Gelesen im April 2015

Im Vergleich zu den Monaten vorher, habe ich im April nicht so viel gelesen, was möglicherweise auch ein bisschen daran lag, dass ich mich durch den 800-Seiten-Band von Elizabeth George dieses Mal wirklich ziemlich durchquälen musste.

Dafür waren die anderen beiden Bücher wirklich groß! John Green hat mir so gut gefallen, dass ich im Moment schon das nächste von ihm lese und den Baker, auf den ich durch Anettes Rezension gestoßen bin, hätte ich am liebsten auch nicht aus der Hand gelegt. (Wer Anettes Blog noch nicht kennt, der bzw. dem sei es hier übrigens mal warm empfohlen. Ich mag eigentlich lieber so gemischte Feld-Wald-und-Wiesenblogs und lese wenige monothematische Blogs, aber Anettes Bücherblog lese ich unheimlich gerne, weil ich ihre Rezensionen als genau richtig empfinde. Die sind so informativ, dass ich eine Vorstellung davon bekomme, ob das Buch was für mich wäre und kurz genug, dass ich sie gerne lese.)

John Green – Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)

Nachdem ich vor kurzem den Film ‚Das Schicksal ist ein mieser Verräter‘ gesehen hatte, wollte ich unbedingt ein Buch von John Green lesen – nur nicht direkt das Schicksal, da wusste ich ja schon, dass mir der Film gefallen hatte und der Eindruck war auch noch zu frisch. Also wurde es ‚Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)‘.

Colin ist ein hochbegabtes Wunderkind, der – als eine seiner Besonderheiten – aus allem (im Kopf) Anagramme bildet. Eine weitere Besonderheit ist, dass Colin, schon ganze 19 Freundinnen hatte. Das alleine mag noch keine so aussergewöhnliche Besonderheit sein, doch alle 19 hießen Katherine. Gerade hat Katherine XIX sein Herz gebrochen und Colin lässt das Sommercamp für Wunderkinder in diesem Jahr ausfallen und steigt mit seinem (einzigen) Freund Hassan ins Auto und die beiden fahren einfach drauf los bis sie ein Schild an der Autobahn entdecken, das besagt, dass man in Gutshot das Grab von Franz Ferdinand besichtigen kann.

Bei der Führung lernen sie Lindsey Lee Wells kennen und kurz darauf deren Mutter, die in einer rosafarbenen Villa lebt und DIE Fabrik des Ortes betreibt. Hollis bietet den beiden einen Ferienjob an und so bleiben sie in Gutshot, wo Colin an einem Theorem arbeitet, bei dem er seine Erfahrungswerte mit den 19 Katherines in eine Formel verwursten will, die sämtliche Beziehungen in ihrer Länge und der Frage, wer wen sitzen lassen wird, erfasst und somit das Liebesglück vorhersehbar macht.

Nebenbei schließen sie Freundschaft mit Lindsey, Hassan küsst zum ersten Mal ein Mädchen, Colin lernt Geschichten so zu erzählen, dass sie nicht langweilig sind und sie gehen auf Schweinejagd und scheuchen dabei nicht nur angriffslustige Hornissen auf.

‚Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)‘ ist eigentlich ein Jugendbuch, abgesehen davon, dass die Protagonisten Jugendliche sind, merkt man ihm das aber mMn wenig an und es ist auch für Erwachsene gut lesbar. Worauf ich nach dem Film gehofft hatte, hat sich als für mich wahr herausgestellt: John Green weiss auf jeden Fall, wie man Geschichten erzählt. Die Charaktere haben Tiefe, die Geschichte ist interessant und gut lesbar erzählt und bekommt immer noch rechtzeitig die Kurve, bevor es ins Kitschige abgleitet. Tolles Buch. Mehr von John Green bitte!

 

Elizabeth George – Asche zu Asche

„Asche zu Asche“ ist handlungschronologisch der 7. Band um Elizabeth Georges Inspector Lynley und ich habe erst gerade, nachdem ich fertig war gemerkt, dass ich ihn versehentlich vorm 6. gelesen habe – was aber so wenig stört, dass es mir tatsächlich erst nach der Lektüre aufgefallen ist.

Nachdem die vorherigen Bände so um und bei 450 Seiten hatten, kommt „Asche zu Asche“ mit 800 Seiten fast doppelt so dick daher und das hat dem Buch, mMn nicht so arg gut getan. Vielleicht ist es auch die Überladung der Handlung, weswegen ich mit diesem Band bisher insgesamt am wenigsten anfangen kann. Der Mord an Kenneth Fleming, einem bekannten Cricket Champion und die folgende Ermittlung, eine militante Organisiation, die Labortiere befreit, die ALS Erkrankung einer der Protagonistinnen. Da werden viele Dinge miteinander verknüpft, viele Fäden aufgenommen – zudem macht Lynley seiner Angebeteten einen Heiratsantrag, seine Partnerin im Team bei Scotland Yard, Barbara Havers, hat eine neue Wohnung bezogen, die örtliche Polizei in Kent und deren Brandexpertin ermitteln parallel und es kommt zu Reibereien – aber alles wirkt ein bisschen halbherzig in diesem Band. Viele angefangene Fäden werden nicht zu Ende gesponnen, sondern gehen einfach unterwegs verloren. Dafür werden die Klischees umso deutlicher gezeichnet. Was mich in bisherigen Bänden fasziniert hat – die unterschiedlichen sozialen Schichten, denen Lynley und Havers angehören und wie sie sich dabei in den Ermittlungen ergänzen, das alles kommt dieses Mal nicht so wirklich hervor und in der Beziehung zwischen Lynley und dessen mittlerweile Verlobten Helen zementiert George Rollenbilder aus dem vorigen Jahrhundert.

Näää. Das war nicht meiner und momentan bin ich nicht so erpicht* darauf, die Serie überhaupt weiterzulesen.

