Gelesen im März 2013

In den März passten wirklich gute Bücher rein, nachdem ich anfangs des Jahres ja auch etliche erwischt habe, die eher geht so waren.

Robert Wilson – Andalusisches Requiem

Diesen Roman hatte ich zufällig in einem Stapel reduzierter Bücher im Supermarkt entdeckt und eigentlich halte ich mich dann zurück und kaufe nicht mehr, weil ich ohnehin so viele Bücher auf der Wunschliste habe. Aber hey, ein Blick auf den Klappentext verrät, dass die Hauptfigur – Javier Falcón – ein Inspektor aus Sevilla ist und ich konnte nicht widerstehen.

Dass das eine gute Entscheidung war, war schon nach wenigen Kapiteln klar. Sehr spannend, viele Verwicklungen, aber erstaunlicherweise alle im Bereich des Möglichen und nicht zu sehr absurd und unglaubwürdig konstruiert – naja gut, schon ein bisschen absurd, aber man nimmt’s ihm trotzdem ab, weil es in sich schlüssig ist. Dazu auch sprachlich (übersetzt von Kristian Lutze) schön zu lesen. Macht Spaß und ließ meine Wunschliste meinen SUB, dieer ja eigentlich eh schon lang hoch genug ist, um 3 weitere Bücher anwachsen. Es ist nämlich der letzte Teil der Sevilla-Tetralogie um jenen Inspector Jefe.

Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind

Ich weiss nicht, wie lange es her ist, dass ich zum letzten Mal ein Buch aufgeklappt habe und es erst wieder zuklappen und weglegen konnte, als ich es bis zur letzten Seite durchgelesen hatte. Bei diesem ging es mir so. Und ich musste mich förmlich dazu zwingen, nicht nahtlos die Fortsetzung vom ungelesenen Stapel zu klauben, sondern erst mal durchzuatmen und mir einen Kaffee zu machen. Ja, nicht mal das ging während des Lesens, so sehr hatte mich die Geschichte von Emmi und Leo in ihrem Bann.

Mit einer fehlgeleiteten eMail fängt an, was zu einer wunderbaren atemlosen virtuellen Liebesgeschichte wird, zur vollendeten Nichtbegegnung der Illusionen dieser beiden. Wer schon virtuell geflirtet hat, kennt vermutlich dieses reizvolle Wechselspiel zwischen der physischen Distanz und der unheimlichen Nähe, die man ohne diese Distanz nie zu einem wildfremden Menschen aufbauen könnte. Dieses Gefühl transportiert Glattauer für mich meisterhaft durch seine Worte.

Wahnsinnig tolles Buch! ♥

Ich muss dann dringend mal weg vom Rechner, um die Fortsetzung zu lesen, die zum Glück schon hier liegt!

Daniel Glattauer – Alle sieben Wellen

‚Alle sieben Wellen‘ hatte ich zusammen mit dem Wilson von jenem reduzierten Stapel gegriffen und habe dann zu Hause beim Aufklappen gemerkt, dass es die Fortsetzung einer eMail-Geschichte ist. Ich konnte dann zum Glück nicht widerstehen, mir den Nordwind zu kaufen, um jenen zuerst zu lesen. Und dann nach dem Nordwind, war ich froh, die Fortsetzung schon hier liegen zu haben um fast nahtlos weiterzulesen, aber ich hatte auch ein bisschen Angst, der zweite Teil könne nicht an den ersten heranreichen und mich vielleicht nicht ebenso in seinen Bann ziehen. Alle Befürchtungen umsonst! Erstaunlicherweise wird die Geschichte von Emmi und Leo – und auch diese spezielle Art, wie Glattauer sie erzählt nämlich ausschließlich durch die Texte der eMails, die die beiden sich schreiben – auch im zweiten Teil nicht langweilig. Ich mag keine kitschigen Liebesromane, aber ich mag schöne Liebesgeschichten (die müssen dann nicht mal unbedingt gut ausgehen (was jetzt aber nicht zwingend in Bezug auf diese Geschichte zu verstehen ist – ob die gut ausgeht oder nicht, will ich natürlich nicht verraten)) und diese beiden Bücher sind ganz bezaubernd, weil die beiden Figuren, trotzdem sie sich (nur) schreibend begegnen, in der Geschichte wahnsinnig lebendig werden.

Auf dem Innendeckel der sieben Wellen steht zwar, dass man diese Geschichte auch lesen kann, wenn man den Nordwind nicht gelesen hat. Ich würde aber dringend empfehlen, das nicht zu tun. Und auch nicht in falscher Reihenfolge. Mit dem Nordwind fängt es an und muss es auch anfangen.

Der einzige Haken an den beiden Büchern: sie sind viel zu seitenschwach und zu schnell gelesen. Aber vermutlich macht genau das auch aus, dass sie mir so gut gefallen haben. Da ist kein Raum für Überflüssiges neben der Geschichte.

