Momentbestandsaufnahme

Dann bist du krank und zwei Tage geht gar nichts und der Kopf ist wie mit Watte gefüllt und die Welt rundum dumpf und obwohl dich das ganze Kranksein – schon wieder Kranksein – nervt, bist du doch ganz froh über die Watte im Kopf und die Ruhe, die daraus entsteht, denn da wo viel Watte ist, ist kein Platz für allzu viele Gedanken. Da können sie überhaupt nicht ausholen und kreiselnkreiselnkreiseln und noch eine Schleife und sich verheddern und aufundab und dich dabei mitreißen. Zwei Tage Ruhe, zwei Nächte mit immerhin einigermaßen ausreichend Schlaf und dann ist diese ganze Krankseinfunktionsshice so ins System integriert, dass das Grübeln, einfach so, wieder nebenbei funktioniert und da ist zwar immer noch Watte im Kopf, aber die Zweifel drücken sie immer fester zusammen, nehmen immer mehr Raum ein, machen sich breit, kreiselnkreiseln und von vorne. Zu viele offene Baustellen auf einmal und du kommst nicht mehr hinterher beim Sortieren und Einordnen.

Und dann ist da so viel Traurigkeit in den letzten Tagen und Wochen und immerhin davon weißt du mittlerweile, was es mit ihr auf sich hat oder hast zumindest eine ziemlich starke Ahnung darüber, weißt, dass sie zwar im Jetzt getriggert und ausgelöst wird, aber eigentlich so weit in die Vergangenheit gehört, wie du überhaupt nur denken kannst. Du schaffst es zum ersten Mal, dir diese alte Sache überhaupt anzuschauen, nicht wegzuzucken, sie nicht wegzuschieben, sondern die Gefühle zuzulassen und den uralten Schmerz und das, wo er herkommt, zu betrachten, die Verzweiflung und Not zu spüren und das kostet Kraft und ist unendlich anstrengend, aber trotzdem ist da auch so etwas wie Hoffnung in dir, dass dir das Loslassen vielleicht doch irgendwann noch gelingen wird…

Katja

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Orrrr / 5 to go

Ganz super. Da entdeckst du nach so vielen Jahren auch diese neuen, anderen Gefühle, kommst zum ersten Mal an sowas wie Wut ran, lernst es zumindest gerade, nicht immer nur Traurigkeit und Angst und Verzweiflung, sondern echt Mal Wut an genau den richtigen Stellen, wo sie passt und auch angemessen ist und dann kommt auch dieser ganze Ronz so oft wieder in Form von Tränen raus und nachdem du jetzt eine Weile wirklich viel weniger geheult hast als all die vielen letzten Jahre, verfällst du jetzt schon wieder in deine alte Heulsusigkeit, vergießt bittere Zornestränen aus Wut, weil du gar nicht weisst, wie du sie sonst rauslassen könntest, weil sie dir Angst macht, so groß und manchmal so unbeherrscht in dir drin und was läge da näher als sie in altvertrauter Form für Gefühlsäusserungen zu verarbeiten. Also wieder mal Tränen. Wütende. Und in dir drin bist du genauso genervt von ihnen, wie du von all denen aus Traurigkeit vergossenen bist und warst. Das muss doch alles auch irgendwie anders gehen, irgendwie so, dass du mal aufhören kannst, dich für deine Gefühle und deren Art an die Oberfläche zu drängen, immer noch und schon wieder selbst zu hassen…

Aber das ist ja noch so ein vertrautes Muster, aus dem du so leicht nicht rauskommst.

Katja

Kryptisches Gedankengeschwurbel über Gefühlswirrwarr / 23 to go

Alles anders. Da ist auf einmal Wut, ganz viel davon. Nie gekannt. Nie geahnt. (Natur-)Gewaltig. Sie bahnt sich ihren Weg nach aussen, drängt, poltert, wird laut, weiß noch nicht, wie das mit dem geordneten Ausbruch geht oder ob es das überhaupt gibt, einen geordneten Ausbruch. Ein bisschen ist das ja als wollte man einem Vulkan vorschreiben, wann und wo lang er gefälligst ausbrechen soll. Da ist auf einmal ein Selbst, das sich behauptet, für sich fordert, gar nicht mehr zaghaft, mit zartem Stimmchen bittend.

Dann passiert das gänzlich Unerwartete. Keine Erklärung, dass sie natürlich alles richtig gemacht hat und ja gar keine andere Wahl hatte und das ja gar nicht wusste. Stattdessen eine Entschuldigung. Nicht verstehend, nicht einsehend, aber trotzdem von der Wut so beeindruckt, dass sie kommt. Und natürlich dann doch noch, dass sie ja keine andere Wahl hatte und das so machen musste. Aber immerhin. Ein kleiner Hauch von Genugtuung weht durch den Raum.

Später dann alles wie immer. Das Schuldgefühl klatscht mit dem schlechten Gewissen zum High Five ab. Der Selbsthass tanzt im Takt der Selbstvorwürfe. Das kleine Stimmchen wimmert, will doch nur lieb gehabt werden. Der Magen krampft.