 

Jo Baker – Im Hause Longbourn

Während sich in den oberen Etagen des Hauses Longbourn Jane Bennet in Mister Bingley verliebt und Elisabeth Bennet damit beschäftigt ist, Mister Darcy abscheulich zu finden, sorgen die Dienstboten des Hauses für einen möglichst reibungslosen Ablauf des Haushalts. Um genau jene Dienstboten bei den Bennets geht es „Im Hause Longbourn“ von Jo Baker. Während ganz am Rande des Buches die Handlung von Jane Austens großartigem „Stolz und Vorurteil“ abläuft, beschreibt Jo Baker das Leben der Angestellten im Hause. Hauptperson ist dabei Sarah, eines der Hausmädchen und man bekommt einen völlig anderen (zusätzlichen) Blick auf das Leben in England zu jener Zeit. Während bei Jane Austens Geschichte die Mahlzeiten, wenn Gäste da sind, aufgetischt werden, bekommt man bei Jo Baker Einblick in die Zubereitung in der Küche. Der Besuch des Erben bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn die Bediensteten versuchen, ihre Stellungen für die ungewisse Zukunft zu sichern und dass die Bennet-Töchter ständig über staubige oder gar matschige Landstraßen spazieren gehen, bekommt eine ganz andere Note, wenn man es aus der Sicht deren erlebt, die die dreckverkrusteten Rocksäume wieder sauberschrubben müssen – bis die Hände bluten und darüber hinaus.

Das wirklich geniale an dem Buch ist für mich aber, dass es eine ganz eigenständige Geschichte erzählt, bei der es zwar Überlappungen zu Austens Werk gibt (und natürlich ist der Lesegenuss größer, wenn man die Geschichte um Elizabeth und Darcy kennt), die aber trotzdem ganz für sich alleine steht. Es ist keine Nebenhandlung zur ‚Hauptgeschichte‘, sondern ein Buch über das Leben der Dienstboten – und speziell des Hausmädchens Sarah – um die Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert. Dabei ist die Sprache etwas rauher und die Themen etwas derber als bei Austen, das ist sehr stimmig für den geringeren Stand der Figuren.

Schönes, spannendes und interessantes Buch, das angemessen respektvoll mit der Vorlage Austens, ihren Figuren und ihrer Handlung umgeht. Einzig mit dem Ende tat ich mir ein bisschen schwer und bin nicht sicher, wie realistisch es für die damalige Zeit sein könnte. Aber letztendlich war es sehr stimmig für die Figuren, die ja auch ein wenig eigensinnig sind.

Ich muss jetzt dringend nochmal die BBC Verfilmung mit Colin Firth gucken und die Dienstboten – so sie zu sehen sind – mit angemessener Aufmerksamkeit und Respekt betrachten.

Katja

[*Die Redewendung „auf etwas erpicht sein“ stammt übrigens vom Verb „erpichen“, das im 16. Jahrhundert dafür verwendet wurde, wenn etwas mit Pech festgeklebt wurde. Man ist wie festgeleimt, auf etwas versessen. (Quelle)]

 

 

kurz zitiert #48

Nur eines schaffte ich nicht: Mutter aus meiner Erinnerung und meinen Gedanken zu löschen. Ich wage zu bezweifeln, dass überhaupt ein Mensch das kann, wenn es um Eltern oder Geschwister geht. Das Band, das einen an die Familie bindet, kann durchtrennt werden, aber die abgeschnittenen Enden haben so eine Art, einem an windigen Tagen ins Gesicht zu flattern.

(Olivia Whitelaw – in den Mund gelegt von: Elizabeth George, Asche zu Asche, Seite 562)

 

(Ohne Worte)

Katja

Gelesen im März 2014

Mal ganze vier Bücher in diesem Monat und der Hornby definitiv das beste, das ich in diesem Jahr bisher gelesen habe!

Nick Hornby – A long way down

Maureen, Martin, JJ und Jess könnten unterschiedlicher nicht sein – eine Hausfrau, die sich um ihren behinderten Sohn kümmert, ein abgewrackter Fernsehmoderator, ein Musiker, der seine Band und seine Freundin verloren hat und eine junge Frau, die dank ihres losen Mundwerks, Drogen und Alkohol von einer Schwierigkeit in die nächste gerät.

Gemeinsam haben die vier lediglich, dass sie sich zufällig in der Silvesternacht auf dem Dach eines Londoner Hochhauses – des Topper House – begegnen, jeder einzelne von ihnen dort oben, um zu springen und sein Leben zu beenden. Das geht natürlich nicht mit so vielen Zuschauern und so vertagen sie ihre Pläne erstmal. So verschieden die vier sind, diese gemeinsame Erfahrung verbindet sie und auch wenn sie die meiste Zeit streiten, irgendwie wollen sie einander doch helfen und ergründen gemeinsam, was sie dafür brauchen, am Leben zu bleiben. Und manchmal kommt auch einfach etwas dazwischen:

„He, Leute“, sagte JJ. „Bleiben wir doch bei der Sache.“
„Bei welcher? Ist das nicht gerade unser Problem? Nichts, wobei wir bleiben können?“
„Bleiben wir bei diesem Kerl.“
„Wir wissen doch nicht das Geringste über ihn.“
„Schon, ja, aber … ich weiss auch nicht. Irgendwie finde ich ihn wichtig. Wir waren auch drauf und dran, das zu tun.“
„Waren wir?“
„Ich ja“, sagte Jess.
„Aber du hast es nicht getan.“
„Du hast auf mir drauf gesessen.“
„Aber seitdem hast du es nicht noch mal versucht.“
„Na ja. Erst waren wir auf dieser Party. Dann sind wir in Urlaub gefahren. Und … na ja. Es kam dauernd irgendwas dazwischen.“
„Schrecklich, so was. Du musst dir unbedingt ein paar Tage im Terminkalender frei halten. Sonst kommt dir ständig das Leben in die Quere.“
„Halt die Fresse.“

(Nick Hornby – A long way down, Knaur, Seite 279)

Ich mag Bücher, bei denen ich ab Seite 100 denke, dass ich von dem entsprechenden Autor unbedingt alles lesen möchte und bei denen sich der Eindruck dann auch tatsächlich bis zum Ende hält. Hornby lässt die vier Protagonisten das ganze Buch in der ich-Perspektive erzählen, wobei die Sicht pro Kapitel zwischen den einzelnen Figuren wechselt. Das ist eine gute Methode, die mir die vier, trotz ihrer Unterschiede, alle nah gebracht hat. Manche Szenen schildern mehrere der Protagonisten je aus ihrer Sicht, manchmal erzählt nur einer und man erfährt dadurch wie die Handlung voranschreitet. Das hat er gut eingesetzt und für mich passend; die Toppers‘ House Four sind alle stimmige Figuren, zwar schräg aber konsistent. Ein wunderbares Buch, gerade auch, wenn man diese dunklen Phasen und Gedanken selber kennt. Durchhalten, rausfinden, was du brauchst – das könnte kein Ratgeber besser verdeutlichen.

