Worum es geht. Und worum nicht.

„Du schaffst das schon!“ bekomme ich gerade häufiger zu hören. „Ja, danke. Ich hoffe es.“ antworte ich meistens und bin tatsächlich dankbar über den Zuspruch und die Unterstützung und Aufmunterung, die darin steckt.

Und dann, wenn es außen ruhig wird, geht innendrin der eigentliche Kampf los. Ja, natürlich werde ich es schaffen. Das ist klar, daran besteht kein Zweifel und das Schaffen bzw. die Angst davor, es nicht zu schaffen, ist gar nicht das, was mich so umtreibt und was mir solche Angst macht. Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Und vielleicht ist genau das das Problem. Ich kann schaffen. Ich kann durchhalten. Ich kann *aus*halten. Und ich kann genau dabei – beim Schaffen, beim Durchhalten, beim Aushalten – innerlich kaputt gehen während ich nach außen ganz wunderbar funktioniere, während ich versuche allen Ansprüchen und Erwartungen oder angenommenen Ansprüchen und angenommenen Erwartungen zu genügen, während ich versuche alles gut und alles richtig zu machen. Gut und richtig für alle anderen, nur leider selten für mich selber.

Ich habe keine Angst, es nicht zu schaffen. Ich weiß, dass ich das *kann*. Ich habe Angst davor, es zu schaffen, aber mich dabei selber aus den Augen zu verlieren. Meine Grenzen, meine Kapazitäten nicht zu spüren, den schmalen Grat zwischen Ehrgeiz und Selbstfürsorge nicht zu finden. Es nach außen zu schaffen, damit alle zufrieden sind und ich mich nicht wie eine Versagerin fühle, nicht schon wieder, und den viel zu hohen Preis dafür zu zahlen, dass mir das verloren geht und entgleitet, was das Leben schön und lebenswert macht.

Mein Anspruch an mich, mein Auftrag, den ich mir gerade also selber gebe, ist nicht, es zu schaffen, sondern genau hinzugucken, meine Grenzen zu finden, wahrzunehmen und vielleicht auch wirklich zu verschieben, aber im richtigen Maß, in jenem, dass nicht die Selbstfürsorge wieder hinten runterfällt, wo ich sie doch gerade erst so mühsam erlerne. Mir selber zuzugestehen, nicht alles schaffen zu müssen, im Zweifel sogar scheitern zu dürfen. Ohne, dass das meinen Wert schmälert.

Und das ist leider sehr viel schwieriger als es zu schaffen.

Katja

Kann mal bitte jemand die Dementoren über der kleinen Stadt zurückpfeifen?

Es hat sich immer noch nichts daran geändert. Irgendetwas in mir sorgt dafür, dass ich immer eine Größe brauche, anhand derer ich meinen (Selbst-)Wert festlege. Selbstwert nur in dem Maße, in dem ich ihn ‚verdiene‘, nur durch Leistung. Und selbst, wenn nichts da ist, was in die gesellschaftliche Norm von Leistung passt, weil ich das gar nicht auf die Reihe bekomme, so messe ich mich doch daran, welche ‚Leistung‘ ich im Kampf gegen die Depressionen, die Angst erbringe. Die Erkenntnis vorhin (auch wenn ich sie sicher nicht zum ersten Mal gemacht habe) war bitter. Es geht mir nicht gut, schon eine ganze Weile nicht und ich kann es mir wieder einmal nicht zugestehen, weil es objektiv und von aussen keinen Grund dafür geben dürfte. Doch erst recht nicht, wo jetzt der Frühling kommt, die Sonne scheint, die Blumen blühen, die Bienen summen. Da MUSS es mir doch gut gehen und wenn es das nicht tut, dann mache ich etwas falsch, erbringe nicht die erforderliche Leistung. Setzen. Ungenügend. Klassenziel nicht erreicht. Dass das unweigerlich wieder in eine Denkspirale mit Abwärtsbewegung führt, scheint unausweichlich.

Ich mühe mich, bemühe mich, versuche mit den Dingen, von denen ich weiss, dass sie mir (eigentlich) gut tun, weiterzukommen und merke wie ich auch daran scheitere. ‚Nicht mal das kann sie mehr! Versagerin!‘ brüllt die innere Stimme.

Und ich bin ratlos, weil ich nicht zu fassen bekomme, was da überhaupt in mir los ist. Weswegen es mir so schlecht geht. (Ganz tief unten in mir ist diese Stimme, die mich daran erinnert, dass es zu Beginn der Depressionen keines besonderen Anlasses bedurfte, dass es mir einfach dauerhaft schlecht ging und ich mich nicht mehr freuen konnte und das macht mir gehörige Angst, weil es in den letzten Jahren nicht mehr so war, weil ich da immer herausgefunden habe, was in mir arbeitet und mich piesakt. Es gab da immer einen Grund und Auslöser und ich will gar nicht darüber nachdenken, was wäre, wenn mein Zustand sich einfach wieder so sehr verschlechtern würde, dass die Traurigkeit wieder allesverschlingend die Vorherrschaft übernähme. Die Angst davor ist so groß, dass ich mich nicht einmal traue, das hier ohne Klammer aufzuschreiben.)

