Sowas wie Tagebuchbloggen. 22.7.19

Und dann ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich hier dringend noch ein paar Sätze festhalten muss, damit ich tatsächlich wieder eine tägliche Routine entwickle und direkt danach bei dem Gedanken, dass ich’s auch einfach bleiben lassen könnte, weil ich nicht immer so verdammt streng mit mir sein sollte oder zumindest nicht mehr will und dann denke ich, dass ich ja, wenn ich jetzt eh schon drüber nachdenke, ob ich heute noch ein paar Sätze bloggen will oder nicht, das auch direkt schreibend tun könnte und immerhin grinsen klappt jetzt ganz gut.

Ansonsten war der Tag nicht so gut. Ich bin irgendwann nachts aus einem schrägen Traum erwacht, in dem ich in einem Zimmer (das ich nicht kannte, das aber im Traumgefühl mein eigenes war) einen Haufen Menschen zur Tür raus schieben musste, weil mir das alles zu viel war mit den Leuten und freiwillig wollten sie nicht gehen. Ich schob also und schob und drückte dann gegen Widerstand die Tür von innen zu und verriegelte sie und im Moment als ich mich erleichtert umdrehe, nehme ich wahr, dass sich in der Seitenwand auf einmal eine Tür öffnet, die vorher gar nicht da gewesen ist und durch die jetzt alle die wieder reinströmen, die ich gerade vor die Tür bugsiert hatte. Und sie umzingeln mich direkt wieder und alle wollen was von mir und ich will doch einfach nur meine Ruhe. Durch diese zweite, neue Tür kann ich sie aber nicht wieder loswerden, die scheint nur in eine Richtung zu funktionieren. Ich öffne also wieder die ursprüngliche Tür und fange wieder an, einen nach dem anderen nach draußen zu schieben und just als ich wieder so weit bin, die Tür zu verriegeln, fängt das Drama mit der bis dahin wieder unsichtbaren Zweittür wieder an. Ich glaube, nach der dritten erfolglosen Runde bin ich aufgewacht und es dauerte lange bis ich wieder einschlafen konnte, weil dieses Gefühl, bedrängt zu werden, so lange nachwirkte.

Dann hab ich mich früh zum Einkaufen aufgerafft, um nachmittags noch Zeit für Sport zu haben und auf dem kurzen Weg dahin, bin ich nur knapp 2 Unfällen entkommen, von denen keiner auf meine Kappe gegangen wäre. Immerhin das mit der Geistesgegenwärtigkeit hat gut funktioniert. Durchatmen musste ich danach dann aber trotzdem.

Und schließlich war ich dann wirklich noch beim Sport, weil heute der einzige Tag der Woche sein sollte, wo es *nur* 30 Grad warm ist, aber das war selbst bei den nur 30 Grad keine so gute Idee. Die Muckibude hätte zwar theoretisch eine Klimaanlage – ich hab aber in 2,5 Jahren noch nie erlebt, dass das Ding wirklich lief. Im Sommer ist es einfach nur unerträglich heiß und wie sehr das (und der Umstand, dass ich gerade so selten zur Ruhe komme) mir tatsächlich auch die körperliche Kraft raubt, ist mir heute deutlich geworden. Als ich wieder zu Hause war, ging’s mir ziemlich mies und vielleicht sollte ich mir einfach merken, dass ich bei mehr als 25°C nicht sinnvoll dort trainieren kann und dann lieber erst gar nicht hingehen. Ich mag ungerne dieses „nach dem Sport geht’s mir schlechter als vorher“-Gefühl festigen. Dann lieber ’ne Woche ganz verzichten, aber wenn ich hingehe, strahlend rausmarschieren.

So. Bett ruft. Morgen um 10 Uhr hab ich den nächsten Termin, vor dem ich schon lange Angst habe und der hat noch dazu das blöde Zusatzfeature, dass es danach ernst wird, weil ich eine Entscheidung treffen muss.

Gute Nacht, große Welt.

