Irgendwas mit Reißleinen und Fettlogik

In 2016 und 2017 innerhalb von 1,5 Jahren 52,1 kg abgenommen (und das nur weil ich ein Buch gelesen habe!) und ich war bis auf 6,irgendwas Kilo am angepeilten Zielgewicht dran (und ich habe mich hier sehr ausgiebig darüber gefreut: https://wawuschel.wordpress.com/2017/09/11/fettlogik-ueberwunden/) . Dann kam 2018 und ich war so damit beschäftigt, das Jahr überhaupt zu überleben, dass Gewicht keine Priorität mehr hatte. Ich habe in den letzten 1,5 Jahren gelernt, dass ich tatsächlich weg bin, von allem emotionalen Essen – aber eben leider auch nur, so lange es mir gut geht und ich psychisch stabil bin. Ist das nicht der Fall, rutsche ich doch wieder in die alten Muster, Essen als Kompensation, Schokolade für Frust und Herzeleid und speziell die beiden Klinikaufenthalte, die emotional total an die Substanz gegangen sind, haben meinen Süßigkeitenkonsum wieder enorm in die Höhe getrieben. Selbsthass? Da tröstet Schokolade. Anstrengendes Einzel? Ach da sind ja noch Kekse im Gruppenraum. Und ich wusste, was da gerade mit mir passiert und bin doch sehenden Auges in die Falle getappt. Keine Kraft, da gerade streng mit mir zu sein und diszipliniert, wo innen alles so weh tut. Und dann war da nicht nur das Frustessen, da waren auf einmal auch so viele alte wie neue Freunde und auf einmal so viele davon in erreichbarer Nähe und natürlich ist Essen auch was total Geselliges und ich liebe es, mit viel Aufwand für Menschen, die ich lieb habe, zu kochen, aber ein 9-Gänge-Menü, von dem 5. Gänge Desserts sind, hinterlässt eben auch jede Menge Spuren auf den Rippen. Und dem Hintern. Und der Hüfte. Und den Beinen. Und dem Bauch. Und wo auch sonst noch immer und so hab ich’s geschafft von meinen stolzen 52,1 kg, die ich weg hatte (das war im Februar 2018) bis heute wieder 17,3 kg drauf zu futtern (und das ist schon 1,5kg weniger als am Montag, wo ich absoluten Höchststand der letzten Jahre hatte und gemerkt habe, dass ich jetzt wirklich die Reißleine ziehen muss, da waren’s +18,8kg zum Tiefststand). In nur kurzen 1,5 Jahren und es ist nicht so, dass ich in der Zeit nicht versucht hätte, das zwischendurch immer wieder in Schach zu halten – es wäre sonst noch doller eskaliert. *soifz*

Und jetzt ist Schluss mit all meinem hilflosen „Wenn’s mir erst mal wieder besser geht, krieg ich das mit dem Gewicht auch wieder besser hin“, weil nämlich vielleicht gerade umgekehrt auch ein Schuh draus werden kann: wenn ich mich wieder wohler in meiner Haut (und meinen Klamotten, ich weigere mich nämlich großflächig, mir wieder größere zu kaufen) fühle, dann geht’s mir auch insgesamt wieder besser. Ich weiß ja verflucht nochmal wie’s geht. Sonst hätte ich das nicht schonmal in dem Ausmaß hinbekommen.

Also ab jetzt wieder mehr Aufmerksamkeit für:

  • Schokolade ist die kurzfristige Hilfe bei Kummer, aber langfristig habe ich einen sehr viel höheren Gewinn, wenn ich sie weglasse, weil mir meine Körperform gerade eh wieder Kummer macht.
  • Hunger ist nicht mein Feind, den ich sofort bekämpfen muss. Ich sterbe nicht, wenn ich hungrig bin und trotzdem erst mal nichts esse.
  • Ist es wirklich Hunger oder Appetit? (Kontrollmöglichkeit: bei Hunger ist es egal, was ich essen würde. Wenn ich aber unbedingt etwas Bestimmtes will: Appetit – lass es bleiben, Katja.)
  • Jede eingesparte Kalorie ist eine gute Kalorie. Kein „ach jetzt hab ich das schon alles gegessen, jetzt ist es heute eh egal“ mehr. Ist es nämlich nicht.
  • Zucker/Süßes ganz wegzulassen klappt bei mir besser als zu dosieren. (Ich kann schon dosieren, aber will dann trotzdem jeden Tag was Süßes und es quält jeden Tag, es dann nicht zu bekommen.)
  • Wieder mehr proteinreiche und dafür kohlehydratarme Ernährung, einfach weil’s mich besser und anhaltender sättigt.
  • Nicht mehr aufessen, wenn’s (auswärts) eh nicht schmeckt. Wenn ich Essen reduziere, möchte ich nur welches, das mich auch froh und zufrieden macht.
  • Was heute schmeckt ist vermutlich morgen auch noch lecker. Ich muss das nicht dringend auf einmal aufessen. Echt nicht.
  • Alkoholkalorien einschränken. Miep. Es sind ohnehin, abgesehen von der Milch im Kaffee, die einzigen Kalorien, die ich über Getränke aufnehme und das ist nunmal die Stelle, wo ich am einfachsten einsparen kann.
  • Freunde zu treffen ist toll, aber vielleicht muss nicht immer *viel* Essen im Spiel sein. Eigentlich geht’s doch eh um nette Gesellschaft und gute Gespräche und auch nicht um irgendwelche kulinarischen oder Alkoholexzesse.