Und dann irgendwo, fast als käme sie von außen noch eine Stimme. Die, die sagt, das war schon ok so. Du hast nichts falsch gemacht. Du hast nichts ruiniert. Sie musste das wissen. Sie hat es so herausgefordert. Damit, dass sie immer nur an ihre Belange denkt und alles auf einmal will, ohne auch nur das Risiko einzugehen, etwas nicht zu bekommen. Keine Rücksicht auf Verluste bei anderen. Es ist mehr als verdient, dass sie das endlich wenigstens einmal zu spüren bekommen hat. Und du, kleines Stimmchen, du weisst doch genau, dass sie diese Sehnsucht nie stillen wird, es gar nicht kann. Aber schau, ich passe jetzt ein bisschen auf dich auf. Ssshhht.

Alles anders. Gleich. Bald. Achwasweissichdenn.

Katja

Falsche Fährte

Wo kann man einen Anfang finden, auf dem Weg sich selber zu mögen und wertzuschätzen? Wo nur? In einem Buch habe ich als Aufgabe gelesen, eine Liste zu machen, 10 Dinge aufzuschreiben, die man an sich selber mag. Anfangs hat mich das das Buch weglegen lassen, mehrfach immer an der gleichen Stelle, weil mich diese Aufgabe so überfordert hat. Da ist nichts Liebenswertes, da gibt es nichts, was ich mag. Dann, wenn ich versucht habe, nicht direkt vor lauter Panik dichtzumachen, konnte ich nur an die Dinge denken, von denen ich wusste, dass andere sie an mir schätzen. Weil diese anderen mir das irgendwann gesagt hatten. Katja ist soundso, Katja kann dasunddas besonders gut. Irgendwann, vor noch nicht gar so langer Zeit, habe ich mich, Jahre nachdem ich zum ersten Mal diese Aufgabe in diesem Buch gelesen habe, hingesetzt, um eine solche Liste zu machen, mit Dingen, die ich an mir mag. Und zum ersten Mal sind mir tatsächlich ein paar Punkte – längst keine 10 – eingefallen. Immerhin ein Anfang auf dem Weg, mich irgendwie gut zu finden.

Aber eben kam mir der Gedanke, dass das alles vielleicht genau die falsche Herangehensweise ist. Ich bin mir gegenüber oft unerbittlich und streng. Wenn ich eine Eigenart an mir entdecke, die ich für wenig erstrebenswert und wünschenswert halte, dann zerfleische ich mich gerne selber dafür, werte mich selber ab. Und genau da ist vielleicht das Problem mit dieser Positivliste. Auf die schreibe ich nämlich nur ‚gute‘ Dinge, Eigenschaften. Wie aber kann ich anfangen, mich als ganzen Menschen zu mögen und wie kann ich aufhören damit, mich selber in so vielen Situationen abzuwerten, wenn ich dieses interne ‚gut‘ vs. ‚böse‘ Ranking immer weiter betreibe, wenn ich mich nur meiner guten Eigenschaften wegen mag und annehme, und mich für alles andere selber fertig mache?

Sollte ich nicht genau dann, wenn ich etwas an mir entdecke, bemerke, was mir nicht gut tut, nicht gut gefällt, weniger streng und mehr verständnisvoll mit mir umgehen, um endlich zu einem positiven Selbst(wert)gefühl zu kommen? Gerade erscheint mir das so logisch, dass es ja eigentlich nur besser werden kann, wenn ich anfange, mich als ganze zu mögen, auch meine Macken und die Dinge, mit denen ich noch zu kämpfen habe und auch die Tatsache, dass ich noch zu kämpfen habe, weil das alles zu mir gehört.

Ich glaube, das liest sich alles sehr wirr, irgendwie fühlt es sich auch noch recht wirr an und ich habe natürlich überhaupt keine Ahnung, selbst wenn es so richtig ist, wie ich das dann anpacken soll, aber ich musste das jetzt dringend so ins Unreine hier festhalten, bevor mir der Gedanke wieder wegglitscht.

Katja

 

The good, the bad and the ugly

Gefühle ließen sich bei mir immer in diese drei Kategorien einteilen. Die ‚Guten‘, das sind all die positiven und ‚braven‘ Gefühle, die dafür sorgen, dass es mir gut geht. Bei den ‚Bösen‘ ist vor allem die Traurigkeit beherrschend. Und dann gibt es noch jene ganz bösen, hässlichen, die so böse und hässlich sind, dass ich sie nicht zugelassen habe, weggeschoben habe, durch andere ersetzt, überlagert habe.

Stolz war zum Beispiel so ein Gefühl. Stolz führt nämlich zu Eitelkeit. Eitelkeit zu Selbstüberschätzung. Selbstüberschätzung zu völlig überzogenem Ego und das ist so böse, dass ich nie so sein wollte. Also habe ich Stolz schon nicht zugelassen. Wenn mich jemand gelobt hat, war mir das unangenehm und ich habe das, was ich getan hatte, meine ‚Leistung‘ runtergespielt. Und wenn man das lange genug macht, dann ist alles, was man so macht, irgendwann ganz klein. Und dann ist man auch selber ganz klein, weil man ja nichts kann. Und alle, die das Gegenteil behaupten sind nicht klaren Verstandes. Oder einfach nur höflich statt ehrlich.

