Für nichts.

Ich weiß nicht, ob du noch darauf wartest, dass ich mich heute melde oder ob du die Hoffnung, dass deine widerspenstige Tochter gefälligst den Muttertag würdigen soll, inzwischen aufgegeben hast. Es sind jetzt wohl an die 20 Jahre, in denen ich mich an diesem Tag sehr bewusst nicht mehr bei dir melde. Und genauso lange bin ich an dem Tag von Schuldgefühlen zerfressen, weil ich genau weiß, dass dich trifft, dass ich den Tag ignoriere. So oft habe ich versucht, mit dir darüber zu reden, was damals passiert ist, habe gehofft, ein Zeichen von dir zu bekommen, dass du wahrnimmst, was du mir angetan hast, dass du deine Schuld anerkennst und es dir leid tut. Jeden verdammten Tag meiner Kindheit habe ich Prügel bezogen, weil du jeden verdammten Abend haarklein Bericht erstattet hast, was die Kinder den Tag über ‚verbrochen‘ haben. Du bist nie auf die Idee gekommen, ‚da war nichts, die waren lieb‘ zu sagen. Stattdessen hast du Kleinigkeiten aufgebauscht, damit es wirklich jeden Tag einen Grund für Sanktionen gab. Und jetzt bin ich diejenige von uns mit den Schuldgefühlen, weil ich immer noch das unartige Kind bin, dass sich am Muttertag nicht bei seiner Mutter meldet, obwohl die doch immer alles richtig gemacht hat und eine gute Mutter war. In ihrer Wahrnehmung.

„Ihre Mutter kann das gar nicht anerkennen. Die muss sich ihre eigene Wahrheit zurechtbiegen, das Märchen von ihr als guter Mutter, in der sie alles für ihre Kinder getan hat, weil sie – wenn sie der Wahrheit ins Gesicht sehen würde – unter der Schuld zusammenbrechen würde, die sie sich aufgeladen hat und damit nicht würde weiterleben können.“ sagt der beste Therapeut irgendwann zu mir und wortähnlich sinngleich die Vertretungstherapeutin in der Klinik. Und dann bin ich wieder diejenige, die bei sich sucht, sich fragt, ob sie dann nicht ebenso Schuld auf sich lädt, wenn sie ihre ‚arme‘ Mutter so abstraft, sich dem Kontakt so entzieht, sich nicht (mal) am Muttertag meldet. Die bei sich sucht und sich fragt, ob sie nicht diejenige sein müsste, die einlenken müsste, wenn ihre Mutter doch eigentlich gar keine Chance hat, sich der Vergangenheit zu stellen, weil das zu schmerzhaft wäre. Müsste ich dann nicht versöhnlicher sein und wer weiß, wieviel Zeit dafür überhaupt noch bleibt und ob ich nicht hinterher irgendwas bereue, nicht getan zu haben, wenn’s dann zu spät ist. Aber ich hab so lange die Verantwortung für alles übernommen, die ‚Schuld‘ bei mir gesucht, mich mit Selbsthass gequält, weil ich so verkehrt bin, dass nicht mal meine Mutter mich lieb hat.

„Es liegt nicht an dir, sondern an ihr.“ schrieb der gute Freund mir über Monate hinweg jeden einzelnen Morgen, damit die Botschaft sich bei mir einbrennt. Und doch, genau heute kommen wieder all die Zweifel hoch, ist die Sehnsucht nach einer Mutter, bei der man sich am Muttertag melden möchte, so groß und wird der Mangel in mir drin so deutlich und schmerzt so sehr.

Katja

Assoziationen

Vor zwei Tagen zog der Mitdings, während ich am Herd stand, neben mir stehend, schwungvoll seinen Gürtel aus dem Hosenbund und ich weiss nicht, was es genau in diesem Moment war (denn er macht das häufiger, weil er einen Gürtel zusammen mit mehreren Hosen benutzt) was mich so furchtbar erschreckt hat an der Geste. Vielleicht war es wirklich, weil er ihn ungewohnt schwungvoll herauszog, vielleicht auch, dass ich im Moment ein bisschen angeschlagen bin – aber in jenem Moment strömten massenweise Erinnerungen aus meiner Kindheit auf mich ein.

Seitdem zuckt mein linkes Augenlid und ich habe dauernd Atemnot und ein beklemmendes Gefühl in der Brust, von aufsteigender Panik und es kostet mich immense Kraft, diese Bilder, die irgendwo tief in meiner Erinnerung wohnen, wieder in diese Ecke zu verbannen, wieder aus dem Kopf zu bekommen.

Was ist das Gehirn doch manchmal für ein blöder Arsch, dass es einem solche Streiche spielt. Ich _weiss_, dass diese Situationen lange vorbei sind, dass mir im Hier und Jetzt nichts passiert. Auch nicht, wenn da jemand mit Schwung einen Gürtel aus einer Hose zieht. Und trotzdem. Die alte Angst ist wieder sehr real, die Bilder flackern vor Augen. Der Nacken ist völlig verspannt vom dauerhaften Kopfeinziehen.

Gestern habe ich das tagsüber gut mit jeder Menge Geschäftigkeit im Griff gehabt und das Zucken ging erst abends los, heute drehe ich schon den ganzen Tag am Rad. Der Blick verengt sich zum Tunnel, es pocht in den Schläfen und rauscht in den Ohren.

Dazu die Angst, dass das direkt (schon wieder) der Beginn vom Fallen sein könnte und darauf aufbauend, dass vielleicht alleine der Gedanke bzw. die Angst, dass das zum Fallen führen könnte, das Fallen auslösen könnte. Und die Spirale dreht sich und kreiselt im Kopf.

Vielleicht hilft (wieder mal) Aufschreiben.

Es ist hier sicher. Es passiert nichts. Die Bilder gehören in eine andere Zeit und Welt. In ein altes Leben.

Ey Gehirn, ist mal gut jetzt.

Katja

Nicht verzagen, August fragen!

