Say Cheese.

Seit Tagen den Editor offen, so so viel im Kopf, im Bauch, im Herzen, was gleichermaßen nach außen drängt und dringend, ganz klein zusammengerollt, innen drin bleiben will. Gedanken, wie flüchtige Schlieren von Milch, die auf Kaffee trifft und sich direkt im nächsten Moment alles durcheinanderwirbelnd vermischt, deren Spuren sich verflüchtigen, nicht mehr nachverfolgbar und erst recht nicht greifbar sind. Aufruhr, dessen Infragestellungsfragen so überriesengroß und furchteinflößend sind, dass der Nacken vom zu-ihnen-Aufschauen sicher weh tun würde, wenn die Angst davor nicht so allumfassend dafür sorgen würde, dass der Kopf kaum zwischen den Schultern rausgucken kann, während der Blick ins Leere gleitet, wechselt sich ab, mit ungläubig zaghaft fragendem Gibtsdaswirklichstaunen. Dazwischen die Erwachsene, erstaunlicherweise oft bei sich bleibend, verschwestert, gestärkt und manchmal den Selbsthass wie eine alte und zu groß gewordene Schlangenhaut abstreifend, trotzig ‚Hier, das bin ICH‘ sagend, manchmal (selten, aber immerhin) das ‚und das ist ganz ok so‘ denkend und die Kleine, gebeutelt, verletzt, so viel sinnlos und unmöglich ersehnend, im ewig erscheinenden Pingpong hin- und hergeworfen zwischen viel zu großen Gefühlen und Gedanken.

Seit Tagen den Editor offen und dann geht doch nicht mehr als diese kryptische Bestandsaufnahme des Moments, der nicht nur den aktuellen Moment, sondern den im weiter gefassten Sinne erfasst. Bestandsaufnahme. Aufnahme. Achtung Aufnahme. Jetzt bitte lächeln. Say ‚Gibtsdaswirklich‘ oder ‚Cheese‘. Und Klick.

Katja

 

Schmerzstellen.

Vielleicht muss man wirklich manchmal an die Stellen, die man lange gemieden hat, weil sie zu sehr schmerzen, zurückkehren, um herauszufinden, ob der Schmerz immer noch da ist und immer noch der gleiche ist oder ob es mehr die Angst vor dem (möglicherweise) wiedererwachenden Schmerz ist, die einen fern hält.*

Ich hab das heute mit einem Ort gemacht, vor dem ich mich jetzt lange gefürchtet habe, also nicht vor dem Ort, sondern dem, was an Erinnerung und Verlust daranhängt und es war gut, dorthin zu gehen, auch wenn es noch nicht diese Junimond-Sache ist, dass es jetzt nicht mehr wehtut, aber der Schmerz hat sich in den letzten 15 Jahren, denn so lange habe ich den Mut zurückzukehren, nicht aufgebracht, verändert.

Das Gefühl dort ist jetzt ein anderes und ich kann es noch gar nicht richtig greifen und einsortieren und konnte mich damit dann auch gar nicht direkt befassen, weil dann gleich so viel Action und Ablenkung kam, aber dass es anders ist, als damals, als ich dort zum letzten Mal war, das habe ich direkt gemerkt. Nur einmal bin ich in all der Zeit in die Nähe zurückgekommen und da konnte ich gar nicht so richtig gucken und reinspüren, war zu nervös, zu verwirrt, zu wasweißich. Das war heute anders. Ich war neugierig. Darauf, was noch gleich ist, darauf, was anders ist, darauf, was es mit mir macht. Ich musste vorgehen, nachschauen, es wissen.

Das ist alles noch unausgegoren, das muss noch in mir arbeiten, noch richtig ankommen. Aber es ist gut, dass ich mich dieser alten Angst endlich gestellt habe, dass ich dort war.

Katja

[*Beim nochmaligen Drüberlesen und -nachdenken glaube ich, das gilt sowohl für äußere Orte als auch für innere, an denen man bestimmte Erinnerungen und Gefühle vergraben hat. Und dass das der eigentliche Trick ist, nachdem ich jetzt äußerlich an den Ort zurückgekehrt bin, auch innerlich nochmal an diese Stelle im Leben zurückzukehren, die genau mit jener zusammenfällt, in der es mein Leben so aus der Bahn gehauen hat.]

Wenn man bei sich bleiben soll, aber gar nicht so recht weiß, wo man ist / 18 to go

Manchmal ist es wirklich zum Verzweifeln. Meine Freude darüber, Ruhe zu haben und dass das Telefon nicht klingelt, endet immer dann jäh, wenn du mich wieder mal durch Schweigen „abstrafst“, wochenlang nicht anrufst, weil ich wieder mal etwas für dich Unpassendes gesagt habe. Und ich verstehe es nicht, wieso ich dann nicht einfach froh sein kann. Kein abrupt beschissenes Gefühl, wenn dein Name auf dem Display leuchtet, kein innerer Widerstand, weil ich eigentlich gar nicht mit dir reden will, nur aus schlechtem Gewissen heraus, weil ich deine letzten 2, 3 Anrufe ignoriert habe, rangehe. Ich wünschte, ich könnte das einfach genießen. Stattdessen springt die Konditionierung an, die vermutlich beinahe so alt ist wie ich selber. Ich hab was falsch gemacht. Ich bin falsch, wie ich bin und deswegen nicht liebenswert, deswegen verdiene ich es, ignoriert zu werden. Oder damals schlimmeres.

