Gelesen im Februar 2016

Das war ein überaus ereignisreicher Monat und zum Lesen blieb schon wieder nicht so viel Zeit. Aber kann man sich ja nicht immer aussuchen und die Dinge, die die Zeit stattdessen beansprucht haben, waren überwiegend Gute.

John Green – Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Ich drücke mich jetzt schon seit 2 Wochen davor, hier meine Eindrücke über das Buch festzuhalten, weil mich die Geschichte und die Charaktere einerseits so sehr berührt haben und mir so nahe gekommen sind, dass ich ab irgendwann in der Mitte des Buches bis zum Ende fast nur noch weinend weiterlesen konnte (obwohl ich den Film vorher schon gesehen hatte und wusste, um was es geht), andererseits finde ich es unheimlich schwierig, inhaltlich etwas darüber zu schreiben, ohne zu spoilern. Ich bediene mich also mal am Klappentext, auch wenn der dem Buch mMn nicht wirklich gerecht wird:

„Krebsbücher sind doof“, sagt die 16-jährige Hazel, die selbst Krebs hat. Sie will auf gar keinen Fall bemitleidet werden und kann mit Selbsthilfegruppen nichts anfangen. Bis sie in einer Gruppe auf den intelligenten, gut aussehenden und umwerfend schlagfertigen Gus trifft. Der geht offensiv mit seiner Krankheit um. Hazel und Gus diskutieren Bücher, hören Musik, sehen Filme und verlieben sich ineinander – trotz ihrer Handicaps und Unerfahrenheit. Gus macht Hazels großen Traum wahr: Gemeinsam fliegen sie nach Amsterdam, um dort Peter Van Houten zu treffen, den Autor von Hazels absolutem Lieblingsbuch. Ein tiefgründiges, emotionales und zugleich freches Jugendbuch über Krankheit, Liebe und Tod.

Das war jetzt mein drittes John Green Buch und ich fand alle 3 sehr lesenswert.

 

Erich Kästner – Emil und die Detektive

Nachdem ich im Januar „Das doppelte Lottchen“ gelesen hatte, hat die liebe Jule mir in den Kommentaren für die nächsten Monate je ein weiteres Kästner-Buch ‚als Hausaufgabe‘ aufgegeben. Für den Februar war das „Emil und die Detektive“ und wiederum fand ich vor allem interessant daran, wie sehr sich die Welt seitdem verändert hat. Speziell die von den Jungs zur Schau getragene Uncoolness, die ja auf fehlende Notwendigkeit sich cool zu geben, hindeutet, hat mich sehr fasziniert. Ein bisschen mehr davon stünde uns allen heute immer noch gut.

 

Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt

Kurzgeschichten stehe ich ja eigentlich immer eher skeptisch gegenüber, weil wir die zu Abizeiten bis zum Umkippen sezieren mussten. Trotzdem hatte ich so viel Gutes über Karen Köhlers Raketenbuch gelesen, dass ich es gerne lesen wollte und das war eine gute Entscheidung, denn die Geschichten sind mir alle sehr nahe gegangen. Karen Köhler packt schwierige Themen an, in allen Geschichten geht es mehr oder weniger um Verlust, um Loslassen und das hat mir an manchen Stellen den Atem geraubt. Ihre Geschichten funktionieren, landen punktgenaue Treffer und sind dann auch schon wieder vorbei. Auch die Sprache bleibt dabei angenehm klar und schnörkellos. Ich bin ja ansonsten Freundin schöner Formulierungen, aber hier hätte das nicht gepasst, hätte die Wirkung zu sehr umgekehrt.

Eine echte Leseempfehlung, die allerdings nicht die Suche nach kurzweiliger Unterhaltung erfüllt, sondern oft betroffen zurücklässt.

 

Minette Walters – Das Echo

Ich habe so ein paar Autor*innen, auf die ich mich immer verlassen kann. Wenn ich total unschlüssig bin, was ich als nächstes lesen möchte, weiss ich bei denen, dass ich nichts verkehrt machen kann. Minette Walters ist eine davon. Bisher hat mich noch jedes ihrer Bücher in seinen Bann gezogen und so ging es mir auch mit ‚Das Echo‘.

Michael Deacon soll die wohlhabende Architektin Amanda Powell interviewen, die ein halbes Jahr zuvor die Leiche eines toten, offensichtlich verhungerten Obdachlosen, in ihrer Garage gefunden hatte. Amanda bittet ihn, ihr dabei zu helfen, herauszufinden, um wen es sich bei dem Toten handelt und warum er ausgerechnet ihre Garage ausgewählt hatte, um darin zu sterben. Denn daran, dass das seine Absicht war, bestand kein Zweifel, er saß neben der gut gefüllten Kühltruhe.

