Gelesen von August bis November

Ja äh. Nachdem ich in den ersten 7 Monaten des Jahres wirklich viel gelesen habe, habe ich dann erst mal schlagartig aufgehört und zwischendrin wochenmonatelang überhaupt nicht gelesen, weil so viel anderes so viel wichtiger war. Aber ich bin ziemlich froh, dass ich jetzt langsam wieder zu meinem fast täglichen Lesen zurückkehre. Zwar nicht ganz so viel wie vorher, aber das ist gerade alles besser als diese ganze Zeit ohne Bücher.

Leonie Swann – Dunkelsprung

Das arme Buch hat nicht verdient, was ich ihm angetan habe – ich hab’s nämlich zwischendurch wochenlang liegen lassen statt es flüssig durchzulesen. Das ist besonders deswegen schade, weil Leonie Swann mich eigentlich von den ersten Seiten an, in ihrem Bann hatte. Ich mochte schon ihre beiden Schafskrimis (Glennkill und Garou) wegen der originellen Idee, sie aus der Perspektive der Schafherde zu schreiben sehr, aber mit Dunkelsprung setzt sie da noch eins drauf.

Ich bediene mich für den Inhalt mal des Klappentextes, weil der einen Einblick gibt, ohne direkt zu spoilern, was mir bei dem Buch total schwer fallen würde:

Julius Birdwell, Goldschmiedemeister, Flohdompteur und unfreiwilliger Einbruchkünstler, wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich eine ruhige, unbescholtene Existenz führen zu können. Doch als seine Flohartisten einem plötzlichen Nachtfrost zum Opfer fallen und die geheimnisvolle Elizabeth Thorn in sein Leben tritt, überstürzen sich die Ereignisse. Ein Magier wird ohnmächtig, eine alte Dame macht sich in einem gestohlenen Lastwagen davon, ein Detektiv mit Konzentrationsstörungen findet zu einem ungewöhnlichen Haustier, und Julius sieht sich auf einmal mit existentiellen Fragen konfrontiert: Wie befreit man eine Meerjungfrau? Wie viele Flöhe passen auf eine Nadelspitze? Und warum ist das Leben trotz allem kein Märchen? Julius bleibt nichts anderes übrig, als sich weit über den Tellerrand seiner Welt hinauszulehnen und den Sprung ins Unbekannte zu wagen. Ein phantastisches Abenteuer beginnt …

So vielschichtig, wie sich der Inhalt hier andeutet, ist er auch und das ist tatsächlich ein gewaltiges Abenteuer. Das wirklich Faszinierende an Dunkelsprung ist aber die Sprache des Buchs. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Stellen in einem Buch markiert, um sie wiederzufinden. Das ist eine solche Schatzkiste an schönen Sätzen, die Leonie Swann da in Buchform abgeliefert hat. Grandios.

Es war auf eine seltsame Art schlimmer gewesen, als wirklich zu ertrinken, ein Ertrinken an Küssen, jeder tiefer und trauriger als der vorherhige, und jeder mit einem bitteren kleinen Luftbläschen Hoffnung, das ihn schwindelig werden ließ vor Sehnsucht nach dem Leben.

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„Wünsch mir Glück“, sagte Elizabeth.
„Glück“, sagte Julius, und er meinte es auch. Manchmal half es nichts wegzulaufen, sogar seine Flöhe hatten das begriffen. Manchmal musste man einfach springen, hinein ins Ungewisse. Es war eine radikale Erkenntnis. Er seufzte melancholisch.

Und vielleicht mein Lieblingssatz, den ich bisher in einem Buch gelesen habe:

Dann passierten Dinge.

