Neulich im inneren Fundbüro

Oh guten Tag, bin ich schon dran? Ja? Das ging ja schnell. Wissen Sie, ich habe mich wieder mal selber verloren. Ja doch doch, das geht. Ist Ihnen noch nie passiert? Mir leider dauernd. Ja. Vor einiger Zeit war ich noch sehr in mir und dann, ich weiss wieder mal gar nicht, wie das überhaupt passieren konnte, da merke ich auf einmal, wie alles, vor allem die Zeit und das Leben an mir vorbeirasen, wie ich mich permanent gehetzt fühle und doch so große Schwierigkeiten habe, die Dinge tatsächlich auf die Reihe zu bekommen. Immer ein komisches Gefühl und ich kann gar nichts so richtig mit Ruhe und Muße erledigen und mich in die Dinge vertiefen. Das hilft mir ja ansonsten immer, mich wiederzufinden, wenn ich mich mal wieder verloren habe. Eben noch dachte ich, ich hätte mich um die Ecke kommen sehen, aber dann war’s doch wieder nur eine Fremde und manchmal, da denke ich, wenn ich nur ein bisschen schneller gehe, dann müsste ich mich doch gleich wieder einholen, aber das alles scheint vergeblich. Was ich auch gerade versuche, ich finde mich nicht. Da ist nichts, und schon gar nicht ich selber, was in mir ruht. Stattdessen läuft wieder permanent das Kopfkino und das in einer Lautstärke, dass es kaum zum Aushalten ist, rund um die Uhr und genauso rund kreiseln die Gedanken. Und da dachte ich, ich komme jetzt mal zu Ihnen damit. Das ist ja schließlich Ihr Job. Also glaube ich zumindest. Sie kümmern sich doch um verlorenen und gefundenen Kram, oder? Hat nicht zufällig jemand, vielleicht sogar ich selber, mich hier abgegeben? Kann durchaus sein, dass ich schon seit ein paar Wochen hier rumliege. Es hat ja wieder mal eine Weile gedauert bis ich überhaupt gemerkt habe, dass ich weg bin. Gucken Sie also bitte auch mal ganz hinten in den Regalen. Ich warte auch gerne eine Weile. Hier ist es so schön ruhig und auch mal gar nicht hektisch. Und sagen Sie mal, nach was riecht es hier denn so süß und köstlich? Haben Sie etwa gerade Pudding gekocht? Ob ich auch einen möchte? Oh ja, wahnsinnig gerne! Haben Sie vielen Dank, das ist ja sehr freundlich von Ihnen. Ach aber gefunden haben Sie mich auch nicht? Nee? Nicht mal ganz hinten? Kann ich vielleicht trotzdem ein bisschen hier bleiben und Pudding löffeln und bei Ihnen warten? Vielleicht komme ich ja zufällig hier vorbei. Ja? Danke!

Katja

Trotzdem

Es sind gar nicht so sehr die guten Tage, die für mich den Unterschied so deutlich spürbar machen. Natürlich merke ich so insgesamt, wie zahlreich solche Tage, an denen alles glatt läuft und flutscht, in Phasen sind oder eben auch nicht.

Aber den wirklichen Unterschied machen diese Dooftage, an denen ich durchhänge und mich zu nichts aufraffen kann und an denen es so ungeheuer attraktiv erscheint, einfach das Datum der ToDo-Liste um eins zu erhöhen. Früher tat ich das auch oft einfach, verharrte wie gelähmt, unfähig was dagegen zu unternehmen. Heute gelingt es mir an vielen dieser Tage, mich irgendwann ganz bewusst der Frage und Entscheidung zu stellen: Tag abschreiben oder aufraffen? Und erstaunlich oft genügt mir diese simple Frage an mich selbst, um mich aus dem Tief rauszuziehen, weil es mir einfach ganz bewusst macht, dass ich dem Tag und meiner Stimmung nicht willenlos ausgeliefert bin, sondern dass ich genau jetzt aktiv entscheiden kann, doch noch was daraus zu machen.

Und wenn mir das gelingt, dann bin ich wahnsinnig stolz auf mich – auch wenn ich oft nur einen Teil der eigentlichen Liste für den Tag schaffe. Der eigentliche Erfolg und das, was mich den Unterschied so deutlich wahrnehmen lässt, ist auch nicht der erledigte Kram, sondern dass ich es ganz ohne äusseren Impuls schaffe, mich selber wieder in die Spur zu bringen. Zum Beispiel heute.

Katja