Komm da runter!

„Komm da runter, du fällst!“ hallte es gestern irgendwann durch’s geöffnete Fenster, durch das einen Augenblick vorher noch ausgelassenes Kinderlachen zu hören war.

„Komm da runter, du fällst!“ hallt es seitdem dumpf in meinem Kopf. Immer und immer wieder und es ist die Stimme meiner Mutter, die ich nicht wieder zum Schweigen bekomme. Schlagartig übel geworden ist mir gestern als ich den Spruch von draußen aufgeschnappt habe, weil er so vertraute Erinnerungen, mit so schalem Geschmack hochholte von der Kleinen, die nirgendwo hochklettern, nirgendwo drüberspringen, nirgendwo draufbalancieren, nirgendwo wasauchimmer sollte, weil sie’s doch nicht kann, weil’s doch zu gefährlich ist, weil sie doch hinfallen könnte, sich wehtun könnte, sich wasauchimmer könnte. Tu dies nicht. Mach das nicht. Du kannst das nicht. Du schaffst das nicht. Lass es bleiben.

Da ist diese Erwachsene in mir, die inzwischen weiß, wieso sie viele Ängste hat, wieso sie sich selber so wenig zutraut, so wenig auf sich selber vertraut, auf ihre Fähigkeiten und die das gerade, wo so viele Veränderungen passieren, quasi jeden Tag ausbaden muss, jeden Tag das „du schaffst das nicht“ runterschlucken muss und die sich oft genug daran verschluckt und sich dann am liebsten unter einem Stein verkriechen würde, irgendwohin, wo sie nichts schaffen muss, nicht versagen kann, nicht hinfallen kann.

Das ist die, die sich gestern sehr zusammenreißen musste, nicht das Fenster aufzureißen und mit voller Stimmgewalt „Mach weiter! Trau dich! Du kannst das!“ rauszubrüllen, um die Kleine mit dem fröhlichen Lachen zu ermutigen. Die sich zusammenreißen musste, nicht die Erwachsene vorm Fenster anzubrüllen, weil die gar nicht weiß, was sie der Kleinen antut, wenn sie ihr so viel Angst vorm Klettern – vorm Leben – mit auf den Weg gibt. Aber da ist natürlich auch noch die interne Kontrollinstanz, die weiß, dass das Brüllen nicht dorthin gehört, dass die Wut an eine ganz andere Stelle gehört. Und dann ist es innendrin gleichzeitig laut, weil da auf einmal diese Wut ist und das ist gut und da ist es außerdem zur gleichen Zeit ganz leise, damit die Erkenntnis, dass die ganze Angst und das Selbst*miss*trauen von außen kommen und dass es eigentlich keinen vernünftigen Grund dafür gibt, sich nicht sofort wieder aus dem Staub machen.

Katja

#TIL

Überaus spannend. Ich stieß heute zufällig über wiederholtes Rumklicken in der Wikipedia auf den Artikel über den Zeigarnik-Effekt (Wikipedia-Klick).

Es geht dort eigentlich um die bessere Verfügbarkeit und die bessere Erinnerung an Aufgaben, die man noch nicht abgeschlossen hat im Vergleich zu beendeten Aufgaben. Ich weiss nicht, ob es auch in die Richtung des Effektes geht und dazu gehört (Verfügbarkeit und Abrufbarkeit ist ja schon etwas anderes als unterschwellige Dauerpräsenz), aber ich musste direkt daran denken, dass ich angefangene Aufgaben permanent im Kopf rumspuken habe und dann überhaupt nicht abschalten kann.

Als ich noch gearbeitet habe, fielen mir oft mitten in der Nacht Dinge ein, die ich am Tag machen wollte und dann vergessen hatte und hinderten mich in Folge am Wieder-Einschlafen. Das wurde erst besser als ich mir angewöhnte, ein Notizbuch samt Stift am Bett liegen zu haben. Genauso ging es mir später zu Uni-Zeiten, dass mir vorm Einschlafen Ideen für die Lösung der Aufgaben für die Mathe-Übungen kamen, an denen ich abends verzweifelt war. Der Kopf hat die ganze Zeit weitergewälzt.

Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich ein bisschen besser zur Ruhe komme, wenn ich mir viele Dinge notiere, quasi das Gedächtnis auf Notizblöcke auslagere. Und im Grunde ist mein Blog auch ein bisschen so ein externer Speicher. Dinge, die ich hier zum Sortieren ablege und notiere, spuken mir nicht mehr dauerhaft im Kopf herum, meine Kreiselgedanken sind seitdem viel besser zu bändigen.

Katja

Außerdem gestern so.

Alles übrigens Alsfeld, ganz in der Nähe des winzigen Vogelsbergnestes, in dem ich aufgewachsen bin. Klick macht groß, auch wenn die Qualität recht lausig ist, weil ich nur das Händi dabei hatte, keine Kamera.

 

Und ein ganz besonderes Schmankerl:

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In diesem Laden kaufte ich anno 1994 meinen ersten PC, einen 486er mit 33 MHz Prozessor, 214 MB Festplatte und 8 MB Ram. Mit den 33 MHz war der voll schnell im Vergleich zum Büro-Rechner, der nur 25 hatte. Es gab damals auch gerade so die 40 MHz Prozessoren, aber – und ich zitiere hier den Fachverkäufer anno 1994 – „das wird sich nicht durchsetzen. So schnelle Prozessoren braucht man allerhöchstens im Profibereich und auch da käme man eigentlich mit den 33ern aus“. Hab ich ihm natürlich geglaubt. Damals™.

Katja

Damals™ – wieder mal in Erinnerungen gekramt

Meinen ersten PC kaufte ich 1993. Ein 386er* mit 33 MHz Prozessor, 240 MB [sic!] Festplatte und 4 MB RAM. Damals im Fachhandel erstanden, zusammen mit einem frühen Tintenstrahldrucker für schlappe 3.700 DM. Im Fachhandel, weil ich ja selber noch gar keine Ahnung hatte und ich hoffte dort auf guten Service, falls ich mit der Kiste gar nicht zurecht käme. Der Verkäufer versicherte mir damals – und ich glaube wirklich, dass er das wirklich glaubte – dass es zwar auch schon 486er* gäbe, solche Höllenmaschinen aber niemand im normalen Hausgebrauch je benötigen würde.

Weil im Fachhandel gekauft, kam der Rechner mit vorinstalliertem Betriebssystem: MS-DOS (ich glaube in Version 1.3) und darauf aufsetzend Windows 3.11. Ganz zu Anfang nutzte ich aber Windows kaum, weil es so viele DOS-Anwendungen gab. Als Dateimanager hatte ich den Norton Commander und ich erinnere mich noch, dass mir dann später irgendwann die Umstellung auf Windows ungeheuer schwer fiel.

Die erste Hardwareergänzung, die ich selber vornahm, war etwa ein halbes Jahr später. Da stockte ich den Arbeitsspeicher von 4 MB auf 8 MB auf. Für die 4 MB RAM zahlte ich damals bei einem Freund einen Freundschaftspreis von 200 DM. 200 Mark für 4 MB RAM. Irrsinn.

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Bis ich den ersten Internetzugang zu Hause hatte, vergingen noch 4 oder 5 Jahre. Ich weiss nicht mehr genau, ob ich den schon in 1997 oder doch erst in 98 bekam. Damals musste ich das Telefon ausstöpseln, wenn ich mit dem 56k-Modem online gehen wollte und während das Modem seine seltsam gurgelnden Einwahlgeräusche machte, konnte man lässig auf’s Klo gehen und sich einen Kaffee holen.

Damals war für mich die großartigste Errungenschaft dieser neuen Zeit und Technik die Möglichkeit, Musik im Internet runterzuladen und mir war damals nicht mal bewusst, dass das illegal war. Immerhin nutzten alle Napster und eines der Themen, um die es damals im ICQ oder IRC immer wieder ging, war die Downloadrate beim Musik“saugen“. Um einen einzigen Song mit 3-4 MB Daten in schlechter Qualität runterzuladen brauchte man, wenn die Verbindung gut war, etwa eine halbe Stunde. Riss die Verbindung zwischendrin ab (oder die desjenigen, bei dem man im p2p-Netzwerk runterlud), musste man wieder von vorne anfangen, erst später konnte man an abgebrochene Downloads anknüpfen.