Während ich das Buch gelesen habe, habe ich den Film ‚About a boy‘, der auf einer Romanvorlage von Nick Hornby beruht, gesehen – großartig. Das wird wohl das nächste seiner Bücher sein, die ich mir vornehme.

Astrid Lindgren – Pippi Langstrumpf

Vermutlich war bei den ganzen Büchern aus der Grundschulbibliothek, die ich seinerzeit verschlungen habe, auch Pippi Langstrumpf dabei – ich konnte mich aber überhaupt nicht erinnern, das Buch je gelesen zu haben und weil das natürlich ein großes Versäumnis ist, kaufte ich es mir vor einer Weile. Überaus präsent sind mir nur die Filme mit Inger Nilsson, die in diesem Jahr schon stolze 55 Jahre alt wird unglaublich!), und so ging es mir auch beim Lesen so, dass ich dauernd die Filmfiguren vor Augen hatte und den unglaublichen Charme, den die Filmpippi versprüht.

Grobe Angaben zum Inhalt kann ich mir hier wohl tatsächlich sparen. Ich glaube, selbst annähernd 70 Jahre nach dem ersten Erscheinen des ersten Buches, kennt (und liebt!) auch heutzutage noch jedes Kind Pippi Langstrumpf.

Ich bin gar nicht auf dem aktuellen Stand, ob es von Pippi eine neuere, überarbeitete Ausgabe (ich kaufte meine gebraucht und sie stammt aus 1996) gibt oder ob sie zumindest geplant ist, ich weiss nur, dass viel darüber diskutiert wurde, die (heutzutage) rassistisch konnotierten Begriffe zu ersetzen und aus Pippis Vater, der im Buch ein ‚Negerkönig‘ ist, einen Südseekönig oder dergleichen zu machen, und ehrlich gesagt, erschließt sich mir überhaupt nicht, weswegen das so hart diskutiert wird. Gemeint ist eindeutig – das wird spätestens beim Lesen klar – keine rassistische Deutung sondern eine exotische, die könnte man sehr simpel durch den Austausch weniger Begriffe erreichen, ohne dass dem Buch dadurch irgendetwas von seinem Charme genommen würde. Und man könnte es leichter lesen, ohne immer wieder an diesen Begriffen hängenzubleiben. Ich kann nicht verstehen, wieso man sich aus nostalgischen Gründen an Begriffe klammert, die man heutzutage in keinem Kinderbuch verwenden würde. Es sind ja vor allem nur die Erwachsenen, die daran klammern, nicht die Kinder. Und das Kulturgut Buch verkommt durch die Änderung nicht, sondern es würde den Pippi Büchern gut zu Gesicht stehen und man könnte sie auch heutzutage bedenkenloser Kindern zum Lesen geben, ohne einschränkende Erklärungen abgeben zu müssen.

Stephenie Meyer – Bis(s) zum Ende der Nacht

Halleluja, das war endlich der letzte Band der Twilight-Reihe und ich bin froh, dass ich das jetzt hinter mir habe. Es ist nämlich irgendwie die Pest. Ich finde diese Bücher ganz furchtbar, den Stil grottenschlecht, Bella geht mir seit den ersten 2 Seiten des ersten Bandes furchtbar auf die Nerven, das ist alles so kitschig und schwulstig und ‚Drama Baby‘, dass mir übel wird und trotzdem habe ich jeden der 4 Wälzer innerhalb kürzester Zeit inhaliert und ich musste auch alle lesen und konnte nicht nach dem ersten aufhören.

Irgendwas macht die Frau Meyer also verflucht richtig, auch wenn ich einfach nicht dahinterkomme, was es für mich ausmacht. So vorhersehbar die Geschichte in Teilen ist, so unterhaltsam ist sie doch andererseits.

Zur Geschichte an sich lässt sich natürlich nichts sagen, was nicht die vorherigen Bände spoilern würde, deswegen so kurz und knapp und ganz eindeutig: Team Jacob!

Elizabeth George – Denn bitter ist der Tod

Ein weiterer Krimi mit dem Ermittlerduo Thomas Lynley und Barbara Havers – er Spross einer alten englischen Adelsfamilie, sie Kind der Arbeiterklasse und diese Unterschiede sind es auch, die in fast jedem Fall der beiden auftauchen und die die beiden aber auch durch ihre sehr unterschiedlichen Herangehens- und Denkweisen ziemlich erfolgreich machen.

In diesem Band werden die beiden New Scotland Yard Ermittler nach Cambridge gerufen, wo eine junge gehörlose Frau – Tochter eines angesehenen Geschichtsprofessors aus erster Ehe – beim morgendlichen Lauftraining ermordet wurde. Ehebruch, Eifersucht, Gehörlosenkultur, dazu die privaten Sorgen der beiden Ermittler – meiner Meinung nach bisher der schwächste Band der Serie, weil Elizabeth George einfach unvernünftig viele verschiedene Aspekte und Geschichten in die knapp 500 Seiten gepackt hat und dabei jedes für sich ein bisschen zu kurz kommt. Dazu ein wirklich krudes Motiv für den Mord – ein bisschen zu dramatisch als dass es mir ein ‚aaaaah, ja klar‘ hätte entlocken können. Und ich mag ja lieber Ausgänge, wo man schon hätte drauf kommen können und immer so knapp dran vorbeischrammt.