So! Und go!

Katja

Fettlogik überwunden!

Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich hier vor mittlerweile 8 Jahren zum ersten Mal offen über meine Depressionen gebloggt und sie beim Namen genannt habe und an das Zittern meiner Hände beim Schreiben des Artikels und noch mehr beim Veröffentlichen. Gerade sitze ich wieder mit ähnlichen Gefühlen vor der Tastatur, fange an zu schreiben und bin noch nicht sicher, ob ich mich am Ende trauen werde, den Text wirklich zu veröffentlichen, denn das persönliche Tabuthema, das ich heute anpacke ist für mich noch ein Stück größer und gewaltiger als die Psyche – ich will hier zum ersten Mal offen und öffentlich über meinen Körper schreiben.

Ich war als Kind schon das, was man – freundlich formuliert – moppelig nennt und noch immer brennt manchmal heißglühend die Erinnerung in meinen Wangen über Hänseleien, die ich in diesem Zusammenhang aushalten musste. Aber, wenn man meine Familie kennt, weiß man welches Schicksal mir blühte (zumindest dachte ich das bis vor gut einem Jahr), denn ausnahmslos alle waren und sind stark übergewichtig und adipös. Dass mir also bei den schlechten Genen, Ähnliches bevorstand war mir schon in meiner Jugend klar und so war es auch. Ich kann mich an keine genauen Gewichtsmarker erinnern, nur daran, dass es im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer mehr wurde. Daran änderten auch unzählige Diäten nichts. Also natürlich änderten sie etwas: in den 90ern zB, nahm ich mit Hilfe von Trennkost enorm ab, mehr als 20 kg waren es damals und ich dachte, dieses Mal hätte ich es tatsächlich geschafft. Bis ich dann irgendwann wieder anfing, ’normal‘ zu essen und dann geschah, was geschehen musste: ich nahm nicht nur die verlorenen 20 Kilo wieder zu, sondern noch ein paar zusätzliche obendrauf. Und so ging das weiter und fort. Diät 10 Kilo runter, 15 rauf, 25 runter 35 rauf etcpp. Irgendwann las ich vom Hungerstoffwechsel und dass der Körper nach Diäten – weil der Stoffwechsel ja auf ein Minimum runtergefahren ist – umso schneller die verlorenen Kilos wieder anhäuft und auf einmal ergab auch das einen Sinn. Ganz klar, bei meinen Genen und meinem, durch zahllose Diäten so dermaßen ruinierten Stoffwechsel, konnte ich ja gar nicht abnehmen!

Probiert habe ich es natürlich trotzdem. Mit üppigem Frühstück direkt nach dem Aufstehen, obwohl ich morgens gar keinen Hunger habe, um den Stoffwechsel für den Tag vorzubereiten und in Gang zu bringen. Mit Weglassen aller Nahrung nach 17 Uhr. Mit Ananas, wegen der Enzyme, durch die man abnehmen sollte, aber von der ich immer nur ein säureverätztes Zahnfleisch davon trug, wenn ich sie in größeren Mengen aß. Mit tagelang nur Obst. Mit täglich Steak. Mit komischen Shakes, die den Hunger bremsen sollten. Lediglich Weightwatchers habe ich mir nie angetan.

