Schmerzstellen.

Vielleicht muss man wirklich manchmal an die Stellen, die man lange gemieden hat, weil sie zu sehr schmerzen, zurückkehren, um herauszufinden, ob der Schmerz immer noch da ist und immer noch der gleiche ist oder ob es mehr die Angst vor dem (möglicherweise) wiedererwachenden Schmerz ist, die einen fern hält.*

Ich hab das heute mit einem Ort gemacht, vor dem ich mich jetzt lange gefürchtet habe, also nicht vor dem Ort, sondern dem, was an Erinnerung und Verlust daranhängt und es war gut, dorthin zu gehen, auch wenn es noch nicht diese Junimond-Sache ist, dass es jetzt nicht mehr wehtut, aber der Schmerz hat sich in den letzten 15 Jahren, denn so lange habe ich den Mut zurückzukehren, nicht aufgebracht, verändert.

Das Gefühl dort ist jetzt ein anderes und ich kann es noch gar nicht richtig greifen und einsortieren und konnte mich damit dann auch gar nicht direkt befassen, weil dann gleich so viel Action und Ablenkung kam, aber dass es anders ist, als damals, als ich dort zum letzten Mal war, das habe ich direkt gemerkt. Nur einmal bin ich in all der Zeit in die Nähe zurückgekommen und da konnte ich gar nicht so richtig gucken und reinspüren, war zu nervös, zu verwirrt, zu wasweißich. Das war heute anders. Ich war neugierig. Darauf, was noch gleich ist, darauf, was anders ist, darauf, was es mit mir macht. Ich musste vorgehen, nachschauen, es wissen.

Das ist alles noch unausgegoren, das muss noch in mir arbeiten, noch richtig ankommen. Aber es ist gut, dass ich mich dieser alten Angst endlich gestellt habe, dass ich dort war.

Katja

[*Beim nochmaligen Drüberlesen und -nachdenken glaube ich, das gilt sowohl für äußere Orte als auch für innere, an denen man bestimmte Erinnerungen und Gefühle vergraben hat. Und dass das der eigentliche Trick ist, nachdem ich jetzt äußerlich an den Ort zurückgekehrt bin, auch innerlich nochmal an diese Stelle im Leben zurückzukehren, die genau mit jener zusammenfällt, in der es mein Leben so aus der Bahn gehauen hat.]

Gesucht: Blogger*innen, die Michael Zoll kannten

Vielleicht kann sich der eine oder die andere, die hier schon länger lesen, erinnern, dass ich im letzten Herbst darüber gebloggt hatte, dass ich mir Sorgen um einen Blogger machte, der ganz plötzlich wie vom virtuellen Erdboden verschluckt war. Seitdem ich ihm damals zuletzt gemailt hatte und versucht hatte, herauszufinden, ob bei ihm alles in Ordnung ist, sind über 4 Monate vergangen und auch wenn ich immer nochmal an ihn gedacht habe, habe ich nicht mehr damit gerechnet, eine Antwort zu erhalten.

Bei dem Blogger, über den ich damals schrieb, handelte es sich um Michael Zoll und seit gestern weiss ich, dass schon meine eMail im September ins Leere ging, denn Michael ist Anfang Juli 2013 verstorben.

Ich weiss das von Michaels Tochter, die gestern Kontakt zu mir aufnahm und Sandra ist auch der Grund, weswegen ich diese Nachricht hier öffentlich mache. Sie wandte sich an mich, in der Hoffnung, jemanden zu finden, der ihren Vater gut kannte und ihr ein bisschen von ihm bzw. über ihn erzählen kann, weil die beiden in den letzten Jahren keinen Kontakt hatten. Sie hat selber auch erst gestern von Michaels Tod erfahren und ich würde ihr auf diesem Weg gerne bei ihrer Suche helfen.

Liebe Blogger*innen, ich kannte Michael nur flüchtig, durch gegenseitige Kommentare auf den jeweiligen Blogs, aber hauptsächlich durch seine Fotos und damit ein bisschen mit seinem Blick auf die Welt. Ich bin sicher, es gibt in Klein Bloggersdorf Menschen, die ihn deutlich besser kannten (vielleicht sogar Bescheid wissen über die Umstände seines Todes?) und die vielleicht bereit sind, ein paar ihrer Erinnerungen – und wenn es auch nur Schnipsel sind – mit Sandra zu teilen.