Michael findet schon nach kurzer Zeit heraus, dass Amandas Ehemann vor ein paar Jahren unter ungeklärten Umständen verschwunden war, just als er beschuldigt wurde, mehrere Millionen veruntreut zu haben. Handelt es sich bei dem Obdachlosen um James, Amandas verschwundenen Mann?

Wie alle Walters Krimis bleibt auch dieser bis zum Ende spannend. Flüssig lesbare, gute Unterhaltung.

Katja

Gelesen im Mai 2015

Huch! Eigentlich fühlte es sich so an als wäre ich im Mai kaum zum Lesen gekommen, aber dadurch, dass ich wieder oft morgens vorm Aufstehen gelesen habe, sind es am Ende tatsächlich so viele Bücher geworden.

John Green – Eine wie Alaska

Miles ist Aussenseiter an seiner Schule und hat keine Freunde. Das ändert sich schlagartig als er auf das Internat Culver Creek wechselt und dort den ‚Colonel‘, Takumi und Alaska kennenlernt und wo er sich Hals über Kopf in Alaska verliebt, die ebenso schön wie launisch ist.

Das ist zugegebenermaßen ungeheuer knapp, aber ich finde es immens schwierig, viel über den Inhalt des Buches zu schreiben ohne zu spoilern, daher lieber etwas über meinen Eindruck beim Lesen.

Nach ‚Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)‘ war das innerhalb kurzer Zeit der zweite Roman von John Green, den ich verschlungen habe. Alaska merkt man deutlicher die eigentliche Zielgruppe an, das ist schon recht deutlich ein Jugendbuch. Trotzdem hat es mir enorm gut gefallen. Ich mag Greens Stil, der sich sehr gut und flüssig lesen lässt und ich mag seine Figuren, die ich bisher durch die Bank weg sympathisch fand. Manchmal stört mich so etwas bei Büchern, wenn irgendwie alle zu den ‚Guten‘ gehören, aber gerade bei diesen Jugendbüchern mag ich es irgendwie, weil das Lesen ein bisschen eine Flucht in eine ‚bessere‘ Welt ist. Gerade in dem Alter, das die Protagonisten haben (so 16, 17) hätte ich mir damals ein bisschen mehr heile Welt gewünscht, von daher passt es für mich gut als Abtauchmöglichkeit. Das mag aber auf andere möglicherweise nervig wirken und ein bisschen zu glatt.

Dafür bietet die Geschichte hier jede Menge Drama, da landet man als Leser*in erst mal genauso unsanft, wie die Charaktere inmitten der Handlung es tun.

Was ich an Green ausserdem gerne mag, ist die Schrulligkeit, die seine Hauptpersonen aufweisen. Colin, der Protagonist der ersten Liebe hatte die Angewohnheit, im Kopf aus allen Worten / Sätzen Anagramme zu bilden. Miles kennt eine große Sammlung letzter Worte berühmter Personen auswendig, der Colonel die Hauptstädte aller Länder (und ab später im Buch auch die Einwohnerzahlen). Sowas mag ich, solche Besonderheiten und dass Green seinen Figuren so nahe ist, dass er ihnen solche Eigenarten andichtet.

Und jetzt wiederhole ich mich bewusst, denn das schrieb ich auch schon nach Lesen des ersten Buchs von ihm: Tolles Buch. Mehr von John Green bitte!

 

Viktor Staudt – Die Geschichte meines Selbstmords

Es ist kompliziert.

Auf der einen Seite hat die Lieblingscorina mir eine vom Autor signierte Ausgabe des Buchs geschenkt, weil sie ihn kennengelernt hatte und sehr beeindruckt von ihm war und signierte Ausgaben sind ja von Haus aus eher so „yeah! \o/“.
Auf der anderen Seite finde ich das Buch leider alles andere als „yeah“, bin aber geneigt anzunehmen, dass es möglicherweise eine andere Wirkung hat, wenn man den Menschen hinter dem Buch kennenlernt.