Nichtsdestotrotz werde ich die Serie natürlich weiterlesen, denn das ist wirklich faszinierend: die Bücher kommen alle recht langsam und fade in Schwung und ich merke gar nicht, wie ich in den Sog gerate, der mich aber bei jedem Band irgendwann packt und dafür sorgt, dass ich das Buch am liebsten gar nicht mehr weglegen würde, bis es fertiggelesen ist.

Katja

 

 

Gelesen im November und Dezember 2013

Da kommt in diesem Jahr nichts mehr dazu, das kann ich jetzt also auch ruhig schon veröffentlichen. Im November war es wieder nur ein einziges Buch, deswegen hier wieder die Übersicht über den Lesestoff der letzten zwei Monate:

Maximilian Buddenbohm – Marmelade im Zonenrandgebiet, Geschichten übers Erwachsenwerden

Der Mitleser ist selber kein Blogleser, aber es gibt so drei, vier Blogs, aus denen ich ihm immer mal einzelne Artikel oder auch nur Auszüge daraus vorlese, wenn sie mir besonders gefallen haben und weil ich mittlerweile weiss, dass ihm das auch ganz gut gefällt. Eines dieser wenigen Blogs ist jenes von Maximilian Buddenbohm und dieser herrliche und unaufgeregte Schreibstil – oder vielleicht treffender Erzählstil, denn selbst, wenn er, wie es aktuell häufiger geschieht, ein Kochbuchrezept nachkocht und darüber schreibt, dann fühle ich mich davon stets gut unterhalten, denn auch dabei erzählt er Geschichten – also dieser herrliche Stil, der findet sich auch in ‚Marmelade im Zonenrandgebiet‘.

Dort beschreibt Maximilian autobiografisch wie er nach dem Abitur nach Hamburg gezogen ist und dann auf’s Dorf und wieder nach Hamburg, erst keinen Job dann zwei gleichzeitig hatte und währenddessen auch noch studiert hat, eine Frau kennen- und liebengelernt und wieder losgelassen hat und wie er schließlich der Herzdame begegnet ist. Und das alles in Geschichten, die zum Teil auch gut für sich stehen könnten und die doch alle zusammenhängen und -gehören. Schön erzählt, warmherzig, wie auch seine Blogtexte, mit ungeheuer feinsinnigem Humor, der mich viel häufiger zum Lachen bringt, als Texte, die speziell auf Lacher abzielen und mit wahnsinnig vielen Sätzen und Passagen, die ich direkt zwei- und dreimal lesen musste, weil sie so schön sind. Eine dieser Stellen hatte ich hier schon zitiert und auch schon ein paar Sätze zum Buch geschrieben.

Marmelade im Zonenrandgebiet ist wieder mal ein Buch, bei dem ich es am Ende gar nicht mehr so eilig hatte, es auszulesen, weil ich es noch ein bisschen länger auf dem Nachttisch liegen haben wollte, um noch länger darin zu lesen. Das Tröstliche gerade ist, dass es zwar sein viertes ist, aber erst das erste, das ich gelesen habe. Drei weitere habe ich also noch vor mir und die standen schon auf der Wunschliste bevor ich auf Seite 100 war. 🙂

Tanja Kinkel – Die Söhne der Wölfin

Schon als ich das erste Buch von Tanja Kinkel gelesen hatte war klar, dass ich alle Bücher lesen muss, die sie geschrieben hat. Tanja Kinkel schafft es (fast) jedes Mal wieder, dass ich – nachdem ich ein Buch von ihr gelesen habe – tagelang in der Wikipedia versinke, durstig nach Hintergrundinfos zu der jeweiligen Epoche, in der der Roman angesiedelt ist, oder zu den echten historischen Figuren, die in ihren Geschichten auftauchen. Dabei verknüpft sie geschickt tatsächliche Begebenheiten und echte Menschen der Epoche mit fiktiven Personen und Begebenheiten und schafft so häufig ungewöhnliche Perspektiven auf bestimmte vergangene Zeiten.

In „Die Söhne der Wölfin“ erzählt sie die Legende um Romulus und Remus und die Gründung Roms. Im Mittelpunkt stehen dabei aber nicht die Zwillinge, die der Legende nach von einer Wölfin gesäugt wurden, sondern deren Mutter – die etruskische Königstochter und Priesterin Ilian, die wegen der Schwangerschaft, von der sie behauptete, dass einer der Götter der Vater sei, aus ihrer Stadt verbannt und einem latinischen Bauern zur Frau gegeben wird.

Ilian reist nach Griechenland, zum Orakel von Delphi und lebt dort unter dem Schutz des Apollontempels; und nach Ägypten und sammelt in den nächsten 15 Jahren sowohl Verbündete als auch Wissen um die Kulturen und Riten der beiden Völker, um zurückzukehren und mit Hilfe ihrer Söhne, Rache an ihrem Onkel und der Hohepriesterin zu nehmen, die ihr damals nicht geglaubt und die Verbannung ausgesprochen hatten.

Ja und wäre da nicht „Mondlaub“ von Tanja Kinkel, das mir thematisch noch so viel näher ist, weil es dort um den letzten maurischen Fürsten in Andalusien und das Ende der Reconquista geht, hätte das Buch gutes Zeug dazu, mein Lieblingsbuch von Tanja Kinkel zu sein. Ich glaube, ich war selten so fasziniert von der Vielschichtigkeit und Tiefe von Romanfiguren wie bei den Söhnen der Wölfin. Tanja Kinkel schreibt im Nachwort „Die seelischen Abgründe, in die ich meine Hauptfiguren begleitete, ließen mich mehr als einmal den Weg unterbrechen.“ und das ging mir auch beim Lesen so, dass ich an einigen Stellen innehalten und durchatmen musste. Man weiss ja grob, worauf es irgendwann hinauslaufen muss, der Rahmen der Legende ist ja bekannt. Aber der Weg, den die Figuren im Roman dorthin zurücklegen, ist an manchen Stellen atemraubend. Ein ungeheuer dichtes Buch, eine spannende Geschichte, faszinierend erzählt. Ganz große Leseempfehlung für alle, die auch nur im entferntesten Spaß an historischen Romanen haben.