Ich bin traurig über Michaels Tod. Ich habe ihn als freundlichen, aufgeschlossenen und besonnenen Menschen mit vielfältigen Interessen kennengelernt.

Michael bloggte auf:

Spree-Athen
Photo-Blog Michael Zoll
Fotos zur Architektur
Gräber, Gruften, Gotteshäuser und Gedenkstätten
Schwarzweiss-Fotografie

Ich weiss nicht, ob er noch weitere Blogs hatte. Das sind jene, die ich in meinem Feedreader abonniert habe.

Falls ihr Michael kanntet und seiner Tochter etwas über ihn erzählen könnt und möchtet, bitte meldet euch in den Kommentaren oder bei mir per eMail [ajtak33(arroba)gmail(punto)com], damit ich für einen direkten Austausch Kontaktdaten vermitteln kann. Ihr könnt natürlich auch ohne weiteren und direkten Kontakt einfach eure Gedanken in die Kommentare schreiben.

Bitte verbreitet die Nachricht auch, falls ihr andere Blogger kennt, die Michael kannten.

Vielen Dank!

Katja

Damals™ war alles anders

Bei uns hieß nicht nur Twix noch Raider, neue Musik kauften wir auch noch auf Schallplatten. Oder wir lungerten Nachmittage lang vorm Radiogerät rum, um irgendwann genau den Song, den wir natürlich auch nur aus dem Radio kannten, auf eine Cassette aufzunehmen. Und wenn man Pech hatte, was meistens so war, dann war man dann doch nicht schnell genug und die ersten Sekunden des Liedes, die man gebraucht hatte, um es überhaupt zu erkennen, fehlten bei der Aufnahme oder, was fast genauso häufig vorkam, der Radiosprecher plapperte irgendwann launig mitten ins Lied rein und je nachdem, wieviele Nachmittage man schon rumgelungert hatte, um genau diesen Song aufzunehmen, brüllte man das Radiogerät dann mehr oder weniger laut mit den wüstesten Verfluchungen an, stellvertretend für den Reinplapperer, der dafür verantwortlich war, dass man jetzt nochmal tagelang warten musste. Oft warteten wir dann aber gar nicht mehr, sondern die Aufnahme hatte eben diesen reingequatschten Teil und wenn man das oft genug gehört hatte, wurde das fast schon Bestandteil des Songs.

Im Fernsehen gab es drei Programme, ARD, ZDF und das lokale dritte Programm, bei uns Hessen 3. Nachmittags lief für ein oder zwei Stunden Kinderprogramm, aber ich guckte das nur selten, weil ich fast jeden Nachmittag zusammen mit meiner besten Freundin verbrachte. Später lief dann immer Dienstagabends Dallas und dafür versammelte sich die ganze Familie im Wohnzimmer und ich durfte sogar aufbleiben bis die Episode zu Ende war.

Wenn wir zu Schulzeiten Hausaufgaben machten oder Referate schreiben mussten und uns fehlten Informationen über das Thema, dann guckten wir in den großen Brockhaus im Wohnzimmerschrank oder ins ‚Große Handlexikon in Farbe‘ oder wir fragten die Erwachsenen. Es gab, gerade auf dem Dorf, kaum andere Zugangsmöglichkeiten zu Wissen. Aber von uns wurde auch nicht erwartet, dass wir umfassender an Informationen kommen konnten. Referate waren damals noch keine Multimediavorführungen, sondern man schrieb vielleicht ein paar Dinge an die Tafel oder hatte, wenn man sehr gut vorbereitet war, eine Wandzeitung angefertigt. Statt Fotokopien bekamen wir damals Matrzitzenabzüge und wenn die noch sehr frisch waren, stanken sie erbärmlich nach Spiritus.