 

Markus Zusak – Die Bücherdiebin

Der Tod erzählt die Geschichte von Liesel Memminger, die 1939 zu Pflegeeltern in der Nähe von München kommt. Auf dem Weg dorthin begegnet er ihr zum ersten Mal als er ihren, in ihren Armen sterbenden kleinen Bruder abholt und bei dessen Beerdigung stiehlt die 9-jährige Liesel, die gar nicht lesen kann, ihr erstes Buch. Im Hause ihrer Pflegeeltern herrscht ein eher ruppiger Ton, zumindest von der Stiefmutter aus, doch der Pflegevater bringt ihr mit viel Geduld nachts das Lesen bei, wenn Liesel wieder einmal von einem Albtraum geplagt erwacht ist. Liesel freundet sich schnell mit dem Nachbarsjungen Rudi an und dann ist da auch noch der Jude Max Vandenburg, dessen Vater Liesesls Pflegevater Hans Hubermann im 1. Weltkrieg das Leben gerettet hat. Und natürlich Liesels Liebe zu Büchern. Doch an die ist schwer heranzukommen, wo kaum genug zu Essen da ist…

Markus Zusak hat hier eine gute Verbindung aus Tragik und Humor abgeliefert. Angefangen beim Tod, der sich selber die Pointen vorwegnimmt und in dieser Zeit mit seinem Job alles andere als glücklich ist über die beklemmenden Situationen bei Bombenangriffen, die für alle im Luftschutzkeller Anwesenden dadurch erträglicher werden, dass Liesel ihnen aus ihren Büchern vorliest, bis hin zu den oft ganz normalen Streitgesprächen zwischen Liesel und Rudi und nicht zu vergessen, den verbalen Ausrastern von Liesels Pflegemutter. Von herzhaftem Lachen bis zum dicken Kloß im Hals, alles da, alles im Wechsel. Gutes Buch, alleine schon weil ich Liesels innige Bücherliebe so gut nachvollziehen kann.

 

Andy Stanton – Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum

„Magst du eigentlich Hörbücher?“, fragte mich letztens einer und obwohl ich bisher nie Zugang zu Hörbüchern gefunden hatte (Ich kann da nicht wirklich was nebenbei machen, sonst bekomme ich nichts mit und dann hab ich bisher immer Lesen vorgezogen.), war ich spätestens neugierig als ich hörte, dass es ein selbst eingesprochenes und mit allerlei Sound unterlegtes Hörbuch, also eher ein Hörspiel ist. Irgendwann nachts hatte ich’s fertig runtergeladen und wollte nur mal gaaaanz kurz reinhören und dann war’s auch schon halb 4, das Buch zu Ende und ich war vom vielen Lachen wieder hellwach.

Ganz grob geht es um einen Bösewicht, Mr. Gum, der in einem total versifften Haus, inmitten des hübschesten, grünlichsten, geblümtesten, gartenartigsten Gartens von ganz Bad Lamonisch an der Bibber lebt. Und dass der Garten so hübsch, grünlich, geblümt und gartenartig ist, liegt daran, dass immer, wenn er den nicht ordentlich pflegt in seiner Badewanne eine Fee mit einer Bratpfanne erscheint und ihn verhaut. Nun gibt es aber auch einen Riesenköter von einem Hund, Jakob, dem der Garten gefällt und der dort regelmäßig spielt, was den Garten verwüstet, was Mr. Gum Hiebe mit der Pfanne einbringt. Der Hund muss also weg! Aber dann ist da auch noch Polly…

Nun hieß dieses kleine Mädchen zwar Jammy Grammy Lammy F’Huppa F’Huppa Berlin Stereo Eo Eo Lebb C’Yepp Nermonica le Straypek de Grespin de Crespin de Spespin de Vespin di Schwupp di Wupp de Brönckel Frohe Weihnachten Lenoir, aber ihre Freunde nannten sie einfach Polly.

Du wirst dich jetzt entscheiden müssen, ob du mit ihr befreundet bist. Wenn ja, darfst auch du sie Polly nennen.

