Anspannung

Diese Tage, an denen du morgens schon vom Poltern der Handwerker wach wirst. Verstohlen aus dem Schlafzimmer um’s Eck zum großen Fenster lugen, ah da ist gerade niemand, dann ins Bad schleichen, von dort noch im Pyjama in die Küche, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Aaah. Treffer. Da hockt Silvio direkt vorm Fenster und guckt gerade hoch als sich die Lichtverhältnisse im Raum durch dein Türöffnen ändern. Hmpf. Also gut. Rückzieher. Erst mal was überziehen. Zurück in die Küche. Immer noch das mulmige Gefühl, dauerhaft beobachtet zu werden. Trotz der Gardinen, von denen du früher nie viel gehalten hast, ohne die es aber in dieser Wohnung, mit so vielen, so dichten Nachbarhäusern gar nicht geht. Es klingelt. Du gehst die Treppe runter zur Haustür. Wieder Silvio und der andere Ältere mit der schwarzen Mütze, dessen Namen du noch nicht kennst. Silvio am Telefonieren, der Ältere „Bitte Signora, machen Sie alle Rolläden hoch.“ „Die sind doch oben.“ sagst du. „Nein, du hast falsch geklingelt. Die oben sollen die Rolläden hochmachen.“ sagt Silvio dem Älteren. Dann den ganzen Vormittag Radau aus unbestimmten Richtungen rund ums Haus. Metallsägen vorm Fenster der Gästetoilette. Gepolter von oben. Mittagspause. Der Lieferwagen mit dem Aufdruck der Fassadenfirma fährt weg. Endlich durchatmen. Du merkst, wie dir das beklemmte Gefühl für einen Moment von den Schultern weicht. Dann plötzlich, als du aus dem Arbeitszimmer kommst, ist der Ältere direkt vorm großen Fenster, guckt dich an. Du zuckst zusammen, hattest nicht gehört, dass sie zurück sind. Sofort ist die Beklemmung wieder da. Du schleichst durch die Räume, die Augen immer hektisch in Richtung der Fenster gerichtet. Verziehst dich irgendwann wieder ins Arbeitszimmer, an deinen Schreibtisch. Nur da ist gerade Ruhe. Wieder die Metallsäge, so laut und durchdringend, dass es in der Stirn dröhnt. Durchatmen. Höchstens noch ein paar Wochen. Hoffentlich kommt kein Wintereinbruch, denkst du. Hoffentlich bleibt es einigermaßen trocken. Die sollen endlich fertig werden, denkst du. Dieses Gefühl, zu Hause dauernd unter Beobachtung zu stehen, dich nicht frei in der eigenen Wohnung bewegen zu können. Du schreckst hoch. Silvio steht direkt vor deinem Schreibtisch. Also natürlich nicht genau davor, aber vorm Arbeitszimmerfenster, hinter dem dein Schreibtiscch steht. Du hast in weiser Voraussicht kein Licht gemacht, damit man nicht noch besser reinschauen kann. Nirgendwo. Hältst dich den ganzen Tag in der viel zu dunklen Wohnung auf. Aber der Monitor beleuchtet dein Gesicht sicher hell. Du flüchtest. Wiedermal. Wie du schon den ganzen Tag auf der Flucht bist, dich von Fenster zu Fenster, von Raum zu Raum treiben lässt. Der Nacken schmerzt von den dauerhaft angespannten Schultern. Nochmal zurück ins Arbeitszimmer. Den Laptop vom Schreibtisch holen. Zurück in die Küche. Da stehst du jetzt, den Laptop auf der Arbeitsplatte. Lässt das beklemmende Gefühl durch die Finger in die Tastatur entweichen, hoffst, dass es aus dem Nacken verschwindet. Dann das Geräusch des vorbeifahrenden Lieferwagens. Endlich Feierabend. Morgen nochmal und übermorgen, dann zwei Tage Ruhe, dann noch eine Woche mehr und vielleicht noch eine und vielleicht hast du dann schon alles hinter dir.