Als wir unser erstes eigenes Telefon bekamen, ein sehr großer Apparat, grün und mit Wählscheibe, war ich 9 oder 10. Vorher hatten nur unsere Nachbarn eines und wenn jemand von unseren Verwandten uns erreichen wollten, riefen sie bei den Nachbarn an und die riefen meine Eltern oder Großeltern, damit sie in deren Flur den Anruf entgegennahmen. Wenn wir jemanden anrufen wollten oder mussten, gingen wir zur Telefonzelle, die auf dem Platz vor dem Rathaus im Heimatdorf stand. Kurz nachdem wir ein Telefon hatten, bekamen auch die Familien der meisten meiner Freundinnen einen Telefonanschluss und ich kann bis heute einige dieser Telefonnummern auswendig, obwohl ich sie seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt habe.

Wenn wir Kunst sehen wollten, dann kauften wir uns Bildbände über bestimmte Maler oder Epochen, wenn es sie beim Bertelsmann Club im Angebot gab oder im Buchhandel Kalender der entsprechenden Künstler, um mehr von ihren Werken sehen zu können. Wenn man nicht wusste, wie etwas funktioniert oder geht, dann musste man jemanden kennen, der das wusste oder ein Buch finden, in dem stand wie das geht oder sich durch die Bedienungsanleitungen quälen, die sich damals schon genauso uninteressant lasen wie sie das heute tun. Wir konnten nicht googeln oder uns eine Anleitung bei youtube ansehen.

Mit 13 lernte ich in einem Volkshochschulkurs ‚Maschinenschreiben für Anfänger‘ auf einer alten Olympiaschreibmaschine (Klick für Bild in der Wikipedia), wenn man sich damals bei einem Brief vertippte, musste man entweder mit TippEx-Streifen korrigieren oder, wenn es sehr ordentlich aussehen sollte, direkt nochmal von vorne anfangen. Jahre später, als ich zum ersten Mal eine Schreibmaschine mit Korrekturtaste benutzte, empfand ich das als unglaublich luxuriösen Fortschritt.

Damals™ trugen wir die kurzärmeligen Shirts noch unter den langärmeligen, nicht umgekehrt und wenn wir (ein bisschen später dann so mit 18/19/20) in Urlaub fuhren, dann beluden wir das alte klapprige Auto mit allen möglichen Dingen, vor allem aber auch einem dicken Straßenatlas, den der Beifahrer auf dem Schoß hatte und dann fuhren wir irgendwann los in Richtung Südfrankreich. Hotels fanden wir dadurch, dass sie am Rand der Straße standen und Schilder hatten und wenn wir reingingen und nach Zimmern fragten, hatten wir keine Ahnung, auf was wir uns dabei einließen. Das ging selten gut, meistens eher gründlich daneben und dann schlief man eben mal eine Nacht auf der mitgebrachten Isomatte im Schlafsack auf dem Hotelzimmerboden, weil die Betten einfach zu grausam und schmutzig waren und sich die Haare und alle möglichen Ausdünstungen von mindestens einer Gästegeneration vorher darin sammelten. Aber immerhin hatte man ein Klo und mit Glück sogar fließendes und klares Wasser. Manchmal war das aber auch schlammfarben. Irgendwann lernten wir daraus und fragten immer vorm Bezahlen, ob wir das Zimmer zuerst mal anschauen könnten. Aber am Ende hat man das alles auch überlebt und hatte dann doch viel mehr oder zumindest ganz andere Dinge im Urlaub erlebt und hinterher zu erzählen als heute, wenn man schon im Vorfeld von zu Hause aus via Streetview vorm Hotel die Straße auf- und abmarschiert ist und den kürzesten Weg zum Strand ausgeguckt hat.

Und wenn wir dann nach dem Urlaub wieder zu Hause waren, hatten wir noch jede Menge ausländischer Münzen im Geldbeutel und es dauerte immer ein bisschen länger beim Bezahlen, weil man da erst wieder die deutschen dazwischen finden musste und mit Karte konnte man auch noch nirgends zahlen. Ausser vielleicht an Tankstellen, aber dafür brauchte man spezielle Tankkarten der entsprechenden Tankstelle. Als ich damals zum ersten Mal mein erstes eigenes Auto betankt habe, kostete der Liter Superbenzin noch knapp unter 1 DM.