*

Zum allerersten Mal gechattet habe ich via ICQ. Kurz nachdem ich damals das Programm installiert hatte, sprach mich über diese Random-Funktion ein Australier an. Ich weiss noch, dass ich furchtbar aufgeregt war. Ein Australier! Jemand, der am anderen Ende der Welt lebt und dessen geschriebene Worte doch in Sekunden auf meinem Monitor erschienen. Wahnsinn! Irrsinn! Die Welt war vorher riesengroß gewesen und auf einmal waren die Kontinente für mich ein Stück dichter zusammengerückt.

*

Manchmal, muss ich mal bewusst an solche Dinge zurückdenken. Der erste Rechner ist knapp über 20 Jahre her und seitdem hat sich die/meine Welt in einem unfassbaren Ausmaß verändert.

Ich finde es schier unglaublich, wie billig heutzutage PCs im Vergleich sind und wie schnell Rechner und das Internet (und dass es mir trotzdem oft zu lange dauert). Und wie unglaublich klein die Welt geworden ist, wie unglaublich nahe die Gedanken und Ideen von so vielen Menschen überall auf der Welt.

Und ich finde es noch unglaublicher und faszinierender, dass ich der letzten Generation angehöre, für die das Internet keine Selbstverständlichkeit ist, mit der man schon aufgewachsen ist. Heute laufen teilweise schon Grundschüler mit eigenen Smartphones rum und Weihnachten saß der kleine zweijährige Neffe des Mitdings da und tippte fasziniert auf dem iPad rum und wusste ganz genau, was er da bei der Bauernhof-App antippen musste. Unser erstes Festnetztelefon bekamen wir als ich in der 3. oder 4. Klasse war, vorher war es gang und gäbe, dass die Verwandten bei den Nachbarn anriefen, die schon länger einen Anschluss hatten und dass die Nachbarin dann über den Hof geeilt kam, um meine Mutter an den Apparat zu rufen, der natürlich auf einem Tischchen mit Spitzendeckchen im Flur stand, fest mit seinem Kabel in der Wand verankert.

Katja

(*Für die Jüngeren unter uns: man sprach das dreisechsundachtziger bzw. viersechsundachtziger.)

Sternenglanz

Jedes Jahr an Heiligabend, wenn ich den Weihnachtsbaum schmücke und nach den Kugeln die Strohsterne am Baum verteile, erzähle ich dem Mitdings von der gleichen Erinnerung. Ich weiss, dass ich es ihm jedes Jahr wieder erzähle und meist beginne ich auch damit, dass ich glaube, dass ich es ihm tatsächlich jedes Jahr wieder erzähle, aber irgendwie gehört auch das für mich zu Weihnachten dazu.

Denn jedes Jahr Heiligabend, wenn ich die Strohsterne am Baum befestige, muss ich dabei an meinen Opa denken, von dem ich diese Strohsterne habe. Ich war wohl um die 20 als es bei seiner Lieblingsbrauerei als Weihnachtsaktion zu jedem Kasten Bier, den man kaufte, 3 Strohsterne mit dazu gab. Das Lieblingsbier meines Opas war Licher Pils und immer, wenn er auswärts tatsächlich mal kein Licher bekam und anderes Bier trank, kommentierte er das auch, dass es kein Vergleich sei. In der Küche meines Opas stand noch ein alter mit Holz beheizter Herd. Zum Kochen hatten die Großeltern eigentlich schon lange einen elektrischen und doch blieb der alte Holzherd an Ort und Stelle und mein Opa kochte auch gelegentlich noch darauf. Was er aber immer machte war, dass er Bier, das er aus dem kalten Keller hochholte, zuerst ganz hinten auf diesen Herd stellte, damit es ein bisschen anwärmte. Speziell im Winter trieb er das manchmal so weit, dass er sein Bier lauwarm trank. Das mochte er einfach lieber als wenn es ihm zu kalt war. Darüber hinaus meinte er auch immer, dass es sich so schneller trinken ließe als zu kalt. Und – speziell in jenem Jahr als es die Strohsterne zu jedem Kasten Licher Bier dazu gab – ging es ja schließlich darum, das Zeug möglichst schnell zu vernichten, um in der Vorweihnachtszeit auch wirklich genügend Strohsterne anzusammeln, dass sie sich als Baumschmuck lohnen würden.