Aber wenn du nicht mit ihr befreundet bist, musst du jedes Mal, wenn du in dieser Geschichte den Namen »Polly« siehst, im Geiste stattdessen »Jammy Grammy Lammy F’Huppa F’Huppa Berlin Stereo Eo Eo Lebb C’Yepp Nermonica le Straypek de Grespin de Crespin de Spespin de Vespin di Schwupp di Wupp de Brönckel Frohe Weihnachten Lenoir« sagen. Wenn sie zum Beispiel einen Hügel hinunterrennen will, etwa so –

Polly raste den Hügel hinunter wie eine wild gewordene Murmel

– brauchst du dir, wenn du mit ihr befreundet bist, keine Sorgen zu machen. Aber wenn du nicht mit ihr befreundet bist, wirst du es so lesen müssen:

Jammy Grammy Lammy F’Huppa F’Huppa Berlin Stereo Eo Eo Lebb C’Yepp Nermonica le Straypek de Grespin de Crespin de Spespin de Vespin di Schwupp di Wupp de Brönckel Frohe Weihnachten Lenoir raste den Hügel hinunter wie eine wild gewordene Murmel.

Die meisten Menschen in Bad Lamonisch an der Bibber zogen es vor, mit Polly befreundet zu sein, um Zeit und Aufwand zu sparen.

…und Freitag O’Leary, die Jakob natürlich am Ende retten! Schließlich ist das ein Kinderbuch! Aber tragisch wird’s schon zwischendrin…

Das Buch ist eines der großartigsten Kinderbücher, die ich je gelesen habe – das habe ich mittlerweile nämlich auch nachgeholt, nachdem ich es schon ein gutes Dutzend Mal angehört hatte. Andy Stanton schreibt unheimlich witzig und hat total verrückte und interessante Ideen. Noch besser gefällt mir aber die Hörbuch-/Hörspielvariante! Die ist so unfassbar charmant, dass ich auch nach so vielen Malen, die ich sie schon gehört habe, jedes Mal wieder lauthals lachen muss.

Und damit du dir vorstellen kannst, wie erstaunlich das (Hör-)Buch ist

denk dir eine Zahl zwischen eins und zehn.

Multipliziere diese Zahl mit fünf.

Addiere zu der Zahl dreihundertfünfzig.

Ziehe elf ab.

Wirf all diese Zahlen weg.

Und stell dir einen ganz erstaunliches Buch vor.

Egal, mit welcher Zahl du angefangen hast, nach meinen Berechnungen müsstest du jetzt an ein erstaunliches Buch denken. Und genauso erstaunlich war Andy Stantons Buch.

(Das stammt natürlich auch aus dem Buch, ich hab’s nur von Garten in Buch abgewandelt, denn eigentlich geht es um den hübschen, grünlichen, geblümten, gartenartigen Garten von Mr. Gum.)

Wie großartig, dass es noch jede Menge ungelesene Bände der Reihe gibt! \o/

 

Katja

kurz zitiert #51

Es war auf eine seltsame Art schlimmer gewesen, als wirklich zu ertrinken, ein Ertrinken an Küssen, jeder tiefer und trauriger als der vorherige, und jeder mit einem bitteren kleinen Luftbläschen Hoffnung, das ihn schwindelig werden ließ vor Sehnsucht nach dem Leben.

(Leonie Swann, Dunkelsprung)

 

Das Buch habe ich heute erst angefangen und doch schon so oft den Mund bei derartig dichten Formulierungen offen stehen gehabt. Ich glaube, das wird gut.

Katja

Gelesen im November 2014

Ich glaube, mit 7 (naja, eigentlich 6 1/3) Büchern, war der November mein lesereichster Monat des Jahres und dabei habe ich noch nicht mal mit Tee auf dem Sofa gesessen, sondern einfach sehr viel abends im Bett gelesen. Oder morgens. Fix einen Kaffee gemacht und dann nochmal für eine halbe Stunde vorm Aufstehen die Nase ins Buch stecken. Es gibt schlechtere Arten, den Tag anzufangen…

Donna Leon – Auf Treu und Glauben, Commissario Brunettis neunzehnter Fall

Es war Rüdiger, der mich vor ein paar Jahren mit der Brunetti-Serie angefixt hatte und damit hatte er sehr nachhaltigen Erfolg, denn das war jetzt schon der 19. Roman der Reihe, den ich gelesen habe. Der letzte davon ist allerdings eine ganze Weile her, denn das habe ich auch irgendwann im Laufe dieser vorher 18 Bände gemerkt, dass ich die Brunettis nicht zu dicht hintereinander weg lesen darf, weil sie mir sonst zu sehr verschwimmen.