1999 warf Viktor Staudt sich in seinem damaligen Wohnort Amsterdam vor einen Zug, um sein Leben zu beenden. Er überlebte, allerdings verlor er seine Beine und sitzt seitdem im Rollstuhl. In dem Buch erzählt er, chronologisch ein bisschen durcheinander, mit stetigen Rückblenden von seinem Leben. Was ihn in diese Situation auf dem Amsterdamer Bahnhof gedrängt hat, von den anschließenden Krankenhaus- und Reha-Aufenthalten und „wie ich das Leben wiederfand“, was auch Untertitel des Buches ist.

In Kürze zusammengefasst waren es Depressionen und Panikattacken, die ihn soweit brachten und die richtigen Medikamente zur Behandlung seiner Borderline-Störung, die am Ende die Lösung brachten.

Und – das ist für mich das eigentlich Schlimme an dem Buch – das war’s auch quasi schon. Da leidet einer 15 Jahre lang an Angstattacken und statt sich mal damit auseinanderzusetzen, was da überhaupt passiert, sucht er immer neue ‚Kicks‘, weil es solche Situationen sind (zB er in einer Bar strippend oder bei einem Fotoshooting,…) die ihn die Angst vergessen lassen. Schließlich schnürt ihn die Angst so vom Leben ab, dass er im Internet aktiv wird, aber auch hier nicht auf der Suche nach Hilfe oder um erst mal zu verstehen, was da mit ihm los ist und passiert, sondern in einer Newsgroup, die das suicide schon im Namen trägt und wo, wenn ich ihn richtig verstanden habe, eher über mögliche Methoden als über Hilfemöglichkeiten diskutiert wird.

Und dann, und das hat mich vermutlich am meisten an dem Buch angekotzt (bitte entschuldigt die derbe Formulierung) – schreibt er immer wieder, wie sehr ihn Menschen bewundert hätten. Für seinen Mut, sich vor den Zug zu werfen. Für seine Stärke und den Mut nach der Amputation weiterzumachen.

Wer mich eine Weile kennt oder hier liest, weiss, dass es auch in meinem Leben eine lange Phase gab, die so dunkel war, dass ich dachte, es gäbe keinen anderen Ausweg und ja, auch ich habe mir damals den „Mut“ gewünscht, meinem Leben ein Ende zu setzen und fühlte mich feige, weil ich das nicht schaffte.

Möglicherweise ist diese Haltung in jenen dunklen Phasen auch verbreitet und üblich. Aber, großes ABER spätestens irgendwann, wenn ich nach eigener Aussage ins Leben zurückgefunden habe, finde ich es merkwürdig, das so unreflektiert aufzuschreiben (noch dazu in einem Buch), denn letztendlich ist dieser letzte Ausweg, der Weg der Verzweifelten und, sich dem Leben zu stellen und sich bewusst dafür zu entscheiden und all den Mist, der einen dadurch erwartet, anzunehmen ist mMn der eigentlich mutige Weg.

Mich hat gestört, dass der betroffene Zugführer zwar insofern thematisiert wird, dass Viktor Staudt fast schon in beleidigtem Ton darüber berichtet, dass dieser nichts mit ihm zu tun haben wollte, obwohl er ihm ja sogar einen Entschuldigungsbrief geschrieben hätte, aber mir fehlt die Selbstkritik, dass er da möglicherweise einen anderen Menschen stark traumatisiert hat. Mir fehlt die Einsicht, dass von allen Möglichkeiten, sein Leben freiwillig zu beenden, die beschissenste Idee ist, andere, unbeteiligte Menschen da mitreinzuziehen.

Dieses egozentrische Weltbild bestimmt für mich das ganze Buch. Natürlich kann er mit Bestimmtheit nur aus eigener Sicht und eigenem Empfinden schreiben, aber wo bleiben Verständnis und Empathie für sein Umfeld und wenigstens der Versuch, mal den eigenen Blickwinkel zu verlassen? Mir fehlt in weiten Teilen eine Art Reflexion, eine Auseinandersetzung mit dem, was er in den Jahren so gemacht hat. Das steht einfach alles so da, so war das eben.