Um die Urlaubsfotos entwickeln lassen zu können, musste erst mal der Film vollgeknipst sein und weil das Entwickeln und auch die Filme ja nicht gerade günstig waren, konnte das mitunter Monate nach dem Urlaub dauern und man konnte sich dann kaum noch erinnern, was genau man da fotografiert hatte. Manchmal fand man auch noch irgendwo in einer Tasche einen alten Film von dem man gar nicht mehr wusste, zu welcher Gelegenheit man ihn vollgeknipst hatte und es war unglaublich spannend, dann direkt im Fotoladen die Tüte mit den Bildern zu öffnen und durchzublättern, welche Schätze man da wieder ausgegraben hatte.

Sich zu verabreden war in früheren Zeiten sehr einfach. Oft machten wir schon an einem Wochenende direkt etwas für das nächste aus und verabredeten uns für einen Kinobesuch oder zum Eis essen oder für die Disco und dabei blieb es dann. Punkt. Ohne ‚ich kann das jetzt noch nicht sagen‘ und ohne ‚lass uns kurz vorher nochmal telefonieren oder texten‘. Diese Verbindlichkeit fand ich tatsächlich viel besser als dieses umständliche erst-auf-den-letzten-Drücker-Festlegen, das heutzutage so verbreitet ist (und von dem ich auch gar nicht immer frei bin). Insgesamt weiss ich manchmal, wenn ich in so nostalgischer Stimmung wie im Moment bin, gar nicht so genau, was davon jetzt besser oder schlechter war als es heute – speziell durch die umfangreichen technischen Möglichkeiten und die dauernde Erreichbarkeit – ist. Ich habe nur manchmal das Gefühl, zu vergessen, wie ANDERS früher vieles gewesen ist, wenn ich mich nicht gelegentlich mal ganz bewusst an solche Dinge erinnere.

Katja

 

Nicht verzagen, August fragen!

Als ich noch sehr klein war, dachte ich, mein Opa könne zaubern oder aber mindestens mal hellsehen.

In der Küche meiner Großeltern gab es eine Eckbank, im typischen 60-er Jahre Stil aus hellem schnörkellosem Holz, bezogen mit rotem Kunstleder, dem man die Künstlichkeit schon von weitem ansah und eine meiner Lieblingsbeschäftigungen so mit 2 oder 3 Jahren – oder zumindest eine der Schlechtwetter-Beschäftigungen, an die ich mich heute noch erinnern kann – war, auf dieser Eckbank hin- und herzuflitzen. Und immer wieder hin und her bis kurz vorm Ende, dann abrupt abbremsen, denn es gab ja keine seitliche Lehne, die mich gestoppt hätte, umdrehen und wieder zurück. Damit konnte ich mich bei Regenwetter, wenn es zu ungemütlich war, um draussen zu spielen, lange lange Zeit beschäftigen.

Wenn mein Opa von draussen reinkam, er hatte eigentlich immer irgendwas draussen zu tun, wovon er dann irgendwann reinkam, sagte er stets „Pass auf, gleich fällst du!“ und genau so kam es. Konnte ich vorher auch stundenlang (vielleicht waren es in echt auch keine Stunden und es kommt mir nur in meiner Erinnerung so vor) gefahrlos und unfallfrei auf der Bank herumrennen, so war der Spaß immer vorbei, wenn mein Opa die magische Warnung aussprach, denn kurz danach schaffte ich es tatsächlich nicht mehr rechtzeitig abzubremsen und fiel mit Karacho auf den Küchenfußboden. Damals war für mich klar, dass er mindestens hellsehen konnte, wenn er nicht gar selber mit seiner Magie dafür verantwortlich war, dass ich runterfiel.

Natürlich durfte ich dann immer auf seinen Schoß und er hat mich getröstet, wenn ich mir weh getan hatte. Aber ganz geheuer war er mir damals nicht.