Fabian Elfeld – Discordia Inc.

Discordia Inc. hatte ich vor über 3 Jahren schonmal gelesen. Damals hieß es noch ‚Nimmermehr‘ und Fabian Elfeld, hatte es auf seinem Blog als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht. Die habe ich damals allerdings auch erst gelesen als sie fertig war und ich sie in einem Stück runterlesen konnte. Jetzt steht die Geschichte mit überaus freundlicher Widmung des Autors, und zwischen Buchdeckeln, in meinem Regal.

Lenore, die Hauptfigur, ist von Beruf Auftragskillerin und sehr gut in ihrem Fach, bis sie irgendwann anfängt, Aufträge zu vermasseln, was nicht bedeutet, dass sie ihre Zielpersonen nicht erledigt, sondern dass sie dabei ein bisschen über das Ziel herausschießt und regelrechte Blutbäder anrichtet. Und da Lenore nicht selbständig arbeitet, sondern bei der Discordia Inc. angestellt, müssen sich also ihre Arbeitgeber des Problems irgendwie annehmen. Wie genau – das erfährt man beim Lesen von ‚Discordia Inc.‘.

Und so gut mir die Idee einer Firma gefällt, die Profikiller als Dienstleister beschäftigt, ich werde mit der Geschichte auch beim erneuten Lesen nicht so recht warm, was primär daran liegt, dass ich die Charaktere unglaubwürdig finde. Die äusseren Beschreibungen der einzelnen Figuren sind sehr detailliert, man bekommt da beim Lesen schon ein recht genaues Bild vor Augen, aber sobald es in die Gedanken- oder Gefühlswelt der Figuren geht – ein Stilmittel, das ja eigentlich Charakteren mehr Tiefe verleiht, haut mich das jedesmal mit Gewalt aus der Geschichte raus.

Fast allen Charakteren ist nämlich in ihrer Gedankenwelt (und seltener auch in Dialogen) ihr Sinn für Ironie gemein. Und die Gedanken und Sprüche mögen noch so originell sein, es macht für mich die Charaktere unglaubwürdig. Wenn mein Leben gerade bedroht wird und ich weiss, dass ich gleich erschossen oder sonstwie von einer durchgeknallten Profikillerin getötet werde, dann gerate ich in eine ordentliche Panik. Panik lähmt erst mal, das Adrenalin sorgt natürlich auch für eine Schärfung der Sinne, aber die richten sich mMn einzig darauf aus, der Lage zu entkommen und nicht darauf, sich die eigene ausweglose Situation mit Ironie und sprühendem Witz vor Augen zu führen. Diesen ironischen Blick könnte man wohl von aussen auf die Situation werfen, aber nicht in der Gedankenwelt der (akut mit dem eigenen Tod bedrohten) Figuren. Was in Muriels Blogtexten gut funktioniert, der pointierte und oft überzeichnete Blick auf politisches oder gesellschaftliches Geschehen, funtioniert für mich im Buch und aus der Perspektive der Buchcharaktere leider gar nicht. Zumal sich die Figuren dahingehend auch alle ziemlich gleichen. Einzig Julian sticht da für mich positiv heraus. Der ist zwar auch schräg für einen Elfjährigen, aber für mich der einzige wirklich greifbare Charakter im Buch. Lenore und auch alle anderen bleiben mir fern und ihre Motivation erschließt sich mir oft nicht.

Schwierige Sache, ich glaube, deutlich mehr Umfang hätte der Geschichte sehr gut getan. Speziell, damit die Charaktere (und hier natürlich primär Lenore) mehr Hintergrund bekommen, damit ich ihre Motivation nachvollziehen kann. Ich scheitere da schon an der Frage, ob sie denn nun tatsächlich eine abgebrühte Profikillerin ist oder nicht doch eher eine durchgeknallte psychopathische Massen- bzw. Serienmörderin und selbst das Buch ist dahingehend sprachlich indifferent. Mag sein, dass es Absicht ist, dass Lenore so schwammig bleibt, mir erschließt sich allerdings nicht der Grund bzw. die beabsichtigte Wirkung. Der Hintergrund der Figur wird zwar in zwei Kapiteln angeteasert, auf mich wirkt das aber eher seltsam isoliert vom Rest der Geschichte und vor allem irgendwie hmm unfertig. Aber vielleicht ist es in der Tat als Teaser für ein Prequel gedacht, das dann mehr über Lenore verrät? Oder auch für eine Fortsetzung mit weiteren Rückblenden für die Hintergrundgeschichte?

Wer Romanen mit actionreicher Handlung und auch deutlicher Gewalt den Vorzug vor handlungsärmeren und eher leisen Geschichten gibt, bei denen die Charaktere im Vordergrund stehen, wird von ‚Discordia Inc.‘ sicherlich ausgezeichnet unterhalten. Die Ideen und Entwicklungen sind originell und wenig vorhersehbar.

Und ganz nebenbei finde ich es übrigens sehr viel schwieriger, etwas über Bücher zu schreiben, deren Autor_in ich, wenn auch nicht persönlich, aber doch seit einigen Jahren durch das Bloggen, kenne – speziell wenn ich nicht restlos begeistert bin. Ich möchte ja wirklich niemanden, den ich sehr schätze, vor den Kopf stoßen. Weil ich aber von Muriel mittlerweile weiss (oder zumindest zu wissen glaube), dass ihm ausführlich und ehrlich lieber ist, als knapp und höflich unter Rumdrucksen und Auslassungen, habe ich das hier auch in dieser Ausführlichkeit aufgeschrieben.

Elizabeth George – Mein ist die Rache

Das war schon der vierte Roman aus der Serie um Inspector Lynley, den ich gelesen habe. In der Chronologie der Geschichte gehört er allerdings an die erste Stelle. Ich hatte das bisher nicht bemerkt, dass die Erscheinungsreihenfolge nicht chronologisch im Sinne der Ereignisse ist und nur auf das Erscheinen geachtet. In Zukunft werde ich in der Reihenfolge weiterlesen, die auf der Webseite der Autorin als Chronologie angegeben ist.