Die Diagnose der Borderlinestörung bekommt er Jahre vorher und zerreisst den Behandlungsbericht? Und dann am Ende ist die Lösung und der Ausweg so einfach, dass es nur um die passende Medikation ging, die in den ganzen Jahren einfach gefehlt hat? Und natürlich hat das die ehemalige Hausärztin verbockt, die die falschen Medikamente verordnet hat als er zuerst wegen der Angstattacken bei ihr war. Im Epilog fragt er sich, wie sein Leben hätte verlaufen können, wenn er da keine Beruhigungsmittel sondern schon die richtigen Medikamente von der Hausärztin bekommen hätte. Er fragt sich aber nicht, wie sein Leben hätte verlaufen können, wenn er selber etwas anders gemacht hätte und zB zu einem weiteren Arzt gegangen wäre, der dann möglicherweise schon passende Medikamente verordnet hätte. Ihm blieb kein anderer Ausweg als der mit dem Zug…
Als jemand, der die Schuld quasi immer bei sich selber sucht, sich selber wegen alles möglichen zerfleischt und sich selber für verantwortlich hält, kann ich eine solche Sichtweise auf die Welt echt nur ganz schwer aushalten.

Mir ist es verflucht wichtig, dass wir möglichst offen über psychische Erkrankungen reden und mit ihnen umgehen können. Ich wünsche mir sehr, Depressionen seien kein Tabuthema mehr, weil ich daran glaube, dass es dann auch einfacher würde, sich Hilfe zu holen.

Vielleicht ist dafür auch Aufmerksamkeit in jeglicher Form gut und auch dieses Buch hat seinen Platz. Mich macht es allerdings wütend, denn es rührt ja auch in mir als seit Jahren an Depressionen und Angst Erkrankte (und ich schreibe bewusst nicht darunter Leidende) etwas an, weil das Thema an sich mir so vertraut und nahe ist. Vielleicht bringt es mich so auf, weil man ja unter ‚Leidensgenossen‘ immer hofft, sich selber irgendwie wiederzufinden, die eigenen Gedanken und Probleme und auch Lösungswege. Vielleicht regt es mich so auf, weil Viktor Staudts Weg so völlig anders ist als meiner, weil ich nur schwer verstehen kann, wie das ist, wenn der Wechsel zwischen Suizidalität und alles irgendwie cool & froody nicht ein hartes Stück Arbeit mit sich selber und die Auseinandersetzung mit sich selber, sondern vor allem die Einnahme der richtigen Tablette ist. Das erscheint mir, ein so falsches Bild nach ‚aussen‘ vermittelt, als wäre es tatsächlich so einfach („Du musst doch einfach nur….“ in diesem Fall dann die richtige Tablette einwerfen. „Guck, bei dem klappt’s doch auch.“). Aber – und das ist ja eigentlich klar, so verschieden wie Menschen nun mal sind – auch wir Depressiven ticken auf völlig unterschiedliche Art und Weise und es gibt kein objektives Richtig oder Falsch, sondern jede muss irgendwie ihren eigenen Weg finden und das ist eben Viktors Staudts Weg. Und vielleicht ist es für manche so einfach und es geht nur um die richtigen Pillen. Entschuldigung also für die Wut, die mir gar nicht zusteht. Ausser vielleicht in der Sache mit dem Reinziehen von Unbeteiligten.

Es ist kompliziert.

 

Doris Wolf, Rolf Merkle – Gefühle verstehen, Probleme bewältigen

Wir fühlen das, was wir denken. So lässt sich wohl in aller Kürze die Kernthese des Buchs zusammenfassen. In loser Zusammenstellung von einzelnen Aufsätzen betrachten Wolf und Merkle einzelne Gefühls-Themenbereiche und geben Tipps, wie man selber die Verantwortung für’s eigene Fühlen übernehmen und sich durch positivere Denkweisen besser fühlen kann.

Nach einem ersten Lesen bin ich noch recht unschlüssig. Dass viele Gefühle von meiner eigenen Wahrnehmung, meinem Blick auf Situationen abhängen, ist nichts neues für mich, aber es ist trotzdem interessant zu lesen, wie das im Buch aufgedröselt wird. Trotzdem, da wo es an die Arbeit und das Umdenken / Umlernen geht, erscheint es mir auf den ersten Blick deutlicher an der Oberfläche zu bleiben als jener Selbsthilferatgeber zum Thema Selbstachtung, was natürlich bei der Themenvielfalt kein Wunder ist.

Muss ich mich noch ein bisschen mit beschäftigen und sicher noch ein-, zweimal lesen und auch tatsächlich damit arbeiten, bis ich etwas darüber sagen kann, ob es für mich persönlich hilfreich war. In jedem Fall ist es aber ein weiterer Schritt beim Verständnis der Zusammenhänge des Denkens und Fühlens.

Insofern: lesenswert. Wenn man sich allerdings zum Arbeiten mit nur einem Buch entscheiden möchte oder müsste, wäre meine Empfehlung eher ‚So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen‘ von Rolf Merkle.