Als ich noch sehr klein war, dachte ich, mein Opa könne zaubern oder aber mindestens mal hellsehen.

In der Küche meiner Großeltern gab es eine Eckbank, im typischen 60-er Jahre Stil aus hellem schnörkellosem Holz, bezogen mit rotem Kunstleder, dem man die Künstlichkeit schon von weitem ansah und eine meiner Lieblingsbeschäftigungen so mit 2 oder 3 Jahren – oder zumindest eine der Schlechtwetter-Beschäftigungen, an die ich mich heute noch erinnern kann – war, auf dieser Eckbank hin- und herzuflitzen. Und immer wieder hin und her bis kurz vorm Ende, dann abrupt abbremsen, denn es gab ja keine seitliche Lehne, die mich gestoppt hätte, umdrehen und wieder zurück. Damit konnte ich mich bei Regenwetter, wenn es zu ungemütlich war, um draussen zu spielen, lange lange Zeit beschäftigen.

Wenn mein Opa von draussen reinkam, er hatte eigentlich immer irgendwas draussen zu tun, wovon er dann irgendwann reinkam, sagte er stets „Pass auf, gleich fällst du!“ und genau so kam es. Konnte ich vorher auch stundenlang (vielleicht waren es in echt auch keine Stunden und es kommt mir nur in meiner Erinnerung so vor) gefahrlos und unfallfrei auf der Bank herumrennen, so war der Spaß immer vorbei, wenn mein Opa die magische Warnung aussprach, denn kurz danach schaffte ich es tatsächlich nicht mehr rechtzeitig abzubremsen und fiel mit Karacho auf den Küchenfußboden. Damals war für mich klar, dass er mindestens hellsehen konnte, wenn er nicht gar selber mit seiner Magie dafür verantwortlich war, dass ich runterfiel.

Natürlich durfte ich dann immer auf seinen Schoß und er hat mich getröstet, wenn ich mir weh getan hatte. Aber ganz geheuer war er mir damals nicht.

Später dann, irgendwann in der Pubertät merkte ich, dass mein Opa derjenige war, der für jedes praktische Problem eine Lösung fand. Mit schulischen Dingen brauchte ich ihn nicht zu behelligen, er war nur zur Volksschule, wie man das damals nannte, gegangen, aber für jedes ‚geht nicht mehr‘ oder ‚hält nicht mehr‘ oder dergleichen fand mein Opa eine ebenso simple wie gute Lösung.

„Nicht verzagen, August fragen!“ war einer der Sätze, die ich vermutlich am häufigsten von meinem Opa gehört habe. Er konnte mit Holz ebenso gut umgehen wie mit Metall, er fräste und drehte, hobelte und schraubte und manchmal wickelte er auch ganz einfach eine Schnur um die Dinge, die nicht mehr hielten, aber stets konnte man sich darauf verlassen, dass er eine passende und haltbare Reparaturmethode auf Lager hatte.

Und wenn die erste Lösung einmal nicht funktionierte, dann machte er einfach so lange weiter bis er die passende Methode fand.
Als mein erstes Auto dauernd nächtliche Besuche eines Marders bekam, der die Zündkabel durchnagte, klapperte mein Opa sämtliche Nachbarn mit Hunden ab, um sich Hundehaare zu besorgen und stopfte die in den abgeschnittenen Fuß einer Perlonstrumpfhose von meiner Oma, weil das seiner Erfahrung nach am ehesten half. Da wo Hunde waren, hielten sich Marder fern.
Als das nichts half und ich zum wiederholten Male ein neues Zündkabel brauchte, verteilte mein Opa mehrere dieser Duftsteine, wie man sie zur Erfrischung von Toiletten benutzt, unter der Motorhaube meines alten Golfs. Mein Auto wirkte mit den Strümpfen voll mit Hundehaaren und mit den WC-Duftsteinen ein bisschen wie ein Voodoo-Schrein, zumindest kam es mir damals so vor, aber vor dem Marder hatte ich eine ganze Weile Ruhe.
Als er irgendwann zurückkehrte, oder vielleicht war es bis dahin auch ein ganz anderer, zimmerte mein Opa mir schließlich einen Holzrahmen, den er mit diesem feinmaschigen Draht bespannte, wie man ihn üblicherweise für Hasenställe verwendet. Den musste ich abends unter die Motorhaube schieben und danach brauchte ich nie wieder neue Zündkabel. Natürlich war es auch mein Opa, der oft genug, wenn ich es vergaß, den Draht für mich unter das Auto schob. Bei seiner allabendlichen Runde, bei der er kontrollierte, ob alle Türen verschlossen waren, vergaß er nie, auch nach meinem Auto zu schauen. Und das erstreckte sich auch darauf, dass ich mich damals nie um solche Dinge wie Scheibenwischwasser oder den Ölstand oder im Winter Frostschutz im Kühler kümmern musste. Noch bevor ich überhaupt an diese Dinge gedacht hätte, hatte mein Opa sich schon gekümmert.

Ich kann mich an ein einziges Mal erinnern, wo ich sauer auf meinen Opa war und das war, als er hinter meinem Rücken den Nachbarn darum gebeten hatte, „Friedolin“ zu fällen. Da war mein Opa schon zu alt, als dass er das gefahrlos selber und alleine hätte machen können. Friedolin war der alte Kirschbaum in unserem Garten, dem ich als Kind diesen Namen gegeben hatte und unter dem ich auch später, als ich älter wurde, noch häufig mit einem Buch auf den Knien, den warmen Baumstamm im Rücken, gesessen habe. Der Baum war alt und so verwachsen, dass man selbst mit einer Leiter nicht mehr gefahrlos hochklettern konnte, um die Kirschen zu ernten. Und auch das machte meinen Opa aus – in erster Linie zählte der praktische Nutzwert von Dingen und ein Kirschbaum, dessen Kirschen man nicht mehr ernten konnte, dessen Zeit im Garten war abgelaufen. Als ich an jenem Abend in die Küche meines Opas kam, wusste ich direkt, dass etwas nicht stimmte, denn dass er so herumdruckste, um mir etwas zu erzählen, das kannte ich von meinem Opa, der stets gerade heraus war, nicht.

