Kopfmückenschwarmrückholversuch

Und irgendwann weißt du nicht mehr, ob die Antwort aus dem Innen oder Außen kommen muss, weil du nicht mal mehr weißt, ob die Frage ins Innen oder ins Außen gehört. Und_oder ob es nicht völlig unterschiedliche Fragen sind, die jeweils ihren Ort und_oder ihre Berechtigung haben. Und_oder welche davon relevant ist und_oder sind.

Im Kopf schwirrt es, als hätte ein wütender Schwarm Mücken sich darin niedergelassen und du weißt nur, was du gegen Mücken machen kannst, wenn sie deinen Kopf auf deinen Spaziergängen auf der Rheininsel von außen umschwirren. Augen zu und vor allem den Mund fest zusammenkneifen, damit du sie nicht zwischen die Zähne bekommst und dann nur sehr vorsichtig durch die Nase atmen, um sie nicht dort einzuatmen. Aber was zur Hölle macht man, wenn man den verdammten Mückenschwarm nicht vor der Nase sondern mitten im Kopf hat und dann gerade nicht mal niesen muss, um sie dadurch und mit aller Gewalt nach draußen zu katapultieren?

Und dann blinzelst du vorsichtig ins Licht, reißt die Augen auf, hoffst auf den photischen Niesreflex, und noch während es dir in der Nase kribbelt, weißt du schon, dass die Lösung die gleiche wie immer ist. Zumindest der Weg zur Lösung der gleiche wie immer sein muss: bei dir bleiben oder erst mal wieder da ankommen, denn du bist dir ja wieder mal abhanden gekommen.
Und du machst einen Schritt zurück und hoffst, dass das Innen dabei mitkommt und nicht wieder auf der Stelle stehen bleibt und dich zurückreißt und dann kneifst du die Augen erst mal wieder fest zusammen, weil du dir nicht, zumindest noch nicht, eingestehen willst, dass es doch eigentlich nur einen Weg gibt, nämlich genau der, den du selber gehen kannst. Und dass du eigentlich nur darauf gucken und danach fragen musst_solltest, welches die relevanten Fragen für dich sind.

Und dann rennst du blindäugig wieder los, suchst deinen verdammten Mückenschwarm, reißt den Mund auf, atmest tief durch die Nase ein, weil alles gerade besser erscheint als genau dieser Weg. Bitte noch eine Runde. Es muss doch auch anders gehen. Schwirrt! Schwirrt!

Katja

Meerfarbene Sehnsucht

Dann holst du eine Schachtel hervor und kleidest sie von innen mit Seidenpapier aus, nicht mit dem gewöhnlichen weißen, du holst dafür das meerfarbene von ganz hinten aus der unteren Schublade, passt es sorgfältig in die Kanten ein und lässt ein bisschen über die Ränder der Schachtel überstehen. Du zupfst hier nochmal und dort, achtest darauf, dass alles beinahe perfekt ausgeschlagen ist und lässt nur diese eine kleine Falte in der einen Ecke. Das muss so sein, das ist immerhin deine Schachtel und ganz ohne Makel würde sie wohl längst nicht so gut zu dir passen, wäre nicht so sehr deine.

Und dann nimmst du diesen gewaltigen übergroßen Wunsch, betrachtest ihn noch einmal lange von allen Seiten. Drehst ihn langsam ein Stück weiter, nicht zu schnell, streichst sanft mit dem Finger über diese eine Stelle und dann ein Stück weiter hinten nochmal. Atmest ein. Atmest aus. Und nochmal:

Ein.

Aus.

Mit einem leisen Seufzen faltest du ihn vorsichtig in der Mitte zusammen und dann noch einmal, damit er überhaupt in die Schachtel hineinpassen kann. Du legst ihn in sein meerfarbenes Bett. Sehnsucht in Sehnsuchtsfarben gehüllt. Einatmen. Ausatmen. Dann, ganz langsam schlägst du die Kanten des Seidenpapiers ein, bedeckst den Wunsch, den übergroßen. Einatmen. Ausatmen. Du verschließt die Schachtel und stellst sie, ohne noch weiter zu zögern und vor allem, damit du keine Zeit hast, es dir anders zu überlegen, ins Regal und hoffst, dass sie dort nicht zu sehr rumlärmen und zappeln wird.

Einatmen. Ausatmen.

Und dann, vielleicht demnächst, vielleicht irgendwann, vielleicht bald, vielleicht nie wirst du nachsehen, wieviel noch von der Größe übrig geblieben ist und ob du die Schachtel noch brauchst.

Ein.

Aus.

Ein.