Das, was die Serie für mich ausmacht, sind nicht in erster Linie die Kriminalfälle, sondern vielmehr die Charaktere. Ich mag es, mit Brunetti über Venedigs Brücken und Plätze zu gehen und ich mag es, dass es in den Büchern wahnsinnig oft um Essen geht. Bei den Brunettis wird dauernd gekocht und gegessen und auch ansonsten erörtert der Commissario ganz gerne die neuesten Zeugenaussagen mit seinem Kollegen Vianello in einer der zahlreichen Bars Venedigs, auf ein paar Tramezzini und ein bis drei Gläser Wein. Ich mag es, wenn Brunetti nach dem Essen mit seiner Frau Paola auf einen Grappa auf der Terrasse sitzt oder auf dem Sofa, mal in trauter Eintracht, mal ordentlich am streiten – oft über Geschichte oder Politik oder Umweltbelange.

Und ich merke, wie ich der Serie auch verzeihen kann, dass man das alles nicht so genau hinterfragen darf. Wie zB eine Universitätsprofessorin für englische Literatur es schafft, jeden Tag mehrgängige Mittagessen und Abendessen für die Familie zu kochen, ihrem Unijob nachzukommen und ausserdem jede freie Minute mit der Nase in einem Henry James Buch zu verbringen – und das müssten zahlreiche sein, also freie Minuten, wenn man den Büchern so glauben darf. Entweder Paola kennt da jede Menge Tricks, wie man all diese zeitaufwändigen Tätigkeiten unter einen Hut bekommt oder die Geschichten sind an diesen Stellen einfach deutlich unscharf.

Aber ich kann das echt gut verzeihen, dafür mag ich die Brunettis zu sehr.

In vielen der Fälle gibt es nicht nur den Mordfall an sich, sondern Brunetti und Vianello kommen irgendeiner Art von Korruption auf die Spur und oft gehen die Fälle so aus, dass zwar die Wahrheit gefunden wird, aber niemand vor Gericht landet. Wie realistisch das im italienischen Rechtssystem ist, kann ich nicht ausmachen. Unterhaltsam zu lesen ist es trotzdem, auch dass der Commissario trotzdem nie aufhört, nach der Wahrheit zu suchen und wenigstens zu versuchen, die Täter ihrer Strafe zuzuführen.

In ‚Auf Treu und Glauben‘ ermitteln Brunetti und Vianello auf eigene Faust, was es mit einem Wahrsager auf sich hat, zu dessen Adresse Vianellos Tante die Familienersparnisse trägt und ausserdem lösen sie den Mord an einem Gerichtsdiener, der von allen als sehr korrekter und freundlicher Mensch beschrieben wird und der trotzdem auf irgendeine Art in eine Korruptionsangelegenheit verwickelt zu sein scheint.

 

Daniel Glattauer – Alle sieben Wellen

Wie schon im Oktober den Nordwind, habe ich jetzt die sieben Wellen nochmal gelesen. Ich verlinke mal auf meine ursprüngliche Einschätzung beim ersten Lesen. An diesem Lobgehudel hat sich nichts geändert, mich hat das Buch – obwohl ich den Ausgang kannte – auch beim zweiten Lesen völlig in seinen Bann gezogen.

 

Janne Teller – Nichts, Was im Leben wichtig ist

Der Siebtklässler Pierre Anthon aus einer kleinen dänischen Stadt, beschließt, dass nichts im Leben wichtig und von Bedeutung ist. Und weil nichts von Bedeutung ist, braucht man auch erst gar nichts zu machen. So geht er nicht mehr zur Schule sondern sitzt im Pflaumenbaum, von wo aus er seinen ehemaligen Klassenkameraden vor Augen führt, wie sinnlos ihr Leben und Streben ist.

