Assoziationen

Vor zwei Tagen zog der Mitdings, während ich am Herd stand, neben mir stehend, schwungvoll seinen Gürtel aus dem Hosenbund und ich weiss nicht, was es genau in diesem Moment war (denn er macht das häufiger, weil er einen Gürtel zusammen mit mehreren Hosen benutzt) was mich so furchtbar erschreckt hat an der Geste. Vielleicht war es wirklich, weil er ihn ungewohnt schwungvoll herauszog, vielleicht auch, dass ich im Moment ein bisschen angeschlagen bin – aber in jenem Moment strömten massenweise Erinnerungen aus meiner Kindheit auf mich ein.

Seitdem zuckt mein linkes Augenlid und ich habe dauernd Atemnot und ein beklemmendes Gefühl in der Brust, von aufsteigender Panik und es kostet mich immense Kraft, diese Bilder, die irgendwo tief in meiner Erinnerung wohnen, wieder in diese Ecke zu verbannen, wieder aus dem Kopf zu bekommen.

Was ist das Gehirn doch manchmal für ein blöder Arsch, dass es einem solche Streiche spielt. Ich _weiss_, dass diese Situationen lange vorbei sind, dass mir im Hier und Jetzt nichts passiert. Auch nicht, wenn da jemand mit Schwung einen Gürtel aus einer Hose zieht. Und trotzdem. Die alte Angst ist wieder sehr real, die Bilder flackern vor Augen. Der Nacken ist völlig verspannt vom dauerhaften Kopfeinziehen.

Gestern habe ich das tagsüber gut mit jeder Menge Geschäftigkeit im Griff gehabt und das Zucken ging erst abends los, heute drehe ich schon den ganzen Tag am Rad. Der Blick verengt sich zum Tunnel, es pocht in den Schläfen und rauscht in den Ohren.

Dazu die Angst, dass das direkt (schon wieder) der Beginn vom Fallen sein könnte und darauf aufbauend, dass vielleicht alleine der Gedanke bzw. die Angst, dass das zum Fallen führen könnte, das Fallen auslösen könnte. Und die Spirale dreht sich und kreiselt im Kopf.

Vielleicht hilft (wieder mal) Aufschreiben.

Es ist hier sicher. Es passiert nichts. Die Bilder gehören in eine andere Zeit und Welt. In ein altes Leben.

Ey Gehirn, ist mal gut jetzt.

Katja

Kopfkino

Sie geht mir nicht aus dem Kopf, jene Frau, die gestern mit einem/ihrem Hund am Haus vorbeiging, während ich fensterputzenderweise aus dem Küchenfenster hing. Es war trüb und grau und fast schon dämmrig dunkel und sie trug eine große dunkle Sonnenbrille. In meinem Kopf lief direkt der Film los, dass sie darunter ein blaues Auge versteckte. Vielleicht war sie auch einfach verkatert oder hatte Migräne und selbst das wenige Dämmerlicht war ihr noch zu hell und sie hatte überhaupt nur des Hundes wegen das Bett verlassen oder vielleicht ist das auch nur ein modischer Tick, so wie die Pseudo-Coolness jener, die auch in der Disco die Sonnenbrille nicht abnehmen, aber diese Alternativen muss ich mir bewusst vor Augen halten. Jene andere Möglichkeit, die mit dem Veilchen, die ist automatisch da. Vorm inneren Auge habe ich sie ichweissnichtwieoft die Brille abnehmen sehen und das Auge gesehen. Und mich packt ein Gefühl von Hilflosigkeit und das alte Echo meiner eigenen Stimme flüstert grausig verzerrt ‚Alles ok, ich hab mich nur gestoßen‘.

Katja

Gewalt

Dass sie wirklich nichts von unserem Gespräch vor einigen Wochen richtig verstanden hat und dass sie sich wieder ihre Wahrheit so zurechtgebogen hat und alles vergessen und verdrängt hat, fällt mir mehr noch durch die Beiläufigkeit, mit der sie erzählt auf, als an ihren Worten.