Katja

Oh und jetzt hätte ich fast schon auf Veröffentlichen geklickt als mir auffiel, dass ich das tatsächlich Gute des Tages ganz vergessen habe bei dem ich jetzt aber merke, dass ich gar nicht so genau weiß, wie ich es in Kurzform ausdrücken kann. Also es gab was Gutes, es hat mit Bedauern ohne Schuldgefühl zu tun und mit Differenzierung, was ist da gerade meins und was ist deins. Ich weiß, das ist leider arg kryptisch, aber ich bin zu müde für ’ne gescheitere Formulierung.

 

…macht kluch

Den ganzen Tag über das Gefühl, unter einer Dunstglocke zu sitzen. Die Gedanken breiig, verwaschen, die Gefühle ebenso. Zu viel Anspannung gestern und überhaupt gerade die ganze Zeit und sobald die mal einen Moment lang die Zügel locker lässt, ist da nur noch porentiefe Erschöpfung von Körper und Geist. Entsprechend ist der Wunsch, mich gerade in ein kuschliges Kissenfort zu verziehen groß und doch mache ich genau das Gegenteil: ich bin auf dem Sprung und gehe gleich noch aus. Aktivität gegen Nebel, Lebendigkeit gegen Taubheit, Gesellschaft gegen Isolationsdrang. Schlimmer werden kann’s ja gerade eigentlich kaum, aber vielleicht ja besser.

Versuch und so. Und wenn der nach hinten losgeht, dann hab ich’s aber immerhin versucht. Anders machen. Muster aufweichen. Neue Pfade suchen.

Auf los geht’s los, würde ich jetzt normalerweise eventuell sagen, bin aber Twitterin, also:

So!

Katja

Komm da runter!

„Komm da runter, du fällst!“ hallte es gestern irgendwann durch’s geöffnete Fenster, durch das einen Augenblick vorher noch ausgelassenes Kinderlachen zu hören war.

„Komm da runter, du fällst!“ hallt es seitdem dumpf in meinem Kopf. Immer und immer wieder und es ist die Stimme meiner Mutter, die ich nicht wieder zum Schweigen bekomme. Schlagartig übel geworden ist mir gestern als ich den Spruch von draußen aufgeschnappt habe, weil er so vertraute Erinnerungen, mit so schalem Geschmack hochholte von der Kleinen, die nirgendwo hochklettern, nirgendwo drüberspringen, nirgendwo draufbalancieren, nirgendwo wasauchimmer sollte, weil sie’s doch nicht kann, weil’s doch zu gefährlich ist, weil sie doch hinfallen könnte, sich wehtun könnte, sich wasauchimmer könnte. Tu dies nicht. Mach das nicht. Du kannst das nicht. Du schaffst das nicht. Lass es bleiben.

Da ist diese Erwachsene in mir, die inzwischen weiß, wieso sie viele Ängste hat, wieso sie sich selber so wenig zutraut, so wenig auf sich selber vertraut, auf ihre Fähigkeiten und die das gerade, wo so viele Veränderungen passieren, quasi jeden Tag ausbaden muss, jeden Tag das „du schaffst das nicht“ runterschlucken muss und die sich oft genug daran verschluckt und sich dann am liebsten unter einem Stein verkriechen würde, irgendwohin, wo sie nichts schaffen muss, nicht versagen kann, nicht hinfallen kann.

Das ist die, die sich gestern sehr zusammenreißen musste, nicht das Fenster aufzureißen und mit voller Stimmgewalt „Mach weiter! Trau dich! Du kannst das!“ rauszubrüllen, um die Kleine mit dem fröhlichen Lachen zu ermutigen. Die sich zusammenreißen musste, nicht die Erwachsene vorm Fenster anzubrüllen, weil die gar nicht weiß, was sie der Kleinen antut, wenn sie ihr so viel Angst vorm Klettern – vorm Leben – mit auf den Weg gibt. Aber da ist natürlich auch noch die interne Kontrollinstanz, die weiß, dass das Brüllen nicht dorthin gehört, dass die Wut an eine ganz andere Stelle gehört. Und dann ist es innendrin gleichzeitig laut, weil da auf einmal diese Wut ist und das ist gut und da ist es außerdem zur gleichen Zeit ganz leise, damit die Erkenntnis, dass die ganze Angst und das Selbst*miss*trauen von außen kommen und dass es eigentlich keinen vernünftigen Grund dafür gibt, sich nicht sofort wieder aus dem Staub machen.