Später dann, irgendwann in der Pubertät merkte ich, dass mein Opa derjenige war, der für jedes praktische Problem eine Lösung fand. Mit schulischen Dingen brauchte ich ihn nicht zu behelligen, er war nur zur Volksschule, wie man das damals nannte, gegangen, aber für jedes ‚geht nicht mehr‘ oder ‚hält nicht mehr‘ oder dergleichen fand mein Opa eine ebenso simple wie gute Lösung.

„Nicht verzagen, August fragen!“ war einer der Sätze, die ich vermutlich am häufigsten von meinem Opa gehört habe. Er konnte mit Holz ebenso gut umgehen wie mit Metall, er fräste und drehte, hobelte und schraubte und manchmal wickelte er auch ganz einfach eine Schnur um die Dinge, die nicht mehr hielten, aber stets konnte man sich darauf verlassen, dass er eine passende und haltbare Reparaturmethode auf Lager hatte.

Und wenn die erste Lösung einmal nicht funktionierte, dann machte er einfach so lange weiter bis er die passende Methode fand.
Als mein erstes Auto dauernd nächtliche Besuche eines Marders bekam, der die Zündkabel durchnagte, klapperte mein Opa sämtliche Nachbarn mit Hunden ab, um sich Hundehaare zu besorgen und stopfte die in den abgeschnittenen Fuß einer Perlonstrumpfhose von meiner Oma, weil das seiner Erfahrung nach am ehesten half. Da wo Hunde waren, hielten sich Marder fern.
Als das nichts half und ich zum wiederholten Male ein neues Zündkabel brauchte, verteilte mein Opa mehrere dieser Duftsteine, wie man sie zur Erfrischung von Toiletten benutzt, unter der Motorhaube meines alten Golfs. Mein Auto wirkte mit den Strümpfen voll mit Hundehaaren und mit den WC-Duftsteinen ein bisschen wie ein Voodoo-Schrein, zumindest kam es mir damals so vor, aber vor dem Marder hatte ich eine ganze Weile Ruhe.
Als er irgendwann zurückkehrte, oder vielleicht war es bis dahin auch ein ganz anderer, zimmerte mein Opa mir schließlich einen Holzrahmen, den er mit diesem feinmaschigen Draht bespannte, wie man ihn üblicherweise für Hasenställe verwendet. Den musste ich abends unter die Motorhaube schieben und danach brauchte ich nie wieder neue Zündkabel. Natürlich war es auch mein Opa, der oft genug, wenn ich es vergaß, den Draht für mich unter das Auto schob. Bei seiner allabendlichen Runde, bei der er kontrollierte, ob alle Türen verschlossen waren, vergaß er nie, auch nach meinem Auto zu schauen. Und das erstreckte sich auch darauf, dass ich mich damals nie um solche Dinge wie Scheibenwischwasser oder den Ölstand oder im Winter Frostschutz im Kühler kümmern musste. Noch bevor ich überhaupt an diese Dinge gedacht hätte, hatte mein Opa sich schon gekümmert.

Ich kann mich an ein einziges Mal erinnern, wo ich sauer auf meinen Opa war und das war, als er hinter meinem Rücken den Nachbarn darum gebeten hatte, „Friedolin“ zu fällen. Da war mein Opa schon zu alt, als dass er das gefahrlos selber und alleine hätte machen können. Friedolin war der alte Kirschbaum in unserem Garten, dem ich als Kind diesen Namen gegeben hatte und unter dem ich auch später, als ich älter wurde, noch häufig mit einem Buch auf den Knien, den warmen Baumstamm im Rücken, gesessen habe. Der Baum war alt und so verwachsen, dass man selbst mit einer Leiter nicht mehr gefahrlos hochklettern konnte, um die Kirschen zu ernten. Und auch das machte meinen Opa aus – in erster Linie zählte der praktische Nutzwert von Dingen und ein Kirschbaum, dessen Kirschen man nicht mehr ernten konnte, dessen Zeit im Garten war abgelaufen. Als ich an jenem Abend in die Küche meines Opas kam, wusste ich direkt, dass etwas nicht stimmte, denn dass er so herumdruckste, um mir etwas zu erzählen, das kannte ich von meinem Opa, der stets gerade heraus war, nicht.