Mein Opa war der treueste Mensch der Welt. Als meine Oma nach fast 50 gemeinsamen Jahren plötzlich ins Krankenhaus musste, weil ihre eine Herzklappe nicht mehr richtig arbeitete, da fuhr mein Opa jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe die 25 km und als sie nach 3 Wochen in ein anderes Krankenhaus verlegt wurde dann über 40 km und blieb von morgens bis nach dem Abendessen im Krankenhaus an der Seite meiner Oma. Er fütterte sie, er wusch sie, er kämmte ihr Haar und hielt ihre Hand, wenn die Kanüle wieder einmal verstopft war und die Ärzte einen neuen Versuch unternehmen mussten, noch eine Stelle zu finden, in der sie die Nadeln stechen und einen neuen Zugang legen konnten. Sechs Wochen lang verbrachte er jeden einzelnen Tag von morgens bis abends im Krankenhaus, die meiste Zeit davon mit Kittel und Mundschutz, Haube und Handschuhen versehen auf der Intensivstation und selbst, wenn meine Mutter oder ich hinfuhren, blieb auch er noch dort und ging nicht, bevor er sicher sein konnte, dass er an dem Tag nichts mehr für meine Oma tun konnte.

Als meine Oma starb, sah ich meinen Opa zum ersten und einzigen Mal weinen, wie ein kleines Kind.

Mein Opa war der erste (und vermutlich auch einzige) Mensch, bei dem ich als Kind das Gefühl hatte, mich hundertprozentig auf ihn verlassen zu können und dass seine Liebe zu mir an keine Bedingungen geknüpft ist.

Von ihm lernte ich, dass es besser ist, die Dinge eines nach dem anderen anzugehen – so wie man eben Klöße isst. Natürlich lernte ich das nicht auf Hochdeutsch von ihm, sondern im Dialekt des kleinen hessischen Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin. Und von ihm lernte ich auch nach kreativen Workarounds zu suchen, wenn mir nicht auf Anhieb eine elegante Lösung einfiel. Aber ich vermute, dass er mit dieser Beschreibung seiner Art, Probleme anzugehen, gar nichts anfangen könnte, denn er war immer mehr ein Macher als jemand, der lange über die Dinge nachdachte.

Heute wäre der 93. Geburtstag meines Opas. Ich weiss nicht mal, ob er tatsächlich ein gläubiger Mensch gewesen ist, aber ich weiss, dass er immer die Vorstellung von diesem Himmel hatte, in dem man all seine Lieben nach dem Tod wiedertrifft und in dem er gehofft hat, meine Oma wiederzutreffen. Und wenn ich nur ein bisschen von der Zauberkraft meines Opas, an die ich als Kind fest geglaubt habe, geerbt habe, dann wünsche ich ihm von ganzem Herzen, dass er genau dort heute sitzt und seinen Geburtstag feiert!

Katja

Damals™ in dem winzigen Dorf an der Ostsee…

Wir verbrachten damals den Sommerurlaub immer im gleichen winzigen Dorf an der Ostsee. In den ersten Jahren noch zusammen mit einer anderen Familie, die entfernt mit uns verwandt war und zu denen meine Eltern engen Kontakt hatten, später, als es denen zu viel wurde, jedes Jahr wieder in den gleichen Ort zu fahren, dann nur meine Familie alleine. In den ersten Jahren ging ich noch nicht mal zur Schule und insgesamt fuhren wir dorthin bis ich 14 war. Also vermutlich 10 Jahre, eher 11 am Stück, jeden Sommer. In manchen (wenigen) Jahren auch noch zusätzlich eine Woche über Ostern. Aber normalerweise nur im Sommer, denn die Osterferien verbrachten wir fast immer, in etwa der gleichen Entfernung in die andere Richtung – am Bodensee bei meiner Oma väterlicherseits.

Dieser Ort, das war mein wahres Zuhause, zumindest war da immer dieses Gefühl, dass das alles verkehrt herum ist. Dass wir dort leben und wohnen und dann dorthin, wo wir tatsächlich wohnten in Urlaub fahren sollten.

Wir wohnten immer im gleichen Haus bei den gleichen Leuten in der Ferienwohnung, fast immer in der gleichen Wohnung. Wir links im Flur, wenn man die Treppe hochkam. Die andere Familie direkt am Treppenabsatz rechts. Später dann, als das Dachgeschoss ausgebaut war und wir alleine hinfuhren, wohnten wir oben unterm Dach. Wenn man zur Wohnungstür reinkam, stand man direkt im Wohnzimmer mit Esstisch und kleiner Küchenzeile. Eigentlich war es gar kein richtiges Wohnzimmer, denn es gab für 4 Personen nur insgesamt 2 Sessel als bequeme Sitzgelegenheit. Nach links ging es zuerst ins Bad, dann in das Zimmer von meiner Schwester und mir. Rechts vom Wohnzimmer war das Schlafzimmer meiner Eltern.

Die Dachgeschosswohnung mochte ich lieber, denn wenn man sich weit aus dem Fenster unseres Zimmers rauslehnte und den Oberkörper halb nach rechts drehte, dann konnte man von dort aus bis zum Sportplatz und mit guten Augen auch bis zum dahinter liegenden Spielplatz gucken. Man konnte zwar nicht erkennen, wer dort war, aber auf jeden Fall, ob jemand da war.

Je häufiger wir dort hinfuhren, desto besser lernten wir die dortigen Dorfkinder kennen. An die ersten Jahre kann ich mich nicht mehr so gut erinnern, aber sobald ich schreiben konnte, hatte ich dort meine ersten Brieffreundinnen und Brieffreunde. Anfangs nur 2, dann von Jahr zu Jahr wurden es mehr Kinder, denen ich das ganze Jahr über Briefe schrieb und die mir schrieben.