 

Eoin Colfer – Artemis Fowl, Die Akte

Das war jetzt leider der wirklich allerletzte Band der grandiosen Artemis Fowl-Reihe von Eoin Colfer, wobei „Die Akte“ eigentlich gar kein echter Band mehr ist, sondern eine Sammlung, die zwei (Kurz-)Geschichten enthält (in einer davon erfährt man, wie Holly Short der erste weibliche ZUP-Officer wurde), Aufzeichnungen Artemis, wo er die verschiedenen Wesen des Erdvolks charakterisiert, sowie geheime Interviews mit den Hauptcharakteren der Reihe. Also alles in allem eine Materialsammlung, an der kein echter Fan vorbeikommt. Der einzige Haken: es ist viel zu kurz und zu schnell gelesen.

 

A. Lee Martinez – Der Mond ist nicht genug

Als Diana ihre neue Wohnung bezieht, ahnt sie nicht, dass im Schrank das buchstäbliche Monster wohnt, das sie fressen will, sobald sie den Schrank öffnet und auch nicht, dass ihre Realität nie wieder so sein wird, wie sie einmal war.  Doch sie bekommt das wirklich gut hin, arrangiert sich mit der neuen Wirklichkeit und auch mit dem gefräßigen Vorm, ‚adoptiert‘ dann ratz fatz noch ein, zwei, drei weitere Monster, die ja auch nur hilflose Wesen sind, die sich in dem Paralleluniversum, in dem sie unbeabsichtigt gelandet sind, zurechtfinden müssen und hilft nebenbei noch dem skurrilen Hausverwalter das Universum am Laufen zu halten.

Ich ahne, wenn das so weitergeht, kann ich irgendwann nicht mehr glaubhaft versichern, dass ich Fantasy nicht mag. A. Lee Martinez Buch hat mir viel Spaß gemacht. Das ist keine tiefschürfende Geschichte (und die muss es ja wahrlich nicht immer sein), aber eine ordentliche Gaudi, die sich gut runterlesen lässt. Schön. Ich bin gespannt auf weitere seiner Bücher.

 

Juli Zeh – Corpus Delicti. Ein Prozess.

In einer Zukunft, in der es kaum noch Krankheiten und Schmerzen gibt, überwacht der Staat seine Bürger vollständig, damit diese nach der ‚Methode‘ leben, einer Ideologie, bei der es keine individuellen Interessen mehr gibt, sondern das gesunde Leben des einzelnen bis ins kleinste Detail protokolliert wird.

In dieser Welt muss sich die junge, schöne und bis dato erfolgreiche Mia Holl vor Gericht verantworten, zunächst nur weil sie ihr Sportpensum nicht erfüllt hatte, doch das steigert sich immer weiter bis ihr terroristische Handlungen und Staats- bzw. Methodenverrat zur Last gelegt werden.

Nuuu ja.

Der Gedanke an diese vollständige Überwachung ist – wie bei all diesen Überwachungsstaatdystopien – erschütternd und doch ist das Buch mir nicht zu recht nahe gegangen. Zu wenig greifbar blieb die Protagonistin für mich. Zunächst ist sie zu rational, dann der plötzliche Wandel und sie handelt nur noch noch ihren Emotionen, um sich am Ende selbst zur Gallionsfigur einer Bewegung hochzustilisieren, mit deren Handeln sie eigentlich nichts zu tun hat oder haben will. Interessantere Figur ist ihr Gegenspieler. Der tut alles, um die Methode zu schützen und schreckt auch nicht davor zurück, Zeugen unter Druck zu setzen und Beweise zu fingieren. Trotzdem kam mir das alles beim Lesen nicht nahe, blieb mir fern und abstrakt, was bei einer Dystopie keine gute Voraussetzung ist.

 

Ernest Cline – Ready Player One

Noch eine Dystopie, angesiedelt von hier aus ca. 50 Jahre in der Zukunft. Die Energiekrise ist weit fortgeschritten, die Städte zerfallen, die Umwelt ist kaputt, die Menschen flüchten vor der realen Welt in eine riesige Online-Welt – die Oasis – die quasi alle Funktionen des Internets übernommen bzw. integriert hat. Der Zugang ist kostenlos und man bewegt seinen Avatar durch die virtuellen Welten.