Ich weiß nicht mal und frage mich das so oft, ob das bei dir wirklich bewusst abläuft, ob du das absichtlich so machst, damit ich’s auch ja merke und ein schlechtes Gewissen wegen meiner „Unartigkeit“ habe. Oder ob bei dir auch die Unsicherheit im Umgang miteinander dahintersteckt.

„Bleiben Sie bei sich.“ klingt es an diesen Stellen mittlerweile ganz automatisch in der Stimme des Therapeuten in meinem Kopf. Ich glaube, keinen Satz habe ich im letzten Jahr häufiger von ihm gehört. Nicht mal sein freundliches „Sorgen Sie gut für sich.“, das er mir oft zum Abschied mitgibt. Aber das schlechte Gewissen, das sich schon wieder seit Tagen regt, ist nicht wirklich das, was es bedeutet, bei mir zu bleiben.

Bei mir bleiben. Das ist so schwierig, so ungewohnt. Ich bin darin so ungeübt. Immer verstehen wollen, alle anderen. Und manchmal frage ich mich in letzter Zeit, ob das nicht einfach nur eine lebenslange Ablenkungstaktik ist, um mich nicht mit den eigenen Gefühlen beschäftigen zu müssen, um die ausblenden zu können. Immer vergessend, ignorierend, dass es für mich und meine Gefühle gar keine Rolle spielen sollte, was andere zu bestimmten Worten oder Taten bewegt, denn was das in mir und mit mir macht, ist ja eigentlich davon unabhängig. Oder sollte es sein. „Aber wenn’s doch einen Grund hat? Wenn’s doch irgendwie *verdient* ist?“ bohrt die innere Stimme, die schon mein Leben lang dafür sorgt, dass ich mich dauernd mit den Gefühlen anderer beschäftige und alles *in mir* auf die Ratio runterbreche. „Wenn sie’s nicht absichtlich macht, dann kann und darf ich doch gar nicht so und so fühlen.“ Und weg mit dem Gefühl. Das ist eh ein schlechtes, das brauche ich nicht.

Jetzt hänge ich irgendwo zwischen diesem alten Selbst, das genau *so* tickt, abgeschnitten von seinen tatsächlichen Gefühlen (und dabei dachte ich immer, ein ach so emotionaler Gefühlsmenschenknubbel zu sein) und zwischen dem neuen Selbst, das mühevoll versucht, Prozesse zu lernen, die eigentlich automatisch ablaufen sollten.

Katja

Sturm

An manchen Tagen fühle ich mich so einsam und von der Welt abgeschnitten. Niemand da, der versteht. Der mich versteht. Nur die, die glauben mich zu kennen. Die glauben, mir sagen zu müssen, wer und wie ich bin. Und das frisst an mir, in mir, zerfrisst mich von innen und ich weiss nicht, wo es herkommt, was es ist, was diesen Reiz so viel schlimmer macht als alle anderen. Diese Stelle von mir, in mir, die liegt im Dunklen, da bekomme ich kein Licht hin. Komme einfach nicht dahinter, welcher Nerv das ist, den es trifft. Komme nicht gegen die Gefühle an, die es auslöst, die mich lawinenartig von den Füßen reissen und unter sich begraben. Mich atemlos zurücklassen. Dann geht der Sturm drinnen weiter, in mir drin. Da ist soviel Wut und ich weiss nicht, wo sie herkommt, was sie ausmacht. So erschreckend viel Wut, wo ich doch normalerweise jeden kleinsten Impuls in diese Richtung unter Kontrolle halte. Es tobt. Stürmisch. Aufgepeitscht.

Wenn die Kraft aufgebraucht ist, legt der Sturm sich. Zurück bleibt Verzweiflung. Darüber nicht verstehen zu können, mich selber nicht zu verstehen in dieser Sache. Und Einsamkeit. Dieses Gefühl von der Welt abgeschnitten zu sein. Und dann Tränen, nichts als Tränen.

Katja

Katerstimmung

Enttäuschung, nicht über diese Sache an sich, sondern über die Botschaft, die mich zwischen den Zeilen anspringt. Vermutlich ist sie dort weder absichtlich platziert noch ist dem Sender überhaupt bewusst, dass es sie dort gibt. Und noch dazu bin ich die Erwachsene (naja), die Vernünftige (sollte zumindest) und versuche mir die ganze Zeit einzureden, dass das nicht so gemeint ist und dass ich das ausserdem vermutlich einfach runterschlucken sollte, so wie man das mit manchen Kränkungen, die ja nicht mal bewusst erfolgten, einfach machen muss.

Und trotzdem komme ich nicht gegen diesen blöden verweichlichten kindlichen verletzten Teil von mir an, der mir diese Gedanken dauernd wieder unterschiebt, mein Herz zum Schmerzen bringt und mir die Tränen in die Augen schießen lässt.

Ich stelle so vieles gerade in frage. Mich, meine Grundsätze. Die Lösung wäre so einfach, so kalkulierbar, so käuflich. Aber der Preis, meine Integrität, ist mir zu hoch. Und das nicht mal (nur) meinetwegen.

Traurig.

Katja