Vor dem Haus gab es ein kleines Stück Rasen und davor ein flaches Mäuerchen und an den Tagen, wenn wir dort zum Urlaubsbeginn ankamen, saß schon immer ein halbes Dutzend der Dorfkinder und erwartete uns sehnsüchtig. Wir mussten immer erst helfen, das Auto auszuräumen – natürlich unter tatkräftiger Hilfe der Freundinnen und Freunde – und mussten auch immer zuerst unsere Betten beziehen, aber dann hielt uns nichts mehr in der Wohnung und wir stürmten allesamt durch den Garten unserer Ferienwohnungsvermieter, der einen direkten Zugang zum Sportplatz hatte und über den Sportplatz zum Spielplatz. Die große Blockhütte, die dort stand, war unser Ziel. Dort verbrachten wir die meiste Zeit der Urlaube. Zu den Essenszeiten strömten alle ins jeweilige Zuhause, aber ansonsten verbrachten wir die meiste Zeit des Tages zusammen mit den Kindern dort.

Später verlagerte sich das an die Bushaltestelle. Ich glaube, wir fühlten uns einfach zu alt und zu cool damals, um noch den ganzen Tag auf dem Spielplatz abzuhängen. An der Bushaltestelle gab es zwei solcher überdachten und seitlich verkleideten Bänke, eine nach vorne zur Straße, eine nach hinten raus. Wer zuerst da war, erkannte man daran, wer einen Platz hinten ergattert hatte. Da konnte man zwar nicht so gut beobachten, was auf der Straße so vor sich ging, aber man konnte auch nicht so einfach von vorbeikommenden Erwachsenen gesehen werden.

Das alles war so anders als in meinem echten Zuhause, denn die hielten alle zusammen. Klar gab’s da auch mal Streit. Aber wir wurden dort mit einem unglaublichen Selbstverständnis in die Gemeinschaft aufgenommen und gehörten einfach dazu. Es spielte keine Rolle, dass wir nur ein paar Wochen im Jahr da waren, wir hatten ja auch das ganze Jahr über Kontakt. In meinem Heimatdorf gab es sowas nicht. Dort hätten niemals die Älteren sich mit den Jüngeren abgegeben, da war es schon schwierig innerhalb der einzelnen Jahrgänge irgendwie dazuzugehören.

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Gespräch über glückliche Kindheitserinnerungen nachgedacht und deswegen muss ich das jetzt hier aufschreiben. Denn fast alle meine glücklichen Kindheitserinnerungen gehören in diese Urlaube, gehören in dieses kleine Dorf an der Ostsee.

Wenn wir nicht gerade auf dem Spielplatz saßen und große Pläne schmiedeten, waren wir oft angeln. Es gab 3 kleine Teiche im Dorf. Den Feuerwehrlöschteich, der immer komplett von einer grünen Schicht Entengrütze überzogen war (Lasst euch nie in so ’nen Tümpel schubsen! Das Zeug klebt fies in den Haaren und allen Poren.), den Krügerteich, wo wir eigentlich aber gar nicht hätten angeln dürfen und wo wir das nur gemacht haben, wenn Kais Eltern nicht da waren und den Teich vor Marios Haustür, von dem ich gar nicht mehr weiss, ob er einen Namen hatte. Dort durften wir angeln, dort störte sich niemand an uns. Und da saßen wir auch unzählige Stunden rum, oft schweigend, denn wenn man zu laut ist, beissen die Fische natürlich nicht. Was wir fingen, wurde vorsichtig vom Haken genommen und wieder in den Teich geworfen. Ums Angeln an sich ging es uns, nicht um den Fang.

Beim allerersten Mal, wo ich zum Angeln mitdurfte, wurde ich – als Jüngste und noch dazu Mädchen (angeln gingen fast nur die Jungs, die Mädchen hatten sie nicht so gerne dabei, weil die, ihrer Meinung nach, nicht stillsitzen konnten) – auserkoren, die Köder zu besorgen. Ich war damals stolz wie Oskar, dass sie mich mitnahmen und es machte mir überhaupt nichts aus, bis zu den Ellbogen im Kompost zu wühlen, um nach Regenwürmern zu graben. Wir lachten viel, aber es war kein Auslachen, dass ich so doof war, tatsächlich die Arme in den Kompost zu stecken, sondern ein gemeinsames Lachen, weil ich daran sogar noch Spaß gefunden habe. Nur am Haken befestigen wollte ich die armen Würmer dann doch nicht…

In dem Ort gab es einen Kaufmann. Ein echtes Original, sowohl der Laden als auch der Ladenbesitzer, der mir schon uralt vorkam als ich noch nicht zur Schule ging und der den Laden immer noch betreibt. Der nennt sich auch heute noch Kolonialwarenladen und verkaufte einen kruden Mix verschiedener Waren, von denen ich mich bei manchen schon als Kind gefragt habe, wie lange die wohl schon in den Regalen des Ladens liegen. Zum Beispiel bekam man dort noch echte alte Metallwärmflaschen – nicht als besonderes Gimmick, sondern die blieben so lange im Sortiment bis sie eben verkauft waren. Und so lange hatte er auch keine Nachfolgemodelle aus Gummi in den Regalen liegen, was besonders skurril wirkt, wenn man dem Wikipediaartikel glauben kann, dass die aus Gummi schon in den 1920er Jahren in Mode kamen.

Abends, wenn sie vom Kartenspielen mit dem Ferienwohnungsvermieterpaar zurück in die Ferienwohnung kamen, legten meine Eltern ein bisschen Kleingeld auf den Esstisch und es war die Aufgabe von meiner Schwester oder mir, morgens, bewaffnet mit der kleinen Plastikmilchkanne, loszuziehen und Milch und Brötchen beim Kaufmann zu holen. Doch egal wie früh man auch hinkam – die Brötchen waren nie frisch und schmeckten immer so und waren auch so hart, als wären sie mindestens einen Tag alt. Aber im Ort gab es ansonsten auch keine andere Möglichkeit der Brötchenbeschaffung, also nahmen wir das ziemlich lange so hin.