Katja

Momentaufnahme: am Meer

Ist das Revolution
Wenn man schließlich erkennt
Dass man mitten in sich
Plötzlich lichterloh brennt
Ist das Evolution
Wenn das All expandiert
Und das Oben zum Unten
Zum Überall wird

Schließ eine Tür vor mir
Ich reiß die Mauern aus
Bringe sie hinter mich
Und stell sie wieder auf

Ist das Revolution
Wenn das Drängen mich weckt
Dass in jeder Aktion
Ein Stück Endlichkeit steckt
Ist das Evolution
Wenn das Wissen erwacht
Dass der Stillstand aus uns
Stille Teilhaber macht

Ewigkeit sie zieht sich
Zum Ende hin nur ewig
Für Zeit gibts nur ein Maß
Zu viel oder zu wenig

(von Brücken, Das Türen-Paradoxon)

Hier jetzt: eindeutig zu wenig. Seit Freitag bin ich am Meer, auf der Suche nach Wind, der mir den Kopf durchpustet und mir dabei hilft, den seit Monaten so verschwurbelten Kopf ein bisschen aufzuräumen, auf der Suche nach der Weite des Horizonts im Blick, die mir dabei hilft, das seit Monaten sehnsuchtsvolle Herz ein bisschen zu kurieren und es ist, wie es leider immer dort ist, wo man sich am wohlsten fühlt: alle Zeit ist viel zu kurz und jetzt muss ich morgen schon wieder hier weg und bin doch längst noch nicht fertig mit dem Wind und der Weite, mit dem Kopf und dem Herzen, mit dem Aufräumen und Kurieren.

Lose, unsortierte Sammlung an Dingen, die mir in den drei Tagen hier (wieder sehr) bewusst geworden sind:
Ich ticke, denke und fühle in Wellen und Schichten.
Wenn mich eine Welle unerwartet erwischt, haut sie mir innerhalb kürzester Zeit den Boden unter den Füßen weg und oft fühle ich mich, als würde ich mit dem Rücken zum Meer stehen und sie nicht kommen sehen.
Die Anordnung der Schichten überrascht mich manchmal und ist für mich oft unverständlich. (Prioritäten? Aber falls, welcher Teil von mir bestimmt die?)
Ich verstehe vor allem mein Fühlen viel weniger als mir lieb ist, da fehlt mir oft Basis und Stabilität, was mich oft mit dem Kopf untertauchen lässt und die Orientierung, wo oben und wo unten ist, verlieren lässt.
Ich kann auch am Meer immer noch fast schmerzhafte Sehnsucht spüren. (Wobei hier gerade leider auch wenig Weite verfügbar ist. Blöde Tidezeiten, Nebel, der den Horizont abschneidet und quasi keine Wellen und Wellen und Weite sind doch genau die Sehnsuchtsheiler.)
Ich bin viel zu ungeduldig (mit mir) und habe keine Idee, wieso das so ist.
Ich hab mich im letzten Jahr stärker verändert als vermutlich in den 10 Jahren vorher zusammen und das meiste davon ist ziemlich gut.
Manche Dinge haben sich kein Stück weit verändert und das ist längst nicht immer gut.
Ich hab kaum noch Angst im Vergleich zu früher und das ist vielleicht die großartigste Sache überhaupt.
Vor allem habe ich viel weniger Angst davor, herauszufinden, wer ich bin und vor allem keine mehr, dass ich Teile von mir verlieren könnte. (Vielleicht macht’s Sinn sich nochmal neu zu verirren, denn jede Suche führt uns näher zu uns. [Schon wieder von Brücken, Gold gegen Blei])
Ohne Musik geht gerade wenig und ich hänge andauernd emotional in Songtexten fest.

Ich will hier morgen nicht wieder weg. Noch nicht. Ich bin noch längst nicht fertig mit dem Meer und der Weite im Blick und den Wellen vor den Füßen und manchmal um die Füße und dem Sand in den Schuhen und dem Salz auf den Lippen und der Sonne auf der Nase und dem ganzen Denken und Fühlen.

Katja

Depression ist ein Arschloch.

Diese drecksverfickte Achterbahn, in der ich mich gerade emotional befinde, macht mich fertig und ich habe keine Ahnung, wie ich da hineingeraten bin und noch viel weniger, wo sich der Ausstieg befindet. Himmelhochjauchzend mit Hachz und Awww im einen Moment und nur kurze Zeit später sacke ich zusammen und bin nur noch ein heulendes Häufchen Elend. Und das geht so seit Tagen (oder vielleicht sogar schon Wochen? Die Zeit breit vor sich hin…) und immer wieder auf und ab und auf und ab und es laugt mich aus, macht mich fertig, raubt mir die Kraft. Im einen Moment will ich Bäume ausreißen und alle liegengebliebenen Dinge auf einmal erledigen, im nächsten fehlt mir die Kraft, mir auch nur einen frischen Kaffee zu machen. Mein Innenleben fühlt sich so unlogisch und surreal an wie mit 13 und ich hatte lange keinen so krassen Depressionsschub wie im Augenblick. Aber dann im nächsten Moment ist wieder alles ganz klar und ich merke, wie ich doch gerade voran komme, auf dem Weg herauszufinden, wer ich überhaupt unter all der vielen Angst und Traurigkeit bin und nicht nur herauszufinden, sondern auch wie ich anfange, mich mit all meiner Eigenheiten endlich und wenigstens ein Stück weit anzunehmen. Nicht mehr alles direkt als Makel zu empfinden, sondern auch zu sehen, dass auch gerade das, was ich oft als so fehlerhaft und gestört an mir empfinde, mich ausmacht und dass ich das genauso, also natürlich mit ein bisschen mehr Mühe, als Stärke empfinden könnte. Kann.