„Und dann hab ich ihr gesagt, sie soll ihm einfach auf den Hintern hauen, wenn sie was von ihm will, so lange sie keine Stimme hat.“ Ich schnaube empört, sage entschieden „Nein! Schlagen soll sie ja wohl auf keinen Fall!“, was sie scheinbar endlich bemerken lässt, was sie da gerade verzapft. Sie stammelt „Ja aber so ein Klaps ist doch nicht schlimm und tut nicht weh.“

Dass Schläge viel mehr ausmachen, als den zu Körper verletzen, scheint sie immer noch nicht verstanden zu haben.

Siedend heiss kocht wieder die Erinnerung hoch an ein Telefonat vor einigen Jahren, als mein Neffe noch sehr klein war und so eine unruhige Phase hatte, wo er viel weinte. Damals erzählte sie mir mit ordentlich Stolz in der Stimme, dass sie meiner Schwester geraten hätte, ihm rechts und links eine runterzuhauen, wenn er nicht aufhören würde zu weinen. „Du“ fährt sie fort „hattest als Kind auch so eine Phase, wo du jeden Nachmittag geweint hast. Und dabei warst du noch nicht mal hingefallen oder hattest dir weh getan. Ich wusste gar nicht weswegen du weinst, es gab gar keinen Grund. Aufgehört hast du damals immer erst, wenn du rechts und links eine gekriegt hast. Anders konnte man dich gar nicht beruhigen.“

Damals habe ich nur den Mund aufgesperrt und das Gespräch nach einer Weile beendet. Damals hätte ich es noch nicht fertig gebracht, ihr energisch entgegenzutreten, wenn sie so Dinge von sich gibt.
Jetzt reagiert sie jedes Mal irgendwo zwischen verhalten, ungehalten und verschämt, wenn ich widerspreche, ihre wertvollen Erziehungsratschläge nicht bejubele, sondern ihr in bestimmtem Ton zu verstehen gebe, dass Schläge unter gar keinen Umständen und nie die richtige Methode sind.

Danach fühle ich mich dann fast schuldig und elend, weil ich an ihrem schönen Weltbild, von ihr als Supermom, rumkratze. Ihre Illusion störe. Zumindest für einen kurzen Moment. Als ich das irgendwann meiner Schwester gegenüber erwähne, dieses Schuldgefühl, sagt sie nur, dass der Knacks, den unsere Mutter in diesen kurzen Momenten davonträgt wohl in keinem Verhältnis steht zu dem, den wir unserer Kindheit verdanken. Trotzdem bleibt das Schuldgefühl, der Zweifel, ob ich ihr das antun muss.

Nach solchen Gesprächen verfällt sie für einige Tage oder auch Wochen in Schweigsamkeit mir gegenüber, bis sie sich ihr Bild wieder zurechtgezimmert hat, die Illusion „aber ich war euch doch eine gute Mutter“ wieder aufgerichtet hat.

Ich war bis zu diesem Gespräch nicht sicher, ob vielleicht doch wenigstens ein wenig bei ihr angekommen ist, worüber sie zwar nicht mehr spricht, aber was sie zum Nachdenken bringt, endlich dazu bringt sich ihren persönlichen Dämonen mal zu stellen.

Das Selbstverständnis mit dem sie immer noch Schläge als Allheil-, -hilfs- und Erziehungsmittel proklamiert spricht allerdings eine ganz andere Sprache.

Auch wenn mir echt die Hoffnung sinkt, dass das je wieder in ihr Bewusstsein eintritt, werde ich trotzdem in so Situationen die Klappe nicht mehr halten. Nicht ihretwegen oder ihrer Einsicht wegen, sondern nur noch meinetwegen. Alles (runter)geschluckt habe ich lange genug…

Katja