Irgendwann, ich war dann sicher schon in der Schule, wir waren also schon ein paar Jahre lang dort im Urlaub gewesen, als tatsächlich mal jemand vor mir an der Backwarentheke stand, sollte ich eine wichtige Lektion für künftige Jahre des Brötchenkaufs dort lernen: Es gab dort zwei Kübel mit Brötchen hinter der Theke und die Frau, eine Einheimische, die vor mir dran war, bestellte ‚x frische Brötchen‘ und bekam ihre Brötchen aus dem einen Kübel, ich bestellte ganz normal meine ‚x Brötchen‘ und bekam sie aus dem anderen, die natürlich wieder steinhart waren. Aber das war das letzte Mal, ab dem nächsten Tag gab es auch bei uns frische Brötchen und ich erinnere mich an das ungewohnte Lächeln des Kaufmanns bei der Bestellung. Wer den Geheimcode kennt, gehört dazu.

Wenn ich an den Ort denke, habe ich heute noch ein warmes Gefühl im Bauch. Ich frage mich, was aus den Kindern von damals geworden ist. Ich denke an unzählige Morgen, an denen ich, die Milchkanne schwenkend das Dorf durchquert habe und an denen mir mit großer Selbstverständlichkeit das ‚Moin‘ als Gruß über die Lippen ging, wenn ich an einem der Dorfbewohner vorbeikam, der gerade den Sand auf dem Bürgersteig vor seinem Haus gerecht hat.

Ich denke an unzählige Male, in denen ich in einem der Teiche gelandet bin – und nur ein einziges Mal bin ich tatsächlich aus Dappigkeit und ohne fremdes Nachhelfen reingefallen.

Ich erinnere mich daran, wie wir heimlich, als unsere Eltern tagsüber am Strand waren, unsere Freunde mit in die Wohnung nahmen, was uns eigentlich verboten war und wie wir dort gemeinsam Spaghetti kochten und Pudding und dass meine Mutter uns tatsächlich glaubte, meine Schwester und ich wären so hungrig gewesen, dass wir alleine ein ganzes Kilo Nudeln verschlungen haben.

Ich denke an Tanja und Sven, an Hauke und Heiko, den alle nur Fiete nannten, an Mario und Jan, nach denen ich schon unzählige Male gesucht habe, seit es das Internet gibt, an Susan und Anne, die beiden Andreas, Kirsten und Peggy, an Kai und Dirk, an Ingo, der in Hamburg wohnte und die Ferien immer bei seiner Tante verbrachte und der mich auf seiner Mofa, denn die Mofa ist im Norden zwingend weiblich, mit ins Kino nahm und an Marc, der eigentlich in Lübeck wohnte, aber die Ferien bei seinem Großvater in der Schmiede verbrachte und der mit mir zusammen durchbrennen wollte. Zu all diesen Namen habe ich noch Gesichter im Kopf, trotz all der Jahre, die dazwischenliegen.

Ich erinnere mich an mein erstes Udo Lindenberg Konzert von vielen und wie sehr Jan, der einsneunzig Riese mir damals geholfen hat, meine Eltern davon zu überzeugen, dass er mitgehen und gut auf mich aufpassen würde und dass er mitkam, obwohl er Udo nicht sonderlich mochte und daran, dass irgendwo im Keller immer noch das von der Plakatwand in der nächsten Stadt geklaute Plakat des Konzertes liegt, und an den Abend, als ich das mühevoll mit mehreren Plakatschichten untendrunter abgefummelt habe, damit es nicht einreisst und dass mein Vater ein paar Meter weiter Schmiere stand und immer gepfiffen hat, wenn jemand sich näherte und das ist überhaupt meine älteste richtig gute Erinnerung an meinen Vater.

Die Erinnerung macht mir ein warmes Gefühl. Freundschaft und Zusammenhalt – denen bin ich selten im Leben in solchem Ausmaß wie in dem winzigen Dorf an der Ostsee begegnet.

Katja

Gedankengeschwurbel zum Einigeln und über Freundschaft

Ich kaue in der letzten Zeit viel auf Gedanken zum Thema Freundschaft und schlechten Zeiten und einigeln rum.

Das fing wieder mal damit an, dass sich eine Freundin länger nicht meldete, auch nicht, nachdem ich ihr mit einigem zeitlichen Abstand einige Mails nacheinander geschrieben hatte. Sie meldete sich nicht und ich bezog das sofort auf mich, dachte, ich hätte irgendwas falsch gemacht, was Falsches gesagt und hätte sie damit ‚vergrault‘. Da ist dieser Mechanismus in meinem Denken und noch viel mehr in meinem Fühlen, der irgendwie immer direkt in diese Richtung denkt. Menschen vergraulen. Keine Freundschaft aufrecht erhalten können. Und wenn ich mich sehr anstrenge und mein Denken bewusst lenke, dann weiss ich, dass meine Horrorvisionen nur einer von furchtbar vielen möglichen Gründen für ihr Schweigen sein könnten. Aber das kostet wirklich immer Kraft. Die automatischen Gedanken sind jene von Verlust.

Früher hätte ich vermutlich nicht mal mehr nachgefragt bei ihr. Nicht aus Kränkung, sondern weil ich mich nicht hätte aufdrängen wollen. Weil ich ihr die unangenehme Situation nicht hätte zumuten wollen, mir das offen sagen zu müssen, dass ich sie in Ruhe lassen soll.

Aber ich habe mittlerweile so viel über mich gelernt, dass ich weiss, dass mir das dann über Jahre keine Ruhe lassen würde, dass ich einfach keinen Abschluss finden könnte, wenn ich nicht mal weiss, was passiert ist.