Katja

Haftnotiz*

Ich hab heute viel über genügen nachgedacht und noch mehr über nicht_genügen und wie es kommt, dass mein Kopf dafür sorgt, dass aus einem „das genügt mir nicht“, am Ende das Gefühl wird, selber nicht zu genügen. Jedes zarte aufkommende Selbstbewusstsein richte ich irgendwann doch wieder gegen mich selber, weil das Muster so vertraut ist, die Formel „ich genüge nicht“ – und das ganz egal, wie sehr ich mich anstrenge und was ich auch tue – so tief eingebrannt ist, weil sie immer noch besser als gar keine Erklärung war. Und wer bin ich denn, dass ich überhaupt das Recht auf einen Anspruch hätte, das kann ja doch nur ein Fehler sein. Mich klein denken, mich klein fühlen, mich selber klein halten – aber immerhin ist der Boden da doch so vertraut, dann kann er doch nicht so verkehrt sein. Uffff. Doch. Isser. Vielleicht sollte ich mal ein bisschen meines Mutes (dass ich den habe, weiß ich immerhin, vielleicht meine beste und wertvollste Eigenschaft) dafür aufwenden, den Schritt aus dem Schatten, in den ich mich selber immer wieder verbanne, ins Licht zu machen. Es ist ok, wenn man mich da sieht. Ich darf da sein. Ich darf sein. Ich darf. Ich.

Katja

 

(*damit das, was drin steht, vielleicht hoffentlich endlich bei mir haften bleibt und das sollte ich _eigentlich_ wieder viel häufiger tun, Gedanken aufschreiben, um sie zu konservieren)

Für nichts.

Ich weiß nicht, ob du noch darauf wartest, dass ich mich heute melde oder ob du die Hoffnung, dass deine widerspenstige Tochter gefälligst den Muttertag würdigen soll, inzwischen aufgegeben hast. Es sind jetzt wohl an die 20 Jahre, in denen ich mich an diesem Tag sehr bewusst nicht mehr bei dir melde. Und genauso lange bin ich an dem Tag von Schuldgefühlen zerfressen, weil ich genau weiß, dass dich trifft, dass ich den Tag ignoriere. So oft habe ich versucht, mit dir darüber zu reden, was damals passiert ist, habe gehofft, ein Zeichen von dir zu bekommen, dass du wahrnimmst, was du mir angetan hast, dass du deine Schuld anerkennst und es dir leid tut. Jeden verdammten Tag meiner Kindheit habe ich Prügel bezogen, weil du jeden verdammten Abend haarklein Bericht erstattet hast, was die Kinder den Tag über ‚verbrochen‘ haben. Du bist nie auf die Idee gekommen, ‚da war nichts, die waren lieb‘ zu sagen. Stattdessen hast du Kleinigkeiten aufgebauscht, damit es wirklich jeden Tag einen Grund für Sanktionen gab. Und jetzt bin ich diejenige von uns mit den Schuldgefühlen, weil ich immer noch das unartige Kind bin, dass sich am Muttertag nicht bei seiner Mutter meldet, obwohl die doch immer alles richtig gemacht hat und eine gute Mutter war. In ihrer Wahrnehmung.