In der Königsklasse der ‚verbotenen‘ Gefühle rangierten Wut und Zorn ganz weit vorne. Wut habe ich immer als etwas aggressiv nach aussen gerichtetes empfunden. Und. So. Durfte. Ich. Nicht. Sein. Als Kind wäre es aus Gründen gefährlich gewesen, wütend zu werden, also wurde ich stattdessen traurig. Wo eine halbwegs normale Reaktion gewesen wäre, eine Tür zuzuknallen, mit Dingen rumzuwerfen oder rumzubrüllen, liefen mir nur Tränen über die Wangen. Das war immer so und das war für mich völlig normal. Ich ließ mir alles gefallen, wehrte mich nicht. Und wenn man in diesem Mechanismus ’schlechte Behandlung führt zu Traurigkeit‘ drin hängt, merkt man gar nicht mehr, wie man anfängt, sich die falschen Fragen zu stellen. Von ‚wieso macht der das? wieso behandelt der mich so schlecht? ich hab ihm doch gar nix getan.‘ schleichend hin zu ‚womit habe ich das verdient?‘. Und irgendwann denkt man dann, dass man’s sicher irgendwie verdient hat. Sonst würde es ja nicht passieren. Niemand würde ja grundlos einfach jemanden anderen mies behandeln.
Dieses verquere, naive Weltbild bin ich immer noch nicht so richtig losgeworden – auch wenn es schon viel besser geworden ist.

*

Meine erste Begegnung mit Wut liegt noch keine 10 Jahre zurück und ich kann mich noch genau daran erinnern. Ich saß am PC und chattete und mein ‚Gegenüber‘, ein Mensch, an dem mir damals viel lag, sagte etwas – ich weiss nicht mal mehr was – und ich merkte auf einmal meinen Herzschlag an der Kehle und einen stechenden Schmerz im Bauch. Total plötzlich, von jetzt auf gleich. Ich wusste nicht, was da gerade passierte und hatte einen ordentlichen Schrecken bekommen, weil ich dachte, das sei irgendwas Körperliches. Wir redeten weiter, das Gegenüber entschuldigte sich einige Sätze später und irgendwann nach einer Weile flauten die Schmerzen ab und verschwanden fast komplett. Irgendwann später ging mir auf, dass das Wut war, die ich in meinem Bauch gespürt hatte – dass man die nicht grundlos, diesem Teil des Körpers zuschreibt.

Danach wurde ich gelegentlich wütend und ich, die sich früher immer nur heulend in ’ne Ecke verkrochen hatte, wenn jemand ungerecht zu mir war, wurde zum ersten Mal laut, brüllte zum ersten Mal jemanden an.

Heutzutage, speziell in den letzten Monaten, merke ich immer häufiger, wie ich wütend werde, merke meinen Herzschlag im Hals, das Stechen oder auch gelegentlich ein flaues Gefühl im Bauch. Ich merke, wie meine Gesichtszüge einfrieren, meine Wangen glühen. Ich merke das so sehr, dass es mir gelegentlich Angst macht.

Es fühlt sich immer noch ‚falsch‘ an, Wut rauszulassen. Das ist böse, gefährlich, das darf ich nicht. Ich kann mittlerweile sagen ‚Das macht mich wütend.‘, das gestehe ich mir zu. Ich gestehe mir nicht zu, mit Türen zu knallen, Dinge zu werfen, rumzubrüllen. Wenn ich mal lauter werde, schäme ich mich dafür. Das Gefühl ist immer noch böse, hässlich, darf nicht sein.

Manchmal habe ich Angst, das irgendwann nicht unter Kontrolle halten zu können. Habe Angst vor Konsequenzen, die daraus folgen könnten, die Wut rauszulassen, statt sie zu unterdrücken. Immerhin erwartet das niemand von mir, so kennt mich ja niemand. Wieso sollte irgendwer dem mit Geduld und Verständnis begegnen, wenn ich’s selber nicht kann?

Und manchmal ist dieses körperliche Gefühl, dieses Pochen und Stechen so gewaltig. So viel mehr als die aktuelle Situation bedingen könnte, sollte, dürfte. Fast als hätte sich die Wut eines ganzen Lebens in mir angesammelt und wenn auch nur kleine Tröpfchen dazu kommen, brodelt der ganze Scheiss jedesmal rum.

Und ich denke, ich müsste das eigentlich rauslassen. Dosiert. Angemessen. Mir das nicht mehr verbieten. Aber ich hab sie so lange nicht gespürt, nie gelernt, damit umzugehen. Einigermaßen sinnvoll umzugehen. Also schreibe ich stattdessen lieber darüber, mit pochender Halsschlagader, starren Gesichtszügen und Stechen im Bauch.

Katja