Der Rest der Klasse fürchtet, dass Pierre Anthon insgeheim recht haben könnte und dass wirklich nichts von Bedeutung ist – also fangen die Kinder an, Dinge von Bedeutung zu sammeln und in einem alten, stillgelegten Sägewerk als Berg aus Bedeutung aufzuschichten. Zuerst wandern dort nur alte Fotos und kaputte Spielsachen hin, doch dann beginnen die Kinder gezielt, bedeutungsvolle Dinge von ihren Klassenkameraden zu fordern. Die ich-Erzählerin muss ihre nagelneuen und heissgeliebten grünen Sandalen abliefern und aus Rache verlangt sie von der Mitschülerin, deren Idee das war, deren Hamster. Je mehr der Kinder an die Reihe kommen, desto ‚teurer‘ werden die geforderten bedeutungstragenden Dinge.

Das Sammeln scheint immer mehr ausser Kontrolle zu geraten, die Klassenkameraden von Pierre Anthon geraten in eine Art Sog und werden in ihren Forderungen immer grausamer und einander gegenüber immer brutaler in der Durchsetzung.

Es ist schwierig, inhaltlich noch mehr ins Detail zu gehen, ohne den kompletten Inhalt des ohnehin recht dünnen Büchleins zu verraten. Ich habe das Buch an einem Tag durchgelesen und weiss immer noch nicht recht, was ich davon halte. Beim Lesen wird irgendwann recht früh die Richtung klar, in die das geht. Das Schlimme ist, ich weiss tatsächlich nicht, welche Botschaft das Buch letztendlich vermitteln möchte bzw. welche bei mir ankommt. Das Ausmaß an Gewalt und der Sog dorthin ist verstörend. Der Ausgang des Buches legt nahe, dass tatsächlich nichts von Bedeutung sein könnte, zumindest in der Wahrnehmung der ich-Erzählerin. Ausser jenem allerletzten Schritt, aber ich kann nicht glauben, dass das wirklich die Intension der Autorin ist und vielleicht verstehe ich auch nur einfach nicht den Parabelschluss, der aus der Geschichte folgt.

Ein sehr krasses Buch ist ‚Nichts‘ auf jeden Fall. Ich hätte mir, speziell bei der Thematik und speziell, weil es ein Jugendbuch ist, eine deutlichere und positivere Auflösung gewünscht und ich bin nicht sicher, ob es tatsächlich für Jugendliche so gut geeignet ist, speziell schädlich halte ich es für solche in Phasen, wo sie ohnehin auf der Suche nach einem Sinn im Leben sind.

 

Leonie Swann – Garou

Ich wollte hier eigentlich etwas über Leonie Swanns Fortsetzung ihres grandiosen Schafskrimis Glennkill schreiben, den ich im Januar schon gelesen hatte (hier mehr darüber), aber dann fiel mir ein, dass Cloud, das wolligste Schaf der Herde, sicher blöken würde, dass vielleicht ein Schaf wollt(e), aber doch keine Katja.

Also schreibe ich nur, dass alles, was ich Anfang des Jahres über Glennkill geschrieben habe, auch auf Garou zutrifft, nur dass mir Garou noch ein bisschen besser gefallen hat als Glennkill und dass das Winterlamm im Laufe der Jagd auf den Garou – den Werwolf – endlich einen Namen bekommen und dass Moppel den Mond gefressen hat.

Ein großes Lesevergnügen! Ich hoffe, es wird irgendwann noch weitere Teile geben.

 

Chris Carter – Der Kruzifix-Killer

Robert Hunter ist Detective bei der Morddezernat der LAPD und ist dort zuständig für besonders gewalttätige Verbrechen und Serienkiller. Just als er einen neuen Partner – Grünschnabel Garcia – bekommt, wird eine grausam zugerichtete Frauenleiche gefunden. Hunter verliert die Fassung, denn die Leiche trägt zudem das ‚Erkennungszeichen‘ eines Serienkillers, gegen den er vor Jahren ermittelt hat und der zum Tode verurteilt und längst hingerichtet wurde.

Hunter holt die alten Akten aus dem Keller und die Jagd auf den Mörder, der ihm immer einen Schritt voraus zu sein scheint, beginnt von neuem.