„Ihre Mutter kann das gar nicht anerkennen. Die muss sich ihre eigene Wahrheit zurechtbiegen, das Märchen von ihr als guter Mutter, in der sie alles für ihre Kinder getan hat, weil sie – wenn sie der Wahrheit ins Gesicht sehen würde – unter der Schuld zusammenbrechen würde, die sie sich aufgeladen hat und damit nicht würde weiterleben können.“ sagt der beste Therapeut irgendwann zu mir und wortähnlich sinngleich die Vertretungstherapeutin in der Klinik. Und dann bin ich wieder diejenige, die bei sich sucht, sich fragt, ob sie dann nicht ebenso Schuld auf sich lädt, wenn sie ihre ‚arme‘ Mutter so abstraft, sich dem Kontakt so entzieht, sich nicht (mal) am Muttertag meldet. Die bei sich sucht und sich fragt, ob sie nicht diejenige sein müsste, die einlenken müsste, wenn ihre Mutter doch eigentlich gar keine Chance hat, sich der Vergangenheit zu stellen, weil das zu schmerzhaft wäre. Müsste ich dann nicht versöhnlicher sein und wer weiß, wieviel Zeit dafür überhaupt noch bleibt und ob ich nicht hinterher irgendwas bereue, nicht getan zu haben, wenn’s dann zu spät ist. Aber ich hab so lange die Verantwortung für alles übernommen, die ‚Schuld‘ bei mir gesucht, mich mit Selbsthass gequält, weil ich so verkehrt bin, dass nicht mal meine Mutter mich lieb hat.

„Es liegt nicht an dir, sondern an ihr.“ schrieb der gute Freund mir über Monate hinweg jeden einzelnen Morgen, damit die Botschaft sich bei mir einbrennt. Und doch, genau heute kommen wieder all die Zweifel hoch, ist die Sehnsucht nach einer Mutter, bei der man sich am Muttertag melden möchte, so groß und wird der Mangel in mir drin so deutlich und schmerzt so sehr.

Katja

Und was hat das eigentlich alles gebracht? Tagesklinik Nachklapp.

Eine meiner Mitpatientinnen, die ein paar Wochen vor mir entlassen wurde, und mit der ich in Kontakt stehe, erzählte mir, dass die Klinik ihr leider gar nichts gebracht hätte. Sie hängt nach wie vor in ihren Mustern und – in ihrer Wahrnehmung – ist das einzig Gute, was sie mitgenommen hat, das Malen. Man konnte das in der Klinikzeit schon ein bisschen ahnen, sie hat sich abgekämpft und abgekämpft und konnte sich nicht einlassen.
Vor ein paar Tagen als wir uns schrieben, fragte sie mich, nachdem ich erzählt hatte, dass mir die Zeit wahnsinnig viel gebracht hat, was genau sich für mich geändert hätte, was genau ich mitgenommen hätte und bat mich, meine Erfahrungen mit ihr zu teilen.

Ich schrieb ihr einen ziemlich langen Text und hab da auch wieder gemerkt, wie gut es für mich ist, mir das selber immer mal bewusst zu machen, was genau sich alles verändert hat.

Nachdem ich euch daran habe teilhaben lassen, was in der Klinik so passiert ist und wie das abläuft, ist es für euch vielleicht auch interessant zu lesen, wie das ganze denn nun eigentlich wirkt und was sich ändert. Ich paste euch mal meine Antwort an meine Mitpatientin hier rein und zensiere nur die Namen.

