Dünne Pappe

Dann fällt dir auf einmal der Zusammenhang auf, dass es immer passiert, wenn du müde/erschöpft bist. Immer dann, wenn Kopf/Körper nach Ruhe verlangen, merkst du, wie dünn die Fassade des ‚es geht mir gut‘ gerade ist. Da ist kein festes Fundament, kein Gebäude im Rücken, das die Fassade trägt. Nur dünne Pappe, die Vorderseite schön bemalt, aber es kostet dich immer einen Teil der Kraft, die Pappe festzuhalten, damit sie nicht zusammensackt. Immer schön von hinten dagegenlehnen, damit nichts beult. Immer schön festhalten und hochhalten, damit man nicht drüber schauen kann. Und dann, immer wenn die Kraft schwindet und die Arme vom ewigen Hochhalten schwer werden, braucht es nur einen unaufmerksamen Moment. Dann knittert hier was und dort bildet sich eine Falte und wenn das erst mal passiert ist, kommst du nicht mehr hinterher, das alles wieder glatt zu zupfen und in Ordnung zu bringen und dann gibt es den ersten Riss und dann kommen die Tränen und es ist sowieso schon egal und auch zu spät. Zuerst verläuft nur ein bisschen der bunten Farbe auf der Vorderseite, aber dann weicht es bis nach hinten durch.

Und du merkst, wie groß die Angst vorm Fallen wieder mal ist. Verbietest dir jeden einzelnen dieser Gedanken, die das auslösen können. Versuchst es zumindest. Nur nicht näher darüber nachdenken. Nur nicht zu nah an dich ranlassen. Denk an was anderes. Was Gutes. Guck da nicht hin. Halt dir die Augen zu. Nicht das. Was Schönes. Das ist hier alles gerade zu instabil, zu wacklig, zu eingerissen, zu durchgeweicht. Halt das trotzdem fest, lass nicht ganz los! Sonst wird es noch schwerer werden, das soweit neu aufzubauen.

Aber du bist müde und es wird mit jedem Mal ein bisschen schwieriger, das abzufedern, die Gedanken umzulenken. Du willst dich so gerne einfach in die Dunkelheit und Traurigkeit fallen lassen. Wenn da nicht. Wenn da nicht. Wenn da nicht dieser fucking Kontrollfreak in dir wäre, der genau weiss und dir einredet, dass das nicht gut für dich wäre. Dass das nur den Moment einfacher machen würde, aber nicht das Leben. Und du kommst dir vor wie ein Flummi, der einfach nicht auf dem Boden liegen bleiben darf, der jedes Mal wieder hochschnellen muss. Nur, dass er die Kraft für das Hochschnellen ganz alleine aufbringen muss. Sich mühevoll vom Boden abstoßen. Volle Konzentration. Volle Kraft.

Und jetzt?

Wieder mal zurück auf Anfang.

Atmen. Durchhalten. Weitermachen.

Katja

 

/schräges/

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Gestern Vormittag klingelte es hier an der Haustür und infolge dessen ging’s mir den halben Tag ziemlich seltsam.

Dass es mir erst mal einen ordentlichen Schreck einjagt, wenn die Klingel geht, ist für mich normal, ich zucke da immer mindestens zusammen. Aber das verfliegt meist recht schnell wieder, weil es selten etwas ‚Bedrohlicheres‘ als irgendein Paketbote oder Irgendwas-Ableser ist.

Gestern das Klingeln war der Sohn der Vermieter bzw. einer der Angestellten seines Handwerksbetriebes. Der Sohn selber lief aber auch um’s Haus und wer hier schon eine Weile liest, weiss, dass mich unangekündigtes Auftauchen des Vermieters, leider immer völlig neben die Spur bringt.