Spannend! Und das durchgängig und ohne irgendwelche Längen mittendrin bei fast 500 Seiten. Beim Fund der ersten Leiche war ich skeptisch, ob es mir die Gewaltbeschreibungen nicht zu explizit wären. Ich kann da nicht viel ab und da ich oft abends vorm Schlafen lese, meide ich lieber Thriller mit zu viel Gewalt. Ich weiss nicht so genau, ob es hinterher tatsächlich ein wenig besser geworden ist und nur der Anfang so ein Paukenschlag, aber der Gedanke, das Buch wegzulegen kam mir später gar nicht mehr. Ganz im Gegenteil fiel es mir schwer, es aus der Hand zu legen.

Bei der Figur des Robert Hunter hatte ich manchmal den Eindruck, das sei alles ein bisschen zu arg dick aufgetragen. Als Kind schon mehrere Schulklassen übersprungen, hochintelligent, belesen, gut aussehend, sportlich, ein Doktortitel in Kriminalpsychologie, wobei die Doktorarbeit als Lehrbuch bei der Ausbildung von FBI-Agents verwendet wird.

Dann habe ich aber gelesen, dass der Autor, Chris Carter selber forensische Psychologie studiert und für die Staatsanwaltschaft gearbeitet hat (das Fachwissen fließt auch erfreulicherweise häufiger ins Buch ein, zB wenn Hunter den Unterschied zwischen Schizophrenie und einer multiplen Persönlichkeitsstörung erklärt), danach hat er alles hingeworfen und hat Karriere als Gitarrist gemacht und war da mit etlichen bekannten Künstlern unterwegs, um dann nochmal alles hinzuwerfen und Bücher zu schreiben. Wer selber so umfassend talentiert ist, darf auch bei seinen erfundenen Charakteren ein bisschen dicker auftragen, finde ich.

Und ich bin ganz froh, dass der nächste Hunter-Band – insgesamt gibt es mittlerweie 6 Teile – schon auf mich wartet.

 

José Saramago – Die Stadt der Blinden (abgebrochen auf Seite 107 von 316)

Da mag das Thema noch so interessant sein, ich finde das Buch unlesbar. Und jenes Drittel, das ich gelesen habe, war mehr ein Durchquälen als dass ich irgendetwas davon gehabt hätte. Das liegt einzig und allein am – in meinen Augen – ganz furchtbaren Stil des Autors. Als gäbe es einen Mangel an Satzzeichen, reiht er wörtliche Rede einfach so, mitten in den Text mit ein, höchstens durch Kommata abgetrennt und auch ansonsten sind die Sätze lang und wahrlich nicht schön zu lesen. Im ganzen Buch gibt es so gut wie keine Absätze, man findet also zu allem Ärger auch keine guten Punkte an denen man aussteigen und Pause machen kann – auch das trägt für mich nicht zur Lesbarkeit bei.

Ich zitiere hier mal nur einen einzigen Satz, ganz vom Anfang, damit man sich ein Bild davon machen kann. Inhaltlich tue ich dem Buch sicher großes Unrecht, es geht nur vom Stil für mich überhaupt nicht.

Die Ampel hatte schon wieder die Farbe gewechselt, einige neugierige Passanten näherten sich der Gruppe, und die Fahrer von hinten, die nicht wussten, was los war, protestierten gegen das, was sie für einen üblichen Verkehrsunfall hielten, eine kaputte Ampel, eine verbeulte Stoßstange, nichts, was dieses Durcheinander rechtfertigte, Ruft die Polizei, riefen sie, schafft die Trümmer beiseite.

(José Saramago, Die Stadt der Blinden, Seite 4)

 

Zoë Beck – Wenn es dämmert

Ganz anders ging es mir mit ‚Wenn es dämmert‘ von Zoë Beck. Das war insgesamt schon das dritte ihrer Bücher, das ich gelesen habe und bisher haben mir alle wirklich gut gefallen.

Ich lese ja Bücher aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr gerne, manche wegen ihrer Geschichte, manche einfach nur wegen der Spannung, die sie erzeugen, auch wenn die Geschichte gar nicht so überzeugt, manche wegen ihrer Sprache.

