Little Confessions #35

Es gibt Dinge aus meiner Schulzeit, die sitzen so tief in meinem Gedächtnis, dass man mich nachts aus dem Schlaf reissen könnte und ich könnte sie ohne Probleme aufsagen. Dazu gehört ein Herbstgedicht von Rilke, die lateinische Konjugation des Verbes esse in Präsens, Imperfekt und Futur I, aber zB auch die Binomischen Formeln oder die p-q-Formel zum Lösen quadratischer Gleichungen.

Allerdings scheint das leider dafür zu sorgen, dass ich jetzt an dem Punkt bin, an dem ich mir überhaupt gar nichts neues mehr merken kann. Gedächtnis voll. Sehr zum Leidwesen der spanischen Verbformen im Imperfekt und speziell des Indefinido mit seinen ganzen unregelmäßigen Formen.

Katja

kurz zitiert #35 und/oder immer dieser Header

Wir redeten nicht, L. sagte: Immer diese Blätter. Erst geben sie so an mit ihrem Buntsein, und dann fallen sie einfach runter. Wenn sie mit dem Herbst nicht klarkommen, können sie doch wenigstens in den Süden fliegen.

Tilman Rammstedt, Erledigungen vor der Feier, Du Mont, Seite 22

Wenn man in Spanien auf dem Sofa sitzt, im Glas einen guten Rioja und vor der Scheibe, im Dunklen gerade so erkennbar, die riesigen weissen Schaumkronen der riesigen Atlantikwellen, gibt es fast keine bessere Lektüre als die ‚Erledigungen vor der Feier‘. So magisch die Atmosphäre mit den Wellen vorm Fenster ist, so magisch empfand ich die Sprache des Buches und Tilman Rammstedt ist mein persönlicher Held des Schachtelsatzes. Das liest sich bei den wenigsten Autoren flüssig und gut, bei ihm liegt für mich unheimlich viel Poesie in seinen ungewöhnlichen und irgendwie auch schrulligen Gedankenschlangen.

Und eigentlich kann ich das wieder mal gar nicht richtig erfassen und schon gar nicht ausdrücken und müsste das halbe Buch hier zitieren, um zeigen zu können, was ich meine. Weil das aber viel zu weit führen würde, nur noch ein etwas längeres Zitat:

Dem Perfekt wird oft misstraut. Vielleicht weil es so selten ist. Und vielleicht sollte man dankbar sein, ein paar solcher Perfekts zu haben, wenn sich sonst immer alles dahinzieht, wenn sich sonst immer alles mitverändert, sich anpasst, wenn alles so beliebig wandelbar erscheint, sich nichts aus den Augen verliert. Dinge tauchen wieder auf, damit ist zu rechnen. Nur die Perfekts tauchen nicht auf, weil sie nie verschwunden sind, weil sie sich immer da befinden, wo man sie hingelegt hat, in der Vergangenheit, der abgeschlossenen Gegenwart, die mit anderen Gegenwarten zum Glück nichts zu tun hat.

Und Sarah stand also eigentlich im Perfekt, und beim Perfekt ist es im Grunde gleichgültig, wie lange es zurückliegt, es ist abgeschlossen und befindet sich somit außerhalb der Chronologie. Und dennoch glaubt man sich immer mehr in Sicherheit, je weiter sich das Perfekt von der Gegenwart entfernt, traut ihm immer weniger zu, dass es, so sorgfältig abgeschlossen, noch etwas ausrichten kann, doch das nützt nichts, wenn es dann doch auftaucht, ganz unscheinbar und vorsichtig auftaucht, dann ist es plötzlich da, in der Gegenwart, die Zeiten kollidieren, und man steht dazwischen und dazwischen ist immer eine problematische Position.

Ein Perfekt in der Gegenwart wird nicht zur Gegenwart, es bleibt ein Perfekt, und damit ist in der Gegenwart nichts anzufangen. Andere Vergangenheiten lassen sich vielleicht aktualisieren, ein Perfekt nicht. Und Sarah, immer wenn sie dann doch auftauchte, weil das Perfekt nur eigentlich war, wenn sie, aus Gründen, die nichts mit mir zu tun hatten, für ein paar Tage in der Stadt war, blieb sie ein Perfekt und wir küssten uns leider.