Gestern habe ich dann ziemlich lange gedacht, dass sich dieses unangenehme Gefühl, diesem Menschen gegenüber, jetzt auch schon auf seinen Sohn ausgeweitet hat. Der ist auch eher von der ziemlich Sorte, unfreundlich und ruppig, aber wenigstens rückt er einem körperlich nicht auf die Pelle wie sein alter Herr und er missachtet nicht dieses natürliche Abstandsbedürfnis. Das hat mich also erst mal ziemlich irre gemacht, dass ich mich so unwohl gefühlt habe, weil das wieder so ein Punkt ist, wo ich das Gefühl habe/hatte, dass ich da schräg drauf bin, mich in die falsche Richtung entwickle, weil das ein Ding mehr ist, was mir zusetzt. Dass ich da noch weit weg von Normalität bin, wenn es genügt, dass der Vermietersohn sich auf dem Hof aufhält, damit es mir schlecht geht.

Und dann fiel mir auf, dass wenn ich schon schräg bin, deren Verhalten – also jenes des Sohnes und seiner Angestellten – aber auch mindestens genauso schräg ist.

Als es nämlich klingelte und ich zur Haustür ging, um zu öffnen, stand da ein Typ in Arbeitsklamotten vor mir, der mich grußlos anschnauzte: „Die Autos müssen da weg! Und zwar sofort!“ (Mit die Autos meinte er jenes der Nachbarin und meines.) Dass er zur Firma des Vermietersohnes gehörte, habe ich erst am Werbeaufdruck auf dem Lieferwagen, der auf dem Hof parkte und den ich über seine Schulter hinweg sehen konnte, gemerkt.

In dem Moment konnte ich nicht anders als meine Wohnungstür zuzuziehen und dem ‚Befehl‘ zu gehorchen. Wenn mich jemand so anherrscht, dann springen bei mir die alten Muster an, dann werde ich klein und führe aus, was verlangt wird. Das ist also gar nichts neues Schräges, was mich da erwischt hat, da ist nur ein altes Zahnrad eingerastet und auch wenn das natürlich schon blöd ist, bin ich doch beruhigt, dass es nur dieses Altbekannte ist.

Aber bitte wie schräg ist denn das? Kein ‚guten Tag‘, kein ‚ich bin von der Firma x, dem Vater vom Chef gehört das Haus hier‘, kein ‚können Sie bitte mal Ihr Auto wegfahren. Das steht im Weg, weil wir hier was am Haus arbeiten wollen?‘. Stattdessen „Die Autos müssen da weg! Und zwar sofort!“

*

Heute dann, fiel mir auf, wo ich aber tatsächlich sehr schräg ticke. Immer noch. Morgen kommt die Lieblingsschwester zu Besuch und wir wollen hier den Geburtstag des Lieblingsneffen feiern und ich hab heute quasi den ganzen Tag in der Küche gestanden und Essen für morgen vorbereitet und an der Wohnung rumgeputzt. Ich kann das einfach nicht lassen, mich bei Gästen und seien sie mir auch noch so vertraut, hinter dieser Fassade zu tarnen. Wenn die Wohnung halbwegs ordentlich ist und ich was einigermaßen (naja am liebsten ziemlich) Leckeres aus der Küche schleppen kann, fühlt es sich an, als könnte ich von mir ablenken. Als wäre da nichts in mir, was des Besuchs wert ist, sondern nur diese Dinge, hinter denen ich mich verstecken kann. Und dieses Denken oder vielmehr dieses Fühlen, das kann ich einfach nicht abstreifen, selbst wenn ich mich mittlerweile dabei ertappe und auch weiss oder zumindest hoffe, dass es nicht so ist.

Eine Freundin sagte mir mal „der kommt dich doch nicht besuchen, um deine sauberen Türklinken zu bewundern, sondern um dich kennenzulernen“. Das sage ich mir mantramäßig seit ein paar Jahren immer wieder selber und manchmal beruhigt es mich, aber manchmal erwische ich mich auch dabei, wie die Angst hochkommt, dass da vielleicht tatsächlich nichts in mir ist, hinter den Türklinken (die ich übrigens nie putze) oder dem Kuchen.

Es ist immer wieder die gleiche Grenze, an die ich stoße. Diese Kluft zwischen dem richtigen Wissen und dem trotzdem anders fühlen. Als könnte der Kopf viel schneller lernen als das Herz, das immer deutlich hinterherhinkt und dabei bin ich doch eher Herzmensch. *soifz*

Katja