Als der Multimilliardär James Halliday, Kind der 1970er mit einer großen Leidenschaft für die Computerspiele, TV-Serien, Kultfilme und Musik der 80er Jahre und Schöpfer dieser gewaltigen Simulation,  in der es sogar ein offizielles Schulsystem und einen eigenen Planeten voller öffentlicher Schulen gibt, stirbt, startet er ein großes Spiel. Der Spieler, dem es zuerst gelingt, anhand von Rätselaufgaben, die sich auf Hallidays Leidenschaften beziehen, 3 Schlüssel zu finden, durch die 3 Portale zu gehen, die dort gestellten Aufgaben zu meistern und so das von Halliday in der Oasis versteckte Easter-Egg zu finden, soll die Oasis und Hallidays gesamtes Milliardenvermögen erben.

Wade Watts, im echten Leben jugendlicher Waise, der im Trailerpark bei seiner Tante lebt, benennt seinen Avatar nach dem gleichnamigen Gralssucher um in Parzival und macht sich mit mehreren Tausend weiteren Jägern auf die Jagd nach den Schlüsseln. Als er – als allererster – den ersten findet, ist sein Avatar plötzlich in der ganzen Oasis berühmt und darüber hinaus auch in zunehmender Gefahr, denn die Sechser, die gleichförmige Avatararmee der Firma IOI wollen natürlich auch die ersten sein, die das Ei finden, um die bis dahin kostenlose Oasis in ein, für die Firma, lukratives Geschäftsmodell umzuwandeln. Dafür schrecken sie auch nicht davor zurück in der realen Welt auf die Menschen hinter den Avataren zu machen. Es geht also nicht mehr nur darum, selber zu gewinnen, sondern auch zu verhindern, dass einer der Sechser gewinnt und es geht um’s Überleben.

Das für mich wirklich unglaubwürdigste an der Geschichte ist, dass es Wade so dermaßen drauf hat. Er ist nicht nur in sämtlichen Computerspielen überlegen gut, er hat auch sämtliche Lieblingsfilme und Serien Hallidays teils über 100 Mal angeschaut, um die gestellten Rätsel zu knacken _und_ dabei hat er sich dann auch noch den ganzen Kram gemerkt. Also nicht nur, was da passiert, sondern auch in welcher Folge das der Fall war. Das ist einfach komplett unrealistisch, dass man so viele Details im Gedächtnis nicht nur gespeichert sondern auch abrufbar hat.

Wenn man das aber ausblendet ist das eine tolle Geschichte. Ich mag die popkulturellen Referenzen, auch wenn ich bei den amerikanischen Serien der Zeit und bei vielen der vorkommenden Spiele weniger Bezug habe als zu Musik und Filmen. Aber ich finde die ganze Idee dieser virtuellen Welt und auch der Jagd sehr faszinierend. Cline mag die 80er, das merkt man beim Lesen und hat ihnen hier ein tolles Denkmal gesetzt, das ich in den letzten Tagen oft am liebsten gar nicht aus der Hand gelegt hätte. Interessante Ideen, schön erzählt und flüssig lesbar – ich musste häufig an die Zeiten denken, als ich viele Adventures gespielt habe und wie es sich anfühlte, wenn man tagelang an der gleichen Stelle festhing und dann plötzlich eine Eingebung hatte, wie es weitergeht. Gutes Buch.

Katja

Gelesen im April 2015

Im Vergleich zu den Monaten vorher, habe ich im April nicht so viel gelesen, was möglicherweise auch ein bisschen daran lag, dass ich mich durch den 800-Seiten-Band von Elizabeth George dieses Mal wirklich ziemlich durchquälen musste.

Dafür waren die anderen beiden Bücher wirklich groß! John Green hat mir so gut gefallen, dass ich im Moment schon das nächste von ihm lese und den Baker, auf den ich durch Anettes Rezension gestoßen bin, hätte ich am liebsten auch nicht aus der Hand gelegt. (Wer Anettes Blog noch nicht kennt, der bzw. dem sei es hier übrigens mal warm empfohlen. Ich mag eigentlich lieber so gemischte Feld-Wald-und-Wiesenblogs und lese wenige monothematische Blogs, aber Anettes Bücherblog lese ich unheimlich gerne, weil ich ihre Rezensionen als genau richtig empfinde. Die sind so informativ, dass ich eine Vorstellung davon bekomme, ob das Buch was für mich wäre und kurz genug, dass ich sie gerne lese.)

John Green – Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)

Nachdem ich vor kurzem den Film ‚Das Schicksal ist ein mieser Verräter‘ gesehen hatte, wollte ich unbedingt ein Buch von John Green lesen – nur nicht direkt das Schicksal, da wusste ich ja schon, dass mir der Film gefallen hatte und der Eindruck war auch noch zu frisch. Also wurde es ‚Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)‘.