Elizabeth George – Auf Ehre und Gewissen

Vor zwei Jahren hatte ich zufällig „Gott schütze dieses Haus“ von Elizabeth George gelesen und weil es mir gefiel, nach weiteren ihrer Bücher gesucht und dabei festgestellt, dass es eine ganze Serie um das Ermittlerduo Inspector Thomas Lynley und Sergeant Barbara Havers von Scottland Yard gibt. Die beiden könnten verschiedener kaum sein. Lynley, reicher Nachkomme alten britischen Adels, gutaussehend, mit großem Haus samt Butler, Bentley und den entsprechenden Freunden wirkt nur auf den ersten Blick als Snob, das merkt auch Barbara Havers, Kind der Arbeiterklasse, die noch im Haus der Eltern lebt und sich dort nach Feierabend mehr schlecht als recht um ihre geistig verwirrte Mutter und ihren kranken Vater kümmert, recht bald. So verschieden die beiden sind, so gut ergänzen sie sich in ihren Ermittlungen der Fälle, bei denen auch häufig die Klassenunterschiede eine Rolle spielen.

Bisher war das der dritte Band der Reihe, den ich gelesen habe. Durchweg solide Krimis, die bis zum Ende spannend bleiben. Die Auflösung der Fälle bleibt bis zum Ende vorm Leser verborgen und trotzdem sind Motive und Täter nachvollziehbar und tauchen nicht in einer völlig absurden Wendung als neue Figuren auf, mit denen niemand hätte rechnen können. Gefällt mir gut und ich habe gerade freudig festgestellt, dass es sogar schon 17 Bände in der Serie gibt.

Robert Wilson – Der Blinde von Sevilla

Normalerweise, wenn ich Krimis mit haarsträubenden Geschichten lese, stolpere ich beim Lesen alle Nase lang an Stellen, wo man allzu deutlich merkt, hier wurde was zurechtgebogen, damit die Geschichte schlüssig wird oder noch schlimmer an Stellen, wo nicht mal gebogen wurde und wo man dauernd auf Widersprüche stößt. Aber Robert Wilson hat’s echt drauf! Die Geschichte wird zunehmend komplexer und verwickelter, ist aber in sich so schlüssig, dass das Lesen mir sehr viel Vergnügen bereitet hat. Wenn ich nicht gerade mit schreckgeweiteten Augen gierig die nächsten Zeilen verschlingen musste, weil die Umstände der Morde, um die es im ersten Band der Tetralogie geht, schon recht grauslig sind.

Ich mochte den Inspector Jefe ja schon im vierten Band, den ich Anfang des Monats als erstes gelesen hatte, bevor ich mir die restlichen 3 Bände gekauft habe – in diesem Band erfährt man viel über seine persönliche Geschichte und seinen Hintergrund und ich mag den Charakter jetzt noch ein bisschen lieber. Unter anderem, weil er in diesem Band seinen ganz persönlichen Dämonen begegnet und nicht nur eine Panikattacke erleidet. Und das als stolzer Spanier, harter Ermittler, Chef der Mordkommission. Das macht ihn sehr menschlich, bringt ihn mir sehr nahe, weil es mir so vertraut ist. Wilson hat das gut beschrieben, auch mit all dem Leugnen, der Angst vor dem Gesichtsverlust.
Darüber hinaus tauchen in diesem Band noch ein paar mehr Bezüge zur Stadt (Sevilla) auf. Es gibt nicht so wirklich detaillierte Ortsbeschreibungen bei Wilson, aber wenn man die Stadt kennt und ihren Flair liebt, findet man das schon in den Büchern wieder. Besonders in seiner Beschreibung der Prozessionen der Semana Santa, in die Falcón zufällig gerät.

Ich bin äusserst gespannt, ob die zwei verbleibenden Bände da mithalten können. Die beiden, die ich bisher gelesen habe, haben mich wirklich beeindruckt.

Daniel Brühl – Ein Tag in Barcelona

Ich muss gestehen, ich musste erst mal googeln, wer genau dieser Daniel Brühl überhaupt ist, als ich das Buch als Geschenk (♥) aus meinem Briefkasten fischte. Wikipedia verrät mir, dass er nicht nur der Hauptdarsteller von ‚Good Bye Lenin‘ war, den ich irgendwann mal gesehen hatte, sondern auch noch, dass er mit vollständigem Namen Daniel Cesár Martín Brühl Gonzáles Domingo heisst und dann ist auch schon fast klar, dass das nicht nur ein deutscher Schauspieler ist, der eine spanische Stadt gerne mag, sondern dass da mehr dahinter ist. Daniel Brühl ist in Barcelona geboren und lebt mal dort, mal in Berlin. In dem Buch erzählt er Geschichten aus seinem Leben, die im Zusammenhang mit Barcelona stehen. Eingebettet ist das ganze in eine Art Spaziergang durch die Stadt, denn die Erinnerungen sind an bestimmte Orte geknüpft.