An meinem Opa mochte ich immer diesen speziellen Humor und den Schalk, der aus seinen Augen blitzte, wenn er mich von seinem Fernsehsessel aus bat: „Katja, gib mir doch bitte nochmal ein Bier vom Herd. Es wird einem hier ja nichts geschenkt und jemand muss sich um den Baumschmuck kümmern.“

Und weil mein Opa sich damals so selbstlos geopfert und das, der Zahl der Strohsterne nach zu urteilen, recht gründlich, habe ich jedes Jahr beim Schmücken des Weihnachtsbaumes diese kleine Erinnerung an den besten Opa der Welt und diese schon etwas in die Jahre gekommenen Strohsterne, die langsam nach und nach zerbröseln sind für mich die schönsten der Welt.

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Ich wünsche allen Leser*innen meines Blogs ein frohes Weihnachstfest – gerade so actionreich oder besinnlich, ruhig und alleine oder lärmend zwischen der Familie, wie jede*r von euch es sich selber am meisten wünscht!

Katja

(Hier hatte ich übrigens zu einem früheren Zeitpunkt schon einmal einen längeren Text mit Erinnerungen an meinen Opa ❤ geschrieben.)

Diplomschüler

Im Nachfolgenden lest ihr einen Gastbeitrag von ickemich. Er bat mich um eine Themenvorgabe und ich wünschte mir einen ‚Schwank‘ bzw. eine Erinnerung aus seiner Kindheit oder Jugend. Ich freue mich sehr über die Erinnerungen – vielen Dank ickemich! 🙂
Das Datum der Veröffentlichung ist übrigens kein ganz zufälliges, genau heute vor 25 Jahren war nämlich die erste Demo in besagtem Ort ganz oben, weit rechts.

ickemichs Blog findet ihr hier und hier geht es zu seinem Twitteraccount.

Viel Spaß beim Lesen! (Was es mit den Gastartikeln auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen. Die Rechte an Text und Bildern liegen selbstverständlich bei ickemich, der sie mich freundlicherweise hier veröffentlichen lässt.)

Katja

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IMG_1133Ich darf mich hier nun also auch digital verewigen. Der Bitte nachkommen, während der Abwesenheit von Katja, hier etwas beizutragen. Dabei kann ich sogar noch, so wie „aufgetragen“, einen Schwank aus meiner Jugend präsentieren. Allerdings ohne aufzutragen.Vielen Dank dafür, dass ich das darf.

Vielleicht passt sie sogar ein wenig in diese Jahreszeit. Meine DDR- Jugend. Heute, so kurz vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls.
Wer allerdings von mir nun die totale Ostalgie erwartet, der darf jetzt gerne weiterklickern, denn es folgen lediglich ein paar meiner Erinnerungen. Mit dem Abstand von heute.
Nichts weiter.

Als Kind der Deutschen Demokratischen Republik gibt es sicherlich eine Vielzahl an Schwänken zu erinnern. Aus meiner Kindheit, aus meiner Jugend. Das beginnt ja schon damit, dass hinter dem antifaschistischen Schutzwall, von Ostfriesland aus betrachtet, die sozialistische Staatsbahn noch ‚Deutsche Reichsbahn‘ genannt wurde. „Reichsbahnlokführer“ kann man sich nicht ausdenken. Witzig nicht? Ja, nicht!

 

Witzig fand ich damals eher schon, dass der Farbfernseher meiner Eltern, in etwa vier Nettomonatslöhne meines Vaters kostete. Meine Eltern fanden das damals sicher nicht so witzig. Ich könnte auch darüber berichten, dass für den acht Jahre alten Trabbi durch meinen Vater nur noch gut das Doppelte vom Neupreis hingeblättert wurde.
So kaufte man sich damals eben Zeit. Wartezeit.