Katja

Echt ausmessen

Es ist ja schon ein bisschen tragisch. Da hat man über Monate hinweg so viel Gedöns mit Vermietern und Handwerkern und vor allen Dingen ausbleibenden Handwerkern am Hals und das ist in der Gesamtheit so viel und so absurd, dass ich gar nicht mehr alles zusammenbekomme, um es hier mal gebündelt zur allgemeinen Belustigung aufzuzeichnen.

Eine der ganz frischen Episoden geht so, dass mich irgendwann Ende September einer der Fassadenbauer ansprach, die hier seit ungefähr Mitte September auf einem Gerüst ums Haus herumturnen, um das Haus zu dämpfen [sic!], ob ich am nächsten Tag da bin, dann käme er mal vorbei, um die zwei Fensterbänke in der Wohnung auszumessen, die er direkt mit austauschen bzw. überhaupt anbringen – denn in der Küche habe ich nach wie vor keine, obwohl die im März schon eingebaut werden sollte – will / soll, wenn außen die Fensterbänke neu gemacht werden. Dort, also außen, müssen auf jeden Fall neue angebracht werden, denn durch die Dämmung sind die alten ja viel zu klein.

Ich blieb also am nächsten Tag geduldig zu Hause und wartete bis Enzo schwer wichtig mit dem Zollstock rumfuchtelnd vorbeikam und hätte ja eigentlich schon skeptisch werden können, weil er außer dem Zollstock nichts weiter dabei hatte, wo er sich zB die Maße hätte notieren können. Er maß also aus, plauderte, um mir dann nach 10 oder 15 Minuten, nachdem ich ihm erzählt hatte, dass wir dann erst mal für 3 Wochen verreist seien, zu sagen, dass er dann nach unserer Rückkehr nochmal vorbeikäme um echt auszumessen. Das müsse er dann ja nochmal machen.

Aha?

Gestern dann: „Ey, sind sie morgen zu Hause? Dann komme ich nochmal vorbei um jetzt echt auszumessen für die Fensterbänke!“

Ich blieb also brav abwartend zu Hause und heute Nachmittag kam dann irgendwann nicht Enzo, der übrigens ein Cousin unseres Wohnungsverwalters, der wiederum übrigens ein Cousin der Mutter des Hauseigentümers, der wiederum übrigens Fußballprofi ist und das Haus nur kaufen musste, „damit der Bub sein Geld nicht komplett für Autos ausgibt“, sondern, wie sich im späteren Verlauf des Gesprächs rausstellte, Enzos Onkel. Ob der jetzt gleichzeitig auch der Onkel von all den anderen ist und ob die überhaupt irgendwie miteinander verwandt sind? Man weiss nix genaues.

Enzos Onkel kam also mitsamt Pudelmütze, Zollstock, mit dem er schwer wichtig rumfuchtelte (it’s running in the family…), einer 2 Meter langen Wasserwaage, die er aber im weiteren Verlauf gar nicht nutzte, sondern möglicherweise nur dabei hatte, um mich angemessen zu beeindrucken und *tadaaah!* einem echten Notizbuch zum Notieren von echt ausgemessenen Fensterbankmaßen vorbei. Dann murmelte er und maß und erklärte und überlegte und notierte sich gewissenhaft die Maße („Ey, hatte ich vorhin 15 gesagt? Wissen Sie noch? Ach, ich glaube, das wird schon passen!“), dann überlegte er weiter, murmelte weiter, erklärte weiter und sagte so nach insgesamt 10, 15 Minuten: „Ach wissen Sie was? Da muss ich dann mal vorbeikommen, wenn ich das von außen gemacht habe und dann nochmal echt ausmessen und dann kann ich erst bestellen.“

Die waren jetzt zwei Mal da, um wichtig mit Zollstöcken rumzufuchteln, ich bin so gespannt, was erst passiert, wenn sie dann ECHT ausmessen. Gnaaah.

Katja