Mein Opa war der treueste Mensch der Welt. Als meine Oma nach fast 50 gemeinsamen Jahren plötzlich ins Krankenhaus musste, weil ihre eine Herzklappe nicht mehr richtig arbeitete, da fuhr mein Opa jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe die 25 km und als sie nach 3 Wochen in ein anderes Krankenhaus verlegt wurde dann über 40 km und blieb von morgens bis nach dem Abendessen im Krankenhaus an der Seite meiner Oma. Er fütterte sie, er wusch sie, er kämmte ihr Haar und hielt ihre Hand, wenn die Kanüle wieder einmal verstopft war und die Ärzte einen neuen Versuch unternehmen mussten, noch eine Stelle zu finden, in der sie die Nadeln stechen und einen neuen Zugang legen konnten. Sechs Wochen lang verbrachte er jeden einzelnen Tag von morgens bis abends im Krankenhaus, die meiste Zeit davon mit Kittel und Mundschutz, Haube und Handschuhen versehen auf der Intensivstation und selbst, wenn meine Mutter oder ich hinfuhren, blieb auch er noch dort und ging nicht, bevor er sicher sein konnte, dass er an dem Tag nichts mehr für meine Oma tun konnte.

Als meine Oma starb, sah ich meinen Opa zum ersten und einzigen Mal weinen, wie ein kleines Kind.

Mein Opa war der erste (und vermutlich auch einzige) Mensch, bei dem ich als Kind das Gefühl hatte, mich hundertprozentig auf ihn verlassen zu können und dass seine Liebe zu mir an keine Bedingungen geknüpft ist.

Von ihm lernte ich, dass es besser ist, die Dinge eines nach dem anderen anzugehen – so wie man eben Klöße isst. Natürlich lernte ich das nicht auf Hochdeutsch von ihm, sondern im Dialekt des kleinen hessischen Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin. Und von ihm lernte ich auch nach kreativen Workarounds zu suchen, wenn mir nicht auf Anhieb eine elegante Lösung einfiel. Aber ich vermute, dass er mit dieser Beschreibung seiner Art, Probleme anzugehen, gar nichts anfangen könnte, denn er war immer mehr ein Macher als jemand, der lange über die Dinge nachdachte.

Heute wäre der 93. Geburtstag meines Opas. Ich weiss nicht mal, ob er tatsächlich ein gläubiger Mensch gewesen ist, aber ich weiss, dass er immer die Vorstellung von diesem Himmel hatte, in dem man all seine Lieben nach dem Tod wiedertrifft und in dem er gehofft hat, meine Oma wiederzutreffen. Und wenn ich nur ein bisschen von der Zauberkraft meines Opas, an die ich als Kind fest geglaubt habe, geerbt habe, dann wünsche ich ihm von ganzem Herzen, dass er genau dort heute sitzt und seinen Geburtstag feiert!

Katja

fast car

Als ich 19 oder 20 war, war ich für eine Woche mit einer Freundin in genau jenem kleinen Dorf im Urlaub über das ich letztens hier schrieb. Wir waren damals spontan, nur mit dem Ziel irgendwo an die Ostsee zu fahren, losgefahren und nachdem wir in der Ferienzeit unterwegs waren und die ‚Zimmer frei‘-Schilder rar waren, probierten wir irgendwann unser Glück bei genau jener Familie, bei denen wir während meiner Kindheit immer in den Ferien die Wohnung gemietet hatten. Und dort war frei. Genau jene Wohnung von früher und wir bekamen sie sogar zum ewigen Familienfreundschaftspreis.

Kurz vor der Abreise hatte die Freundin ihr Auto ausgemistet und sauber gemacht und was uns auf der Fahrt erst weit hinter Kassel auffiel, war, dass sie vergessen hatte, ihre Cassetten, die sie zum Autoputzen rausgenommen hatte, nicht wieder eingeräumt hatte. Wir hatten nur die eine einzige, die gerade im Autoradio steckte und weil noch dazu ihr Radio kaputt war und nur das Cassettenteil funktionierte, hörten wir eine ganze Woche lang nur diese eine Cassette.