Etwas wahnwitziger war es da schon, dass der Kilopreis vom Saisongemüse im örtlichen Konsum bisweilen deutlich unter dem garantierten staatlichen Aufkaufpreis für das gleiche Gemüse in der Ankaufstelle zwei Straßen weiter lag.
Man holte sich die Kohle also schon irgendwie wieder.
Auch munkelte man bisweilen, dass das subventionierte Brot deutlich günstiger war, als das weniger subventionierte Futtergetreide. Was einige Bauern wohl dazu animierte …
ihr könnt es euch ja sicher denken.
Ja, Schwänke und Anekdoten gibt und gab es viele. Sicherlich.
Es war ja sehr für uns gesorgt, für uns DDR-Bürger. Für mich, für meine Eltern und meine Großeltern. Später auch für meine Schwester.
Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Lehre, Armee, Studium, Arbeiten, Rente, Tod. Alles da. Alles vorgezeichnet. Wenn man denn etwas mitspielte, im real existierenden Sozialismus. Sicherlich.
IMG_1134Mit der Schule war ich im Sommer 1988 fertig. Also mit der Polytechnischen Oberschule. Mit Diplom sogar. 10 Jahre recht breites Allgemeinwissen erlernt, 10 Jahre Naturwissenschaften und Sprachen gebüffelt, etwas Kunsterziehung genossen – 10 Jahre Ideologie auch abseits vom Schulhof, 10 Jahre Kindheit, bzw. nach der Jugendweihe, auch Jugend. Pubertät hatte ich damals dann auch noch irgendwie. Die gab es ja selbst in der DDR, und sie war auch da gratis.
Für das Abitur hatte ich mir, etwas abseits der Norm, eine sogenannte „Berufsausbildung mit Abitur“ ausgesucht. Ja, man konnte sich sogar einige Dinge aussuchen. Zumindest als Diplomschüler. Maschinist wäre dann also der Beruf gewesen, falls es mit dem Studium nicht so hingehauen hätte. Im Kernkraftwerk. Heute nennt man die Dinger Atomkraftwerk, das Grundprinzip ist aber dasselbe. Berufsschule und Erweiterte Oberschule (Gymnasien hatten wir ja nicht) in einem Aufwasch. Drei Jahre, statt zweimal zwei. Das rechnete sich recht leicht. Nach dem Studium der Kernenergie dann irgendwann schichtleitender Diplomingenieur auf einer der Blockwarten. Knöpfchen drücken und hoffen, dass es gut geht. Zwischendurch noch die obligatorischen drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee, um überhaupt an den Studienplatz zu kommen. Vom Diplomschüler zum Diplomingenieur?Check!
In meiner altmärkischen Heimat war das regionale Kraftwerk damals allerdings noch kernig in Bau. Seit Jahren schon. Wurde auch nicht wirklich fertig. Irgendwas war halt immer. Somit fand meine Lehre und das zeitgleiche Abiturbüffeln in Greifswald statt. Greifswald? Ja, Greifwald. Finger auf die Deutschlandkarte, hoch, ganz hoch, weit rechts. Über Dänemark noch drüber rechts. Insel Rügen! Wieder ein wenig runter, noch einen ganz kleinen Tick nach rechts. Da! Greifswald.
Wöchentliches Pendeln war also angesagt, mit der bereits angesprochenen Reichsbahn der Demokratischen Republik. Halbquer durch das Land über ca. 341,7 km. Am Wochenende daheim. In der Woche im betriebseigenen Internat. Pardon, im betriebseigenen Lehrlingswohnheim.
Drei-Mann-Bude, Dusche und Klo über den Flur. Sozialistisch betreutes Wohnen, und trotzdem eine neue Freiheit für mich. Mit sechzehn Jahren? Klar!
Daheim in der Altmark gab es noch meine zukünftige Ex-Frau. Also wurde am Sonntag gerne der letzte Zug genommen. Über Berlin, Hauptstadt der DDR. Dort fuhr dann der sogenannte Malmö-Express nach, genau nach Rügen und dann noch etwas weiter. Der Zug war immer recht zuverlässig, da er ja eine Fähre zu erreichen hatte. Die Fähre nach, ihr ahnt es bereits, Trelleborg/Schweden, jenseits des antifaschistischen Ostseewellenwalls. Und dann eben nach Malmö, logisch.
Das Expresszugding hatte einen Halt in Greifswald. Davor noch einen, aber das ist nicht so wichtig. Wichtig war vielmehr, dass man da einfach so mitfahren durfte und meist pünktlich gegen zwei Uhr morgens am Montag wieder im Lehrlingswohnheim war. In Greifswald. Und man traf sich am Berliner Bahnsteig bereits mit dem Berliner, dem Magdeburger und dem Dresdner aus dem Lehrjahr. Das war so weit ganz gut.
Auch nicht schlecht war es, wenn man an den Stadtgrenzen von Berlin bereits eingepennt war. Wochenenden mit der zukünftigen Ex-Frau konnten auch damals schon schlauchen. Etwas schlechter war es dann schon, wenn dies das ganze Abteil betraf.
Das Einpennen, nicht das Schlauchen.
So richtig blöd wurde es dann einmal, als kurz hinter dem Rügendamm die Transportpolizei, unterstützt vom Zoll und den Grenztruppen der DDR, nach den Pässen fragte. Diesen Heftchen mit dem Staatswappen außen und dem Visum innen, die wir natürlich nicht hatten. Dafür hatten wir Personalausweise und Fahrkarten bis Greifswald. Und ein Problem. Das war nämlich nicht mehr nur blöd oder peinlich, sondern auch gefährlich. Also, wir waren jetzt gefährlich.
Gegen sieben Uhr zurück in Greifswald, wurden wir vier dann nämlich bereits erwartet. Am Bahnsteig. Von Herren in auffällig unauffälliger Zivilbekleidung. Denen war es wahrscheinlich zu früh gewesen, um uns ganz aus Binz abzuholen, mitten in der Nacht. Gefährlich hin oder her. Unsere Personalien waren ja sowieso längst aufgenommen.
Und dann hatte man auf einmal schulfrei, weil man wurde ja befragt. Einzeln.