Allerdings war es eigentlich sogar recht spannend, den Band an dieser Stelle zu lesen und nicht als erstes. Ich kannte die Hauptcharaktere schon und die Neugier über deren Vergangenheit, die ich beim Lesen der vorherigen Bände empfand, wurde endlich befriedigt. Andersrum hätte ich vielleicht nach diesem Band (wäre er der erste für mich gewesen) gar nicht weiter in der Serie gelesen, weil es hier so ausführlich um die persönlichen Beziehungen der Hauptcharaktere geht. Wobei das nicht ganz stimmt, es sind nicht alle späteren Figuren beteiligt – die spätere Partnerin Lynleys, Sergeant Havers, taucht nämlich nur sehr am Rande auf.

Lord Thomas Lynley, 8. Earl of Asherton fliegt für ein Wochenende zusammen mit seinen Freunden zum herrschaftlichen Landsitz seiner Familie in Cornwall, um sich dort zu verloben. Nach dem Besuch einer Theateraufführung im nahegelegenen Ort entdeckt die Gesellschaft den grausamen Mord an einem lokalen Journalisten und alle Spuren führen nach Howenstow, dem Familiensitz von Lynleys Familie. Parallel zu den Untersuchungen der örtlichen Polizei beginnen Lynley und sein bester Freund St. James auf eigene Faust zu ermitteln, um am Ende natürlich den Fall, bei dem es nicht bei dem einen Mord bleibt, zwischen Drogenhandel, Betrug und illegalen Pharmatests aufzuklären, während sie selber mehrfach auf dem schmalen Grat wandern, entscheiden zu müssen, ob sie lieber Mitglieder der eigenen Familie schützen oder die Wahrheit ans Licht bringen wollen.

Es liegt ja oft in der Natur von Kriminalromanen, dass die Geschichten konstruiert sind. Dieser hier habe ich das deutlich stärker angemerkt als den bisherigen Bänden der Lynley-Reihe und es gab für meinen Geschmack auch ein paar zuviele Zufälle, die sich unter dem Stichwort ‚die Welt ist ein Dorf‘ zusammenfassen lassen. Nichtsdestotrotz fand ich das Buch unterhaltsam zu lesen und da es so viele Fragen nach der Vergangenheit und Vorgeschichte der Charaktere beantwortet, konnte ich auch damit leben, dass der eigentliche Mordfall schon seeehr konstruiert daherkam.

Stevan Paul – Monsieur, der Hummer und ich; Geschichten vom Kochen

„Siebeck kann! Mach mich nicht unglücklich!“ rief Monsieur, und ich legte los. Die Gemüsestreifen wurden in Olivenöl knusprig gebraten, mit hauchdünnen Knoblauchscheiben und jungen Rosmarinzweigen geschwenkt, es duftete herrlich! Ich würzte mit Meersalz und grob zerdrücktem, frischem, schwarzem Pfeffer. So einfach, so gut. Die helle Thunfischcreme strich ich mit einem Löffel kreisrund auf den Teller, ein cremiges Bett für das Fritto Misto. Ich entfernte Rosmarin und Knoblauch, die ihr Parfüm abgegeben hatten, und häufte die würzigen Streifen auf den Teller.
„Herr Siebeck waaartet!“, oha, jetzt aber hurtig.
„Kommt sofort“, beruhigte ich Monsieur. Neben mir auf dem Herd tanzten zwei Minikartoffeln in kochendem Salzwasser, das taten sie nun schon eine Weile, und ich befand, dass es gut sei. Ich fischte die Kleinere der beiden heraus und ließ sie mit zitternden Händen neben die Thunfischcreme fallen. Hübsch.
Monsieur riss mir den Teller aus der Hand, warf eine frische Rosmarinspitze auf die Köstlichkeit, rief: „Signature du Chef!“ und „Seeervice!“ Das Fritto Misto verschwand, Monsieur folgte Minuten später. Und kam lange nicht zurück. Durch den Pass starrte ich auf die Schwingtür zum Gastraum. Nach zehn Minuten setzte nervöses Augenzucken ein. Links. Ich starrte einäugig weiter.

(Stevan Paul, Monsieur, der Hummer und ich, rororo, Seite 52)

Stevan Paul erzählt vom Kochen und Essen und von mehr und auch weniger skurrilen Persönlichkeiten. Die Kapitel erzählen einzelne Episoden, keine fortlaufende Geschichte, was das Buch auch sehr gut lesbar macht, wenn man immer nur mal kurz zwischendurch zu ein paar Seiten kommt.

Das Kochen und Essen steht nicht immer so im Vordergrund der Geschichten, wie in jenem Kapitel, wo Stevan Paul für Wolfram Siebeck kocht, aus dem das Zitat oben stammt, doch immer spielt mindestens ein Gericht eine Rolle in den Geschichten und am Ende des Kapitels findet sich das zugehörige Rezept mit ausführlicher Zubereitungsbeschreibung. Im Grunde könnte man es also auch als ein Kochbuch betrachten, in dem jedes Gericht als Bonus eine Hintergrundgeschichte mitbringt und stürmischer kann man mein Herz für ein Rezept ja kaum erobern als über eine Geschichte.

Herrliches Buch! Die Geschichten sind alle sehr unterhaltsam und Stevan Pauls Stil ist stellenweise wirklich überaus poetisch. Da wo er über sein Kochen schreibt, liest man die Liebe und das Herzblut aus jeder Beschreibung heraus und ich lese hachzend und soifzend, weil mir das so gut gefällt, wenn Menschen nicht nur leidenschaftlich Dinge tun, sondern sie auch noch so beschreiben können, dass man diese Leidenschaft herauslesen kann.

Oh und die Rezepte sind so vielfältig und abwechslungsreich wie die unterschiedlichen Geschichten – vom einfachen griechischen Salat bis zur Hummer-Terrine mit grünem Spargel und Safran-Gelee.