Katja

 

Nerv getroffen

Das mit dem Nerv ist gestern in Spanisch passiert. Ich war völlig durch den ganzen Tag, weil ich nächtelang gar nicht oder nur sehr wenig geschlafen hatte und viel unterwegs war über Pfingsten. Gestern Mittag hatte ich dann auch keine Konzentration, um mich an die Hausaufgaben zu setzen und war abends also ohne erledigte Aufgabe im Kurs. Die Grundaufgabe ist immer die gleiche: um das Verfassen von Texten zu üben, schreiben wir auf und lesen dann im Kurs vor, was wir am vergangenen Wochenende gemacht haben. Damit haben wir angefangen als wir vor über einem Jahr die erste Vergangenheitsform gelernt haben und ich mag die Übung eigentlich sehr, weil es nicht nur dafür sorgt, dass wir was durchnehmen, was das doofe Buch nicht vorgibt, sondern weil man dadurch auch die Leute im Kurs sehr viel besser kennengelernt hat – immerhin erzählen wir uns seit über einem Jahr, was wir an den Wochenenden unternehmen. Jetzt hatten wir dooferweise in der letzten Woche eine neue Zeit gelernt – das Indefinido, das noch dazu die richtige Zeit für diesen Zeitraum in der Vergangenheit ist und den Text direkt in der neuen Zeit zu verfassen wäre mir gestern zu viel Herausforderung gewesen.

Und dann komme ich in den Kurs und als ich mich auf Spanisch stammelnd entschuldige, weil ich die Aufgabe nicht gemacht habe, weil ich so alle bin, sagt die Spanischlehrerin mir, ich könne das doch immer so gut, wenn ich’s aufschreibe, ich solle das jetzt einfach frei runterquasseln.

„Jetzt enttäusch mich nicht.“

Und wäre ich nicht mit meinem Matschhirn eh schon völlig überfordert gewesen, hätte sie das spätestens mit diesem Satz geschafft. Enttäusch mich nicht. Meine Wangen brannten heiss und ich stammelte mich durch 3 halbe Sätze, bei denen mir selbst die einfachsten Vokabeln nicht einfallen wollten und der Kloß in meinem Hals wurde immer größer und ich konnte kaum gegen die Tränen ankämpfen und habe dann möglichst schnell die Frage an den Banknachbarn weitergegeben.

Ich ärgere mich so wahnsinnig, dass ich an dieser Stelle nicht einfach ‚Stopp‘ sagen und die Aufgabe verweigern konnte, ich konnte ja vorher ahnen, dass das gestern nicht klappen konnte. Und irgendwie war das ganz schön demotivierend, angesichts der Tatsache, dass ich bis 10 Minuten bevor ich losmusste, mit mir gerungen habe, ob ich nicht lieber schwänzen sollte, weil ich so fertig bin. Aber dann habe ich mich aufgerafft und das sogar noch ein zweites Mal, weil ich als ich gerade losgefahren war gemerkt habe, dass ich komplett ohne Tasche und Spanischsachen ins Auto gestiegen war, was ja nochmal ein deutliches Zeichen dafür war, wie sehr ich durch den Wind war und das geht dann so aus.

Dieser Satz war wie ein Katapult in die Vergangenheit. Und ich weiss nicht, ob ich mir das hinterher nur eingebildet habe, dass sie den ganzen restlichen Abend mit mir geschmollt und mich grantig angeguckt hat, weil ich bei der Aufgabe so kläglich versagt habe (manchmal habe ich den Eindruck, dass es ganz unabhängig von meiner dahingehenden Prägung bei ihr einen ähnlichen Effekt gibt, dass sie unseren Ehrgeiz und unsere Bemühungen als Sympathiebekundungen für sich verbucht und das Ausbleiben dessen, sich dann eben für sie auch doof anfühlt). Aber ich habe hinterher auf der Heimfahrt, als ich über die Situation nochmal nachgedacht habe, gemerkt, wie tief das immer noch in mir verwurzelt ist. Wie sehr mein Selbstwert von meiner Leistung abhängig ist, weil es sich für mich immer noch so anfühlt als sei die Wertschätzung, die ich von aussen erfahre direkt an meine Leistung und mein Funktionieren gekoppelt. Und wer versagt ist nichts wert. *soifz*

Katja

 

Mut, nachträglich empfunden und nachgetragen

Vor einiger Zeit habe ich erzählt, wie sehr es mir zugesetzt hat, als wir im Spanisch-Kurs alle unsere Berufe nennen mussten, wie sehr in meinem Kopf wieder diese Gedankenspirale Wert-abhängig-von-Leistung einsetzte. Gestern Abend erschien jener Abend im April auf einmal in einem völlig anderen Licht.