Wie man denn so zum Sozialismus stehe? Ob es denn Spaß macht, mit der Lehre und dem Abi? Ob man gerne Rockmusik hört? Warum man aus der Deutschen Demokratischen Republik flüchten wollte? Wie das Wochenende so war? Ob man denn gerne in den Jugendknast wolle? Wie es der Uroma in Niedersachsen denn so geht?

Diese letzte Anekdote war keine. Sondern damals bitterer Ernst für uns, mit gerade siebzehn Jahren. Wir durften dann irgendwann gehen und wieder zur Berufsschule. Waren wohl doch nicht so gefährlich. Gefährlich eingepennt? Vielleicht wurden wir nun auch verstärkt beobachtet. Ich will gar nicht wissen, von wem alles. IMG_1136
Einer blieb aber ab nun immer wach. Abwechselnd, im Malmö-Express am Sonntag.

Ein gutes halbes Jahr später wurde diese Geschichte dann doch noch zur Anekdote. Zu einer Anekdote der Geschichte.
Heute kann ich über all das nur noch den Kopf schütteln. Ganz leicht.
Und ihr dürft das nun auch. Bloß gut!

Nach meinem Facharbeiterabschluss bei der IHK Mecklenburg-Vorpommern und meinem Fachabitur habe ich übrigens nie wieder in einem Kern- oder Atomkraftwerk gearbeitet. Schon gar nicht als Maschinist.
Ich weiß auch sehr genau, warum. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Eine Art Liebeserklärung an Land, Wein und Käse

Gestern Abend hatte ich eine kurze Unterhaltung mit @Fred_F2 auf Twitter über alkoholische Getränke allgemein, Wein im besonderen und spanische Weine ganz speziell und das löste bei mir einen akuten Anfall von nostalgischer Erinnerung an den Tag aus, an den ich mich in Spanien verliebte.