Davon habe ich ja wirklich noch einige Baustellen, wo mich immer wieder mal die Frage plagt, was da überhaupt passiert ist. Zum Beispiel diese Sache mit A., über die ich hier erzählte, lässt mir – nach Jahren – erst ein bisschen mehr Ruhe, seit ich das damals endlich aufgeschrieben habe. Schräg, wie sehr Bloggen mir oft hilft, die Dinge zu sortieren.

Deswegen habe ich dieses Mal in der Tat nachgefragt und ich habe es sogar geschafft, meine Befürchtung ganz runterzuschlucken und einfach nur zu fragen, ob’s ihr gut geht und zu sagen, dass ich mich freuen würde, wieder mal von ihr zu hören. Ich glaube/hoffe, ich könnte die Zurückweisung eher wegstecken oder zumindest irgendwann dann wieder heilen als solches Unwissen und Unverstehen, was passiert ist. Weil ich wirklich schon wieder wochenlang darauf rumgekaut hatte, was wohl passiert sein könnte, was ich wohl falsch gemacht habe. Mal von ‚harmoniert irgendwie doch nicht‘ abgesehen (da vertraue ich ja auch nicht mehr auf mein Urteil, dass ich das tatsächlich merken würde), fiel mir als Offensichtlichstes ein, dass sie ein Problem damit haben könnte, dass ich mich gelegentlich, wenn es mir nicht so gut geht, ziemlich einigle. Wobei ich dann ja spätestens auch auf Nachfragen wenigstens kurz reagiere.

Und gerade als ich überlegte, am nächsten oder übernächsten Tag noch einen letzten (?) Versuch zu unternehmen, meldete sie sich, schrieb, dass es ihr nicht so gut ging und dass sie sich ziemlich eingeigelt habe.

Und seitdem muss ich über dieses Einigeln nachdenken. Ich dachte immer, das hätte bei mir angefangen, als ich krank wurde. Damals, längst bevor ich die Depressionen und die Angst als Krankheit sehen konnte, habe ich mich so sehr geschämt, habe mich so sehr als persönliche Versagerin gefühlt und habe vor allem nicht mal genau erklären können, was mit mir los ist und ich habe ja dieses fast schon zwanghafte Bedürfnis zu erklären und zu verstehen. Da war nur dieses große ‚ich kann nicht‘, das mein Leben über Monate beherrscht hat. Ich kann nicht aufstehen, mich melden, weiterstudieren, rausgehen, telefonieren, die Tür öffnen, reden, …, erklären.

Aber, wenn ich dann noch weiter zurückgehe, dann fällt mir ein und auf, dass ich eigentlich schon immer so war, dass ich nie reden konnte, wenn es mir schlecht ging. Ich war von meiner Kindheit an bis zu dem Punkt als ich zusammengeklappt bin, der Kummerkasten für jeweils die Menschen in meinem Umfeld. War die, die stundenlang zugehört hat und versucht hat, zu trösten. Und wenn es mir selber schlecht ging, dann habe ich die lächelnde Maske aufgesetzt und einfach genauso weitergemacht. Ich konnte nie besonders gut selber erzählen, was mit mir los ist. Ich konnte vor allem nie um Hilfe bitten. Und ich glaube, ich habe immer darauf gehofft, dass irgendwann mal jemand merkt, wie es mir geht. Aber eigentlich habe ich die Maske so perfekt gewahrt, dass niemand auf die Idee kommen konnte. Fragen und zuhören, nur bloß nichts erzählen, wie’s in mir drin aussieht. Alle irgendwie auf Abstand halten und mich nicht öffnen und ewig einsam fühlen und traurig, weil mir niemand nahe kam.
Und ich glaube, auch das ist wieder mal eine in der Kindheit gelernte Macke, deren ich mir jetzt erst bewusst geworden bin. Immer leise im Hintergrund halten, nicht auffallen, niemandem mit meinem ‚Gejammer‘ zur Last fallen.

Und ich glaube, ich will gerade gar nicht näher darüber nachdenken, dass man meine ganzen Gedanken zum Aufdrängen ja auch umgekehrt verstehen könnte, dass ich meinen Freunden nie zugetraut oder die Chance gegeben hätte, auch in schlechten Zeiten meine Freunde zu sein.

Mir fällt das gerade schwer, diese Dinge nicht nachträglich zu bedauern. Diese Erkenntnisse sind für mich so neu und dass sich da endlich Zusammenhänge ergeben. Ich versuche, mein Denken möglichst frei von ‚was wäre gewesen, wenn…‘ zu halten, aber gerade fällt mir das sehr schwer. Was wäre gewesen, wenn ich früher gelernt hätte, nicht alles in mir zu verschließen, sondern mir die Dinge von der Seele zu reden oder sie wenigstens aufzuschreiben, wie ich das jetzt hier dauernd mache?

Ich glaube, mein Blog – und damit ja irgendwie auch ihr, die ihr hier lest – ist (von einer Ausnahme abgesehen, die nur des Satzbaus wegen in Klammern steht, aber eigentlich in Großbuchstaben und Leuchtschrift, mit tanzenden Zirkuspferden davor, hier auftauchen müsste) meine erste Freundin, bei der ich nur selten zögere, meinen Kummer zu erzählen. Vielleicht, weil es zum ersten Mal das Gefühl ist, dass ich niemanden damit nötige oder mich aufdränge, dass hier ja nur liest, wer das selber möchte.

Katja

Mohnkoppweck

Keine 100 Meter von dem Haus entfernt, in dem ich aufgewachsen bin, befand sich die Bäckerei des kleinen Ortes. Von zuhause aus musste ich nur unsere lange Hofeinfahrt runter bis zur Straße, dann die Straße, auf der damals nie besonders viel los war, überqueren und noch an die 60 oder 70 Meter weiter in Richtung der Kirche, die in dem Ort mitten auf einer Verkehrsinsel steht. Über der Eingangstür wies nur ein kleines Schild auf die Bäckerei hin und wenn man in den Laden wollte, musste man das Haus durch die ganz normale Haustür, die man, wenn geöffnet war, einfach aufdrücken konnte, betreten. Vom Hausflur aus gelangte man nach links in die Wohnung der Bäckersleute, weiter hinten knickte der Flur nach rechts ab, dort ging es in die Backstube und die einzige Tür auf der rechten Seite führte in den kleinen Laden, in den nicht mehr als 3 oder 4 Kunden auf einmal passten. Die anderen mussten im Flur warten. Nur wir Kinder quetschten uns oft fast im Dutzend zusammen in den engen Raum.