Seit Weihnachten liegt jetzt auch ‚Deutschland vegetarisch‘ von Stevan Paul auf meinem Schreibtisch, aus dem ich schon einige Rezepte nachgekocht hatte, die Anke Gröner oder Maximilian Buddenbohm gekocht und verbloggt hatten und das ich, weil diese Rezepte durchweg super waren, unbedingt selber haben wollte und ich freue mich riesig darauf, jetzt ohne ‚Vorkocher‘ loskochen zu können, wenn der Jahresendtrubel ein bisschen nachlässt.

*

Insgesamt war das ein eher schwaches Lesejahr für mich, was die Zahl der gelesenen Bücher angeht. Gerade mal 40, vor 2 Jahren waren es noch fast doppelt so viele. Andererseits zeigt das ja auch ein bisschen, dass mein Fluchtbedarf in Bücher scheinbar viel geringer war als vor 2 Jahren. Das hat ja auch was für sich.

Katja

Gelesen im März 2013

In den März passten wirklich gute Bücher rein, nachdem ich anfangs des Jahres ja auch etliche erwischt habe, die eher geht so waren.

Robert Wilson – Andalusisches Requiem

Diesen Roman hatte ich zufällig in einem Stapel reduzierter Bücher im Supermarkt entdeckt und eigentlich halte ich mich dann zurück und kaufe nicht mehr, weil ich ohnehin so viele Bücher auf der Wunschliste habe. Aber hey, ein Blick auf den Klappentext verrät, dass die Hauptfigur – Javier Falcón – ein Inspektor aus Sevilla ist und ich konnte nicht widerstehen.

Dass das eine gute Entscheidung war, war schon nach wenigen Kapiteln klar. Sehr spannend, viele Verwicklungen, aber erstaunlicherweise alle im Bereich des Möglichen und nicht zu sehr absurd und unglaubwürdig konstruiert – naja gut, schon ein bisschen absurd, aber man nimmt’s ihm trotzdem ab, weil es in sich schlüssig ist. Dazu auch sprachlich (übersetzt von Kristian Lutze) schön zu lesen. Macht Spaß und ließ meine Wunschliste meinen SUB, dieer ja eigentlich eh schon lang hoch genug ist, um 3 weitere Bücher anwachsen. Es ist nämlich der letzte Teil der Sevilla-Tetralogie um jenen Inspector Jefe.

Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind

Ich weiss nicht, wie lange es her ist, dass ich zum letzten Mal ein Buch aufgeklappt habe und es erst wieder zuklappen und weglegen konnte, als ich es bis zur letzten Seite durchgelesen hatte. Bei diesem ging es mir so. Und ich musste mich förmlich dazu zwingen, nicht nahtlos die Fortsetzung vom ungelesenen Stapel zu klauben, sondern erst mal durchzuatmen und mir einen Kaffee zu machen. Ja, nicht mal das ging während des Lesens, so sehr hatte mich die Geschichte von Emmi und Leo in ihrem Bann.

Mit einer fehlgeleiteten eMail fängt an, was zu einer wunderbaren atemlosen virtuellen Liebesgeschichte wird, zur vollendeten Nichtbegegnung der Illusionen dieser beiden. Wer schon virtuell geflirtet hat, kennt vermutlich dieses reizvolle Wechselspiel zwischen der physischen Distanz und der unheimlichen Nähe, die man ohne diese Distanz nie zu einem wildfremden Menschen aufbauen könnte. Dieses Gefühl transportiert Glattauer für mich meisterhaft durch seine Worte.

Wahnsinnig tolles Buch! ♥

Ich muss dann dringend mal weg vom Rechner, um die Fortsetzung zu lesen, die zum Glück schon hier liegt!

Daniel Glattauer – Alle sieben Wellen

‚Alle sieben Wellen‘ hatte ich zusammen mit dem Wilson von jenem reduzierten Stapel gegriffen und habe dann zu Hause beim Aufklappen gemerkt, dass es die Fortsetzung einer eMail-Geschichte ist. Ich konnte dann zum Glück nicht widerstehen, mir den Nordwind zu kaufen, um jenen zuerst zu lesen. Und dann nach dem Nordwind, war ich froh, die Fortsetzung schon hier liegen zu haben um fast nahtlos weiterzulesen, aber ich hatte auch ein bisschen Angst, der zweite Teil könne nicht an den ersten heranreichen und mich vielleicht nicht ebenso in seinen Bann ziehen. Alle Befürchtungen umsonst! Erstaunlicherweise wird die Geschichte von Emmi und Leo – und auch diese spezielle Art, wie Glattauer sie erzählt nämlich ausschließlich durch die Texte der eMails, die die beiden sich schreiben – auch im zweiten Teil nicht langweilig. Ich mag keine kitschigen Liebesromane, aber ich mag schöne Liebesgeschichten (die müssen dann nicht mal unbedingt gut ausgehen (was jetzt aber nicht zwingend in Bezug auf diese Geschichte zu verstehen ist – ob die gut ausgeht oder nicht, will ich natürlich nicht verraten)) und diese beiden Bücher sind ganz bezaubernd, weil die beiden Figuren, trotzdem sie sich (nur) schreibend begegnen, in der Geschichte wahnsinnig lebendig werden.

Auf dem Innendeckel der sieben Wellen steht zwar, dass man diese Geschichte auch lesen kann, wenn man den Nordwind nicht gelesen hat. Ich würde aber dringend empfehlen, das nicht zu tun. Und auch nicht in falscher Reihenfolge. Mit dem Nordwind fängt es an und muss es auch anfangen.

Der einzige Haken an den beiden Büchern: sie sind viel zu seitenschwach und zu schnell gelesen. Aber vermutlich macht genau das auch aus, dass sie mir so gut gefallen haben. Da ist kein Raum für Überflüssiges neben der Geschichte.

Elizabeth George – Auf Ehre und Gewissen

Vor zwei Jahren hatte ich zufällig „Gott schütze dieses Haus“ von Elizabeth George gelesen und weil es mir gefiel, nach weiteren ihrer Bücher gesucht und dabei festgestellt, dass es eine ganze Serie um das Ermittlerduo Inspector Thomas Lynley und Sergeant Barbara Havers von Scottland Yard gibt. Die beiden könnten verschiedener kaum sein. Lynley, reicher Nachkomme alten britischen Adels, gutaussehend, mit großem Haus samt Butler, Bentley und den entsprechenden Freunden wirkt nur auf den ersten Blick als Snob, das merkt auch Barbara Havers, Kind der Arbeiterklasse, die noch im Haus der Eltern lebt und sich dort nach Feierabend mehr schlecht als recht um ihre geistig verwirrte Mutter und ihren kranken Vater kümmert, recht bald. So verschieden die beiden sind, so gut ergänzen sie sich in ihren Ermittlungen der Fälle, bei denen auch häufig die Klassenunterschiede eine Rolle spielen.