Tilman Rammstedt, Erledigungen vor der Feier, Du Mont, Seite 64f

Wer bei diesen Gedankengängen ebenso vor Entzücken ins Juchzen kommt wie ich, dem sei unbedingt die Lektüre des ganzen – und mit knapp über 100 Seiten leider viel zu dünnen – Buches ans Herz gelegt. Das passt bestimmt auch wunderbar zu einem Sonntagnachmittag mit warmen Socken und einer kuschligen Decke und duftendem Tee und den ersten selbstgebackenen Weihnachtskeksen oder auf eine karierte Decke auf einer Wiese unter einem großen Baum in der Nähe eines Sees oder unter Umständen passt es vielleicht auch einfach auf den Nachttisch ohne weiteres großes Drumrum.

Um jetzt aber wieder die Kurve zu bekommen, also nochmal zurück zum ersten Zitat über den Herbst, weil als ich vorhin meine zahlreichen Haftmarker im Buch durchblätterte, blieb ich direkt an dieser Stelle hängen, weil ich heute Morgen mit Mörike im Kopf aufgewacht bin. Kennt das jemand? Statt eines Liedes als Ohrwurm ein Gedicht oder Gedichtfetzen im Kopf zu haben und nicht wieder rauszubekommen? So ging es mir heute Morgen mit dem ‚Septembermorgen‘, vielleicht weil es draussen so neblig war.

Und bei soviel Herbstassoziationen war es nicht mehr weit bis zu dem Gedanken, dass ich endlich mal dieses Herbstfoto als Header nehmen könnte, das schon seit letztem Jahr in dem Ordner mit den Headerfotos rumliegt, um wenigstens in der zweiten Novemberhälfte noch daran zu denken, das Bild auszutauschen.

Und weil’s ausserdem draussen seit Tagen eklig grau und dunkel und kalt ist, passt das auch ganz gut, noch ein bisschen was von dem Herbstkräftigen und dem warmen Golde über’s Blog zu kippen – wenn auch der letzte Septembermorgen schon ein paar Tage vorbei ist.

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

(Eduard Mörike)

Katja

versöhnlich

Als ich aus dem Urlaub zurückkam hat mich der hessische Herbst voll erwischt. Kalt, grau, dunkel und Regen, Regen, Regen. Heute war hier der erste richtig schöne Tag seit langem und ich hatte zum ersten Mal seit ich zurück bin das Gefühl, irgendwie doch in diesem Herbst ankommen zu können, mich mit ihm anfreunden zu können.

Als ich unterwegs zur Werkstatt war, um Golfi seine Winterschuhe verpassen zu lassen, schoss mir ein Gedicht ins Bewusstsein, das ich in der 8. Klasse gelernt hatte. Unser Deutschlehrer hat uns damals ordentlich getriezt und innerhalb von 2 Wochen, 8 Herbstgedichte auswendig lernen lassen. Bei fast allen Gedichten, die ich während meiner Schulzeit lernen musste, habe ich immer noch einige Fragmente tief in der Erinnerung, auch von den Herbstgedichten. Bis auf eines. Das habe ich in all den Jahren nie wirklich vergessen, sondern konnte es jederzeit abrufen. Vielleicht deswegen, weil der Herbst sich in den wenigen Zeilen so anhört, wie ich ihn gerne immer hätte.

Ich sag ja eigentlich immer nur, dass ich ihn überhaupt nicht leiden kann. Das stimmt so gar nicht. Wenn er freundlich daherkommt, mir immer mal blauen Himmel und Sonnenschein gönnt und nicht nur grau und nass ist, dann finde ich ihn mitsamt seiner Farbenpracht wirklich schön.

 

 

Septembermorgen von Eduard Mörike

Im Nebel ruhet noch die Welt
noch träumen Wald und Wiesen
bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
den blauen Himmel unverstellt
herbstkräftig die gedämpfte Welt
im warmen Golde fließen

 

Katja