Wieder ging es um unsere Berufe, aber dieses Mal mussten wir den Nachbarn vorstellen. Und es ging nicht nur um den Beruf, sondern auch um die Arbeitsstelle und den Arbeitsort. Naja, eben so ein erste-Sätze-üben-Ding. Die Panik, die ich vor einigen Wochen an der Stelle empfunden hatte, war nur noch ein „och nicht schon wieder“-Gefühl, aber das liess sich mit zwei Mal schlucken verdrängen. Ich hatte es ja eh schon erzählt und überlebt, mir konnte also eigentlich gar nichts mehr passieren.

10 Minuten später fühlte ich mich allerdings nachträglich ganz schön mutig, dass ich das beim letzten Mal schon so offen erzählt hatte und nicht in das „was ich eigentlich mal war“ geflüchtet bin. Es stellte sich nämlich heraus, dass ausser mir noch drei der (unter 10) Anwesenden aktuell nicht (oder nur teilweise) berufstätig sind.

Ich glaube, wirklich leicht fiel das gestern keinem von denen und bei allem Mitfühlen war ich wirklich froh, dass ich das Schlimmste schon hinter mir hatte.

Ich bin nicht sicher, ob ich mir wünsche, ich könnte so lange lächelnd so „tun als ob“ bis ich so sehr in die Enge getrieben wäre, dass ich mit der Sprache rausrücken oder lügen müsste. Ich kann’s nicht und ich fluche oft genug drüber. Ich glaube aber, mir ginge es noch schlechter in so Situationen, wenn ich mich doller in die Ecke getrieben fühlen würde.

Eigentlich wär’s an der Zeit, solche Sprachlernbücher mal auf so soziale Fallstrickschämdinge zu überprüfen. Zumindest die Anfangslektionen bis man sich erst mal eine Weile lang kennt.

Katja

Selbstwertschätzung, wieder mal

Dienstag in Spanisch war’s so weit. Wir haben Kapitel 2 des Buches erklommen und da kommt ganz am Anfang die Frage nach dem Beruf. Und wie das bei so Kursen vermutlich üblich ist, mussten wir natürlich reihum alle unseren Beruf auf Spanisch nennen (wer das Wort für seinen noch nicht kannte, bekam selbstredend Hilfe der Kursleiterin).

In dem Moment als mir klar wurde, was mir gleich blüht, fing mein Herz an zu rasen und ich hatte fies zittrige Knie und Hände. Verflucht. Diese verschissene kleine Frage, macht mir solche Probleme und solche Angst. Immer, wenn mir die gestellt wird, fühle ich mich wertlos, nutzlos, als Versagerin und merke, dass ich mich immer noch über solche Werte wie den Beruf, die Leistung (also das, was die Gesellschaft darunter nunmal versteht), die Karriere definiere.

Ich mache nix, also bin ich niemand. Ich war mal jemand. War Verwaltungsfachangestellte, dann Verwaltungsfachwirtin, dann Abiturientin, dann Studentin. Ich hab mal was geleistet. Ich war furchtbar ehrgeizig. War bei meiner Ausbildungsbehörde Jahrgangsbeste, hatte das beste Abi meines Jahrgangs, hatte ein Stipendium der Studienstiftung an der Uni. Und dann Bumm.

Ich lerne – zum ersten Mal im Leben – verdammt langsam und spät, dass ich – als Mensch – einen Wert habe, der nichts mit dem ganzen gerade aufgezählten Kack zu tun hat. Dass ich liebenswert bin, weil ich ich bin. Und zum ersten Mal in meinem Leben, entwickele ich sowas, was wohl Selbstwertgefühl und -bewusstsein (im wahrsten Wortsinne) gleichkommt.

Und dann kommt in so ’nem doofen Kurs so ’ne verschissene Frage und alles ist wieder dahin. Ich sitze auf meinem Stuhl und würde am liebsten im Erdboden versinken, als der Zeitpunkt, dass ich dran bin, immer näher rückt.
Am liebsten würde ich mich mit den alten Federn schmücken, rausschreien wer oder eher was ich mal war oder wenigstens sagen, dass ich gerade nicht berufstätig bin, weil ich krank bin. Das würde natürlich überhaupt nicht in den Rahmen passen und so frage ich die Kursleiterin als ich dann dran bin mit brüchiger Stimme, was denn „ich bin zur Zeit Hausfrau“ auf Spanisch heisst.

Ich habe den Abend überlebt und auch mein erster Reflex, dass ich da nicht mehr hingehen kann, weil die ja jetzt alle wissen, dass ich ’ne Vollversagerin bin, hat sich wieder gelegt. Vielleicht (hoffentlich?) haben die ja nicht mal gemerkt, was mit mir in dem Moment los war und finden das nicht mal schlimm, dass ich nicht arbeiten gehe.

Was ich gemerkt habe ist, dass die Baustelle in meinem Empfinden und in meinen Gedanken über diese Wertedefinition noch viel größer ist, als ich mir die meiste Zeit selber eingestehen will.

Gerade fiel mir ein, dass ich bei dem Thema schon vor ’nem Jahr an fast dem gleichen Punkt war und nicht wirklich weitergekommen bin – zumindest nicht in solchen akuten Situationen. Mist.

Katja