Nichts half. Ich verbrachte mein Leben damit, mich selber (was die, die hier regelmäßig lesen, bereits wissen) und aber auch meinen Körper zu hassen. Irgendwann vor 4 oder 5 Jahren schwappte dann zum ersten Mal etwas über Fatacceptance in meine Wahrnehmung und je mehr ich darüber las und dass es unzähligen Menschen so ging wie mir, desto faszinierender fand ich die Idee, endlich Frieden mit meinem Körper zu schließen. Ich wollte nicht mehr weiterdiäten, ich wollte mich lieber so mögen und akzeptieren, wie es das Schicksal für meinen Körper vorgesehen hatte. Der Beschluss war einfach, die Umsetzung grandios schwer, denn _eigentlich_, wenn ich ehrlich zu mir selber war, wollte ich immer noch lieber – wenn vielleicht auch nicht wirklich schlank, dann doch wenigstens weniger übergewichtig, sein. Wenigstens in einem solchen Maß, dass ich mich nicht mehr so auffällig herausstechend fühlen müsste, denn Auffallen war das, was ich immer um jeden Preis vermeiden wollte.

Schnitt.

Im Frühjahr 2016 las eine Freundin ein Buch – „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Hermann (Link zu Amazon) (im Web meist besser bekannt als @erzaehlmirnix) und weil Svü, dem Himmel sei’s gedankt, viel offener mit dieser Art Themen, die für mich so schwierig anzufassen sind, umgehen kann, erzählte sie für die nächsten Wochen und Monate von ihrer Abnahme mit Hilfe des Buchs und sie tat das in einer solch faszinierenden Begeisterung, dass ich neugierig wurde.

Ungefähr zeitgleich zogen wir um und durch den vielen Stress, die viele zusätzliche Bewegung und das Kisten durch die Gegend wuchten, nahm ich – eher aus Versehen – die ersten 3 Kilo ab. Die wollte ich nicht direkt wieder drauf bekommen (und schon gar nicht mit weiteren zusätzlichen), also fing ich – immer noch zögerlich – an, selber das Fettlogik-Buch zu lesen. Zögerlich und skeptisch war ich vor allen Dingen, weil ich einige der Comics zum Fettlogikthema von erzählmirnix kannte und mich bis dato immer ziemlich angegriffen davon gefühlt hatte. Klar, die hatte ja leicht reden, jeder kann abnehmen, blabla, die hatte ja nicht meine ’schlechten‘ Gene, kannte meine Familie nicht, hatte ihren Stoffwechsel vielleicht nicht so durch zahllose Diäten ruiniert.

Das Lesen war in erster Linie eines: verdammt schmerzhaft.

Die Erkenntnis, dass ALLES, woran ich, wenn es um mein Gewicht ging, so krampfhaft geglaubt hatte, auf Fettlogiken basiert, die durch Studien widerlegt bzw. entkräftet sind und nicht meine Gene, sondern mein Essverhalten Schuld an meinem Übergewicht waren, traf mich hart. Hatte ich doch in meiner Wahrnehmung eigentlich nie so sehr viel gegessen. Und überhaupt kein Junkfood, kein Convenience, immer nur gesundes Zeug, frisch gekocht, viel Salat und Gemüse. Dass man auch mit frischer, selbstgekochter Nahrung jede Menge Kalorien zu sich nehmen kann, wenn man alles in leckerer Butter und Olivenöl schwenkt – so logisch das eigentlich ist, es war mir nicht in diesem Ausmaß bewusst. 100 fucking Kalorien für einen einzigen Esslöffel meines innig geliebten und doch so gesunden Olivenöls – da hätte ich häufig, statt Salat zu essen, auch einfach direkt Schlagsahne löffeln können.

Die zweite (zunächst bittere Vermutung, die mittlerweile eine feste) Erkenntnis (ist) : möglicherweise neige ich zu emotionalem Essen. Stress, Aufregung, Kummer – davon hatte ich in den letzten Jahren mehr als genug. Schokolade im Haus hatte ich auch immer mehr als genug. Dass ich sie meistens nicht bewusst, sondern in emotionalen Stresssituationen völlig unbewusst gegessen hatte – das fiel mir erst auf als ich irgendwann vor ein paar Monaten bemerkte, dass ich es nicht mehr tue und mittlerweile völlig frei bin von emotionalem Essen, weil ich es durch Bewegung in solchen Stresssituationen ersetzt habe. Statt Schokolade zu essen, bewege ich mich und laufe (zugegebenermaßen manchmal wie eine Gestörte, einfach nur im Kreis durch die Wohnung). Wie gesund das sein mag, sei mal dahingestellt, aber die Bewegung tut meinem Körper in jedem Fall besser als die Kalorien der Schokolade.