Das wirklich erstaunliche ist, dass mir die Musik nach der Woche Dauerberieselung nicht zu den Ohren rauskam. Stattdessen bin ich ziemlich direkt nach dem Urlaub losgezogen, um mir selber die Platte zu kaufen. Heutzutage läuft die Musik von Tracy Chapman viel zu selten bei mir, aber ich mag sie auch nach all den Jahren immer noch genauso gerne wie damals und zu der ersten Platte haben sich im Laufe der Jahre noch ein paar hinzu gesellt.

Aber die erste, die ganz simpel nach der Künstlerin benannt ist, ist mir immer die liebste geblieben. 🙂

Katja

 

Die Geister, die ich rief

Es gibt keine echte Fluchtmöglichkeit, in Zeiten, in denen die eigene Erinnerung der größte Feind ist. Wie entkommt man den Bildern, die die Erinnerung bei jedem Augenschließen auf die Netzhaut projiziert? Wie verscheucht man die tanzenden Schatten und Reflexionen in jeder dunklen Scheibe, die das eigene Gehirn einem vorgaukelt, von denen es einen glauben machen will, sie seien echt?

An manchen Tagen funktioniert Ablenkung, funktioniert es, in die Geschichte eines Buches einzutauchen oder in irgendeine Tätigkeit, die die Bilder für eine Weile verdrängt. An anderen bleiben nur Tränen oder, wenn davon keine mehr übrig sind, eine dumpfe Leere. Und dann wird das innere Schreien manchmal leiser, aber das Gefühl ist in diesen Momenten leblos und stumpf.

Und das, was vermutlich am ehesten helfen könnte – mich gerade nicht so sehr einzuigeln und stattdessen Kontakt zu suchen – fällt mir wieder einmal am schwersten, weil ich diesen traurigen Teil von mir, dem das Lachen so schwer fällt, noch nie gut zeigen konnte. Nicht mal hier kann ich das besonders gut, seit Tagen will ich mir das eigentlich von der Seele schreiben und immer wieder lösche ich meine Entwürfe oder fange erst gar nicht an aus Angst, wie ein Jammerlappen zu wirken.

Aber eigentlich ist das Murks und sollte mir egal sein. Denn Schreiben ist ja auch noch eines von den Dingen, die am ehesten helfen.

Katja

 

First one

Lange hatte ich mich der neuen Technik verweigert. Zu sehr liebte ich meine Schallplatten. Diese schwarzen Scheiben, wo sich mit jedem Kratzer und jedem Sprung die eigene Geschichte unauslöschlich mit der Musik verband. ‚Weisst du noch, diese Fete letzten Oktober? Seitdem springt die Platte an der Stelle…‘ und man schwelgte in Erinnerungen. Musik und speziell diese Schrammen als Erinnerungskatalysatoren, fast so wie Narben, an deren Ursprung eine Geschichte hing, wie man sie sich zugezogen hatte.

Dann kamen diese silbernen kleinen Scheiben und verdrängten meine heissgeliebten Platten. Und ich wehrte mich mit Händen und Füßen. Zu clean, zu sauber, zu glatt – keine Seele. Alles, was die Platten für mich so liebenswert gemacht hatte, fehlte der CD.

Irgendwann wurde es immer schwieriger, Schallplatten zu kaufen, viele neue Alben kamen nur noch als CD auf den Markt und ich gab meinen Widerstand auf, fügte mich zähneknirschend und kaufte mir meinen ersten CD-Player. Und mit ihm zusammen meine erste CD. ‚Automatic for the People‘ war das, gerade frisch erschienen und vermutlich eine der CDs, die in den letzten fast 20 Jahren am häufigsten bei mir lief.

Vor 2 Tagen gaben R.E.M. ihre Auflösung bekannt. Danke für die Lieder! Danke für die vielen Verknüpfungen mit meinen Erinnerungen, die an euren Songs hängen – auch ganz ohne Kratzer und Sprünge. ♥

Katja