutlich am besten anhand des Brotbackens erklären.

Dieses ‚Gematsche‘ mit Händen oder Fingern – wie als Kind im Garten – konnte ich irgendwann überhaupt gar nicht mehr leiden. Das fühlte sich furchtbar an, machte mir Gänsehaut.

Folglich konnte ich mit allen Teigen wenig anfangen, die man mit den Händen bearbeiten musste. Mit Hefeteig stand ich sowieso immer auf Kriegsfuß, der gelang mir nie. Also wirklich nie. Ich hielt ihn warm, hätschelte ihn und hielt ihn irgendwann für ’ne komplette Zicke, weil ich keine Ahnung hatte, wieso er nie so richtig aufgehen wollte.
Backen kannte ich damals eben primär von solchen Rührteigkuchen und bei denen hielt ich mich immer strikt ans Rezept. Ich glaube, deswegen mochte ich Backen auch nie auch nur annähernd so gerne wie Kochen – das war damals einfach nichts Kreatives für mich.

Irgendwann kaufte ich mir ein türkisches Kochbuch und las in einem Rezept für Fladenbrot, dass der Teig sich anfühlen soll wie ein Ohrläppchen – dann wäre er richtig.

Daran erinnerte ich mich als ich wieder anfing, Brot zu backen. Ich gab endlich die Vorstellung auf, dass die Hefeteigrezepte absolute Angaben enthalten und fing an, mich auf mein Gespür zu verlassen. Ich mischte grob abgemessene Zutaten zusammen, fing an zu kneten und gab aus dem Bauch heraus, mehr Wasser oder Mehl dazu bis es sich gut anfühlte. Anfangs musste ich mich überwinden, da war ja noch diese Knatschsache an den Händen. Dass der Teig sich aber von selber von den Fingern löst, wenn er die richtige Konsistenz hat und dass das Geknatsche von selber aufhört, habe ich recht schnell gemerkt.

Brotteig (Hefeteig) kneten ist also ein langsames Vorgehen, mit den Händen kneten, spüren ob die Konsistenz passt, dem Teig das geben, was er braucht – so lange bis er sich gut anfühlt.

Irgendwann fiel mir auf, dass es genau das ist, wie man sich ich mich auch selber behandeln sollte. Mit Ruhe spüren, was fehlt und genau das ergänzen / tun, was gut tut. Aber vor allem eben das Innehalten und überhaupt Nachspüren. Das ist etwas, was ich nie gelernt habe. Ich habe immer alle Warnzeichen, die mein Körper, meine Psyche, mein Whatever gegeben haben ignoriert und einfach mein Ding durchgezogen. Das war vieles, aber nicht gesund.

Oh je, das liest sich alles ziemlich doof esoterisch, fühlt sich aber ganz im Gegenteil, eher ziemlich bodenständig an, nach einer simplen Rechnung. Berechnend.

Katja