2009 wollten wir eigentlich im Herbst nach Italien, genauer nach Sizilien. Dann gab es dort heftige Unwetter und Überschwemmungen und Schlamm und wir änderten kurzfristig unsere Pläne, weil die Menschen dort auch ohne Touristen, die ihnen im Weg rumstehen, zu der Zeit genügend andere Sorgen hatten. Weit im Süden sollte es sein, weil wir in der letzten Oktoberwoche erst fahren konnten und sicher gehen wollten, dass wir noch ein bisschen Sonne abbekommen und natürlich sollte es am Meer sein. Spanien bot sich an und ich glaube, es war der beste Freund, der damals meinte: „Guck doch mal an der Costa de la Luz.“
Der Gedanke faszinierte mich alleine schon des Namens wegen „Küste des Lichts“ – was passt denn besser in die letzte Oktoberwoche bevor es in Deutschland dann nur noch trüb und grau und dunkel sein würde?

Wir mieteten ein Ferienhaus in La Barrosa und das war eigentlich ein völliger Irrsinn, weil wir in jenem ersten Jahr nur eine Woche dort blieben und dafür 2.500 km mit dem Auto anreisten mit je 2 Zwischenübernachtungen – 11 Nächte insgesamt weg und davon 4 auf der Strecke…

Mittlerweile wissen wir, worauf wir bei der Hotelsuche achten müssen, wenn wir unsere Zwischenstopps auf der Strecke ausmachen, damals war das alles noch ganz neu. Daher planten wir die Strecke in möglichst gleichen Abschnitten, den ersten Stopp in Südfrankreich, den zweiten mitten in Spanien. Heutzutage lassen wir den Halt in Frankreich meist ganz sausen und fahren in einem Rutsch nach Spanien durch bzw. von Spanien bis nach Hause, weil man in Spanien für den gleichen Preis behaglich schlafen und großartig essen* kann, den man in Frankreich für eine Absteige ohne Frühstück hinblättern darf. Dass das eine Pauschalisierung ist, die nicht zwingend immer gilt, ist mir natürlich klar, aber die Suche nach einer Unterbringung in Spanien hat sich für uns als sehr viel zeit- und nervensparender erwiesen.

In 2009 lag unser erster Halt aber noch in Frankreich und wir fuhren hier kurz vorm Morgengrauen los, rüber nach Frankreich und durch’s Rhonetal in den Süden. Als es langsam draussen hell wurde, konnte man förmlich zugucken wie sich die Landschaft veränderte, wie die Gebäude und Dörfer, die man von der Autobahn aus sehen konnte immer französischer, südlicher aussahen, wie sich die Vegetation verändert und immer mehr Pappeln und Pinien die Straße säumten. Das Hotel im Süden Frankreichs war eine der besagten Absteigen. Das Zimmer klein, es passte kaum mehr als das Bett rein, dafür roch es muffig und beim Bett spürte man jede einzelne Bettfeder in der Matratze. Aber es gab Palmen direkt vorm Hotel und auch Wasser. Die warme Winterjacke, die ich noch bei den kurzen Stopps unterwegs angezogen hatte, blieb im Hotel, es war T-Shirtwetter. Und das Ende Oktober.

Am nächsten Morgen waren wir ganz froh, dass wir die Frühstückszeit nicht abwarten mussten, denn wir hatten schlecht und kurz geschlafen und rafften also in aller Frühe die Sachen zusammen, hielten bei einer Bäckerei, die schon geöffnet hatte, um Café au lait und ein paar Croissants einzusammeln und machten uns wieder auf den Weg. Durch die Pyrenäen ging es und dann war da auf einmal Spanien. Wir fuhren bis ungefähr Valencia über die Autobahn, die etwa parallel zur Mittelmeerküste verläuft. Auf der einen Seite meist rötliche Felsen im Blick, dazwischen immer wieder große Felder mit Orangenbäumen (yeah!) und Olivenhaine, auf der anderen konnte man immer wieder mal einen Blick auf’s Meer erhaschen; und alles lag in blendend hellem Sonnenschein.