Aber dann, mit der nächsten Windung der Achterbahn kann ich mich wieder überhaupt nicht leiden, kann mich und meine Gedanken selber kaum aushalten, empfinde mich als Zumutung und will mich auf keinen Fall damit anderen zumuten. Das kenne ich von mir. Rückzug als das Mittel meiner Wahl, wenn es mir schlecht geht. Nur für mich bleiben, niemanden da mit reinziehen, niemandem auf die Nerven gehen. Und dann tu ich’s doch, schreibe all diesen Stimmungswust auf Twitter und möchte im nächsten Moment den Account löschen, um’s einfach bleiben zu lassen, damit niemand merkt, wie tief ich im Sitz der Achterbahn sitze, wie verworren ich schwanke. Wie verloren ich schwanke. Wie verloren. Ich. Bin.

Dabei weiß ich, dass Rückzug genau der falsche Weg ist, der der alles schlimmer und schlechter macht, dafür sorgt, dass die Tiefs unendlicher werden oder zumindest scheinen. Und bei diesen Überlegungen über Menschen und Nähe, die ich mir so sehr wünsche, gerate ich immer wieder an den Punkt, an dem mir aufgeht, wie einsam ich bin. Trotz all der freundlichen und mitfühlenden Menschen in meinem sozialen Netz, das für mich wirklich oft genau das ist – ein Netz, das mich auffängt.

Aber das, was mir so sehr fehlt, ist nur ein einziger Mensch, bei dem ich mich trauen würde, zu sein, wer und wie ich bin. Irgendwer als Adressat für ein „Hast du Zeit? Ich brauch dich gerade.“, bei dem ich mich das dann auch wirklich trauen würde. Mein halbes Leben lang war da E. und seitdem sie nicht mehr da ist, ist da eine Lücke. Klar, ich habe einen wunderwunderbaren besten Freund, aber der wohnt fast 300 km entfernt und hat mittlerweile eine Frau und drei Kinder und wir sind froh, wenn wir es überhaupt noch schaffen, einigermaßen regelmäßig zu telefonieren und am Leben des anderen teilzuhaben. Ich hab meine Schwester, die mir sehr nahe (vermutlich viel näher als ich ihr) ist und auch sie hat ein Aber. Wie eigentlich alle. Und diese Abers sind es, die mich in solchen Situationen zurückschrecken lassen, mich dazu bringen, mich nicht zu melden. Alle diese Menschen haben auch so schon genug um die Ohren und ich hab ja nicht mal echte Probleme, die ich teilen könnte, sondern nur diese Helligkeit, Licht, Wärme und Freude verschlingenden Dementorenmonstergedanken in mir. Und ich will ja nicht mal unbedingt über die reden. Ich will nur nicht mit ihnen alleine sein, sehne mich nach Gesellschaft, nach Ablenkung, nach jemandem, in dessen Gegenwart ich ins Weinglas heulen oder mich vor Lachen am Kaffee verschlucken kann.

Dass ich mich gestern von einem Menschen verabschiedet habe, bei dem genau das ging und der – für eine Weile – meine Geister vertreiben konnte, wie kaum jemand anderes, tut so weh, auch wenn es (nur) in der virtuellen Welt stattfand. Auch, weil es mir so schmerzlich bewusst macht, dass ich keine Ahnung habe, wo diese Galaxien zwischen uns hergekommen sind…

Ich will so gerne an meine eigene Liebenswürdigkeit glauben, das will ich wirklich wirklich (endlich). Aber ich weiß nicht, wie das geht, wo fast alles, was ich in den letzten Jahren versucht habe, an Freundschaften zu knüpfen, nicht funktioniert. Und ich weiß, dass es vermutlich deswegen so schwierig ist, weil ich es mir so sehr wünsche. Aber wie soll ich denn nur anders? Ich versuche die ganze Zeit, die Stimme in meinem Kopf zu unterdrücken, die mir einredet, dass ich immer alles vermassele, aber das ist so schwierig. Denn am Ende stehe ich immer bis zu den Knöcheln in Scherben.

Und dann, mit der nächsten Gedankenwelle, fühle ich mich so verflucht undankbar. Ich kenne so dermaßen großartige Menschen, mit denen ich täglich kommuniziere und für die ich wirklich dankbar bin. Und trotzdem. Vielleicht liegt es auch ausschließlich an mir, dass mir dieser eine Adressat für ein „Hast du ein bisschen Zeit für mich?“ fehlt, weil ich ohnehin zu feige bin, solche Fragen zu stellen.

Katja