Bisher war das der dritte Band der Reihe, den ich gelesen habe. Durchweg solide Krimis, die bis zum Ende spannend bleiben. Die Auflösung der Fälle bleibt bis zum Ende vorm Leser verborgen und trotzdem sind Motive und Täter nachvollziehbar und tauchen nicht in einer völlig absurden Wendung als neue Figuren auf, mit denen niemand hätte rechnen können. Gefällt mir gut und ich habe gerade freudig festgestellt, dass es sogar schon 17 Bände in der Serie gibt.

Robert Wilson – Der Blinde von Sevilla

Normalerweise, wenn ich Krimis mit haarsträubenden Geschichten lese, stolpere ich beim Lesen alle Nase lang an Stellen, wo man allzu deutlich merkt, hier wurde was zurechtgebogen, damit die Geschichte schlüssig wird oder noch schlimmer an Stellen, wo nicht mal gebogen wurde und wo man dauernd auf Widersprüche stößt. Aber Robert Wilson hat’s echt drauf! Die Geschichte wird zunehmend komplexer und verwickelter, ist aber in sich so schlüssig, dass das Lesen mir sehr viel Vergnügen bereitet hat. Wenn ich nicht gerade mit schreckgeweiteten Augen gierig die nächsten Zeilen verschlingen musste, weil die Umstände der Morde, um die es im ersten Band der Tetralogie geht, schon recht grauslig sind.

Ich mochte den Inspector Jefe ja schon im vierten Band, den ich Anfang des Monats als erstes gelesen hatte, bevor ich mir die restlichen 3 Bände gekauft habe – in diesem Band erfährt man viel über seine persönliche Geschichte und seinen Hintergrund und ich mag den Charakter jetzt noch ein bisschen lieber. Unter anderem, weil er in diesem Band seinen ganz persönlichen Dämonen begegnet und nicht nur eine Panikattacke erleidet. Und das als stolzer Spanier, harter Ermittler, Chef der Mordkommission. Das macht ihn sehr menschlich, bringt ihn mir sehr nahe, weil es mir so vertraut ist. Wilson hat das gut beschrieben, auch mit all dem Leugnen, der Angst vor dem Gesichtsverlust.
Darüber hinaus tauchen in diesem Band noch ein paar mehr Bezüge zur Stadt (Sevilla) auf. Es gibt nicht so wirklich detaillierte Ortsbeschreibungen bei Wilson, aber wenn man die Stadt kennt und ihren Flair liebt, findet man das schon in den Büchern wieder. Besonders in seiner Beschreibung der Prozessionen der Semana Santa, in die Falcón zufällig gerät.

Ich bin äusserst gespannt, ob die zwei verbleibenden Bände da mithalten können. Die beiden, die ich bisher gelesen habe, haben mich wirklich beeindruckt.

Daniel Brühl – Ein Tag in Barcelona

Ich muss gestehen, ich musste erst mal googeln, wer genau dieser Daniel Brühl überhaupt ist, als ich das Buch als Geschenk (♥) aus meinem Briefkasten fischte. Wikipedia verrät mir, dass er nicht nur der Hauptdarsteller von ‚Good Bye Lenin‘ war, den ich irgendwann mal gesehen hatte, sondern auch noch, dass er mit vollständigem Namen Daniel Cesár Martín Brühl Gonzáles Domingo heisst und dann ist auch schon fast klar, dass das nicht nur ein deutscher Schauspieler ist, der eine spanische Stadt gerne mag, sondern dass da mehr dahinter ist. Daniel Brühl ist in Barcelona geboren und lebt mal dort, mal in Berlin. In dem Buch erzählt er Geschichten aus seinem Leben, die im Zusammenhang mit Barcelona stehen. Eingebettet ist das ganze in eine Art Spaziergang durch die Stadt, denn die Erinnerungen sind an bestimmte Orte geknüpft.

Soweit so gut (oder auch schlecht), denn genau letzteres ist es, was mich an dem Buch ein bisschen gestört hat. Dass es sich bei den Geschichten um ein ‚Medley‘ aus diversen Tagen und auch Jahren handelt, die er in der Stadt verbracht hat, erzählt er selber im einleitenden Text und ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, weswegen man das also zwanghaft in dieses „Ein Tag“-Muster pressen musste. All diese Erzählungen und Erlebnisse würden nämlich niemals Platz in einem einzigen Tag finden und so wirkt alles ein bisschen zwanghaft zurechtgebogen und in das Raster gepresst. Mir hätte es deutlich besser gefallen, wenn dieser Rahmen gefehlt hätte und die Geschichten wären einfach locker wegerzählt – mit ausreichend Zeit und Raum und ohne das Gehetze zum nächsten ‚Termin‘.

Unterhaltsam waren die Geschichten aber allemal, er erzählt wirklich viel aus seinem Leben. Vom ersten Kuss über das erste Spiel des FC Barcelonas, das er live im Stadion gesehen hat, bis hin zu durchgemachten Nächten in den Bars der Stadt mit berauschter Liebeserklärung an Barcelona. Für Daniel Brühl Fans ist das unbedingt ein must read, er ist sich da auch nicht zu schade, sich selber zum Horst zu machen, wenn er zB erzählt, wie er sich mit ein paar Freunden zusammen Zitronengras hat andrehen lassen als er eigentlich zum ersten Mal Gras kaufen wollte. Und weil ich so persönliche Erinnerungen gerne lesen mag, nehme ich es dem Buch auch nicht übel, dass man nicht gar so viel über Barcelona erfährt, wie ich dem Titel nach gehofft hätte.

Katja