Colin ist ein hochbegabtes Wunderkind, der – als eine seiner Besonderheiten – aus allem (im Kopf) Anagramme bildet. Eine weitere Besonderheit ist, dass Colin, schon ganze 19 Freundinnen hatte. Das alleine mag noch keine so aussergewöhnliche Besonderheit sein, doch alle 19 hießen Katherine. Gerade hat Katherine XIX sein Herz gebrochen und Colin lässt das Sommercamp für Wunderkinder in diesem Jahr ausfallen und steigt mit seinem (einzigen) Freund Hassan ins Auto und die beiden fahren einfach drauf los bis sie ein Schild an der Autobahn entdecken, das besagt, dass man in Gutshot das Grab von Franz Ferdinand besichtigen kann.

Bei der Führung lernen sie Lindsey Lee Wells kennen und kurz darauf deren Mutter, die in einer rosafarbenen Villa lebt und DIE Fabrik des Ortes betreibt. Hollis bietet den beiden einen Ferienjob an und so bleiben sie in Gutshot, wo Colin an einem Theorem arbeitet, bei dem er seine Erfahrungswerte mit den 19 Katherines in eine Formel verwursten will, die sämtliche Beziehungen in ihrer Länge und der Frage, wer wen sitzen lassen wird, erfasst und somit das Liebesglück vorhersehbar macht.

Nebenbei schließen sie Freundschaft mit Lindsey, Hassan küsst zum ersten Mal ein Mädchen, Colin lernt Geschichten so zu erzählen, dass sie nicht langweilig sind und sie gehen auf Schweinejagd und scheuchen dabei nicht nur angriffslustige Hornissen auf.

‚Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)‘ ist eigentlich ein Jugendbuch, abgesehen davon, dass die Protagonisten Jugendliche sind, merkt man ihm das aber mMn wenig an und es ist auch für Erwachsene gut lesbar. Worauf ich nach dem Film gehofft hatte, hat sich als für mich wahr herausgestellt: John Green weiss auf jeden Fall, wie man Geschichten erzählt. Die Charaktere haben Tiefe, die Geschichte ist interessant und gut lesbar erzählt und bekommt immer noch rechtzeitig die Kurve, bevor es ins Kitschige abgleitet. Tolles Buch. Mehr von John Green bitte!

 

Elizabeth George – Asche zu Asche

„Asche zu Asche“ ist handlungschronologisch der 7. Band um Elizabeth Georges Inspector Lynley und ich habe erst gerade, nachdem ich fertig war gemerkt, dass ich ihn versehentlich vorm 6. gelesen habe – was aber so wenig stört, dass es mir tatsächlich erst nach der Lektüre aufgefallen ist.

Nachdem die vorherigen Bände so um und bei 450 Seiten hatten, kommt „Asche zu Asche“ mit 800 Seiten fast doppelt so dick daher und das hat dem Buch, mMn nicht so arg gut getan. Vielleicht ist es auch die Überladung der Handlung, weswegen ich mit diesem Band bisher insgesamt am wenigsten anfangen kann. Der Mord an Kenneth Fleming, einem bekannten Cricket Champion und die folgende Ermittlung, eine militante Organisiation, die Labortiere befreit, die ALS Erkrankung einer der Protagonistinnen. Da werden viele Dinge miteinander verknüpft, viele Fäden aufgenommen – zudem macht Lynley seiner Angebeteten einen Heiratsantrag, seine Partnerin im Team bei Scotland Yard, Barbara Havers, hat eine neue Wohnung bezogen, die örtliche Polizei in Kent und deren Brandexpertin ermitteln parallel und es kommt zu Reibereien – aber alles wirkt ein bisschen halbherzig in diesem Band. Viele angefangene Fäden werden nicht zu Ende gesponnen, sondern gehen einfach unterwegs verloren. Dafür werden die Klischees umso deutlicher gezeichnet. Was mich in bisherigen Bänden fasziniert hat – die unterschiedlichen sozialen Schichten, denen Lynley und Havers angehören und wie sie sich dabei in den Ermittlungen ergänzen, das alles kommt dieses Mal nicht so wirklich hervor und in der Beziehung zwischen Lynley und dessen mittlerweile Verlobten Helen zementiert George Rollenbilder aus dem vorigen Jahrhundert.