*

Ein bisschen schwieriger ist die Frage, was da genau von der Klinik bei mir gewirkt hat und ich mitgenommen habe. Das für mich wichtigste war, glaube ich, das Modell mit den Bedürfnis-Schiebereglern von Herrn X. Eines meiner großen Probleme ist ja, dass ich viele Dinge intellektuell längst verstanden habe, sich aber trotzdem nichts an meinem Fühlen ändert. Ich hab das immer als große Schere zwischen Kopf und Gefühl empfunden. Da hilft es mir sehr, drauf zu gucken, welches Bedürfnis dahinter steckt, dass ich auf bestimmte Weise fühle. UND, dass ich dann gezielt etwas für den ‚bedürftigen‘ Anteil von mir tun kann. Ich fürchte, das klingt sehr verworren. Ein Beispiel, das es vielleicht deutlicher macht: wenn ein Freund mir eine Verabredung wieder absagt, dann weiß ich jetzt, dass ich deswegen traurig bin, weil mein Bindungsregler unten ist. Statt in der Traurigkeit hängen zu bleiben, versuche ich also den Regler auf anderem Weg wieder hochzubekommen, zB indem ich dann mit einem anderen Freund was unternehme. Oder ich mache zumindest etwas, was mich davon ablenkt und mir gut tut, damit es mir insgesamt besser geht. Malen gehört da eben inzwischen dazu – da weiß ich, das hilft.
Und auch dazu passend ist, dass ich in der Klinik nicht nur gelernt habe, meine Gefühle besser zu verstehen, sondern auch, meine Bedürfnisse besser zu spüren UND mir zuzugestehen, sie zu haben und sie mir zu erfüllen. Das ist witzigerweise ganz am Anfang in der KBT (Bewegungstherapie) in Gang gekommen als es mir mal bei einer Entspannungsübung total übel ging, ich aber nicht rausgehen wollte, weil ich euch nicht stören wollte. Und dann haben mir hinterher alle versichert, es hätte gar nicht gestört, wenn ich leise raus wäre und vor allem, das wäre doch wichtiger gewesen, da auf mich zu achten, statt das auszuhalten, wenn es doch so schlimm für mich war. Das war für mich echt ein Schlüsselmoment in den 12 Wochen, weil ich tatsächlich voller innerer Verbote bin, wenn es um mich selber geht und darum, mich ernst und wichtig zu nehmen. Inzwischen überlege ich in so Momenten oft, wie ich da mit einer Freundin umgehen würde und ob ich zu ihr ebenso streng wäre, wie ich es mit mir selber bin, das hilft mir dann sehr bei der Einschätzung des ‚das hier darf ich mir erlauben‘ oder ‚das hier muss ich nicht aushalten‘.
Ich glaube, das sind so die Kerndinge. Dann aber eben auch, dass ich tatsächlich gelernt habe, gezielt zu entspannen. Ich hab ja seit 15 Jahren schlimme Schlafstörungen und hab jetzt zum einen endlich eine Medikation, die da hilft (auch aus der Klinik, mit Dr. Y wochenlang in jeder SoMa (Somatische Visite) an der Dosierung geschraubt), aber noch besser als die Tabletten hilft, dass ich jeden Abend, mit Qi Gong oder autogenem Training runterkomme.

Ich hab am Ende der 12 Wochen für die drei von der Pflege, die Kreativtherapeuten und meine Therapeutin Postkarten mit Aquarellfarben bemalt und mir tatsächlich gezielt bei jedem überlegt, was ich von demjenigen gelernt habe und mit nach Hause nehme und das je auf die Karte geschrieben. Das war für mich irgendwie total gut, da genau hinzuspüren, was sich denn wirklich alles für mich geändert hat und was mich vorangebracht hat. Tatsächlich ist es ein Puzzle aus vielen kleinen Teilen, die ich da für mich rausgezogen und mitgenommen habe.

*

Katja

 

Wie geht das denn? #8c heute: Tagesklinik

Hier fängt’s an: Link, hier ist Teil 2: Link

Vielen Dank für eure Rückmeldung in den Kommentaren und auf Twitter. Ich mache dann mal in der gleichen epischen Breite weiter. 🙂

Inzwischen bin ich vor einer Woche (nach insgesamt 12 Wochen dort) aus der Tagesklinik entlassen worden und muss mich erst mal wieder in meinen normalen Alltag einfinden. Bevor die Erinnerungen zu sehr verblassen, schreibe ich also lieber mal zügig weiter.

Dienstags nach der Morgenrunde kam der eher unbeliebteste Teil der Woche: Wiegen und Blutdruck messen im Stationszimmer und natürlich haben wir dienstags erst danach gefrühstückt. Man will ja so leicht wie möglich davon kommen. 😀