Soweit so gut (oder auch schlecht), denn genau letzteres ist es, was mich an dem Buch ein bisschen gestört hat. Dass es sich bei den Geschichten um ein ‚Medley‘ aus diversen Tagen und auch Jahren handelt, die er in der Stadt verbracht hat, erzählt er selber im einleitenden Text und ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, weswegen man das also zwanghaft in dieses „Ein Tag“-Muster pressen musste. All diese Erzählungen und Erlebnisse würden nämlich niemals Platz in einem einzigen Tag finden und so wirkt alles ein bisschen zwanghaft zurechtgebogen und in das Raster gepresst. Mir hätte es deutlich besser gefallen, wenn dieser Rahmen gefehlt hätte und die Geschichten wären einfach locker wegerzählt – mit ausreichend Zeit und Raum und ohne das Gehetze zum nächsten ‚Termin‘.

Unterhaltsam waren die Geschichten aber allemal, er erzählt wirklich viel aus seinem Leben. Vom ersten Kuss über das erste Spiel des FC Barcelonas, das er live im Stadion gesehen hat, bis hin zu durchgemachten Nächten in den Bars der Stadt mit berauschter Liebeserklärung an Barcelona. Für Daniel Brühl Fans ist das unbedingt ein must read, er ist sich da auch nicht zu schade, sich selber zum Horst zu machen, wenn er zB erzählt, wie er sich mit ein paar Freunden zusammen Zitronengras hat andrehen lassen als er eigentlich zum ersten Mal Gras kaufen wollte. Und weil ich so persönliche Erinnerungen gerne lesen mag, nehme ich es dem Buch auch nicht übel, dass man nicht gar so viel über Barcelona erfährt, wie ich dem Titel nach gehofft hätte.

Katja

kurz zitiert #39

„Ich werde versuchen, es Ihnen mit einer Analogie zu verdeutlichen“, begann sie. „Vor zehn Jahren habe ich beim Spülen ein Weinglas zerbrochen und mir dabei einen winzigen Splitter in den Daumen gerammt. Ich konnte ihn nicht herausziehen und der Arzt wollte wegen der benachbarten Nervenstränge nichts unternehmen. Im Laufe der Jahre hat es manchmal ein bisschen wehgetan, mehr nicht, und der Körper hat sich die ganze Zeit vor dem Glassplitter geschützt. Er hat Hautschichten darum gebildet, bis der Splitter wie eine winzige Erbse war. Und dann hat der Körper ihn eines Tages abgestoßen. Die Erbse kam an die Oberfläche und war mit Hilfe von ein wenig Magnesiumsulfat ganz aus meinem Daumen zu entfernen.“
„Und das soll Ihre Erklärung für die Art von Realität sein, von der wir hier reden?“
„Glassplitter können auch in die Seele eindringen“, sagte sie, und schon bei der Vorstellung wurde ihm übel. „Manchmal sind diese Splitter zu schmerzhaft, um sich mit ihnen zu befassen. Wir schieben sie in die hintersten Nischen unseres Gehirns. Wir glauben, dass wir sie vergessen können. Unser Verstand beschützt uns sogar vor ihnen, indem er diese Splitter umhüllt … mit Lügen. Bis eines Tages irgendetwas passiert und ein Splitter scheinbar völlig grundlos wieder an die Oberfläche unseres Bewusstseins dringt. Der Unterschied zwischen Körper und Geist besteht darin, dass wir den Glassplitter nicht mit Magnesiumsulfat in unser Bewusstsein ziehen können.“

(Robert Wilson – Der Blinde von Sevilla, Goldmann Verlag, Seite 345f)

Diese Analogie, das Bild des Splitters, ist für mich eine wunderbare Beschreibung der Verdrängung, die manchmal so (über-)lebensnotwendig ist.

Als ich damals an Depressionen erkrankte waren es diverse Umstände in meinem Leben, die zu diesem Zeitpunkt zu einem Zusammenbruch führten. Ich hatte dabei immer das Bild eines Walls oder Staudammes vor Augen, der durch starke Beanspruchung damals zusammengebrochen ist und nicht nur die Dinge, die in meinen damaligen Lebensumständen problematisch waren, ungebrochen auf mich einstürzen ließ, sondern auch all diese Dinge aus meiner Vergangenheit nicht mehr zurückhalten konnte und in mein Bewusstsein stürzen ließ, die sich auf einmal nicht mehr verdrängen ließen.

Einigen der Dinge, die damals hochkamen, habe ich mich mittlerweile gestellt, aber da sind andere, die habe ich, sobald ich dazu in der Lage war, wieder tief in mir vergraben, weil mir bisher immer die Kraft gefehlt hat, mich damit auseinanderzusetzen. Zu denen passt das Bild der Splitter – denn immer mal wieder passiert es, dass einer davon es schafft, in mein Bewusstsein zu schwappen und mich eine Weile lang zu pieksen und zu piesaken.

Den letzten Satz des Zitates finde ich nicht mehr stimmig – ich wollte ihn nur der Vollständigkeit halber mit aufschreiben – denn mMn geht es nicht darum, den Splitter (nur) ins Bewusstsein zu ziehen, sondern ihn irgendwann/irgendwie durch diese Oberfläche hindurch ganz aus der Seele zu verbannen.

Tolles Buch übrigens und eigentlich ein verflucht spannender Krimi, nix psychomäßiges bzw. nur sehr am Rande, als Teil der Geschichte.

Katja