Der Laden hatte eine Holzeinrichtung, die in diesem für die 60er Jahre typischen Mittelkackbraun lackiert war. Gegenüber der Tür war direkt schon die Ladentheke; auf der linken Seite niedriger, weil man dort seine Waren bekam, auf der rechten Seite etwas höher und zum Teil als verglaste Vitrine. Auf der Theke stand die alte Registrierkasse, die bei jedem Öffnen klingelte und hinter der Theke befand sich das Brotregal, oben Regale für die Brote, unten eine Art Schütte für die Brötchen. Die Brötchen hießen dort natürlich nicht Brötchen sondern Weck, so wie sie in München Semmeln oder in Hamburg Rundstücke heissen. Es gab dort eine einzige Brotsorte, ein Roggenmischbrot und eine einzige Sorte Brötchen, die ganz normalen und es gab Kümmelstangen. Ausserdem konnte man Weissbrot bekommen, das wurde aber nur in abgezählter Stückzahl auf Vorbestellung gebacken. Das normale Brot bestellte man besser auch, denn sonst war am Nachmittag häufig nichts mehr übrig. Wenn man Samstagmorgens Brötchen zum Frühstück wollte, musste man sich den Wecker stellen, denn nach 8 oder allerspätestens halb 9 hatte man nur selten Glück. Wenn etwas aus war, wurde nicht mehr nachgebacken, das gab es dann eben am nächsten Tag wieder. Aber für Notfälle, gab es immer eine tiefgekühlte Reserve an Brot aus der privaten Tiefkühltruhe der Bäckersfamilie. Auch am Mittwochnachmittag, an dem der Laden eigentlich geschlossen war. An den anderen Nachmittagen gab es Kaffeestückchen. Die besten Nougatplunder der Welt (und ich habe mittlerweile viele verschiedene an verschiedenen Orten probiert), Zimtschnecken mit dickem hellen Zuckerguss, die ganz ok waren, wenn man die Rosinen rauspickte, Streusselstückchen und diverse Blechkuchen, je nach Saison. Damals wurde noch jeden Nachmittag der Kaffeetisch gedeckt und fast immer gab es ein Stückchen dazu.

Zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, wenn im Ort der traditionelle Krämermarkt veranstaltet wurde, gab es ausserdem Schillerlocken, gefüllt mit Sahne oder Buttercreme und sog. Maatsweck. Das war vom Teig her etwas ähnliches wie Rosinenbrötchen, aber ohne die doofen Rosinen (ich mochte sie trotzdem nicht, ausser in kalte Milch getunkt). Zu Beerdigungen wurden die gleichen Brötchen zum Trauerkaffee gereicht, da hießen sie allerdings nicht Maatsweck, sondern Beerdigungs- oder Totenweck.

Über der Ladentür hing eine große Glocke, die anschlug, wenn man die Tür öffnete und dann dauerte es meist nur einen kleinen Augenblick bis die Bäckersfrau durch die immer offenstehende Schiebetür hinter der Theke den Laden betrat. Tante Hilde. Oder eigentlich eher sowas wie „Dante Hilde“, weil das der Aussprache im Dialekt meines Heimatortes viel eher entsprechen dürfte. Wobei das „D“ in „Dante“ ein bisschen härter als ein normales „D“ und das „T“ ein bisschen weicher als ein normales „T“ gesprochen wird. Natürlich war sie nicht meine echte Tante, aber alle Kinder im Dorf nannten sie so, obwohl sie vom Alter her eher unsere Oma hätte sein können. Tante Hilde trug immer ihre Haare in einem korrekten Dutt hochgesteckt, der war ziemlich breit und groß und saß ziemlich weit oben auf ihrem Kopf. Deutlich weiter vorne als bei den meisten anderen Frauen, die einen Dutt trugen. Darüber trug sie, wenn sie in der Backstube oder im Laden war, immer ein Haarnetz, das in der Farbe ein kleines bisschen heller war, als ihr eigener Haarton, sodass man das immer sehen konnte. Und sie hatte immer eine dunkelblaue Kittelschürze mit adrettem weissen Kragen und weiss eingefassten Säumen an.

Oben auf der Ladentheke standen die Dinge, die damals unsere Kinderherzen am meisten begehrten. Kleine Gefäße mit allerlei Süßigkeiten, je für wenige Pfennige zu haben. Da gab es kleine rote Kirschlutscher mit grünen Pappstielen, bunte Kaustäbchen in Orangen-, Himbeer- und Zitronengeschmack, Lakritzschnecken, die ich schon als Kind nicht mochte, essbare Schnüre mit Apfel- und Colageschmack, weisse Schaummäuse und vor allem die runden Brausebonbons, die nur 2 Pfennige das Stück kosteten. Obwohl wir die einzelnen Preise natürlich auswendig konnten, standen wir immer lange überlegend und halblaut zusammenrechnend da und verplanten unser Taschengeld. Wir alle hatten Tante Hilde wirklich lieb. Nicht nur, dass sie immer freundlich zu uns war und ohne zu drängeln abwartete bis wir endlich wussten, was wir wollten. Sie verlor auch nie die Geduld, wenn sich wieder mal jemand verrechnet hatte und oft packte sie uns ein, zwei Dinge mehr in die kleinen, weissen Papierspitztüten, in denen wir die Kostbarkeiten aus dem Laden trugen. Und wenn man mit dem für Brot exakt abgezählten elterlichen Geld geschickt wurde, schenkte sie einem immer einen der Kirschlutscher oder eine weisse Maus, damit man nicht leer ausging. Ich war ungefähr 10 als sie starb und ich war damals lange traurig und habe sie vermisst, wie viele andere Kinder im Ort auch.