Direkt vorm Mittagessen gab’s dienstags 100 Minuten KBT, was für Konzentrative Bewegungstherapie steht und wenig mit Sport oder „Turnen“, wie es ein Mitpatient immer genannt hat, zu tun hat. Bei der KBT ging es vor allem darum, mal weg von der Dauerverkopfung zu kommen und sich selber auf anderen Ebenen und vor allem auf jener des Körpers zu spüren. Die Eingangsfrage war dort meistens „Wie geht es Ihnen auf den 3 Ebenen? Wie geht es Ihnen körperlich? Wie geht es Ihnen auf der Gedankenebene? Was beschäftigt Sie da gerade? Und wie geht es Ihnen auf der Gefühlsebene?“, dann hat die Therapeutin versucht, irgendwie aus unseren Antworten etwas rauszuholen, das möglichst allen Bedürfnissen gerecht wird und auch im Tun und in der Bewegung ging es immer darum, nachzuspüren, was das gerade mit einem macht und wie es einem dabei geht. Oft in Verbindung mit Musik, die mit unterschiedlichem Tempo und unterschiedlicher Intensität zu verschiedenen Bewegungen anregen sollte. Ich glaube, nirgendwo hat es sich so krass wie in der KBT ausgewirkt, wenn die Gruppe gewürfelt wurde und neue dazu gekommen sind, weil das meist erst mal wieder dazu geführt hat, dass man sich vorsichtiger bewegt und zurückhaltender ist und eigentlich sagt das ja schon ziemlich viel aus, wie schambesetzt die Körperebene dann doch immer wieder ist und wie schwer das ‚dance like nobody’s watching‘ fällt.

Mittwoch Vormittags war Chefärztinnenvisite. Dafür kommt die Chefärztin der Station in die Ruheräume und besucht jeden an seinem Sessel. Da die aber ansonsten gar nichts bis wenig mit unserer Therapie zu tun hatte, war das eigentlich auch die sinnloseste Veranstaltung der ganzen Woche, denn in 3-5 Minuten zu erörtern, wie’s einem gerade geht und wo man in der Therapie steht – ob man das macht oder nicht, ist vollkommen egal und hat keinen Einfluss auf die Therapie.

Der Mittwoch war aber trotzdem einer meiner Lieblingstage, weil nach dem Mittagessen 100 Minuten Kunsttherapie auf dem Plan stehen. 🙂

Am vollgepacktesten ist der Donnerstag. Es fängt an mit Lockerung statt der üblichen Morgenrunde und das bedeutet zum ersten von insgesamt 3 Malen an dem Tag, in den Keller in den KBT-Raum, wo auch unter anderem die Lockerung stattfindet, zu stapfen. Schuhe aus – Antirutschsocken an und seit ich mir kurz vor Weihnachten in der Lockerung beim Fall auf den Hinterkopf und Rücken eine leichte Gehirnerschütterung geholt habe, achtet die Pflege auch sehr akribisch drauf, dass die wirklich antirutschend sind. In der Lockerung haben wir häufig Qi Gong gemacht, was ich dort für mich entdeckt habe und auch zu Hause noch immer mal mache, die schönsten Donnerstage waren aber mit Frau S., bei der wir meist gespielt haben und dabei schallend gelacht – angefangen beim pantomimischen Erklären von Sprichworten über Ballspiele, die mit Konzentration zu tun hatten, weil jede Ballfarbe in einer bestimmten Reihenfolge durch den Kreis geworfen werden musste bis hin zu einer Aufmerksamkeitsübung, wo wir uns zu zweit gegenüberstanden, einander eingehend betrachtet haben, uns dann jeweils umdrehen und ein kleines äußerliches Detail verändern mussten, was der andere dann beim Wiederumdrehen rausfinden musste. Den Vogel abgeschossen hat dabei Mitpatientin T., deren Veränderung KEINER erraten hat. Sie hat bei jedem Partnerwechsel ihre grauen Socken wahlweise an- oder ausgezogen und trug darunter schwarze Socken. Den Unterschied hat keiner rausfinden können. Erstaunlicherweise waren wir vorher immer total unmotiviert, wenn Lockerung statt Morgenrunde auf dem Plan stand, aber hinterher ging es uns allen immer gut – vor allem, wenn wir den Tag mit viel Lachen begonnen hatten.