Ungefähr bei Valencia bogen wir dann in Richtung Landesinnerem ab, weil unser nächstes Hotel in Ciudad Real, der königlichen Stadt lag. Und dann versagte irgendwann das Navi bzw. gab es die Straße über die es uns schicken wollte gar nicht mehr und die Straße, auf der wir stattdessen landeten kannte es nicht und weil noch dazu unser Ziel in einer nichtbefahrbaren Straße lag, rechnete es und rechnete und rechnete und konnte keine sinnvolle Strecke mehr anzeigen, sondern hängte sich einfach auf und auch ein Neustart konnte das Problem erst mal nicht lösen. Das war ungefähr die Zeit, zu der ich sicher ein halbes Dutzend mal feststellte, was für ein Glück es war, dass wir zusätzlich zum Navi noch eine echte Landkarte aus Papier dabei hatten. Die lieferte uns nämlich zumindest die grobe Orientierung nach welchen Orten wir uns richten mussten, um einigermaßen unsere geplante Richtung beizubehalten.

Weil wir nicht mehr auf der Autobahn fuhren und deutlich langsamer unterwegs waren, hatten wir die Klimaanlage abgeschaltet und stattdessen die meiste Zeit die Autofenster offen. Draussen zogen immer noch Olivenbäume vorbei, dann auch immer mehr Weinstöcke. Die Erde sah rot-orange aus und durch die offenen Fenster wehte ein unheimlich satter Kräuterduft rein. Rosmarin, Thymian, Lavendel – ich kam mir vor als hätte ich die Nase tief im Gewürzschrank.

Irgendwann fing es an zu regnen und man konnte kaum noch etwas erkennen, dann waren wir, viel später als geplant endlich in Ciudad Real und kamen dahinter, weswegen das Navi solche Schwierigkeiten hatte. Unser Ziel lag tatsächlich in einer unbefahrbaren Zone, nämlich mitten in einer zona peatonal, einer Fußgängerzone. Das störte aber niemanden, dort herrschte reger Autoverkehr und so konnten wir wenigstens kurz vorfahren und unser Gepäck ausladen bevor wir in ein nahegelegenes Parkhaus fuhren.

Nach dem französischen Hotel kam mir das Alfonso X, das seinen Namen Alfons, dem 10. von Kastilien – El Sabio, dem Weisen – verdankt, tatsächlich königlich vor. Nach dem langen Tag waren wir nur noch müde und hungrig und statteten dem ausgezeichneten Restaurant des Hotels einen Besuch ab. Dort bestellten wir einen Wein aus der Gegend – La Mancha – und als Vorspeise gab es einen Teller mit Käse der Region – mit Manchego. Und just in dem Moment als ich den Wein probierte und den würzigen Käse und beides zusammen und die Augen schloss, da war in meinem Mund genau das zu schmecken, was ich den ganzen Tag eingeatmet hatte. Ganz fein Orange, dann Olive, die rote schwere Erde, Rosmarin, Lavendel. Wein und Käse, denen man die Gegend an’schmeckt‘ aus der sie stammen. Das Land, die Landschaft eingefangen in einer Mahlzeit. Das war der erste Moment, an den ich mich zurück erinnere, an dem ich dachte, das mit Spanien und mir, das könnte was werden. Da ist viel Liebe möglich.

Letztes Wochenende wurden wir in gemütlicher Kaffeerunde in der Sonne gefragt, warum wir eigentlich immer wieder nach Spanien fahren und ich fand es nicht so leicht, das in 2 Sätzen zu beschreiben. „Es ist eben sehr schön da und wir haben längst noch nicht alles gesehen.“ ist ja nur ein Teil davon, was das ausmacht. Mittlerweile ist nicht mehr alles so frisch und neu wie in 2009. Ich weiss mittlerweile, nach welchem Käse ich im spanischen Supermarkt greifen muss, der kein halbes Vermögen kostet und mich unfassbar froh macht. Ich weiss, mit einem Tinto aus dem Rioja kann man nicht so viel verkehrt machen und wenn man irgendwo essen geht, bestellt man einfach den Tinto de la casa und bekommt immer erstklassigen Wein für kleines Geld. Mittlerweile verstehe ich ein bisschen Spanisch, kann viele Schilder lesen und mich halbwegs verständigen – auch dort, wo man überhaupt kein Englisch kann.

Und ich weiss, dass ich das alles längst noch nicht ‚über‘ habe, auch wenn nicht mehr alles neu und aufregend, sondern einiges mittlerweile warm vertraut ist. Wie das mit der Liebe eben so ist…

Katja

(*Ich glaube, darüber muss ich irgendwann mal gesondert bloggen.)