Tante Hildes Mann, der alte Bäcker, an dessen Namen ich mich gar nicht mehr erinnern kann, bekam man nur selten zu Gesicht. Eine Staublunge hatte er, durch das jahrzehntelange Einatmen des feinen Mehlstaubes ohne Mundschutz und er war schon, als ich noch recht klein war, sehr krank. Der Sohn hatte danach die Backstube übernommen, Bäckers Arnold – sprich: Bäggösch Annold, das „ö“ ganz weich gesprochen. Die Bäckersfamilie hieß nicht Bäcker, aber in meinem Heimatdorf war es üblich, dass die Leute sog. Dorfnamen hatten. Die waren Generationen früher, viele anhand der damaligen Berufe der Menschen, entstanden und zogen sich durch die Generationen fort. Oft war auch der Name mit dem Haus seiner früheren Bewohner verhaftet. Zogen Auswärtige in ein altes Haus, so bekamen sie auch oft den Dorfnamen der früheren Bewohner verpasst, da hieß man dann zB Zinke-ihr-nu-Fraa.

Morgens, wenn wir zur Bushaltestelle gingen, um mit dem Schulbus zur Schule zu fahren, hatte der Bäckersladen noch geschlossen. Aber hinten, an der Tür von der Backstube zum Hof, brannte immer für uns Kinder Licht. Die Backstubentür war nur angelehnt und wir mussten nur kurz rufen, dann kam der Bäcker mit einem Blech frischer, noch warmer Weck zur Tür. Er stellte sein Blech ab, nahm ein großes Messer, schnitt die Brötchen auf und packte einen der Mohnköppe, die Tante Hilde auf einem silbernen Tablett bereit gestellt hatte, in jedes Brötchen und jedem von uns einen Mohnkoppweck in eine Papiertüte. Mohnkoppweck, so hieß das damals in dem Ort. Erst Jahre später wunderte ich mich, weil da ja eigentlich gar kein Mohn drin war und noch später war der Begriff „Mohrenkopf“ politisch überaus unkorrekt. Vielleicht war er das auch damals schon, aber nicht in diesem Ort, in dieser kleinen Blase, in der man lebte. Die heutigen Schokoküsse hießen nunmal so. Das Geld, 25 Pfennige kostete dieser köstliche süße Genuss, hatten wir abgezählt in der Hand, denn es musste schnell gehen, damit wir den Bus nicht verpassten.

Ein paar Jahre später baute Bäckers Arnold sein Elternhaus um. Dort wo es links zur Wohnung der Bäckersleute ging, baute er einen größeren Laden hin mit einem eigenen Eingang und mit großem Schaufenster, vielen beleuchteten Regalen, hellem Fließenboden und einer Vitrine, so groß wie der ganze alte Laden gewesen war. Es gab eine zweite Sorte Brot, ein Vollkornbrot und jeden Tag Weissbrot, auch ohne Bestellung und es gab eine dunkle Brötchensorte und samstags auch Käse- und Sesam- und Mohnbrötchen. Noch ein paar Jahre später, erkrankte auch Arnold an einer Staublunge. Er zog aus dem Ort weg und verkaufte die Bäckerei. An Auswärtige. Die blieben erst mal bei den altbewährten Rezepten, änderten und ergänzten erst mal nur zaghaft das Sortiment. Die „neuen“ sind mittlerweile längst eingebürgert, haben die Bäckerei immer noch.

Aber dieser Charme des alten Ladens, der Charme von Tante Hilde und von noch warmen Mohnkoppweck, frisch von der Backstubentür, der ist nurmehr eine schöne Erinnerung.

Katja

 

Blitz und Donner

Ich weiss nicht, ob es in meiner Kindheit so viel häufiger Gewitter gab als heutzutage oder ob mir das nur so vorkommt und ich weiss auch nicht, ob die wirklich fast alle nachts waren oder ob mir das in der Erinnerung nur so vorkommt.

Das Ritual war auf jeden Fall bei jedem Gewitter das gleiche:

Unabhängig von der Uhrzeit und dem Wochentag wurden wir von meiner Mutter bei Gewittern nachts aus den Betten gescheucht. Wir mussten uns komplett anziehen, inclusive – und das war besonders wichtig – festen Schuhwerks, damit wir schnell genug laufen konnten.

Dann saßen wir im Erdgeschoss, in der Küche meiner Großeltern, die der der Haustür dicht gelegenste Raum war, in einer Reihe auf Stühlen vor dem Küchenschrank und warteten darauf, dass der Blitz ins Haus einschlägt. Wir durften nicht am Tisch sitzen, weil es bei einem Einschlag zu lange dauern würde, bis wir die Stühle abgerückt und aus dem Haus gelaufen wären.

Meine Eltern und Großeltern hatten die wichtigsten Papiere in solchen kleinen Metallkassetten. Die standen bei meiner Mutter und Oma auf dem Schoß, damit sie sie bei der Flucht aus dem brennenden Haus schon in der Hand hielten, beim Einschlag direkt loslaufen könnten.

Bei ganz schlimmen Gewittern saß meine Oma auf ihrem Stuhl direkt vor der Haustür, die Hand in der Luft in der Nähe der Klinke, damit sie direkt durchstarten konnte. Das führte oft zu Diskussionen, weil ihr Stuhl ja dann allen anderen den Fluchtweg versperren würde.

Irgendwann zu Grundschulzeiten, ich weiss nicht mal mehr wie, informierte ich mich über Gewitter und verlor meine Angst. Das hat aber weder jemanden interessiert noch gefreut, stattdessen bekam ich Ärger, weil ich mich beim nächsten Gewitter weigern wollte, das Theater weiterhin mitzumachen.

Heute liebe ich Gewitter, besonders in der Nacht.

Katja