Bei Zoë Beck kommen mindestens zwei der Punkte zusammen. Ich finde ihre Bücher stets so spannend, dass es mir ab einem gewissen Punkt wirklich schwer fällt, sie überhaupt wieder aus der Hand zu legen, ich mag aber ausserdem auch ihre Sprache unheimlich gerne.

Sie öffnete vorsichtig die Augen. Ihre Lider waren so schwer wie der Samtvorhang einer alten Theaterbühne.

(und etwas später im Text:)

Sie wischte den beschlagenen Spiegel nicht frei, wozu auch, es war zu dunkel. Sie wusste nicht, wo hier ein Lichtschalter war. Wo hier überhaupt irgendetwas war. Wo hier war.

(Zoë Beck, Wenn es dämmert, Seite 8 bzw. 9)

Sehr lesenswert! Ich glaube, das hat mir von ihren Büchern bisher am besten gefallen.

Katja

Gelesen im Januar 2014

Das war wieder mal nicht so viel Lesestoff im Januar, aber es passiert gerade einfach zu viel rundherum, als dass ich viel Ruhe zum Lesen hätte…

Neu gibt es jetzt bei mir auch einen Stapel mit abgebrochenen Büchern, die Lesezeit ist einfach viel zu knapp um sie mit ’schlechten‘ (im überaus subjektiven Sinne gemeint) Büchern zu vertüdeln.

Philippe Pozzo di Borgo – Ziemlich beste Freunde, Ein zweites Leben (abgebrochen)

Vor ein oder zwei Jahren hatte ich den gleichnamigen Film ‚Ziemlich beste Freunde‘ gesehen, der – auf der wahren Geschichte von Philippe Pozzo di Borgo beruhend – von der entstehenden Freundschaft von Philippe und seinem unkonventionellen Pfleger Driss erzählt. Der Film ist spritzig und tragisch zugleich und hatte mich seinerzeit sehr berührt. Deswegen wollte ich das Buch, von dem ich annahm, der Film basiere darauf, unbedingt lesen. Das war aber leider eine Fehlannahme. Das Buch ist eine Art Autobiografie des, nach einem Gleitschirmunfall querschnittsgelähmten, Pozzo di Borgo. Die Beziehung zu dem Pfleger taucht in den ersten fast 2/3 des Buches noch gar nicht wirklich auf. Pozzo erzählt langatmig und wenig unterhaltsam von seiner Kindheit im reichen Elternhaus, seiner Frau, deren Krebserkrankung und dergleichen. Alles recht zusammenhanglos und für meinen Geschmack leider auch wenig unterhaltsam, sodass ich das Buch beiseite gelegt habe und es auch nicht fertig lesen werde, zudem ich dem Stil auch wenig abgewinnen kann.

Hier mal ein kurzes Beispiel, an dem man ganz gut absehen kann, ob man den Stil über 250 Seiten lesen mag:

Ich finde das alles schmerzlich. Sie bringen mir eine Flasche Schnaps, den Sie selbst aus Pfirsichkernen, Alkohol und Landwein gebrannt haben. Béatrice und ich haben ihn gern zusammen getrunken. Heute Abend schmecke ich nur die bitteren Kerne heraus. Gemeinsam blicken wir ins Tal. In der Ferne ziehen zwei Bussarde ihre Kreise, bestimmt haben sie einen aufsteigenden Luftstrom entdeckt. Selbst die Kuh käut nicht mehr wieder. Abendruhe kehrt ein, im Brunnen plätschert das Wasser, ein diffuses Licht breitet sich aus.

(Philippe Pozzo di Borgo, Ziemlich beste Freunde, Hanser Berlin, Seite 139f)

Dem Buch kann ich wohl kaum einen Vorwurf machen, es war ja eher meine falsche Erwartungshaltung und mangelnde Recherche wie wenig es mit dem Film zu tun hat, weswegen es mir so wenig zugesagt hat.