Näää. Das war nicht meiner und momentan bin ich nicht so erpicht* darauf, die Serie überhaupt weiterzulesen.

 

Jo Baker – Im Hause Longbourn

Während sich in den oberen Etagen des Hauses Longbourn Jane Bennet in Mister Bingley verliebt und Elisabeth Bennet damit beschäftigt ist, Mister Darcy abscheulich zu finden, sorgen die Dienstboten des Hauses für einen möglichst reibungslosen Ablauf des Haushalts. Um genau jene Dienstboten bei den Bennets geht es „Im Hause Longbourn“ von Jo Baker. Während ganz am Rande des Buches die Handlung von Jane Austens großartigem „Stolz und Vorurteil“ abläuft, beschreibt Jo Baker das Leben der Angestellten im Hause. Hauptperson ist dabei Sarah, eines der Hausmädchen und man bekommt einen völlig anderen (zusätzlichen) Blick auf das Leben in England zu jener Zeit. Während bei Jane Austens Geschichte die Mahlzeiten, wenn Gäste da sind, aufgetischt werden, bekommt man bei Jo Baker Einblick in die Zubereitung in der Küche. Der Besuch des Erben bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn die Bediensteten versuchen, ihre Stellungen für die ungewisse Zukunft zu sichern und dass die Bennet-Töchter ständig über staubige oder gar matschige Landstraßen spazieren gehen, bekommt eine ganz andere Note, wenn man es aus der Sicht deren erlebt, die die dreckverkrusteten Rocksäume wieder sauberschrubben müssen – bis die Hände bluten und darüber hinaus.

Das wirklich geniale an dem Buch ist für mich aber, dass es eine ganz eigenständige Geschichte erzählt, bei der es zwar Überlappungen zu Austens Werk gibt (und natürlich ist der Lesegenuss größer, wenn man die Geschichte um Elizabeth und Darcy kennt), die aber trotzdem ganz für sich alleine steht. Es ist keine Nebenhandlung zur ‚Hauptgeschichte‘, sondern ein Buch über das Leben der Dienstboten – und speziell des Hausmädchens Sarah – um die Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert. Dabei ist die Sprache etwas rauher und die Themen etwas derber als bei Austen, das ist sehr stimmig für den geringeren Stand der Figuren.

Schönes, spannendes und interessantes Buch, das angemessen respektvoll mit der Vorlage Austens, ihren Figuren und ihrer Handlung umgeht. Einzig mit dem Ende tat ich mir ein bisschen schwer und bin nicht sicher, wie realistisch es für die damalige Zeit sein könnte. Aber letztendlich war es sehr stimmig für die Figuren, die ja auch ein wenig eigensinnig sind.

Ich muss jetzt dringend nochmal die BBC Verfilmung mit Colin Firth gucken und die Dienstboten – so sie zu sehen sind – mit angemessener Aufmerksamkeit und Respekt betrachten.

Katja

[*Die Redewendung „auf etwas erpicht sein“ stammt übrigens vom Verb „erpichen“, das im 16. Jahrhundert dafür verwendet wurde, wenn etwas mit Pech festgeklebt wurde. Man ist wie festgeleimt, auf etwas versessen. (Quelle)]

 

 

kurz zitiert #47

Weinen fügte etwas hinzu: Weinen war man selbst, plus Tränen. Doch das Gefühl, das Colin hatte, war das grausame Gegenteil von Weinen. Es war er selbst, minus etwas. Die ganze Zeit musste er über dieses Wort nachdenken – ewig – und spürte dabei direkt unter dem Brustkorb ein brennendes Reißen.

*

Lindsey hustete, murmelte:
„Verdammt“, und hustete wieder.
Hollis zobg die Brauen hoch. „Lindsey Lee Wells, du steckst sofort einen Vierteldollar in die Fluchbüchse.“
„Verflucht“, sagte Lindsey, „Pimmel, Arsch.“ Dann schlenderte sie zum Kaminsims und steckte einen Dollarschein in ein Einmachglas. „Ich hatte es nicht kleiner, Hollis“, sagte sie.

*

Wenigstens die Bücher waren ihm geblieben. Bücher waren die ultimativen Sitzengelassenen: Leg es weg, und es wird immer auf dich warten; schenk ihm Aufmerksamkeit und es liebt dich immer zurück.

 

(Alle aus: John Green – Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen))

Eines der Bücher, das ich gar nicht sitzenlassen, sondern immer zurücklieben möchte. ❤

Katja