Die dritte Erkenntnis: Ich bin durch mein Essverhalten dick geworden. Ich habe durch Diäten abgenommen. Ich habe danach wieder ’normal‘ gegessen – aber eben das Normal, das ich für normal hielt. Dass ich durch das gleiche Essverhalten, mit dem ich (nicht nur) einmal dick geworden war, immer wieder dick werden würde – das ist so bestechend logisch, dass ich Dussel ein Buch brauchte, um drauf zu kommen. (insert Facepalm here)

Was das Lesen in zweiter Linie mit mir machte: es gab mir zwar vollumfänglich die überaus schmerzhafte Verantwortung für meinen Körper, ABER (und das ist ein großes Aber): als diese Erkenntnis bis zum Grund gesickert war, reifte daraus auch jene, dass ich damit aber auch die Macht in der Hand habe, etwas daran zu ändern und endlich (ENDLICH!) nicht mehr Opfer meiner Gene und meines kaputten Stoffwechsels bin, sondern ich alleine entscheiden kann, welches Gewicht ich haben möchte.

Was mich aber letztendlich tatsächlich dazu brachte, nach dem Lesen, noch ein einziges Mal in meinem Leben, einen Diätversuch wagen zu wollen, war der ausführliche Teil über die gesundheitlichen Risiken des Übergewichts. Das kannte ich schon, von meiner langen Zeit als Raucherin, dass ich vor den Gefahren durch Rauchen, immer die Augen lieber geschlossen ließ und mich erst, nachdem ich aufgehört hatte, intensiv damit beschäftigen konnte, was ich meinem Körper da so lange an Schaden zugefügt hatte. Beim Fettlogik-Buch quälte ich mich sehenden Auges durch den Teil und am Ende stand für mich fest, dass ich bitte gerne mit 50 fitter sein möchte als ich es mit 25 war. Wenn das kein Ansporn ist!

Dazu kam, dass das Buch für mich zur genau richtigen Zeit kam – nämlich jener, wo ich in harter Arbeit in meiner Psychotherapie endlich lerne, gut für mich selber zu sorgen und mich selber nicht mehr zu hassen, sondern mich anzunehmen und lieb zu haben (es zumindest zu versuchen und daran zu arbeiten). Wie sehr mein Äußeres immer Spiegelbild meines inneren Selbsthasses gewesen ist – auch das ist mir erst in dieser Phase aufgegangen. Und so hielt mich in den letzten Monaten häufig der Gedanke vom Essen ab, dass ich mir durch’s Nichtessen zB von Schokolade gerade etwas Gutes tue, weil ich endlich gut für meinen Körper sorge. Eben genauso nur genau andersrum, wie ich früher dachte, ich würde mir selber etwas Gutes tun oder mich mit Nahrung belohnen oder trösten.

Und genauso nur genau andersrum funktioniert auch das mit der Wirkung: durch meiner Selbstliebe habe ich es endlich geschafft, mir einen für mich liebenswerten Körper „zuzugestehen“ und zu erarbeiten, durch den Körper, in dem ich mich endlich wohler fühle, geht es auch der Psyche besser und das Selbstbewusstsein profitiert davon.

Und um jetzt endlich den Bogen zu schlagen und auf den Punkt zu kommen, wieso ich ausgerechnet heute dieses, für mich seit meiner Kindheit so schambesetzte und schmerzhafte Tabuthema anpacke und hier darüber erzähle:

Ich bin heute Morgen zum ersten Mal in meinem kompletten Erwachsenenleben mit Normalgewicht aufgewacht. Hinter mir liegen 15 Monate, in denen ich meine Fettlogiken überwunden habe und ein Minus von 50 Kilogramm. Was jetzt noch folgt ist die Kür: weitere 8 Kilo würde ich gerne verlieren, dann bin ich bei mittlerem Normalgewicht, primär will ich aber – denn inzwischen habe ich vor einem halben Jahr auch zum ersten Mal in meinem Leben Spaß an Sport gefunden – fit werden und noch ein paar Prozent Körperfett gegen Muskelmasse austauschen. Und in meinem Körper wohlfühlen will ich mich – zum ersten Mal in meinem Leben. So nah wie jetzt war ich noch nie daran. Mein Körpergefühl ist ein völlig anderes und erst jetzt, wo ich zB am Donnerstag in Erfurt stolz die 70 Stufen der Domtreppe hochgestiegen bin, dabei reden konnte und oben angekommen kein bisschen aus der Puste war, ist mir bewusst, wie eingeschränkt ich vorher mein ganzes Leben lang war und wie großartig und wunderbar dieses neue Körpergefühl ist.

Danke, liebe Nadja. Ich könnte dich seit 15 Monaten fast täglich vor Dankbarkeit küssen! Du hast mir ein völlig anderes Leben geschenkt!

Katja

 

Svü sagt, da fehlt noch’n Foto und ich soll das mit dem Pulli nehmen und da ich sie heute ganz besonders lieb habe, gibt es hier tatsächlich eines. Da hab ich mal reingepasst.