Leonie Swann – Glennkill

George, der Schäfer ist tot. Mit einem Spaten in der Brust finden ihn seine Schafe im Morgengrauen auf der Weide und weil George seinen Schafen sehr nahe stand, wollen die seinen Tod nicht einfach so hinnehmen, sondern ermitteln, um den Mord an ihrem Schäfer aufzuklären.  Und da Miss Maple womöglich nicht nur das klügste Schaf der Herde, sondern vielleicht sogar das klügste Schaf auf der ganzen Welt ist, ist es nur eine Frage der Zeit bis die Schafe das Geheimnis von Glennkill lüften.

„Ein Ding?“, platzte Moppel heraus.
„Ein Ding?“, hauchte Cordelia.
„Was ist ein Ding?“, fragte ein Lamm. „Kann ich auch so ein Ding fressen? Tut es weh?“ Seine Mutter schwieg verlegen. Wie konnte man einem so jungen Lamm erklären, was ein Ding ist?
„Es… es ist nicht wirklich ein Ding“, murmelte Heide. Sie hatte den Kopf gesenkt und sah ein wenig störrisch aus. „Es ist schön.“
„Kann man es essen?“, fragte Moppel. Wenn es um Dinge ging, konnte Mopple the Whale so streng sein wie jedes andere Schaf.
„Ich glaube nicht.“ Heide ließ die Ohren hängen.
„Lebt es?“, fragte Zora.
„Ich… Vielleicht!“ Man konnte Heide ansehen, dass ihr diese Möglichkeit gerade eben eingefallen war. „Ich wollte herausfinden, ob es lebt. Wenn das Licht darauf fällt, bewegt sich etwas. Es ist so schön. So schön wie Wasser. Ich wollte es nur immer wieder sehen können…“
„Heide!“ Sir Richfield trat vor. Er trug den Kopf sehr hoch, und seine Hörner, die schon in ihre dritte Windung getreten waren, gossen einen vorwurfsvollen Mondlichtschatten vor Heides Füße. Othello sah ihn seltsam an. Man konnte auf einmal verstehen, warum Ritchfield noch immer der Leitwidder war.
„Alles, was wirklich schön ist, kannst du immer wieder sehen. Den Himmel. Das Gras. Die Wolkenschafe. Sonne auf der Wolle. Das sind die wichtigen Sachen. Haben kannst du sie nicht.“ Ritchfield sprach jetzt, wie er zu einem sehr kleinen Lamm gesprochen hätte. Er sagte, was ohnehin alle wussten, aber die Schafe waren ergriffen.
„Haben kannst du nur das, was lebt. Ein Lamm, eine Herde. Wenn du etwas hast, hat es dich. Wenn es lebt und ein Schaf ist, ist das gut. Schafe sollen einander haben. Die Herde soll zusammenbleiben, Mutterschafe und Lämmer und Widder. Kein Schaf darf die Herde verlassen… Eine Dummheit, eine solche Dummheit… Ich hätte meinen Mund halten sollen, hätte ich bloß meinen Mund gehalten…“

(Leonie Swann – Glennkill, Goldmann, Seite 96, 97)

Glennkill hatte mich schon nach wenigen Seiten in seinem Bann. Nicht nur, dass ich den Gedanken an wollig wuschelige Detektivschafe überaus niedlich finde, mir gefällt auch tatsächlich sehr gut, wie die einzelnen Schafe unterschiedliche Charaktere haben und sind, und wie jedes für sich sehr konsequent seine eigene Perspektive einbringt. Ein Krimi aus Schafsperspektive das bedeutet auch, dass die Ermittlungen sehr anders ablaufen als in üblichen Krimis. Die Schafe belauschen und beobachten die Menschen, die sich in Gegenwart der Schafe unbeobachtet fühlen und ziehen ihre ganz eigenen Schlüsse. Spannend beim Lesen fand ich, dass man bei einigen Stellen erst mal knobeln muss, um die Schafsbeobachtungen wieder zurückzuübersetzen in die Bedeutung aus menschlicher Sicht.

Flauschig und spannend zugleich, gut lesbar und immens unterhaltsam, ohne dabei zu flach zu sein. Schönes Buch! ¡Muchas Gracias! an Svü, die den guten Riecher hatte, dass das was für mich ist und die mir sogar direkt beide Schafskrimis von Leonie Swann geschenkt hat. Ich freue mich schon auf Garou!

Katja