Donnerstags um 10 Uhr war die Rezeptive Musiktherapie. Rezeptiv bedeutet, wir haben dort nicht selber aktiv Musik gemacht, sondern zusammen Musik gehört und geguckt, was sie mit uns macht. Dafür hat jeder irgendwann, wenn er an der Reihe war, irgendwas um 4-6 Lieder ausgewählt und mitgebracht und den anderen vorgestellt. In der Stunde kann man dann beliebig viel selber zu seinen mitgebrachten Liedern sagen und die anderen können (aber müssen nicht) sagen, wie’s ihnen beim Hören geht. Das war meist eine eher träge Veranstaltung und es kam kaum zu Gesprächen, aber ich fand schon alleine den Teil ziemlich gut, mich selber damit auseinanderzusetzen, welche Songs ich präsentieren möchte und warum. Ich hab’s beim Aussuchen mit der Twitter-Timeline geteilt und da kam tatsächlich mehr Feedback als in der Therapiegruppe. Falls jemand mithören möchte, hier ist der Tweet, mit dem es losging und in den Antworten sind dann die einzelnen Songs verlinkt und meine Gedanken dazu, wieso die für mich wichtig sind: (Ein Klick auf’s Datum und die Uhrzeit im Tweet führt einen in den Thread)

Donnerstags, auch noch vorm Mittagessen ist Entspannung und nach der Musiktherapie ist das die dritte Veranstaltung, die im KBT-Keller stattfindet. Bei der Entspannung gibt’s immer entweder eine Achtsamkeitsübung in Körperwahrnehmung und Autogenes Training oder PME, das für Progressive Muskelentspannung steht, dann eine Buddhistische Atemübung und Stretching und es gilt die ungeschriebene Regel, dass wer einschläft und dabei schnarcht, der Pflege Apfelkuchen oder – wenn Frau S. die Entspannung macht – ein Mettbrötchen schuldet.

Nach dem Mittagessen findet dann nachmittags noch die somatische Visite statt, bei der alle nacheinander bei der Oberärztin antreten. Besprochen werden körperliche Beschwerden, Medikation, aber auch hier der Therapiefortschritt und was gerade an Themen anliegt.

Und dann schließlich Freitag und alle sind echt wochenend-ausruh-schlaf-bedürftig. Nach der Morgenrunde ist um 9 Uhr die zweite Gruppentherapiestunde der Woche, vorm Mittagessen nochmal 100 min KBT und nachmittags um 15 Uhr die Abschlussrunde, bei der Organisatorisches für die kommende Woche geklärt wird, zB wer den Küchendienst übernimmt und wer die Neuaufnahmen auf dem Gelände rumführt und alles erklärt und die Therapieräume zeigt.

Das ist der wöchentliche Rahmen, der für alle gleich ist. Zusätzlich gibt es noch diverse Gruppen, zB die Sozialkompetenzgruppe, die Angst- und Zwanggruppe, die Traumagruppe und einige mehr, in die man nach einigen Wochen in Absprache mit der Einzeltherapeutin geht. Und außerdem hat jeder pro Woche zwei Einzeltherapiesitzungen, ein langes Einzel, das 50 min dauert und ein kurzes, das 25 min dauert und ein Bezugspflegegespräch, das eigentlich 25 min dauert, aber bei meinem supertollen Bezugspfleger meist auf eine Stunde ausgedehnt war.

Und darüber hinaus ist die Pflege auch immer ansprechbar, wenn akut etwas anliegt – angefangen bei Panikattacken, Heulkrämpfen, aber auch solchen Dingen wie Formulare für die Krankenversicherung ausfüllen, wenn jemand damit gar nicht klar kommt.

Dass zwischendrin immer wieder so viel Leerlaufzeit da ist, ist ausdrücklich so gewollt, weil die Dinge, die in den Therapien hochkommen ja auch ihre Zeit brauchen, um verarbeitet werden zu können und weil außerdem Zeit für Gespräche mit den Mitpatienten sein soll, die ausdrücklich zum Konzept der Tagesklinik dazu gehören, damit man auch nochmal ganz andere Perspektiven auf die eigenen Themen bekommt.

Ich hoffe, das hat einen kleinen Einblick in die Blackbox (teil-)stationäre Psychosomatische Klinik gegeben. Fragt gerne, wenn euch darüber hinaus noch was interessiert. Danke für’s Lesen und euer Interesse!

Katja